Mittlerweile sträubten sich die Härchen in Richards Nacken. Nur zu gern hätte er einen Weg gewusst, Shota zu widerlegen, hätte er einen Riss in dem schier undurchdringlichen Panzer dieses Ungeheuers gefunden, dem sie in seiner Vorstellung Gestalt verliehen hatte.
»Aber die Bestie hat mich angegriffen, als ich gar keine Magie benutzte. Erst heute Morgen hat sie unser Lager überfallen, auch da habe ich keine Magie benutzt.«
Shota bedachte ihn mit einem jener Blicke, die ihm augenblicklich das Gefühl gaben, hoffnungslos unwissend zu sein. »Aber du hast heute Morgen Magie benutzt.«
»Nein«, beharrte er. »Da hab ich doch noch geschlafen. Wie hätte ich da Magie ...«
Er ließ den Satz unbeendet. Sein Blick wanderte hinüber zu den fernen Hügeln des Tals und dem dahinter liegenden Gebirge. Er erinnerte sich, wie er aufgewacht war und ihn diese entsetzliche Erinnerung an den Morgen von Kahlans Verschwinden überkommen hatte und wie er plötzlich gemerkt hatte, dass er das Heft seines Schwertes in der Hand hielt, die Klinge bereits halb aus der Scheide. Und dann fiel ihm ein, wie die verstohlene Magie des Schwertes durch seinen Körper geströmt war. »Aber das war die Magie des Schwertes«, wandte er ein. »Sicher, ich hatte das Schwert in der Hand, aber das war nicht meine Magie.«
»Es war sehr wohl deine Magie«, beharrte Shota. »Wenn man das Schwert der Wahrheit benutzt, ruft dies dessen Magie auf den Plan, die sich dann mit deiner Gabe – deiner Magie – verbindet, die wiederum von der Blutbestie erkannt wird. Die Magie des Schwertes ist jetzt ein Teil von dir, und sie zu benutzen birgt das Risiko, die Bestie auf den Plan zu rufen.«
Auf einmal fühlte sich Richard von allen Seiten bedrängt und all seiner Handlungsmöglichkeiten beraubt. Es war, als hätte man ihm die Fähigkeit genommen, überhaupt etwas gegen die Gefahr zu tun, die ihn zu überwältigen drohte. Es war dem Gefühl von vor zwei Tagen nicht unähnlich, als er aufgewacht war und sich plötzlich in einer sich immer enger zusammenziehenden Falle wieder gefunden hatte. »Aber das Schwert wird mir helfen, mich gegen sie zu wehren. Ich kenne mich im Gebrauch meiner Gabe nicht aus, das Schwert ist das Einzige, auf das ich wirklich zählen kann.«
»Es ist nicht auszuschließen, dass es dich in einigen Fällen tatsächlich retten könnte.«
Er merkte, dass er das Heft des Schwertes der Wahrheit so fest umklammert hielt, dass die erhabenen Buchstaben des Wortes WAHRHEIT in seine Handfläche schnitten. Gleichzeitig konnte er deutlich spüren, wie der Zorn des Schwertes nachdrücklich und verstohlen von ihm Besitz ergriff, um ihn vor der Gefahr zu beschützen. Er löste die Hand so rasch vom Heft, als hätte er sich verbrannt, und fragte sich, ob dessen Magie seine eigene ausgelöst und er die Blutbestie bereits herbeigerufen hatte, ohne überhaupt zu merken, was er tat. Shota verschränkte die Hände. »Da ist noch etwas.«
Richard richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Hexe. »Großartig, was denn noch?«
»Ich war es nicht, die diese Bestie erschaffen hat, Richard, ich bin für die Gefahr, die sie für dich darstellt, nicht verantwortlich.«
Er winkte entschuldigend ab. »Nein, tut mir Leid. Ich weiß ja, es ist nicht Eure Schuld. Schätze, das ist alles nur ein bisschen viel für mich. Bitte, sprecht weiter, was wolltet Ihr gerade sagen?«
»Obwohl die Bestie es sofort spürt, wenn du Gebrauch von deiner Magie machst, kann es durchaus sein, dass sie aus einem unerfindlichen Grund nicht gleich reagiert, sondern erst beim nächsten Mal zuschlägt. Du darfst dich dadurch also nicht in Sicherheit wiegen lassen.«
»Das habt Ihr mir doch bereits erklärt.«
»Richtig, aber offenbar hast du die volle Tragweite dessen, was ich sage, bislang noch nicht erfasst. Du musst dir darüber im Klaren sein, dass die Bestie mit jedem Gebrauch der Magie sozusagen eine Witterung deines Blutes erhält.«
»Ich sagte es schon: Das habt Ihr mir bereits erklärt.«
»Das bedeutet, absolut jeder Gebrauch deiner Gabe.« Als er sie darauf mit leerem Blick anstarrte, tippte sie ihm ungeduldig mit dem Finger an die Stirn. »Denk nach.«
Als er noch immer nicht begriff, setzte sie hinzu: »Das schließt auch die Prophezeiungen ein.«
»Die Prophezeiungen? Was soll das heißen?«
»Eine Prophezeiung wird von Zauberern abgegeben, die im Besitz der entsprechenden Gabe sind. Ein gewöhnlicher Mensch, der eine Prophezeiung liest, sieht nichts weiter als die Worte, ja, selbst die Schwestern des Lichts, die sich doch selbst für Hüterinnen der Prophezeiungen halten, sehen die Prophezeiungen nicht in ihrem eigentlichen Zustand. Du bist ein Kriegszauberer, was aber im Grunde nichts weiter bedeutet, als dass deine Gabe eine Vielzahl verborgener Talente beinhaltet. Und dazu gehört eben auch, dass du fähig bist, dich der Prophezeiungen zu bedienen – indem du sie ihrer ursprünglichen Absicht entsprechend verstehst. Begreifst du jetzt? Siehst du, wie leicht es ist, unwissentlich von deiner Gabe Gebrauch zu machen? Dabei kommt es gar nicht darauf an, wie du es tust – ob du dein Schwert benutzt, ob du kraft deiner Gabe jemanden heilst oder einen Blitz vom Himmel rufst –, das ist vollkommen egal; du wirst stets die Bestie auf den Plan rufen.«
Richard konnte es kaum fassen. »Wollt Ihr damit etwa andeuten, wenn ich einfach nur jemanden heile oder mein Schwert ziehe, macht das die Bestie bereits auf mich aufmerksam?«
»So ist es. Wahrscheinlich sogar noch im selben Moment, denn mittlerweile kennt sie deinen Aufenthaltsort. Da sie nun mal im Wesentlichen subtraktiv ist, existiert sie nur teilweise in dieser Welt, woraus folgt, dass die Bestie, obschon Dinge wie Entfernung oder Hindernisse sie nicht aufhalten, in dieser Welt nicht ohne weiteres funktioniert. Sie ist nicht fähig, die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, wie zum Beispiel die Zeit, in vollem Umfang zu begreifen. Dennoch ermüdet sie niemals, wird sie niemals träge, zornig oder ungeduldig. Aber all das soll keineswegs den Eindruck entstehen lassen, dass die Bestie ausnahmslos immer auf den Gebrauch deiner Gabe reagiert. Wie gesagt, ihr Tun ist absolut unberechenbar.«
»Großartig«, murmelte Richard und nahm sein Hin-und-her-Gerenne wieder auf. »Aber wie kann er diese Bestie denn nun töten?«, wollte Cara wissen. »Sie ist ja nicht einmal lebendig«, lautete Shotas trockene Erwiderung. »Eine Blutbestie lässt sich ebenso wenig töten wie ein Felsbrocken, der im Begriff ist, einen zu erschlagen, oder der Regen, ehe er Gelegenheit hat, einen zu durchnässen.«
Cara stand genau die gleiche Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, die Richard in diesem Moment empfand. »Aber irgendetwas muss es doch geben, was ihr Angst macht.«
»Furcht ist eine Empfindung von Lebewesen.«
»Nun, dann vielleicht etwas, das ihr nicht behagt.«
Shota runzelte verständnislos die Stirn. »Nicht behagt?«
»Ihr wisst schon, so was wie Feuer, Wasser oder Licht. Irgendwas, das sie verabscheut und deswegen meidet.«
»Sie könnte heute beschließen, Wasser zu verabscheuen, nur um einen Tag darauf aus einem morastigen Tümpel hervorzukriechen, Richards Bein zu packen und ihn unter Wasser zu ziehen, um ihn zu ersäufen. Sie bewegt sich in der hiesigen Welt wie in einer fremden, exotischen Landschaft, die sie so gut wie gar nicht in irgendeiner Weise zu beeinträchtigen vermag.«
»Wo in aller Welt könnte jemand gelernt haben, wie man eine solche Bestie erzeugt?«, wollte Richard wissen. »Ich glaube, die Grundlagen dieses Wissens hat Jagang in alten Schriften gefunden, Schriften über Waffen, die noch aus der Zeit des Großen Krieges stammen. Schon seit geraumer Zeit beschäftigt er sich mit Themen, die sich mit der Kunst der Kriegsführung befassen, und trägt dieses Wissen aus aller Welt zusammen. Ich habe allerdings den Verdacht, dass er diesen Erkenntnissen einige seinen speziellen Anforderungen entsprechende Änderungen hinzugefügt hat, um dich besiegen zu können. Jedenfalls wissen wir, dass er sich anschließend der mit der Gabe gesegneten Schwestern bedient hat, um die Bestie zu erschaffen.«