Cara wich leicht zurück, als Shota, in Niccis Gestalt, der Mord-Sith voller Zartgefühl die leicht geöffnete Hand unter das Kinn legte.
»Nun ... gewiss nichts anderes als das, was auch Ihr gern tätet.«
Cara trat noch einen vollen Schritt zurück und entzog ihr Gesicht so der beschwichtigenden Geste. »Was?«
»Das ist es doch, was Ihr wollt, oder sollte ich mich täuschen? Ich finde, Ihr solltet mir eher dankbar sein, dass ich Euch bei Eurem großen Plan helfe.«
Cara stemmte die Fäuste in die Hüften. »Ich habe keinen Schimmer, wovon in aller Welt Ihr überhaupt sprecht.«
»Warum so erbost?« Ihr Lächeln bekam etwas Durchtriebenes. »Die Idee stammt schließlich nicht von mir, sie stammt von Euch. Es ist Euer Plan – den Ihr ganz allein ausgebrütet habt. Ich helfe Euch einfach nur, ihn in die Tat umzusetzen.«
»Wie kommt Ihr darauf ...?« Cara schienen die Worte auszugehen. Der Blick aus ihren blauen Augen, die so sehr Niccis glichen, wanderte zu Richard. Ihr Lächeln kehrte zurück, als sie seine Züge aus nächster Nähe prüfend musterte.
»Diese junge Frau ist eine so teure Freundin und Beschützerin. Hat deine teure Freundin und Beschützerin dir eigentlich schon verraten, was sie alles für dich ausersehen hat, Richard?« Sie berührte seine Nase mit dem Finger. »Und was das erst für Pläne sind! Sie hat dein ganzes restliches Leben verplant und für dich arrangiert. Du solltest sie wirklich einmal fragen, was sie für dich ausersehen hat.«
Plötzlich dämmerte es Cara, und sie errötete zutiefst.
Richard fasste Shota bei den Schultern, schob sie behutsam von sich, sodass sie ihre Hände von seinen Schultern gleiten lassen musste. Gleichzeitig unternahm er noch einmal den Versuch, seine Beherrschung wiederzuerlangen.
»Ihr habt es selbst gesagt – Cara ist eine Freundin, deshalb fürchte ich auch nicht, was sie für mein Leben vorgesehen hat. Ihr müsst wissen, was immer meine Freunde und Angehörigen mir wünschen, was immer sie hoffen, dass ich erreichen werde, es ist mein Leben, und ich selbst entscheide, was ich daraus zu machen versuche. Die Menschen können sich für die, denen sie zugetan sind, erhoffen, so viel sie wollen, am Ende muss jeder selbst die Verantwortung für sein Leben tragen und seine Entscheidungen alleine fällen.«
Hinter ihrem strahlenden Lächeln sah man ihre weißen Zähne aufblitzen. »Wie aufreizend naiv du doch bist, dass du das wirklich denkst.« Sie strich ihm mit den Fingern durchs Haar. »Dennoch möchte ich dir den dringenden Rat geben, sie zu fragen, welches Komplott sie für dein Herz geschmiedet hat.«
Er warf einen kurzen Blick hinüber zu Cara, die gleichzeitig kurz vor einem Zornesausbruch und einer panikartigen Flucht zu stehen schien. Tatsächlich tat sie keins von beiden, sondern blieb standhaft und enthielt sich jeden Kommentars. Richard hatte zwar keine Ahnung, wovon Shota redete, aber er wusste, dass dies kaum der geeignete Zeitpunkt oder Ort war, es herauszufinden. Er durfte nicht zulassen, dass Shota ihn von seinem Vorhaben abbrachte.
Außerdem hatte er bemerkt, dass die Knöchel der Hand, in der Cara ihren Strafer hielt, bereits weiß hervortraten. »Schluss mit dieser Scharade, Shota. Caras Sehnsüchte und Sorgen gehen nur mich etwas an, nicht Euch.«
Nicci lächelte betrübt. »Das glaubst du, Richard. Das glaubst du nur.«
Der Dunsthauch, der sie umgab, schimmerte kurz auf, und plötzlich war Nicci nicht mehr Nicci, sondern Shota. Sie war nicht länger eine traumhafte Sinnestäuschung, sondern war klar und deutlich zu erkennen. Ihr Haar, eben noch blond, war; obschon genauso voll, jetzt wellig und von kastanienbrauner Farbe. Das schwarze Kleid hatte sich in ein hauchzartes, aus mehreren Stoffschichten bestehendes Gebilde aus changierenden Grautönen verwandelt, das ebenso tief ausgeschnitten war und dessen lose Spitzen kaum merklich in der Brise flatterten. Sie war in jeder Hinsicht so schön wie das Tal ringsum.
Als sie ihre Aufmerksamkeit schließlich auf Cara richtete, bekamen ihre Züge einen erschreckend eindringlichen Zug. »Ihr habt Samuel wehgetan.«
Cara zuckte nur mit den Achseln. »Tut mir Leid. Das war nicht meine Absicht.«
Shota, ein bedrohliches Funkeln in den Augen, zog herausfordernd eine Braue hoch, so als wollte sie sagen, sie glaube ihr kein Wort.
»Ich hatte eigentlich vor, ihn umzubringen«, setzte Cara hinzu. Im Nu war Shotas Ärger verflogen, und ein strahlendes Lächeln begleitete ihren aufrichtigen, wenn auch knappen Lacher. Das Lächeln noch immer auf den Lippen, betrachtete sie Richard mit einem schrägen Seitenblick.
»Sie gefällt mir. Von mir aus kannst du sie behalten.«
Vage erinnerte er sich, dass Cara sich einst mit genau denselben Worten über Kahlan geäußert hatte. »Wie ich bereits sagte, Shota, ich muss Euch dringend sprechen.«
Ihre leuchtenden, klaren Mandelaugen maßen ihn mit erstauntem Blick. »Dann bist du also gekommen, um dich mir als Liebhaber anzudienen?«
Ein Stück entfernt, zwischen den Bäumen, bemerkte er Samuel, der sie, die gelben Augen sprühend vor Hass, beobachtete.
»Ihr wisst genau, dass das nicht stimmt.«
»Ah.« Ihr Lächeln kehrte zurück. »Dann möchtest du also sagen, dass du gekommen bist, weil du etwas von mir willst.« Sie bekam eines der wehenden Enden ihres Kleides mit der Hand zu fassen. »Oder stimmt das etwa auch nicht, Richard?«
Er musste sich ermahnen, nicht ständig in ihre alterslosen Augen zu starren, nur war es so unendlich schwer, sich zu zwingen, den Blick abzuwenden. Es war, als lenkte Shota seinen Blick, sodass er ernstliche Schwierigkeiten hatte, sich auf die schicklichen Teile ihres Körpers zu konzentrieren.
Einst hatte Kahlan ihm erklärt, Shota habe ihn verhext. Ihrer Ansicht nach war sie nicht einmal schuld daran, es war eben das, was eine Hexe tat, es entsprach einfach ihrer Natur. Kahlan – der Gedanke an sie rüttelte seine Gedanken wach.
»Kahlan ist verschwunden.«
Ein kaum merkliches Kräuseln ging über ihre Stirn. »Wer?«
Richard seufzte. »Schaut, es geschehen fürchterliche Dinge. Kahlan, meine Frau ...«
»Deine Frau! Wann hast du dir bloß eine Frau genommen?«
Ihr Gesicht gerann zu einer hasserfüllten Maske mit stechendem Blick. Der plötzliche Zorn, der sich ihrer Züge bemächtigte, und die Art, wie ihr Busen am Saum des tief ausgeschnittenen Kleides wogte, zeigten Richard, dass ihre Überraschung nicht geheuchelt war. Sie erinnerte sich tatsächlich nicht an Kahlan. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, nahm seine Gedanken zusammen und versuchte es noch einmal. »Ihr seid Kahlan mehrmals persönlich begegnet, Shota. Ihr habt sie sogar recht gut kennen gelernt. Irgendetwas muss passiert sein, das sie aus jedermanns Erinnerung gelöscht hat. Kein Mensch, nicht einmal Ihr, erinnert sich mehr an sie und ...«
»Niemand außer dir?«, unterbrach sie ihn ungläubig. »Du bist der Einzige, der sich an sie erinnert?«
»Das ist eine lange Geschichte.«
»Sie mag lang sein, aber das macht sie nicht unbedingt wahrer.«
»Doch, sie ist wahr«, beharrte Richard. Er gestikulierte aufgebracht. »Ihr wart sogar bei unserer Hochzeit.«
Sie verschränkte die Arme. »Das glaube ich kaum.«
»Als ich das erste Mal herkam, hattet Ihr Kahlan gefangen genommen und sie über und über mit Schlangen bedeckt...«
»Schlangen.« Sie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Du willst also tatsächlich behaupten, ich sei dieser Frau zugetan gewesen, und lässt sogar durchblicken, ich hätte mich ihr gegenüber entgegenkommend verhalten?«
»Das nicht gerade. Ihr wolltet ihren Tod.«
Ihr Schmunzeln wurde breiter. Sie legte ihm wieder ihre Handgelenke auf die Schultern. »Wie schrecklich grob von mir, findest du nicht auch?«
Er fasste sie bei den Handgelenken und schob sie sachte von sich. Wenn er ihr nicht augenblicklich Einhalt gebot, würde sie ihn in kürzester Zeit um den letzten Rest seines Verstandes bringen. »Damals war ich durchaus dieser Meinung«, gab er zurück. »Denn unter anderem wolltet Ihr verhindern, dass wir überhaupt heiraten.«