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Selbst ihm erschien die Forderung ziemlich lächerlich.

»Ist mein Schwert«, fauchte Samuel.

»Was, glaubst du, würde Shota dazu sagen?«

Die blutleeren Lippen weiteten sich zu einem Feixen. »Herrin nicht da.«

Einer sich aus dem Nichts der Schatten schälenden Erscheinung gleich, tauchte hinter Samuels Rücken plötzlich eine Gestalt auf Cara. Der Wind, der sich in ihrem dunklen Umhang verfing, verlieh ihr das Aussehen eines Racheengels. Vermutlich war sie den Spuren seines halsbrecherischen Absturzes im Schnee gefolgt. Samuel, den brausenden Wind in den Ohren und, was entscheidender war, den Blick wie gebannt auf Richard in seiner misslichen Lage geheftet, hatte nicht bemerkt, dass Cara bereits hinter ihm lauerte. Sie hatte die Situation mit einem einzigen Blick erfasst – Samuel, Richards Schwert in den Händen, über Richard stehend, der sich mit letzter Kraft an die Kante einer Felsnase klammerte. Nicht zum ersten Mal machte Richard die Erfahrung, dass Samuels Aufmerksamkeit, überhaupt sein ganzes Handeln, so gut wie ausschließlich von seinen kaum gebändigten Gefühlsausbrüchen beherrscht wurde, seine Füße liefen stets nur hinterher. Jetzt, von der hämischen Freude abgelenkt, das Ziel seines glühenden Hasses mit vorgehaltenem Schwert zu bedrohen, jenem Schwert, das er einst selbst getragen hatte und nach dem es ihn bis heute gelüstete, war Samuel viel zu sehr damit beschäftigt, sich an diesem Anblick zu ergötzen, um auf die sich ihm von hinten nähernde Mord-Sith zu achten.

Wortlos und ohne großes Federlesen rammte sie ihm ihren Strafer an der Schädelbasis in den Halsansatz, konnte den Kontakt wegen des rutschigen Untergrunds aber nicht aufrechterhalten. Samuel schrie vor Schmerz und verwirrtem Entsetzen auf, das Schwert entglitt seinen Fingern, und er kippte rücklings in den Schnee. Sich vor Schmerzen windend, ohne zu begreifen, was überhaupt passiert war, fasste er sich wie von Sinnen in den Nacken, wo Cara ihren Strafer angesetzt hatte, und warf sich dabei kreischend im Schnee hin und her wie ein gestrandeter Fisch. Wie Richard aus eigener Erfahrung wusste, war der Schmerz eines an dieser Stelle aufgesetzten Strafers so grauenhaft und schockierend, als wäre man vom Blitz getroffen worden.

Er erkannte Caras Gesichtsausdruck sofort wieder, als sie sich über die sich windende Kreatur zu beugen begann: Sie war fest entschlossen, Samuel mit ihrem Strafer den Rest zu geben. Im Grunde war es ihm egal, ob sie den heimtückischen Gefährten der Hexe tötete, nur hatte er in diesem Augenblick ein weitaus dringenderes Problem.

»Cara! Ich hänge hier an der Felsnase. Ich kann mich nicht mehr lange halten!«

Sofort nahm sie das neben dem sich am Boden wälzenden Samuel liegende Schwert auf, damit der es nicht mehr an sich reißen konnte, und eilte ihm zu Hilfe. Nachdem sie die Klinge neben sich in die Erde gerammt hatte, ließ sie sich auf den Boden fallen, stemmte ihre Stiefel gegen den Felsen und packte seine Arme – keinen Augenblick zu früh.

Dank ihrer Unterstützung bekam er den Felsen besser zu fassen, dann mühten sie sich unter diesen schwierigen Bedingungen mit vereinten Kräften ab, bis er schließlich einen Arm über den blanken Fels schieben konnte. Jetzt, da er mit einem Arm einen sicheren Halt hatte, konnte er endlich auch ein Bein nach oben schwingen und sich damit am Felsen festhaken, ehe er sich in einer letzten Kraftanstrengung auf die rutschige, blanke Felsnase zog.

Mit einem Keuchen ließ er sich entkräftet auf die Seite sinken, stets bemüht, nur ja genug der dünnen Luft in seine Lungen zu saugen. Mühsam brachte er ein leises »Danke« hervor. Während Richard rasch wieder zu Kräften kam und sich, noch unsicher auf den Beinen, wieder aufrappelte, schaute Cara immer wieder über die Schulter, um Samuel im Auge zu behalten. Kaum hatte Richard am Rand des jähen Abgrunds wieder festen Boden unter den Füßen, zog er sein Schwert aus der Erde und steckte es wieder an seinen Platz. Sein halsbrecherischer Sturz, der plötzliche Fall ins Bodenlose, das Hängen an einem Fels über dem Nichts nur an den Fingerspitzen, all das ließ ihn am ganzen Körper zittern, vor allem aber machte es ihn wütend.

Samuel, der sich noch immer zuckend im Schnee wand, winselte leise vor sich hin und murmelte dabei Worte, die Richard wegen des Windgeheuls nicht verstand.

Als er Richard auf sich zustaksen sah, rappelte er sich unbeholfen auf, offenbar machten ihm die noch nicht ganz abgeklungenen Schmerzen immer noch zu schaffen. Aber trotz der Schmerzen fiel sein Blick sofort wieder auf das Objekt seiner Begierde. »Meins! Gib her! Gib mir mein Schwert!«

Richard zog blank und richtete die Schwertspitze auf den widerlichen kleinen Kerl. Als er die Spitze auf sich zukommen sah, verließ Samuel aller Mut, und er entfernte sich rückwärts trippelnd ein paar Schritte hangaufwärts. »Bitte«, greinte er, die Hände weit von sich gestreckt, wie um Richards Zorn von sich zu weisen. »Du wirst mich doch nicht töten?«

»Was tust du hier?«

»Herrin schickt mich.«

»Shota schickt dich, um mich zu töten, ja?«, höhnte Richard. Er wollte, dass Samuel mit der Wahrheit herausrückte.

Doch der schüttelte nur energisch den Kopf. »Nein, nicht, um dich zu töten.«

»Dann war es also allein deine Idee.«

Samuel antwortete nicht.

»Warum dann?«, hakte Richard nach. »Warum hat sie dich dann geschickt?«

Samuel ließ Cara nicht aus den Augen, als diese sich ein Stück zur Seite bewegte und ihm mehr oder weniger den Fluchtweg abschnitt. Er fauchte sie an und zeigte ihr die Zähne. Als Cara ihm daraufhin völlig unbeeindruckt ihren Strafer zeigte, weiteten sich seine Augen vor Angst. »Samuel!«, schrie Richard ihn an.

Seine gelblichen Augen kehrten zu Richard zurück und nahmen wieder einen hasserfüllten Ausdruck an. »Warum hat Shota dich geschickt?«

»Herrin ...«, wimmerte er, als seine Wut erlahmte. Sein sehnsuchtsvoller Blick wanderte Richtung Agaden. »Sie schickt Gefährten.«

»Aber warum?«

Richards Wutausbruch, begleitet von einem angriffslustigen Schritt in seine Richtung, ließ ihn zusammenzucken. Bemüht, die beiden keinen Moment aus den Augen zu lassen, wies er schließlich mit langem Finger auf Cara. »Herrin sagt, du sollst hübsche Frau mitbringen.«

Das war überraschend – und zwar aus zwei Gründen. Zum einen war »hübsche Frau« der Ausdruck, den Samuel stets für Kahlan benutzt hatte, zweitens hätte Richard niemals erwartet, dass Shota je den Wunsch verspüren würde, Cara solle ihn nach Agaden begleiten. Irgendwie empfand er ihr Ansinnen als Besorgnis erregend. »Warum möchte sie, dass mich die hübsche Frau begleitet?«

»Weiß nicht.« Samuels blutleere Lippen teilten sich zu einem Feixen. »Vielleicht, um sie zu töten.«

Cara fuchtelte ihm mit dem Strafer vor dem Gesicht herum. »Soll sie es ruhig versuchen, vielleicht bekommt sie das hier dann noch sehr viel deutlicher zu spüren als du. Vielleicht töte ich nämlich stattdessen einfach sie.«

Vor Entsetzen entfuhr ihm ein schrilles Winseln, und seine Glubschaugen weiteten sich. »Nein! Nicht Herrin töten!«

»Wir sind nicht hergekommen, um Shota irgendetwas anzutun«, versuchte Richard jhn zu beschwichtigen, »aber wir werden uns auch nichts gefallen lassen.«

Samuel, die Knöchel auf den Erdboden gestemmt, beugte sich zu Richard vor. »Wir werden sehen«, knurrte er voller Verachtung, »was Herrin mit dir macht, Sucher.«

Ehe Richard etwas erwidern konnte, schoss Samuel plötzlich davon und verschwand mit verblüffender Behändigkeit im wirbelnden Schneetreiben. Cara wollte ihm schon hinterher, doch Richard bekam ihren Arm zu fassen und hielt sie zurück. »Ich bin nicht in der Stimmung für einen Wettlauf«, gab er als Erklärung an, »außerdem ist es unwahrscheinlich, dass wir ihn einholen. Er kennt den Pfad, wir nicht, außerdem können wir seinen Spuren ohnehin nicht so schnell folgen, wie er sie hinterlässt. Im Übrigen dürfte er zu Shota zurückwollen, und das ist auch unser Ziel. Es wäre unsinnig, unsere Kräfte zu vergeuden, wenn wir ihn am Ende sowieso einholen.«