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Caras Lächeln ließ keinen Zweifel daran, dass sie, falls es Ärger geben sollte, sich darum schon kümmern werde. Sie hatten kaum die ersten Schritte auf der Straße zurückgelegt, da bemerkte Richard: »Ich weiß zwar nicht genau, welche Kräfte Shota besitzt, trotzdem denke ich, Ihr solltet Euch heute vielleicht in etwas üben, das Ihr womöglich noch nie ausprobiert habt.«

Cara runzelte die Stirn. »Und was sollte das sein?«

»Fingerspitzengefühl.«

40

Als Richard und Cara an eine Stelle gelangten, wo die prachtvollen Rotbuchen und Ahornbäume auf dem höchsten Punkt einer Anhöhe ein kleines Wäldchen bildeten, suchte er, nach Anzeichen einer drohenden Gefahr Ausschau haltend, die umliegenden Hügel mit den Augen ab. Die geraden, hoch gewachsenen Stämme, die sich mit zunehmender Höhe in sanftem Schwung immer mehr verzweigten, gaben Richard das Gefühl, unter massiven, das gewölbte Dach einer gewaltigen Kathedrale aus Grün stützenden Säulen zu stehen. Eine sanfte Brise trug den Duft von Wildblumen heran, und durch den Baldachin aus leise raschelnden Blättern konnte er immer wieder quälend verlockende Blicke auf die emporstrebenden Türme von Shotas Palast erhaschen. Streifen goldenen Sonnenlichts fielen zitternd durch das Blattwerk und tanzten über das niedrige Gras. Durch eine Öffnung in einem flachen Flussstein sprudelte das Wasser einer Quelle, ehe es an dessen glatt geschliffenen Seiten herabrann und zu einem seichten, mäandernden Bachlauf wurde, in dessen Bett man da und dort kleinere Steine liegen sah, deren Oberfläche eine Schicht aus flaumiggrünem Moos bedeckte. Auf einem Felsen am Ufer des Bachlaufs, im scheckigen Sonnenlicht, saß, elegant auf einen Arm gestützt, eine Frau mit einer dichten Mähne blonden Haars und ließ das glasklare Wasser durch ihre Finger rinnen. Es war, als leuchtete sie innerlich, ja, selbst die Luft rings um sie her schien von einem ganz besonderen Licht erfüllt. Obwohl sie ihm den Rücken zukehrte, erschien sie ihm nur zu vertraut. Cara beugte sich zu ihm und fragte in vertraulichem Ton: »Ist das nicht Nicci?«

»In gewisser Hinsicht wünschte ich, sie wäre es, aber sie ist es nicht.«

»Seid Ihr sicher?«

Richard nickte. »Ich habe Shota dies schon einmal machen sehen. Bei unserer allerersten Begegnung erschien sie mir in Gestalt meiner verstorbenen Mutter.«

Cara sah kurz zu ihm herüber. »Welch eine grausame Täuschung.«

»Sie behauptete, es sei ein Geschenk, eine Aufmerksamkeit, die für einen kurzen Augenblick eine liebe Erinnerung wachrufen sollte.«

Cara schnaubte skeptisch. »Und welchen Grund könnte sie haben, Euch Nicci in Erinnerung rufen zu wollen?«

Er warf Cara einen Blick zu, wusste aber keine Antwort auf ihre Frage. Als sie schließlich beim Felsen anlangten, erhob sich die Frau mit einer eleganten Bewegung und wandte sich zu ihnen herum. Ein blaues, wohl vertrautes Augenpaar begegnete seinem Blick. »Richard«, begrüßte ihn die Frau, dje Nicci aufs Haar glich. Selbst ihre Stimme war von derselben seidigen Sanftheit, nur der tiefe Ausschnitt ihres geschnürten Leibchens schien etwas gewagter als in seiner Erinnerung. »Ich bin überaus erfreut, dich wieder zu sehen.« Sie legte ihm die Handgelenke auf die Schultern und verschränkte beiläufig die Finger hinter seinem Kopf. Die Luft rings um sie her schien plötzlich leicht getrübt, was ihrer Erscheinung etwas verschwommen Weichgezeichnetes, Unwirkliches verlieh. »Mehr als erfreut sogar«, setzte sie mit atemloser Leidenschaft hinzu.

Nicht einmal Nicci selbst hätte ihrem Ebenbild ähnlicher klingen oder aussehen können. Die Täuschung war so absolut überzeugend, dass Cara mit hängender Kinnlade dastand, und sogar Richard verspürte fast so etwas wie Erleichterung über das Wiedersehen mit der Hexenmeisterin – wenn auch nur fast. »Ich bin gekommen, um mit Euch zu sprechen, Shota.«

Ein geziertes, fast scheues Lächeln ging über ihre eleganten Züge. »Eine Plauderei unter Liebenden?«

Sie ließ ihre Finger durch das Haar an seinem Hinterkopf gleiten, während ihr sanftmütiges Lächeln einen Ausdruck zärtlicher Leidenschaft annahm, der auf ihre Augen übersprang, in denen sich ihr Entzücken über das Wiedersehen spiegelte. In diesem Moment wirkte sie freudiger, mehr von stiller Zufriedenheit erfüllt und im Frieden mit sich selbst, als er dies bei Nicci je beobachtet hatte. Außerdem glich sie Nicci äußerlich so sehr, dass er Mühe hatte, sich immer wieder klarzumachen, dass sie Shota war. Wenigstens ihr Auftreten erinnerte weit eher an Shota als an Nicci, Nicci wäre niemals so draufgängerisch gewesen, von dem vertraulichen Umgangston einmal ganz abgesehen. Es konnte also nur Shota sein.

Sachte zog sie ihn näher zu sich heran. Noch im selben Moment hatte Richard Mühe, sich einen Grund zu überlegen, warum er sich dem widersetzen sollte, spontan fiel ihm jedenfalls keiner ein. Er brachte es einfach nicht über sich, den Blick von ihren bezaubernden Augen loszureißen. Es war, als zöge ihm die schlichte Freude, in Niccis liebreizendes Antlitz zu schauen, den Boden unter den Füßen weg. »Falls es das ist, was du mir vorschlägst, dann bin ich gerne einverstanden.«

Mittlerweile hatte sie ihn so eng umgarnt, dass er den süßen Hauch ihrer Worte auf seinem Gesicht spüren konnte. Sie schloss die Augen. Ihre weichen Lippen legten sich zu einem zarten, schwelgerischen Kuss auf seine, den er jedoch nicht erwiderte – er schob sie aber auch nicht zurück. Als ihre Arme ihn in eine immer innigere Umarmung, in den Kuss hineinzogen, schien sein ganzes Denken durcheinander zu geraten, und er fühlte sich wie gelähmt. Mehr noch als der Kuss war es diese Umarmung, die eine schreckliche Sehnsucht nach dem tröstlichen Gefühl beständigen Beistands wachrief, nach hingebungsvollem Schutz und zärtlicher Bestätigung. Mehr als alles andere war es die Verheißung dieses so lange vermissten Trosts, die ihm allen Wind aus den Segeln nahm. Er spürte, wie sich ihr Körper mit jedem Zoll, jeder Rundung, jedem sanften Schwung an ihn schmiegte. Ganz bewusst versuchte er, an etwas anderes zu denken als an diesen Kuss, diese Umarmung und diesen Körper, und doch hätte er sich um nichts in der Welt daran erinnern können, was es war. In Wahrheit bereitete es ihm bereits enorme Schwierigkeiten, überhaupt zu denken.

Und schuld daran war ebendieser Kuss. Es war ein Kuss, der ihn vergessen ließ, wer er war und warum er hier war, und doch schien es seltsamerweise kein Kuss zu sein, der Liebe oder auch nur sinnliche Lust verhieß. Er wusste selbst nicht recht, was er verhieß, fast schien es, als wäre eine Bedingung daran geknüpft. Sicher wusste er nur eins: Er war vollkommen anders als der Kuss, den Nicci ihm kurz vor seiner Abreise im Stallgebäude gegeben hatte. Jener Kuss war, wenn nichts sonst, erfüllt gewesen von der außerordentlichen Freude und Klarheit der Magie. Es war ein Kuss gewesen, hinter dem er die wahre Nicci gespürt hatte. Aber dies war eben nicht Nicci, trotz der täuschend echten Illusion, und auch der Kuss selbst schien bestenfalls so unwiderstehlich wie eine große Last, ohne jedoch sonderlich ... erotisch zu sein. Nichtsdestoweniger drohte er ihn mit seinen vorsichtigen Fragen und stummen Verheißungen in seinen Bann zu schlagen.

»Nicci oder Shota, wer immer Ihr sein mögt«, knurrte Cara mit zusammengebissenen Zähnen, die geballten Fäuste in die Hüften gestemmt, »was glaubt Ihr eigentlich, was Ihr da tut?«

Sie löste sich, drehte, ihre Wange noch immer an Richards geschmiegt, leicht den Kopf und musterte sie fragend. Kraulend bahnten sich ihre zarten Finger einen Weg durch das Haar an seinem Hinterkopf. Richard drehte sich der Verstand.