Richard starrte sie an. »Shota, Ihr könnt mir das alles nicht einfach erzählen, ohne mir wenigstens irgendetwas anzubieten, das mir weiterhelfen könnte.«
»Du bist es, der zu mir gekommen ist, um Fragen zu stellen, nicht ich habe dich zu finden versucht. Im Übrigen habe ich dir bereits geholfen – ich habe dir gesagt, was ich weiß. Mit dem neu gewonnenen Wissen gelingt es dir vielleicht, den morgigen Tag zu überleben.«
»Demnach gibt es also keine Möglichkeit, wie ich mich vor dieser Blutbestie schützen kann?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
Er wirbelte wieder herum. »Was? Soll das heißen, ich habe noch eine Chance?«
Shota musterte seine Augen prüfend, wenn auch ohne jede innere Anteilnahme. »Ja, ich glaube, es gibt eine Möglichkeit, dich am Leben zu halten.«
»Und die wäre?«
Sie faltete die Hände, verschränkte die Finger ineinander und senkte einen Moment lang, so als dächte sie nach, den Blick zum Boden, schließlich sah sie ihm fest in die Augen. »Du könntest hier bleiben.«
Er sah, wie Samuel sich empört erhob, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Shotas abwartenden Blick. »Was genau wollt Ihr damit sagen?«
Sie zuckte mit den Achseln, so als sei ihr Angebot nicht weiter der Rede wert. »Bleib hier, dann werde ich dich beschützen.«
Cara richtete sich auf, löste ihre verschränkten Arme. »Das könntet Ihr tun?«
»Ich glaube ja.«
»Dann kommt doch einfach mit uns«, schlug Cara vor. »Damit wäre das Problem gelöst.«
Caras Vorschlag löste bei Richard sofort Unbehagen aus.
»Das kann ich nicht, ich kann ihn nur beschützen, wenn er hier in diesem Tal, in meinem Zuhause, bleibt.«
Um größtmögliche Beiläufigkeit bemüht, erwiderte Richard: »Also, hier bleiben kann ich auf keinen Fall.«
Shota streckte die Hand aus und fasste ihn sacht am Arm, als wollte sie andeuten, so einfach dürfe er den Vorschlag nicht abtun. »Doch, das kannst du, Richard. Wäre es denn so schlimm für dich, hier bei mir zu bleiben?«
»So war das nicht gemeint...«
»Dann bleib hier, bei mir.«
»Für wie lange?«
Ihre Finger spannten sich kaum merklich an, als fürchtete sie, es auszusprechen, als hätte sie Angst vor seiner Reaktion, während sie gleichzeitig fest entschlossen war, ihrer Linie treu zu bleiben. »Für immer.«
Richard schluckte. Ihm war, als wäre er, ohne sich dessen bewusst zu sein, auf eine dünne Eisfläche hinausgewandert, nur um festzustellen, dass es ein langer, sehr langer Weg zurück ans sichere Ufer war. Klar war ihm nur eins, wenn er jetzt das Falsche sagte, würde er bis über den Kopf in Schwierigkeiten stecken. Ein sanftes Kribbeln auf der Haut sagte ihm, wie gefahrvoll die spätnachmittägliche Luft plötzlich geworden war, und einen Augenblick lang war er nicht mehr sicher, ob er nicht lieber der Bestie begegnen würde, als Shotas forschendem Blick ausgesetzt zu sein. Er breitete die Arme aus, wie in einer Bitte um Verständnis. »Wie kann ich hier bleiben, Shota? Ihr wisst sehr wohl, dass es Menschen gibt, die auf mich zählen – Menschen, die mich brauchen. Das waren Eure eigenen Worte.«
»Du bist nicht der Sklave anderer Menschen oder durch ihre Bedürfnisse an sie gekettet. Dein Leben gehört dir, Richard. Bleib hier und lebe es.«
Einen mehr als misstrauischen Ausdruck im Gesicht, tippte sich Cara mit dem Daumen gegen die Brust. »Und was wird aus mir?«
Ohne sie eines Blickes zu würdigen, ohne Richard aus den Augen zu lassen, antwortete Shota kalt: »Eine Frau an diesem Ort ist genug.«
Caras Blick wanderte zwischen Richard und Shota hin und her, während diese einander in die Augen starrten, doch dann beherzigte sie tatsächlich Richards Rat: Sie bewies Fingerspitzengefühl und enthielt sich jeder weiteren Bemerkung.
»Bleib«, wiederholte Shota leise im Tonfall inniger Vertraulichkeit – und auf einmal konnte er sehen, dass ihre Augen eine schreckliche Verletzbarkeit offenbarten, ein Blick, so offen, wie er ihn noch nie bei ihr gesehen hatte. Gleichzeitig sah er aus den Augenwinkeln, dass Samuel ihn zornig anfunkelte. Mit einem Nicken wies er auf ihren Gefährten. »Und was wird aus ihm?«
Die Frage schien sie nicht in Verlegenheit zu bringen, tatsächlich schien sie sie erwartet zu haben. »Ein Sucher an diesem Ort ist genug.«
»Shota...«
»Wirst du bleiben, Richard?«, hakte sie nach, indem sie ihm das Wort abschnitt, ehe er ihr Angebot ablehnen konnte, ehe er eine Linie überschritt, von deren Existenz er bis zu diesem Augenblick gar nichts gewusst hatte. Es war beides – ein Angebot und ein Ultimatum.
»Aber was wird aus der Blutbestie? Ihr habt selbst gesagt, es ist unmöglich, ihr Wesen zu kennen. Woher wollt Ihr dann wissen, dass ich in Sicherheit wäre, wenn ich hier bliebe? Beim ersten Angriff der Bestie mussten viele tapfere Männer ihr Leben lassen, nur weil ich mich in ihrer Nähe befand.«
Shota reckte stolz ihr Kinn empor. »Ich kenne mich, ich kenne meine Fähigkeiten und meine Grenzen. Deshalb glaube ich, hier in diesem Tal deine Sicherheit garantieren zu können. Völlig sicher bin ich natürlich nicht, aber aufrichtig davon überzeugt, dass ich es kann. Allerdings weiß ich, dass nichts dich beschützen kann, sobald du diesen Ort verlässt. Dies ist deine einzige Chance.«
Der letzte Teil, das wusste er, war mehrdeutig zu verstehen.
»Bleib, Richard ... bitte. Wirst du hier bleiben, bei mir?«
»Für immer?«
Tränen traten ihr in die Augen. »Ja, für immer. Bitte. Ich werde stets für dich sorgen. Ich werde alles dafür tun, dass du es nie bereuen und den Rest der Welt niemals vermissen wirst. Bitte?«
Das war nicht die Hexe Shota, die da sprach, das war einfach Shota, die Frau, die sich ihm in ihrer Verzweiflung öffnete wie noch nie zuvor, die ihm, selbst auf die Gefahr einer Abfuhr hin, ungeschützt ihr Herz darbot. Die nackte Einsamkeit, die er in diesem Moment sah, war erschreckend. Er wusste es, denn er kannte das quälende Gefühl einer fast körperlich spürbaren Einsamkeit aus eigener Erfahrung. Richard schluckte und wagte sich einen Schritt weiter auf das Eis. »Das ist das vielleicht Netteste, was Ihr je zu mir gesagt habt, Shota. Zu wissen, dass Ihr mich genug respektiert, um mir diese Frage zu stellen, bedeutet mir mehr, als Ihr jemals verstehen werdet. Meine Hochachtung vor Euch ist größer, als Ihr ahnt – deswegen habe ich, als ich nach einer Antwort suchte, auch sofort an Euch gedacht. Ich weiß Euer Angebot aufrichtig zu schätzen, aber ich fürchte, ich kann es nicht annehmen. Ich muss fort.«
Der Blick, der daraufhin über ihr Gesicht ging, ließ ihn bis ins Mark gefrieren, so als hätte man ihn in eiskaltes Wasser geworfen.
Ohne ein weiteres Wort machte Shota kehrt und ging davon.
42
»Shota, es tut mir Leid«, rief er ihr hinterher. »Aber Ihr habt es selbst gesagt, mein Leben gehört mir. Wenn Ihr mich auch nur ein kleines bisschen als Freund betrachtet – als jemanden, der Euch nicht völlig gleichgültig ist –, dann würdet Ihr wollen, dass ich mein Leben lebe, wie ich selbst glaube, es leben zu müssen, und nicht, wie Ihr es Euch vielleicht wünscht.«
Sie drehte sich um, ihre Brust wogte. »Schön. Du hast deine Entscheidung getroffen, Richard, und jetzt geh. Geh und lebe das, was von deinem Leben noch übrig ist.«
»Aber ich bin doch hergekommen, weil ich Eure Hilfe brauche.«
Shota bedachte ihn mit einem so unnahbaren Blick, wie er ihn noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Es war unverkennbar die Maske einer Hexe. Fast konnte er die Luft rings um sie her flimmern sehen. »Ich habe dir meine Hilfe gewährt – die zu erlangen mich Opfer gekostet hat, von denen du dir, wie ich ernsthaft bezweifeln möchte, nicht einmal ansatzweise einen Begriff zu machen vermagst. Nutze diese Hilfe, wie immer es dir beliebt. Und nun verlasse mein Heim.«