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In gewisser Hinsicht waren Richard und Kahlan von dem Augenblick an, da er den Einband zum ersten Mal aufgeschlagen hatte und auf das seltsame Wort »Konfessor« gestoßen war, über dieses Buch und die mit ihm verknüpften Ereignisse bereits schicksalhaft miteinander verbunden, weshalb es ihm bei seiner Begegnung mit Kahlan an jenem Tag im Wald so vorgekommen war, als hätte er sie schon immer gekannt – was in gewisser Weise ja auch stimmte. Von frühester Jugend an hatte sie in gewisser Weise eine Rolle gespielt in seinem Leben, hatte sie sein Denken geprägt.

Bis sich schließlich, an jenem schicksalhaften Tag der ersten Begegnung mit Kahlan auf dem Pfad in den Wäldern Kernlands, der Kreis seines Lebens mit einem Mal schloss – auch wenn er da noch gar nicht wusste, dass sie die letzte noch lebende Konfessorin war. Sein Entschluss, ihr zu helfen, gefasst an ebendiesem Tag, war seine freie Willensentscheidung, getroffen, ehe die Prophezeiungen überhaupt ihren Einfluss geltend machen konnten.

Kahlan war so sehr ein Teil von ihm, ein Teil dessen, was ihm die Welt, ja das Leben, bedeutete, dass ein Weiterleben ohne sie einfach nicht vorstellbar war. Er musste sie finden – um jeden Preis. Der Zeitpunkt war gekommen, das Problem hinter sich zu lassen und sich auf die Suche nach der Lösung zu begeben. Eine eisige Bö zwang ihn, die Augen halb zusammenzukneifen, und riss ihn aus seinen Erinnerungen. »Dort vorne«, sagte er und zeigte auf etwas.

Cara blieb hinter ihm stehen und spähte über seine Schulter in das Schneegestöber, bis auch sie schließlich den schmalen Trampelpfad am äußersten Rand der Bergflanke erkennen konnte. Als er sich kurz umsah, nickte sie zum Zeichen, dass sie den Pfad gesehen hatte, der sich am unteren Rand der Schneekappe entlangwand. Mittlerweile hatte der vom Wind aufgewirbelte Schnee die ersten Verwehungen gebildet, die den Pfad unter sich zu begraben drohten, daher hatte Richard es eilig, ihn hinter sich zu lassen und wieder auf tiefer gelegenes Gelände zu gelangen. Doch während sie weitergingen, verschlechterten sich die Bedingungen zusehends, bis der Pfad schließlich nur noch an den Umrissen der Landschaft zu erkennen war. Über dem von links aufsteigenden Hang wies die Schneeschicht eine leichte Wölbung auf, die über dem Pfad abflachte und sogar in eine leichte Mulde überging, ehe sich auf der rechten Seite, wo der ganzjährige Schnee weiter anstieg, eine leichte Erhebung anschloss.

Während sie durch den knöcheltiefen Schnee stapften, warf Richard einen Blick über seine Schulter. »Wir haben jetzt den höchsten Punkt erreicht, bald geht es wieder abwärts, und dann wird es auch wieder wärmer.«

»Mit anderen Worten, wir werden wieder dem Regen ausgesetzt sein, ehe wir auch nur eine Chance hatten, auf tieferes Gelände zu gelangen und uns ein wenig aufzuwärmen«, brummte sie missmutig. »Das war es doch wohl, was Ihr mir sagen wolltet.«

Richard hatte zwar Verständnis für ihren Unmut, aber da er ihr keine Aussicht auf baldige Besserung versprechen konnte, antwortete er nur: »Schon möglich.«

Unvermittelt schälte sich ein kleines dunkles Etwas aus den Schneeschleiern und bewegte sich rasch auf sie zu. Er hatte es gerade erst erblickt und noch keine Gelegenheit gehabt zu reagieren, da warf es sich bereits gegen ihn und brachte ihn zu Fall.

38

Seine Beine wurden in die Luft gerissen, und für einen winzigen Moment sah Richard den Erdboden ganz nah vor seinem Gesicht, dann war es nur noch weiß vor seinen Augen. Einen Moment lang wusste er nicht mehr, wo oben oder unten war, er verlor jegliche Orientierung, prallte mit seinem vollen Gewicht hart auf den Boden und stürzte aufgrund seines Schwungs Hals über Kopf den Hang hinab. Der Schnee vermochte seinen Sturz kaum abzufedern. Das Ganze war so rasch und unerwartet geschehen, dass er kaum Zeit gehabt hatte, sich für den Sturz zu wappnen, aber als Ausrede erschien ihm Unachtsamkeit in diesem Moment erbärmlich, zumal sie ihn kaum trösten konnte.

Der Sturz war so rasant und der Hang so steil, dass er sich auf seinem immer mehr beschleunigenden Fall unmöglich irgendwo festhalten konnte, zudem erschwerte seine Lage mit dem Gesicht voran jede wirkungsvolle Maßnahme zusätzlich. In einem verzweifelten Versuch, seinen Sturz doch noch zu stoppen oder wenigstens abzubremsen, breitete Richard die Arme aus und versuchte, Hände und Füße in den Schnee und das Geröll zu graben, um seinen völlig außer Kontrolle geratenen Absturz auf dem steilen Hang zu verlangsamen. Dann sah er einen Schatten vorüberhuschen und konnte über das Tosen des Windes hinweg wüste, aufgebrachte Schreie hören. Ein harter Gegenstand traf ihn wuchtig von hinten in die Rippen. In einem Versuch, sein beängstigendes Abgleiten ein wenig abzubremsen, bohrte er Finger und Stiefelspitzen noch tiefer in das unter dem Schnee liegende Geröll, und wieder kam ihm der dunkle Schatten aus dem wirbelnden Schnee entgegen geflogen, und wieder traf ihn ein wuchtiger Schlag, nur erheblich härter diesmal, genau in die Nieren und in der eindeutigen Absicht, seinen jähen Absturz noch zu beschleunigen. Der Schock des plötzlichen Schmerzes ließ Richard einen Schrei ausstoßen. Als er sich in seiner Not nach rechts hinüberwälzte, vernahm er das unverwechselbare stählerne Klirren, als das Schwert der Wahrheit mit einer schnellen Bewegung aus der Scheide gerissen wurde.

Im Rutschen wälzte Richard sich auf seine andere Seite und versuchte das Schwert noch festzuhalten. Wohl wissend, dass seine Hand entzweigeschnitten werden konnte, wenn er die rasiermesserscharfe Klinge selbst erwischte, versuchte er stattdessen, das Heft oder wenigstens den Handschutz zu packen, doch es war bereits zu spät. Sein Angreifer hatte die Fersen eingegraben und bremste ab, während Richard unaufhaltsam weiterrutschte. Seine unbeholfene Körperdrehung beim Versuch, sein Schwert zu greifen, hatte ihn zusätzlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Immer wieder prallte er gegen Unebenheiten im Boden und wurde schließlich kopfüber in eine Vorwärtsrolle katapultiert. Um den völlig außer Kontrolle geratenen Überschlag wenigstens ein wenig abzubremsen, breitete er die. Arme aus, als er mit dem Rücken gegen einen unter dem Schnee verborgenen, vorspringenden Felsen prallte und liegen blieb. Gleich neben ihm gähnte der Abgrund. Wieder wurde ihm die Luft brutal aus den Lungen gepresst, diesmal allerdings begleitet von erheblich heftigeren Schmerzen. Über ihm, die Füße weit gespreizt, stand plötzlich eine untersetzte, düstere Gestalt mit langen, schlaksigen Armen, bleichem Schädel und grauer Haut und starrte ihn aus ihren hervortretenden gelblichen Augen an – zwei leuchtende Laternen im trügerischen bläulichen Dämmer des Schneesturms. Ihre blutleeren Lippen schälten sich von ihren Zähnen zu einem breiten Grinsen, das ihre scharfen Reißer sehen ließ. Samuel, der Gefährte Shotas.

Er hielt Richards Schwert mit einer Hand fest umklammert und schien sehr zufrieden mit sich selbst. Samuel trug ein dunkelbraunes Gewand, das im Wind wie eine Siegesfahne flatterte. Schließlich trat er ein paar Schritte zurück und wartete, offenbar um zu sehen, wie Richard in den nahen Abgrund stürzte. Richards Finger begannen abzurutschen. Er versuchte noch, seine Arme um die Felsnase zu bekommen, um sich hochzuziehen oder wenigstens einen besseren Halt zu finden – ohne Erfolg. Über eins war er sich allerdings im Klaren, selbst wenn es ihm gelingen sollte, einen besseren Halt zu finden, stand Samuel bereit, um ihn mithilfe des Schwertes in die Tiefe stürzen zu lassen.

Seine Füße baumelten über einem mindestens tausend Fuß tiefen Abgrund, und er befand sich in einer höchst heiklen und angreifbaren Position. Er konnte kaum glauben, dass Samuel ihn auf so plumpe Weise übertölpelt hatte – und es ihm gelungen war, sein Schwert an sich zu reißen. Mühsam suchte er die düster-grauen, im Schneetreiben vorüberwehenden Nebelschwaden mit den Augen ab, konnte aber Cara nirgendwo entdecken. »Samuel!«, brüllte Richard gegen den Wind an. »Gib mir sofort mein Schwert zurück!«