So gern er ihrer Bitte in diesem Moment nachgekommen wäre, so wenig es ihm behagte, sie unter Druck zu setzen, er war aus einem bestimmten Grund hergekommen, auf den sie noch immer nicht eingegangen war, und vorher würde er auf keinen Fall wieder gehen.
»Ich brauche unbedingt Eure Hilfe, um Kahlan wieder zu finden.«
Ihr Blick wurde noch eine Spur abweisender. »Wenn du klug bist, wirst du das Wissen, das ich dir gegeben habe, dazu benutzen, so lange wie möglich am Leben zu bleiben, entweder um deinen Teil zu einem Sieg über Jagang beizutragen, oder aber um irgendwelchen Hirngespinsten hinterherzujagen – was, ist für mich nicht länger von Belang. Geh einfach, ehe du dahinter kommst, warum Zauberer Angst davor haben, mich in meinem Heim zu besuchen.«
»Ihr sagtet, Eure Talente befähigten Euch, die Ereignisse im Fluss der Zeit zu sehen. Was seht Ihr mit Euren Talenten über meine Zukunft?«
Einen Augenblick lang schwieg Shota, schließlich wich sie seinem bohrenden Blick aus. »Aus irgendeinem Grund vermag ich den Fluss der Zeit nicht mehr eindeutig zu erkennen. So etwas kommt bisweilen vor.« Ihr Blick kehrte zurück, entschlossener denn je. »Wie du siehst, kann ich dir nicht weiterhelfen. Und jetzt geh.«
Er war fest entschlossen, sie nicht am Kern der Sache vorbeireden zu lassen. »Ihr wisst ganz genau, dass ich wegen eines Hinweises hergekommen bin, irgendetwas, das mir helfen könnte, etwas Licht in die rätselhaften Geschehnisse zu bringen. Es ist wichtig, und nicht bloß für Euch und mich. Verschließt Euch nicht vor mir, Shota, ich bitte Euch.«
Sie sah ihn herausfordernd an. »Wann hättest du jemals einen Rat befolgt, den ich dir gegeben habe?«
»Ich gebe ja zu, dass ich in der Vergangenheit nicht immer mit allem einverstanden war, was Ihr zu sagen hattet, aber ich wäre bestimmt nicht hier, wenn ich Euch nicht für eine Frau von scharfem Verstand hielte. Es ist richtig, einiges von dem, was Ihr mir in der Vergangenheit erzählt habt, stimmte, aber wenn ich mich andererseits strikt an Eure Anweisungen gehalten hätte, ohne mich im Lauf der Entwicklung auf mein eigenes Urteil zu verlassen, wäre ich gescheitert, und wir alle wären entweder unter die Herrschaft Darken Rahls geraten oder aber in den erbarmungslosen Armen des Hüters der Unterwelt gelandet.«
»Das sagst du.«
Er gab seinen nachsichtigen Tonfall auf und beugte sich ganz nah zu ihr. »Ihr werdet Euch doch wohl erinnern, wie Ihr mich im Dorf der Schlammmenschen aufgesucht habt, oder nicht? Wie Ihr mich angefleht habt, den Schleier wieder zu schließen, damit der Hüter nicht unser aller habhaft werden konnte? Ihr werdet doch noch wissen, wie versessen der Hüter darauf war, die mit der Gabe Gesegneten, aber auch Euch, eine Hexe, für alle Ewigkeit unvorstellbare Qualen erleiden zu lassen?«
Richard stieß ihr den gestreckten Finger gegen die Brust, um seinen Argumenten Nachdruck zu verleihen. »Nicht Ihr habt all die entsetzlichen Dinge durchgemacht, die nötig waren, um diese Entwicklung aufzuhalten sondern ich. Nicht Ihr musstet gegen die Schrecken des Hüters ankämpfen, damit der Schleier wieder geschlossen werden konnte – sondern ich. Ihr wart ja nicht einmal fähig, Eure Haut vor dem Hüter zu retten – selbst das musste ich noch tun.«
Sie sah ihn mit gesenkter Stirn von unten herauf an. »Ja, ich erinnere mich.«
»Und zwar mit Erfolg. Ich war es, der Euch dieses Schicksal erspart hat.«
»Du hast dir dieses Schicksal vor allem selbst erspart; dass dabei auch ich gerettet wurde, war gar nicht deine Absicht, das war nur eine Begleiterscheinung.«
Er stieß einen langen Atemzug aus und bemühte sich, die Geduld zu wahren. »Shota, ich spüre es geradezu. Ihr müsst etwas über diese Geschichte wissen – darüber, was Kahlan zugestoßen ist.«
»Ich sagte es bereits, ich kann mich an keine Frau namens Kahlan erinnern.«
»Richtig, und der Grund ist, dass etwas entsetzlich aus dem Lot geraten ist. Mir ist klar, dass Ihr Euch aus ebendiesem Grund nicht an sie erinnert, trotzdem bin ich überzeugt, dass Ihr irgendetwas wisst, das mir bei meiner Suche nach der Wahrheit helfen könnte – irgendein noch so kleiner Hinweis, der mir herauszufinden hilft, was hier in Wahrheit vor sich geht.«
»Du glaubst, du kannst einfach unaufgefordert in mein Heim spazieren, mein Leben in Gefahr bringen, mir deine üblichen Sprüche auftischen und dir damit ganz nach Belieben einen Teil meines Lebens und meiner Talente erkaufen?«
Richard starrte sie an. Nicht nur hatte sie nicht abgestritten, dass sie etwas wusste, das ihm womöglich helfen konnte, plötzlich war ihm auch klar geworden, dass er sich tatsächlich nicht in ihr getäuscht hatte. »Shota, hört auf, Euch zu verstellen und so zu tun, als wären meine Forderungen an Euch unberechtigt. Ihr wisst, ich habe Euch noch nie angelogen. Lasst Euch gesagt sein, dies ist auch für Euch wichtig, ob Ihr das nun einseht oder nicht. Mit anderen Worten: Ihr wisst etwas, das mir bei meiner Suche nach der Wahrheit behilflich sein könnte, nicht wahr?«
»Ich weiß eine Menge Dinge über die unterschiedlichsten Facetten der Wahrheit.«
»Aber wisst Ihr auch etwas, das ich wissen muss, um die Wahrheit über das herauszufinden, was mich dazu bewogen hat, Euch aufzusuchen?«
»Ja.« Na also! Mit rauer Stimme sagte er: »Nennt mir Euren Preis.«
»Du wirst nicht bereit sein, ihn zu bezahlen.«
Er überlegte, welchen Preis sie ihm wohl nennen würde. Sie betrachtete ihn auf eine Weise, die ihm das Gefühl gab, durchsichtig zu sein, aber ohne diese Information würde er nicht wieder gehen. Punktum. Immerhin ging es um Kahlans Leben. Was immer er tun musste, um ihr Leben zu retten, die Aufgabe seines eigenen eingeschlossen, er würde es tun.
»Nennt mir Euren Preis.«
»Das Schwert der Wahrheit.«
Die Welt schien schlagartig stillzustehen. »Was?«
»Du hast mich nach dem Preis für die Information gefragt, die ich dir geben kann, und dieser Preis ist das Schwert der Wahrheit.«
Richard stand wie gelähmt. »Das kann unmöglich Euer Ernst sein.«
Ein kaum merkliches Schmunzeln kräuselte ihre Mundwinkel. »Ist es aber.«
Ein Stück entfernt, zwischen den Bäumen, sah er den plötzlich hellwach gewordenen Samuel sich erheben. »Was in aller Welt wollt Ihr mit dem Schwert?«
»Du hast mich nach dem Preis gefragt, ich habe ihn dir genannt. Was ich damit anzufangen beabsichtige, sobald er entrichtet ist, muss dich nicht weiter kümmern.«
Richard fühlte den Schweiß zwischen seinen Schulterblättern hinabrinnen. »Shota ...«
Er schien sich nicht überwinden zu können, sich zu bewegen oder auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Er hatte etwas völlig anderes erwartet.
Shota kehrte ihm den Rücken zu und machte Anstalten, sich Richtung Straße zu entfernen. »Leb wohl, Richard. Es war nett, dich kennen zu lernen. Lass dich hier nicht mehr blicken.«
»So wartet doch!«
Shota blieb stehen und blickte über ihre Schulter. Ein Strahl des goldenen Sonnenlichts ließ die Locken ihres kastanienbraunen Haars aufleuchten. »Ja oder nein, Richard. Ich habe dir schon genug von mir gegeben, ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Mehr wirst du von mir nicht bekommen, es sei denn, du zahlst den verlangten Preis. Aber dieses Angebot mache ich dir nur ein einziges Mal.«
Sie beobachtete ihn einen Moment lang, dann machte sie abermals Anstalten, sich abzuwenden. Zähneknirschend gab Richard schließlich nach. »Also gut.«
Doch sie blieb stehen. »Du bist also einverstanden?«
»Ja.« Sie wandte sich ganz herum, sah ihm in die Augen und wartete. Sofort hob er die Arme, um den Waffengurt über seinen Kopf zu ziehen, doch Cara war mit einem Satz bei ihm und fasste mit beiden Händen sein Handgelenk. »Was glaubt Ihr eigentlich, was Ihr da tut?«, fauchte sie ihn an. Ihr roter Lederanzug leuchtete im Licht der tief stehenden Sonne, als wollte er es mit dem feurigen Funkeln ihrer Augen aufnehmen. »Shota weiß etwas über dieses Durcheinander«, versuchte er ihr klar zu machen, »und ich muss unbedingt herausfinden, was sie mir dazu sagen kann. Ich wüsste einfach nicht, was ich sonst tun sollte. Mir bleibt gar keine andere Wahl.«