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»Spiel nicht den Dummen, Richard, das passt nicht zu dir. Du wirst von einer völlig unberechenbaren Bedrohung verfolgt. Wie viele Menschen mussten eigentlich schon ihr Leben lassen, nur weil sie das Pech hatten, in deiner Nähe zu sein, als diese Bestie dich suchen kam? Angenommen, sie beschließt, dich ausgerechnet hier töten zu wollen? Du tauchst hier einfach ohne meine Erlaubnis auf, gefährdest dadurch ganz unbekümmert mein Leben, und das alles nur, weil du mal eben etwas von mir willst? Findest du es etwa richtig, mich in Gefahr zu bringen, nur weil du dich in einer Notlage befindest? Erlaubt dir etwa der Umstand, zu glauben, ich besäße etwas, das du gern hättest, nach Belieben über mein Leben zu verfügen und es einfach einer großen Gefahr auszusetzen?«

»Natürlich nicht.« Richard schluckte. »So habe ich das noch gar nicht betrachtet.«

Shota warf die Hände in die Luft. »Ach, jetzt willst du dich damit rausreden, du hättest mich nur aus Gedankenlosigkeit in Gefahr gebracht?«

»Ich brauche dringend Eure Hilfe.«

»Mit anderen Worten, du erscheinst hier als armseliger Bittsteller, der ungeachtet der Gefahr, in die mich das bringt, um Hilfe bettelt, und alles nur, weil du etwas von mir willst?«

Richard rieb sich die Stirn. »Schaut, ich weiß auch nicht auf alles eine Antwort, aber eins kann ich Euch versichern, ich habe allen Grund zu der Annahme, dass ich Recht habe mit meiner Behauptung, Kahlan existiert und ist verschwunden.«

»Wie ich schon sagte, du willst etwas, machst dir aber nicht die Mühe, das Risiko für andere zu bedenken.«

Er machte einen Schritt auf sie zu. »Das ist nicht wahr. Begreift Ihr denn nicht? Ihr erinnert Euch nicht an Kahlan, niemand außer mir tut das. Denkt nach, Shota, denkt darüber nach, was es bedeuten würde, wenn ich Recht hätte.«

Ein Zucken ging über ihre Stirn, während sie ihn fragend musterte. »Wovon redest du überhaupt?«

»Wenn ich Recht habe, dann ist in der Welt etwas ganz fürchterlich aus dem Lot geraten – etwas, das jedermann, Euch eingeschlossen, Kahlan vergessen macht. Sie wurde aus Eurer Erinnerung gelöscht. Tatsächlich aber ist die Sache noch viel ernster, denn nicht nur die Person Kahlan ist aus der Erinnerung aller gelöscht worden, sondern auch alles, was Ihr oder sonst jemand mit ihr zusammen getan hat. Auch wenn einige dieser Erinnerungslücken nicht weiter von Bedeutung sein mögen, andere dagegen könnten lebenswichtig sein. Ihr erinnert Euch nicht, gesagt zu haben, dass Ihr mich töten würdet, falls ich es jemals wagen sollte, hierher zurückzukehren. Das aber bedeutet, dass diese Drohung in Eurer Erinnerung irgendwie mit Kahlan verknüpft sein muss, denn sie hatte einen gewissen Anteil an Eurem Entschluss, die Drohung auszusprechen. Weil Ihr Euch aber nicht an Kahlan erinnert, wisst Ihr auch nicht mehr, das zu mir gesagt zu haben. Begreift Ihr jetzt das ungeheure Ausmaß des Problems? Könnt Ihr nicht ermessen, dass es das Potenzial enthält, sich auf die Wahrnehmung jedes Einzelnen auszuwirken? Wenn alle Menschen vergessen, welche Veränderungen Kahlan in ihrem Leben bewirkt hat, wird ihr künftiges Handeln schwerlich von dem positiven Wandel in ihrem Denken profitieren können.«

Richard stemmte eine Hand in die Hüfte und begann gestikulierend auf und ab zu gehen. »Stellt Euch einen Menschen vor, den Ihr gut kennt.« Er wandte sich zu ihr herum und sah ihr in die Augen. »Sagen wir, Eure Mutter. Und nun versucht Euch vorzustellen, was Euch verloren ginge, wenn jede Erinnerung an sie, alles, was sie Euch je beigebracht hat, sämtliche Entscheidungen, die sie mittelbar oder unmittelbar beeinflusst hat, ausgelöscht würden. Und nun stellt Euch vor, jeder würde einen Menschen vergessen, der für ihn so wichtig wäre wie Eure Mutter für Euch – nur dass die Vergessenen im Mittelpunkt von Ereignissen stünden, die für alle von Bedeutung sind. Versucht Euch einfach nur einen Moment lang vorzustellen, wie sich Euer Leben – ja Euer ganzes Denken verändern würde, wenn Ihr vergessen hättet, dass es mich gibt, und Ihr Euch nicht mehr an die Dinge erinnern könntet, die Ihr mit mir oder meinetwegen getan habt. Dämmert Euch vielleicht jetzt, welche Auswirkungen das haben würde? Ihr habt Kahlan diese Halskette zum Geschenk gemacht, sie war ein an uns beide gerichtetes Hochzeitsgeschenk, das verhindern sollte, dass sie – zumindest vorerst – ein Kind bekommt. Aber sie hatte auch noch eine andere Bedeutung, denn sie war das Symbol eines Waffenstillstands, des Friedens zwischen Euch und mir sowie zwischen Euch und Kahlan. Welche Waffenstillstände, Bündnisse und Schwüre mögen noch wegen Kahlan geschlossen worden sein, die jetzt, genau wie diese Halskette, in Vergessenheit geraten sind? Wie viele wichtige Missionen mögen deswegen aufgegeben worden sein? Begreift Ihr nicht? Die ganze Welt könnte dadurch ins Chaos gestürzt werden. Ich vermag die möglichen Auswirkungen eines so weit reichenden Ereignisses nicht einzuschätzen, aber meines Wissens könnte es den Charakter des Freiheitskampfes verändern, ja, es könnte sogar das Ende alles Lebendigen einleiten.«

Shota machte ein überraschtes Gesicht. »Alles Lebendigen?«

»Dinge von dieser Tragweite geschehen nicht aus purem Zufall, es handelt sich weder um einen bedauerlichen Unfall noch um ein durch Nachlässigkeit verursachtes Unglück. Es muss einen Grund dafür geben, und alles, was ein universelles Ereignis von solcher Ungeheuerlichkeit zu bewirken vermag, bringt übelste Begleiterscheinungen mit sich.«

Eine Zeit lang betrachtete Shota ihn mit unergründlicher Miene, dann fing sie einen flatternden Zipfel des mehrlagigen Stoffes auf, aus dem ihr Kleid bestand, und wandte sich ab, um über seine Worte nachzudenken. Schließlich drehte sie sich wieder um.

»Und wenn du einfach nur einer Selbsttäuschung erlegen bist? Es wäre die einfachste Erklärung und somit höchstwahrscheinlich die richtige Antwort.«

»Auch wenn das im Allgemeinen zutreffen mag, muss es nicht unbedingt richtig sein.«

»Wie du es darstellst, handelt es sich nicht um ein gewöhnliches Entweder-oder, Richard. Was du beschrieben hast, ist ein außerordentlich komplexer Vorgang. Es fällt mir schwer, mir auch nur ansatzweise die komplexen Folgen auszumalen, die ein solches Ereignis mit sich brächte. So viele Dinge müssten ungeschehen gemacht werden, es entstünde ein derart weit reichendes Chaos, dass jedem schon nach kürzester Zeit klar sein müsste, dass in der Welt etwas entsetzlich aus dem Lot geraten ist – auch wenn niemand genau zu benennen wüsste, was. Aber das ist einfach nicht der Fall.«

Shota holte zu einer großen Geste aus. »Wie viel Schaden wirst du dagegen mit dieser verrückten Suche nach einer Frau anrichten, die gar nicht existiert? Das erste Mal bist du zu mir gekommen, um mich um Hilfe im Kampf gegen Darken Rahl zu bitten. Ich habe dir meine Hilfe gewährt und dir dadurch zum Titel des Lord Rahl verholfen. Der dadurch ausgelöste Krieg tobt noch immer, das d’Haranische Reich kämpft noch immer verzweifelt ums Überleben, aber du bist nicht etwa hier, um eine wichtige Rolle in diesem Kampf zu übernehmen, wie es sich für dich als Lord Rahl geziemt. Vielmehr haben deine Selbsttäuschungen und unüberlegten Handlungen dazu geführt, dass du dich überaus wirkungsvoll aus deiner Machtstellung entfernt hast. Wo Führung geboten wäre, besteht nur noch ein Vakuum. Was immer du an Unterstützung hättest geben können, steht den Kämpfern für die gerechte Sache, zu deren Verfechter du dich aufgeschwungen hast, jetzt nicht mehr zur Verfügung.«

»Ich bin trotzdem überzeugt, dass ich Recht habe«, widersprach Richard. »Und wenn dem so ist, dann besteht eine Gefahr, von der niemand außer mir auch nur etwas ahnt, eine Gefahr, die allein aus diesem Grund keiner außer mir bekämpfen kann. Die Tatsache einer verborgenen Gefahr, deren Ungeheuerlichkeit niemand erkennt, kann ich nicht guten Gewissens ignorieren.«

»Das ist doch nur eine bequeme Ausrede, Richard.«

»Nein, ist es nicht.«

Sie nickte spöttisch. »Und wenn in der Zwischenzeit das eben erst gegründete d’Haranische Reich untergeht? Und die Barbaren der Imperialen Ordnung ihre bluttriefenden Schwerter triumphierend über die Leichen der tapferen Männer erheben, die bei der Verteidigung der Freiheit ums Leben kommen, während ihr Anführer fernab irgendwelchen Hirngespinsten nachjagt? Werden diese Toten weniger tot sein, nur weil du eine rätselhafte Gefahr erkannt zu haben meinst? Wäre ihr Anliegen – und deines – damit weniger gescheitert? Würde das der Welt etwa den frohgemuten Übergang in ein langes düsteres Zeitalter erleichtern, in dem Millionen und Abermillionen in ein elendes, von Unterdrückung, Hunger, Leid und Tod gezeichnetes Leben hineingeboren werden?«