Mit einem lackierten Fingernagel fuhr Shota ihm von oben nach unten über die Brust, ehe sie ihn mit einem Blick von unten herauf betrachtete.
»Nun, vielleicht hatte ich ja meine Gründe.«
»Die hattet Ihr ganz sicher – Ihr wolltet nicht, dass wir ein Kind in die Welt setzten. Ihr wart der Ansicht, wir würden ein Ungeheuer zeugen, da dieses Kind von mir die Gabe erben und gleichzeitig von Kahlans Seite aus als Konfessor geboren würde.«
»Ein Konfessor!« Shota wich einen Schritt zurück, als sei er plötzlich aussätzig. »Ein Konfessor! Hast du den Verstand verloren?«
»Shota ...«
»Es gibt keine Konfessoren mehr, sie sind lange ausgestorben.«
»Das stimmt nicht ganz. Sie sind alle tot, bis eben auf Kahlan.«
Sie wandte sich herum zu Cara. »Hatte er vielleicht ein Fieber oder etwas Ähnliches?«
»Na ja ... er wurde von einem Armbrustbolzen getroffen, der ihn beinahe umgebracht hätte. Nicci hat ihn zwar heilen können, trotzdem war er mehrere Tage ohne Bewusstsein.«
Als hätte sie soeben eine heimtückische Intrige aufgedeckt, hob Shota misstrauisch einen Finger. »Jetzt sagt bloß, dabei hat sie subtraktive Magie verwendet.«
»Ja, das hat sie in der Tat«, antwortete er an Caras Stelle. »Und aus ebendiesem Grund hat sie mir das Leben gerettet.«
Shota trat den einen Schritt wieder auf die beiden zu, den sie vor ihnen zurückgewichen war. »Sie hat subtraktive Magie verwendet ...«, murmelte sie bei sich, ehe sie wieder zu ihm aufsah. »Und wie hat sie das getan – zu welchem Zweck?«
»Sie hat sie benutzt, um den mit Widerhaken versehenen Bolzen zu entfernen, der in meinen Körper steckte.«
Mit einer ungeduldigen Handbewegung forderte Shota ihn auf fortzufahren. »Sie muss außerdem noch etwas anderes getan haben.«
»Sie hat subtraktive Magie benutzt, um das Blut zu entfernen, das sich in meiner Brust gesammelt hatte. Nach ihren Worten gab es keine andere Möglichkeit, den Bolzen oder das Blut zu entfernen, und beides dort zurücklassen, nun, das hätte unweigerlich zu meinem Tod geführt.«
Shota, eine Hand auf ihrer Hüfte, kehrte ihnen den Rücken zu und entfernte sich einige Schritte, um sich seine knappe Schilderung durch den Kopf gehen zu lassen.
»Das erklärt in der Tat einiges«, meinte sie schließlich betrübt mit kaum hörbarer Stimme. »Ihr habt Kahlan eine Halskette geschenkt«, warf Richard ein. Stirnrunzelnd warf sie ihm einen Blick über ihre Schulter zu. »Eine Halskette? Was für eine Halskette hätte ich ihr schenken sollen? Und was bringt dich auf den abwegigen Gedanken, mein Bester, ich würde etwas Derartiges jemals für deine ... deine Geliebte tun?«
»Meine Frau«, verbesserte er sie. »Kahlan und Ihr wart einige Zeit zusammen – allein – und hattet eine Art Abkommen getroffen. Ihr habt Kahlan die Halskette zum Geschenk gemacht, damit sie und ich ... na ja, damit wir zusammen sein konnten. Sie war mit einer Art magischer Kraft versehen, die verhinderte, dass wir Kinder bekommen konnten. Auch wenn ich angesichts des gegenwärtigen Krieges nicht mit Eurer damaligen Sicht der Zukunft übereinstimme, wir kamen damals zu dem Entschluss, Euer Geschenk und die damit verbundene Waffenruhe anzunehmen.«
»Mir ist völlig unbegreiflich, wie du auf den irrigen Gedanken kommen kannst, ich würde auch nur eines dieser Dinge tun.« Sie sah erneut zu Cara. »Hatte er neben der Verletzung womöglich hohes Fieber?«
Unter anderen Umständen wäre er vielleicht auf den Gedanken gekommen, dass Shota sarkastisch sein wollte, doch ihr Gesichtsausdruck sagte ihm, dass ihre Frage durchaus ernst gemeint war. »Ein hohes Fieber war es nicht gerade«, antwortete Cara zögernd. »Eher ein leichtes. Aber Nicci meinte, seine Schwierigkeiten gingen zum Teil darauf zurück, wie nah er dem Tod gewesen sei, mehr noch aber auf seine lange Bewusstlosigkeit.« Ihrem Tonfall nach schien Cara nur ungern mit einem Menschen darüber sprechen zu wollen, den sie als potenziell gefährlich betrachtete, doch dann schloss sie ihre Antwort mit den Worten: »Sie meinte, er leide an einer Bewusstseinsstörung.«
Shota verschränkte die Arme, stieß einen tiefen Seufzer aus und musterte ihn dabei forschend aus ihren Mandelaugen. »Was soll ich nur mit dir machen?«, murmelte sie halb zu sich selbst. »Bei meinem letzten Besuch«, antwortete Richard, »habt Ihr mir erklärt, Ihr würdet mich töten, sollte ich jemals nach Agaden zurückkehren.«
Sie ließ sich nach außen hin keinerlei Reaktion anmerken. »Ach, hab ich das? Und warum, bitte, sollte ich so etwas sagen?«
»Vermutlich, weil Ihr ziemlich verärgert über mich wart. Weil ich mich geweigert hatte, Kahlan zu töten, und auch nicht zulassen wollte, dass Ihr es selber tut.« Er wies mit dem Kinn hinter sich, zum Bergpass hinauf. »Ich dachte schon, Ihr wolltet womöglich Wort halten und hättet deshalb Samuel geschickt, um Eure Drohung wahr zu machen.«
Shota sah kurz zu ihrem ein wenig abseits zwischen den Bäumen lauernden Gefährten hinüber, der auf einmal einen ziemlich beunruhigten Eindruck machte.
»Wovon redest du überhaupt?« Die Stirn gerunzelt, sah sie wieder zu Richard. »Wollt Ihr jetzt etwa behaupten, Ihr wusstet gar nichts davon?«
»Wovon?«
Einen kurzen Moment lang betrachtete Richard forschend die gelben, ihn hasserfüllt anstarrenden Augen. »Samuel lag oben am Pass in einem Versteck auf der Lauer und hat mich aus einem Schneegestöber heraus angefallen. Er hat mir das Schwert aus der Hand gerissen und mich den Abhang hinunter gestoßen. Ich konnte mich gerade noch mit knapper Not festhalten. Wäre Cara nicht zur Stelle gewesen, hätte Samuel mit dem Schwert dafür gesorgt, dass ich von der Klippe stürze. Er hätte mich um ein Haar umgebracht, und dass es nicht dazu gekommen ist, hatte nichts mit fehlender Absicht oder mangelnder Unentschlossenheit seinerseits zu tun.«
Shotas wütender Blick schwenkte hinüber zu der schattenhaften, zwischen den Bäumen kauernden Gestalt. »Ist das wahr?«
Samuel, außerstande, ihrem vorwurfsvollen Blick standzuhalten, schlug winselnd vor Selbstmitleid die Augen nieder und starrte auf den Boden. Das war Antwort genug.
»Wir werden uns später darüber unterhalten«, beschied sie ihn mit einer leisen Stimme, die klar und deutlich durch die Bäume trug und Richard eine Gänsehaut bereitete.
»Ich kann dir versichern, Richard, das war weder meine Absicht, noch entspricht es meinen Anordnungen. Mein Auftrag an Samuel lautete lediglich, diese kleine falsche Schlange von einer Aufpasserin zu bitten, dich hierher zu begleiten.«
»Wisst Ihr was, Shota? Ich bin es allmählich leid, Samuels Versuche, mich umzubringen, hinnehmen und mir hinterher als Rechtfertigung anhören zu müssen, Ihr hättet ihm niemals einen solchen Befehl erteilt. Einmal mag das noch glaubwürdig klingen, aber mittlerweile ist es fast zur Gewohnheit geworden. Ihr macht es Euch ein bisschen leicht mit Eurer überraschten Unschuldsmiene, die Ihr jedes Mal aufsetzt, wenn es passiert. Allmählich habe ich den Eindruck, dass Ihr nur deshalb daran festhaltet, weil Ihr es einfach praktisch findet, alles abzustreiten.«
»Das ist nicht wahr, Richard«, erwiderte sie in wohl überlegtem Ton. Sie löste ihre Arme, verschränkte die Hände vor dem Körper und blickte auf den Boden vor ihren Füßen. »Du trägst sein Schwert, ein Punkt, in dem Samuel zugegebenermaßen etwas empfindlich ist. Er hat es nicht aus freien Stücken hergegeben, sondern es wurde ihm weggenommen – mit anderen Worten, es gehört noch immer ihm.«
Um ein Haar hätte Richard widersprochen, doch dann ermahnte er sich, dass er nicht hier war, um über diesen Punkt zu debattieren.
Shota hob den Blick und sah ihm in die Augen. Ihre Verärgerung war offenkundig. »Und woher nimmst du die Frechheit, dich bei mir über Samuels Benehmen zu beschweren, von dem ich nicht einmal Kenntnis habe, während du dir gleichzeitig herausnimmst, wissentlich mit einer tödlichen Gefahr den Frieden meines Heims zu stören?«
Richard war verblüfft. »Was redet Ihr denn da?«