Zumindest von dem tatsächlichen Verlauf, wie er ihn in Erinnerung hatte. Immer wieder entstanden deprimierende Situationen, wenn ihn die selbstquälerische Angst zu überwältigen drohte, das Problem liege womöglich bei ihm. Cara fand, dass er es war, der sich an Dinge erinnerte, die niemals stattgefunden hatten. Auch wenn sie bemüht war, ihre Überzeugungen nicht allzu offen zu vertreten – je mehr Einwände er vorbrachte, desto überzeugter wurde sie, dass seine Wahnvorstellungen von dieser Fantasiefrau überall wie Unkraut nach einem Regenguss aus dem Boden seiner Erinnerung sprossen.
Praktisch jede Situation, an der Kahlan beteiligt gewesen war, hatte Cara entweder völlig anders in Erinnerung oder gar nicht. Und für jede dieser Situationen hatte sie eine Antwort parat, bisweilen, um sie mit einer alternativen Version aus der Welt zu schaffen, oder aber, wenn das nicht möglich war, um so zu tun, als erinnere sie sich nicht, wovon er überhaupt redete. Zu guter Letzt kam er zu dem Schluss, dass es einen konkreten, vernünftigen Grund geben müsse, möglicherweise eine Art Bann oder Ähnliches, der diese Veränderung der Erinnerung bewirkte die ja nicht nur sie, sondern auch alle anderen betraf.
Ihm dämmerte, dass sein Bemühen, ihre – oder sonst jemandes –Erinnerung wieder zu beleben, ihn in Wahrheit gefährlich in seinen Bemühungen behinderte, Kahlan wieder zu finden. Mit einem Blick über die Schulter vergewisserte er sich, dass Cara ihm an dem steilen Berghang dicht auf den Fersen blieb. In dem schroffen Gebirge, das die Weite Agaden wie ein Ring umschloss, musste man nicht erst bis in große Höhen klettern, um eine Klippe zu finden, von der man in die Tiefe stürzen konnte. Angesichts des losen Gerölls unter der Schicht frisch gefallenen Schnees wäre es ein Leichtes, den Halt zu verlieren und Hals über Kopf den Hang hinabzustürzen.
Außerdem wollte er nicht Gefahr laufen, bei diesen schlechten Sichtverhältnissen den Blickkontakt zu Cara zu verlieren. Wenn sie getrennt wurden, würde ein Hilferuf bei diesem heulenden Wind kaum zu hören sein, und der treibende, verwehende Schnee hätte ihre Spuren innerhalb weniger Augenblicke verwischt. Als er Cara eine Armeslänge hinter sich gehen sah, stemmte er sich entschlossen in den Wind und stapfte weiter. Dann ging er in Gedanken alles noch einmal durch und kam zu einem überraschenden Schluss. Seine beharrlichen Versuche, sich ein bestimmtes Ereignis ins Gedächtnis zu rufen, an das sich Cara oder ein anderer seiner engsten Vertrauten eigentlich erinnern müsste, ließen ihn geradewegs in die Falle tappen, dass er all sein Denken und Handeln dem Problem widmete anstatt seiner Lösung. Und das, obwohl ihn Zedd schon seit frühester Jugend ermahnt hatte, stets das Ziel – die Lösung – im Auge zu behalten, und eben nicht das Problem! Augenblicklich schwor er sich, sein Augenmerk ausschließlich auf das Problem zu richten und fortan sämtliche durch Kahlans Verschwinden hervorgerufene Ablenkungen außer Acht zu lassen. Cara, Nicci und Victor, sie alle hatten irgendwelche Antworten parat, um die inneren Widersprüche aus der Welt zu schaffen, aber keiner erinnerte sich an die Dinge, die, dessen war er absolut sicher, geschehen waren. Indem er immer wieder umständlich darauf zu sprechen kam, was er mit Kahlan geschaffen hatte, und mit den anderen wieder und wieder durchging, weshalb sie diese so bedeutsamen Ereignisse unmöglich vergessen haben konnten, ließ er lediglich zu, dass ihm die Lösung immer mehr entglitt und mit ihr Kahlans Leben!
Sein und Kahlans Leben waren auf vielfältige Weise unentwirrbar miteinander verwoben, und in gewisser Hinsicht kannte er sie – als Konfessorin – schon seit frühester Jugend, lange bevor er ihr an jenem Tag in den Wäldern Kernlands persönlich begegnete. George Cypher, der Mann, der ihn großgezogen und den Richard damals für seinen Vater gehalten hatte, erzählte ihm damals, er habe ein geheimes Buch aus großer Gefahr gerettet, indem er es nach Westland geschafft habe. Dieses Buch, so die Erklärung seines Vaters, stelle, solange es existiere, eine große Gefahr für jeden dar, trotzdem bringe er es nicht über sich, das darin enthaltene Wissen zu vernichten. Die einzige Möglichkeit zu verhindern, dass das Buch in falsche Hände falle, und gleichzeitig das Wissen zu erhalten, bestehe darin, das Buch auswendig zu lernen und es anschließend zu verbrennen. Eine gewaltige Aufgabe, für die er Richard auserkoren hatte.
Also führte ihn sein Vater an einen geheimen Ort tief in den Wäldern, wo er Richard tagein, tagaus, Woche für Woche dabei beobachtete, wie dieser das Buch unzählige Male las, um es sich in mühevoller Kleinarbeit einzuprägen. Sein Vater selbst warf nie auch nur einen Blick hinein, diese Verantwortung oblag Richard allein. Nach einer langen Phase des Lesens und Einprägens ging Richard schließlich dazu über, den auswendig gelernten Text niederzuschreiben und mit dem Buch zu vergleichen. Anfangs machte er noch viele Fehler, aber trotz seiner jungen Jahre und obwohl er das Gelesene längst nicht ganz verstand, vermochte er die ungeheuere Bedeutung dieses Werkes zu begreifen: dass es von überaus komplizierten Vorgängen handelte, bei denen es stets um eines ging, nämlich Magie. Echte Magie.
Nach einer Weile konnte er das Buch schließlich einhundertmal von der ersten bis zur letzten Seite ohne einen einzigen Fehler niederschreiben, bis er sich endlich sicher fühlte, nie wieder auch nur ein Wort des Inhalts zu vergessen, denn nicht nur durch den Text selbst, sondern auch anhand seines eigentümlichen Satzbaus war ihm klar geworden, dass jede noch so geringfügige Auslassung verheerende Folgen für das darin enthaltene Wissen haben konnte.
Schließlich, nachdem er seinem Vater versichert hatte, dass er sich das gesamte Werk lückenlos eingeprägt hatte, legten sie das Buch in ein Versteck zwischen den Felsen, wo sie es drei Jahre lang nicht anrührten. Nach Verstreichen dieser Zeit kehrten sie eines Herbsttages zurück – Richard war mittlerweile fast siebzehn – und holten das uralte Buch aus seinem Versteck.
Richard und sein Vater richteten ein Feuer an, auf das sie mehr als genug Holz schichteten, bis die enorme Hitze sie schließlich zurücktrieb. Dann überreichte sein Vater ihm das Buch und trug ihm auf, es den Flammen zu übergeben, sofern er sich seiner Sache sicher sei. Richard, das Buch der Gezählten Schatten im Arm, strich mit den Fingern über den dicken Ledereinband. Hier, in seinen Armen, hielt er nicht nur die Hoffnung seines Vaters, sondern die Hoffnung der gesamten Menschheit. Im Bewusstsein dieser ungeheuren Verantwortung warf er das Buch schließlich ins Feuer – und in diesem Moment endete unwiderruflich seine Kindheit. Als das Buch endlich brannte und dabei nicht nur Hitze, sondern auch Kälte verströmte und farbige Lichtstrahlen sowie allerlei gespenstische Gebilde freisetzte, wurde Richard augenblicklich klar, dass er zum ersten Mal Zeuge eines eindeutigen Beweises für die Existenz von Magie wurde – nicht bloß irgendeines Taschenspielertricks oder einer mystizistischen Demonstration, sondern echter, wahrer Magie, Magie, die wie alles Übrige auch nach den ihr eigenen Gesetzen funktionierte. Und einige dieser Gesetze waren in dem Buch beschrieben, das er auswendig gelernt hatte.
In gewisser Weise war er an jenem Tag im Wald, als er, noch als kleiner Junge, den Einband des Buches zum allerersten Mal aufgeschlagen hatte, Kahlan zum ersten Mal begegnet. Das Buch der Gezählten Schatten begann mit den Worten: Die Überprüfung der Richtigkeit der Worte des Buches der Gezählten Schatten, so sie von einem anderen gesprochen werden als jenem, der über die Kästchen gebietet, kann nur durch den Einsatz eines Konfessors gewährleistet werden...
Kahlan war die letzte noch lebende Konfessorin.
Am Tag ihrer ersten Begegnung war Richard auf der Suche nach Hinweisen auf den Mörder seines Vaters gewesen. Kurz zuvor hatte Darken Rahl die Kästchen der Ordnung ins Spiel gebracht, doch um sie zu öffnen, benötigte er die im Buch der Gezählten Schatten enthaltenen Informationen. Was er nicht wusste – jetzt, da diese Informationen nur in Richards Gedächtnis existierten –, war, dass er für die Überprüfung ihrer Richtigkeit einen Konfessor respektive eine Konfessorin benötigte – Kahlan.