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»Ihr hättet mich ihn töten lassen sollen.«

Richard schickte sich an, den Hang zum Pfad hinaufzuklettern. »Hätte ich ja, nur kann ich leider nicht fliegen.«

»Wohl wahr«, räumte sie seufzend ein. »Ist mit Euch alles in Ordnung?«

Richard nickte, während er das Schwert in die Scheide zurückschob, und mit ihm seinen eben noch heiß entbrannten Zorn. »Und das habe ich Euch zu verdanken.«

Cara zeigte ihm ein selbstzufriedenes Lächeln. »Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen, ohne mich wärt Ihr völlig aufgeschmissen.« Sie blickte in dem gräulich blauen Dämmerlicht um sich. »Und wenn er dasselbe noch mal versucht?«

»Samuel ist im Grunde seines Wesens ein Feigling und Opportunist, er greift nur an, wenn er jemanden für hilflos hält. Soweit ich es beurteilen kann, besitzt er keinen einzigen Charakterzug, der das aufwiegen könnte.«

»Und wieso sollte eine Hexe ihn dann bei sich dulden?«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht ist er einfach nur ein Speichellecker, dessen Kriecherei sie amüsiert. Vielleicht lässt sie ihn bei sich wohnen, weil er kleinere Gänge für sie macht, vielleicht ist er aber auch nur der Einzige, der bereit ist, ihr Gesellschaft zu leisten. Die meisten Menschen haben schreckliche Angst vor Shota, und soweit ich gehört habe, ist niemand bereit, sich diesem Ort auch nur zu nähern. Kahlans Bemerkungen war allerdings zu entnehmen, dass Hexen gar nicht anders können, als Menschen zu verhexen – es ist einfach Teil ihrer Natur. Und selbst wenn es nicht so wäre, so ist Shota gewiss aus eigenem Recht verführerisch, wenn sie also wirklich einen würdigen Gefährten wollte, hätte sie vermutlich die freie Wahl. Jetzt, nachdem wir ihn einmal vertrieben haben, bezweifle ich, dass er den Mumm hat, noch einmal anzugreifen. Er hat Shotas Botschaft überbracht. Wir haben ihm einen gehörigen Schrecken eingejagt und ihm wehgetan, deshalb hat er wahrscheinlich nichts anderes im Sinn, als sich schnellstmöglich wieder unter Shotas Fittiche zu begeben. Außerdem denkt er vermutlich, dass sie uns möglicherweise sowieso töten will, und würde es ebenso gern ihr überlassen.«

Cara starrte einen Moment in das Schneegestöber, ehe sie Richard den steilen Hang hinauf folgte. »Welchen Grund könnte Shota Eurer Meinung nach haben, einen Boten zu schicken, um sich zu vergewissern, dass ich Euch nach Agaden hinunter begleite?«

Unterdessen hatte Richard den Trampelpfad wieder gefunden und folgte ihm. Samuels Fußstapfen waren zwar noch zu erkennen, hatten sich aber bereits mit dem verwehten Schnee zu füllen begonnen. »Ich weiß es nicht. Das hat mich auch ein wenig stutzig gemacht.« »Und wieso glaubt Samuel, Euer Schwert gehört ihm?« Langsam stieß Richard einen tiefen Atemzug aus. »Samuel war vor mir der Träger des Schwertes, er war der letzte – wenn auch nicht rechtmäßig ernannte — Sucher vor mir. Allerdings weiß ich nicht, wie er das Schwert der Wahrheit damals in seinen Besitz gebracht hat. Jedenfalls ist Zedd nach Agaden gegangen und hat es zurückgeholt. Samuel ist der festen Überzeugung, dass es noch immer ihm gehört.« Cara machte ein ungläubiges Gesicht.

»Er war der letzte Sucher?« Richard warf ihr einen viel sagenden Blick zu. »Er besaß weder die Magie noch die Anlage oder den Charakter, die das Schwert der Wahrheit dem wahren Sucher der Wahrheit abverlangt. Und da er unfähig war, die Macht des Schwertes zu beherrschen, hat ihn diese Macht zu dem gemacht, was Ihr heute seht.«

39

Das Schneegebiet hatten sie schon vor einer ganzen Weile hinter sich gelassen und befanden sich jetzt wieder in wärmeren Gefilden.

Richard führte Cara einen schmalen Pfad abseits des Hauptweges entlang, der einfach an einer Klippe endete. Hätte er sich von seinem früheren Besuch nicht erinnert, wo er ihn suchen musste, wäre der unscheinbare Nebenweg fast unauffindbar gewesen. Er führte durch ein Labyrinth aus Findlingen, die nahezu vollständig unter einer Schicht blassgrüner Farne verborgen waren, Schlingpflanzen, Moose und Gestrüpp trugen ein Übriges dazu bei, den finsteren Pfad fast unsichtbar zu machen.

Am Rand der Klippe begann endlich der Abstieg. Der hinunter ins Tal führende Pfad bestand über weite Strecken aus direkt aus dem Stein der Felswand herausgeschlagenen Stufen, deren Zahl in die tausende ging. Immer wieder die Richtung wechselnd – bisweilen führten sie durch Tunnels –, kletterten diese Stufen unaufhaltsam in die Tiefe und folgten dabei der naturgegebenen Form der Gesteinsschichten, indem sie die mitunter in den Himmel ragenden natürlichen Steinsäulen umgingen, nur um gleich darauf in Form einer Wendeltreppe unter einem ihren eigenen Verlauf kreuzenden steinernen Steg hindurchzuführen. Während ihres Abstiegs über den Steilhang bot sich ihnen ein spektakulärer Ausblick. Die Bachläufe, in denen sich die abfließenden Wassermassen aus den Bergen sammelten, ehe sie sich einen gewundenen Pfad durch die sanfte Hügellandschaft bahnten, waren in ihrer Schönheit kaum zu überbieten, und die Bäume, die sich stellenweise zu kleinen Gruppen versammelten, andernorts frei stehend die Kuppe eines Hügels beherrschten, boten einen so einladenden und Ruhe verheißenden Anblick, wie man ihn sich beschaulicher kaum wünschen konnte.

In der fernen Talmitte, umrahmt von einem grünen Teppich majestätischen Waldes, stand ein prachtvoller Palast von atemberaubender Eleganz und Pracht. Zierliche Giebelspitzen reckten sich in den Himmel, schmale Brücken überspannten die tiefen Abgründe zwischen den Türmen, Wendeltreppen rankten sich um erkerähnliche Anbauten, und auf jeder Spitze flatterten farbenfrohe Flaggen und Wimpel. Wenn es einen majestätischen Palast gab, von dem sich behaupten ließe, sein Aussehen habe etwas eindeutig Frauliches, dann dieser. Einer Frau wie Shota schien er durchaus angemessen.

Außer seiner Heimat in Kernland sowie dem westlich davon liegenden Gebirge, in das er Kahlan für die Dauer eines zauberhaften Sommers zur Erholung gebracht hatte, hatte Richard nie einen Ort gesehen, der sich mit diesem Tal vergleichen ließ, ein Umstand, der ihn vor seiner allerersten Begegnung mit Shota in seinem Urteil über sie hatte zögern lassen. Als er sich damals durch den Sumpf kämpfte, hatte er noch geglaubt, in einem Tal wie diesem könne nur eine Hexe leben, und als er dann erfuhr, dass sie tatsächlich dort wohnte, war er überzeugt, dass jemand, der einen so viel Friedlichkeit und Schönheit ausstrahlenden Ort sein Zuhause nennen konnte, einfach über die eine oder andere gute Eigenschaft verfügen müsse – eine von Arglosigkeit geprägte Einschätzung, die ihn später, nachdem er den Prunk am Palast des Volkes, dem Heim von Darken Rahl, gesehen hatte, bewog, solch wohlmeinenden Urteilen nur begrenzt Glauben zu schenken. Am Fuß der Felsenklippe, unmittelbar neben dem Wasserfall, gab es eine Straße, die in die grasbewachsenen Felder hineinführte und sich dann zwischen den niedrigen Hügeln verlor. Doch ehe sie sich aufmachten, diese Straße entlangzugehen, schlug Cara vor, die Gelegenheit für ein schnelles Bad zu nutzen, um sich ein wenig zu erfrischen. Richard hielt dies für eine ausgezeichnete Idee, er blieb sofort stehen und nahm sein Bündel ab. Vor allem hatte er das dringende Bedürfnis, die überaus schmerzhaften Verätzungen auszuwaschen, damit zumindest die Chance bestünde, dass sie schneller verheilten; zudem war er schweißgebadet und fühlte sich einfach schmutzig. Während er auf der Suche nach einer Stelle, wo er sich ungestört kurz waschen konnte, um die Felsen am Fuß des Wasserfalls herumging, suchte sich Cara ihrerseits ein anderes Plätzchen. Sie versprach, nicht lange fortzubleiben.

Das Wasser hatte eine angenehm lindernde Wirkung, trotzdem mochte Richard keine Zeit verschwenden. Es gab eine ganze Reihe von wichtigeren Dingen, die ihm am Herzen lagen. Nachdem er Schweiß und Schmutz abgespült und die Verätzungen gesäubert hatte, entnahm er dem Bündel seinen Kriegszaubereranzug und ging daran, ihn anzulegen. Er fand, der heutige Tag war genau richtig, um sich Shota nicht etwa als wehrloser Bittsteller, sondern als Anführer zu präsentieren, der gekommen war, um sie zu sprechen. Als Cara rief, sie sei fertig, nahm Richard sein Bündel auf und begab sich auf den Rückweg um die Felsen. In diesem Augenblick sah er, warum sie unbedingt hatte Halt machen wollen: Sie hatte nicht einfach nur rasch ein Bad genommen, sondern obendrein ihren roten Lederanzug angelegt. Richard warf einen viel sagenden Blick auf die blutrote Uniform der Mord-Sith. »Womöglich wird es Shota noch Leid tun, dass sie Euch ebenfalls eingeladen hat.«