Richard, der an den freien Willen glaubte, hatte sich stattdessen für die zweite Möglichkeit entschieden, dieser Ängste Herr zu werden, und die besagte, man solle mit offenen Augen durchs Leben gehen und bereit sein, die Verantwortung für sein Überleben und Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dieser Glaubenszwist zwischen den grausamen Mächten des Schicksals und der Freiheit des menschlichen Willens deckte sich im Kern mit seinem maßgeblichen Einwand gegen die Prophezeiungen, er war der Grund, weshalb er sie für gewöhnlich nicht beachtete. Die Entscheidung für die Schicksalsgläubigkeit war ein Bekenntnis zum freien Willen bei gleichzeitigem Verzicht auf jede Eigenverantwortlichkeit.
Als sie jetzt den Buckelwald durchquerten, hielt Richard wachsam Ausschau, konnte aber weder irgendwelche sagenhaften Bestien noch rachsüchtige Geister entdecken. Das Einzige, was durch diesen Wald zog, war der vom Wind verwehte Schnee.
Nachdem sie lange Zeit in halsbrecherischem Tempo bei drückender sommerlicher Hitze und Feuchtigkeit marschiert waren, mussten sie nun feststellen, dass die Begegnung mit der bitteren Kälte hoch droben im Gebirge den anstrengenden Aufstieg nur umso beschwerlicher machte, vor allem, da der scheußliche Regen sie bis auf die Knochen durchnässt hatte. Trotz ihrer durch die große Höhe bedingten Erschöpfung mussten sie ihr forsches Tempo unbedingt beibehalten, um warm zu bleiben, da sie sonst leicht ein Opfer der Kälte hätten werden können. Richard wusste nur zu gut, dass die verlockenden Einflüsterungen der Kälte einen dazu verleiten konnten, Halt zu machen und sich für eine Rast niederzulegen, denn sie verführten einen, sich dem Schlaf und damit dem Tod hinzugeben, der hinter seinem verführerischen Gewand bereits lauerte. Aber tot war tot, das hatte Zedd ihm einst klar gemacht, ganz gleich, ob man an der Kälte zugrunde ging oder an einem Pfeil. Vor allem aber waren sowohl er selbst als auch Cara bestrebt, jene Falle weit hinter sich zu lassen, die ihm in der Nähe ihres Lagerplatzes um ein Haar zum Verhängnis geworden wäre. Die Brandwunden von der kurzen Begegnung mit der scheinbar tödlichen Falle hatten mittlerweile Blasen gezogen, und noch immer überlief ihn ein kalter Schauder bei der Vorstellung, was hätte passieren können. Gleichzeitig erfüllte ihn die Vorstellung mit einigem Unbehagen, Shota in ihrem Versteck in Agaden aufzusuchen, hatte sie bei seinem letzten Besuch doch gedroht, ihn zu töten, sollte er sich jemals wieder blicken lassen. Richard zweifelte nicht an ihrer Drohung, auch nicht an ihrer Fähigkeit, sie wahr zu machen. Trotzdem war er nach wie vor überzeugt, dass er bei Shota die besten Chancen hatte, jene Hilfe zu bekommen, die er dringend brauchte, wenn er Kahlan wieder finden wollte.
Als er den Blick hob und sich das Schneetreiben für einen kurzen Moment lichtete, konnte er die weißen Gipfel erkennen. Ein Stück weiter vorn, jenseits des offenen, zerklüfteten Geländes an dem steilen Hang, würde sich der über den Pass führende Pfad am unteren Rand des ganzjährigen Gletschermantels des Berges entlang ziehen. Die Wolken, schwer beladen mit Feuchtigkeit, klebten an dem himmelwärts strebenden grauen Fels. Wegen der dicht über dem Boden vorüberziehenden Nebelschwaden war die Sicht vielerorts stark eingeschränkt, an anderen Stellen sogar fast null. Doch das war eher angenehm, denn an den stellenweise jähen Abhängen den wenig benutzten und oft trügerischen Pfad entlang taten sich immer wieder erschreckende Ausblicke in die Tiefe auf. Als der Wind auffrischte und eisige Böen ihnen Schleier nassen Schnees ins Gesicht wehten, raffte Richard seinen Umhang gegen diese überfallartigen Attacken enger. Der Schutz der Bäume lag lange hinter ihnen, jetzt quälten sie sich über loses Geröll und mussten sich nicht nur gegen den steilen Anstieg stemmen, sondern auch noch gegen den Wind. Eine Schulter hochgezogen, versuchte sich Richard gegen das eisig-feuchte Brennen auf seinem Gesicht zu schützen. Der vom Wind herangewehte Schnee hatte eine Seite seines Umhangs bereits mit einer brüchigen Eiskruste überzogen.
Das Geheul des durch den Gebirgspass pfeifenden Windes machte jede Unterhaltung selbst im günstigsten Fall schwierig, zumal die Höhe und die Anstrengung beiden den Atem raubte und sie in einen Zustand versetzt hatte, der an eine entspannte Unterhaltung nicht einmal denken ließ. Es war schon anstrengend genug, die nötige Atemluft zu bekommen, und Caras Gesichtsausdruck verriet ihm, dass ihr von der Höhe genauso elend war wie ihm.
Er war ohnehin nicht in gesprächiger Stimmung. Tagelang hatte er mit Cara gesprochen, ohne auch nur einen Schritt weiterzukommen. Cara wiederum schien von seinen Fragen genauso zermürbt wie er von ihren Antworten. Sie hielt seine Fragen für absurd, er fand, ihre Antworten waren es. Anfangs hatte er die inneren Widersprüche und Lücken in Caras Erinnerungsvermögen nur als ernüchternd und verwirrend empfunden, mit der Zeit jedoch hatten sie begonnen, ihn in den Wahnsinn zu treiben. Mehrfach schon hatte er sich eine bissige Erwiderung verkneifen und sich ermahnen müssen, dass sie sich nicht aus Böswilligkeit so verhielt. Hätte Cara ihm ehrlich sagen können, was er hören wollte, hätte sie es gewiss getan – zumal ihm eine Lüge Kahlan nicht wiederbringen würde. Was er brauchte, war die Wahrheit, aus diesem Grund war er schließlich unterwegs zu Shota.
Gezielt war er eine lange Liste mit Situationen durchgegangen, die Cara mit ihm und Kahlan gemeinsam erlebt hatte, doch oft deckte sich Caras Erinnerung an bestimmte Ereignisse, die für sie eigentlich von einiger Bedeutung hätten sein müssen, nicht mit den tatsächlichen Geschehnissen. In einer Reihe von Fällen, wie zum Beispiel seinem Besuch im Tempel der Winde, konnte sich Cara nicht an bestimmte Schlüsselsituationen erinnern, an denen Kahlan beteiligt gewesen war, in anderen Fällen wich ihre Erinnerung stark vom tatsächlichen Verlauf der Ereignisse ab.