Cara löste eine Hand von seinem Handgelenk und presste sie gegen ihre Stirn, während sie versuchte, ihre Gedanken zusammenzunehmen und ihre plötzlich hektische Atmung zu beruhigen. »Das könnt Ihr unmöglich tun, Lord Rahl, auf gar keinen Fall. Ihr könnt nicht mehr klar denken. Ihr habt Euch von Eurer momentanen Schwäche hinreißen lassen, der Schwäche, etwas unbedingt zu wollen, das sie Eurer Meinung nach besitzt. Ihr habt Euch in den Kopf gesetzt, es unbedingt, unter allen Umständen haben zu müssen, dabei wisst Ihr nicht einmal, was sie überhaupt anzubieten hat. So wütend, wie sie auf Euch ist, hat sie wahrscheinlich gar nichts wirklich Wertvolles zu bieten.«
»Ich brauche unbedingt einen Hinweis, der mir hilft, die Wahrheit herauszufinden.«
»Und es gibt nicht die geringste Gewähr, dass ihre Antwort dies leisten kann. Hört auf mich, Lord Rahl, Euer Denken ist getrübt. Lasst Euch gesagt sein, der Preis ist viel zu hoch.«
»Für Kahlans Leben ist kein Preis zu hoch – erst recht nicht, wenn es sich bloß um einen Gegenstand handelt.«
»Aber es ist doch nicht Ihr Leben, was Ihr damit erkauft, sondern nur das Versprechen einer Hexe, Euch einen nützlichen Hinweis zu geben – einer Hexe, die Euch demütigen will, weil Ihr ihr gerade einen Korb gegeben habt. Nichts, was sie Euch je verraten hat, war letztlich so, wie ursprünglich behauptet, das habt Ihr eben selbst gesagt. Und diesmal wird es nicht anders sein. Ihr werdet Euer Schwert verlieren – und dafür keinen vernünftigen Gegenwert bekommen.«
»Ich muss es tun, Cara.«
»Das ist Wahnsinn, Lord Rahl.«
»Und wenn ich es bin, der wahnsinnig ist?«
»Was redet Ihr da?«
»Angenommen, ihr alle habt Recht, und Kahlan existiert tatsächlich nicht? Angenommen, ich bin wahnsinnig geworden? Das glaubt doch sogar Ihr. Ich muss wissen, was Shota mir zu sagen hat. Wenn ich mich in allem täusche, wovon ich fest überzeugt bin, was nützt dann mir, einem Verrückten, ein solches Schwert? Solltet ihr tatsächlich alle Recht haben, und ich bin einer Selbsttäuschung erlegen, wem könnte ich dann noch von Nutzen sein? Wem nütze ich, wenn ich den Verstand verloren habe? Zu was bin ich dann überhaupt noch nütze?«
Ein feuchter Glanz legte sich über ihre Augen. »Ihr seid nicht wahnsinnig.«
»Ach nein? Demnach glaubt Ihr also, dass es tatsächlich eine Frau namens Kahlan gibt, mit der ich verheiratet bin?« Als sie darauf nichts erwiderte, löste er ihre Hand von seinem Handgelenk. »Hätte mich auch überrascht.«
Erbost wandte sie sich herum zu Shota und deutete mit ihrem Strafer auf sie. »Ihr dürft ihm sein Schwert nicht wegnehmen!«
»Der Preis, den ich verlangt habe, ist nur eine Lappalie ... Das Schwert gehört nicht einmal ihm – es hat ihm nie gehört.«
Auf ihren lockenden Wink mit dem Finger kam Samuel, der die Szene aus dem Schatten beobachtet hatte, mit hastigen Trippelschritten zwischen den Bäumen hervor.
Sofort baute sich Cara zwischen Richard und Shota auf. »Es wurde ihm vom Obersten Zauberer persönlich als Geschenk überreicht. Lord Rahl wurde in das Amt des Suchers berufen und bekam dabei das Schwert der Wahrheit überreicht. Es gehört ihm!«
»Und woher hatte es wohl Eurer Meinung nach der Oberste Zauberer?« Sie wies mit dem Zeigefinger auf den Boden. »Er hatte es von hier. Der ehrenwerte Zedd ist hierher gekommen, in mein Heim, und hat es gestohlen. Richard trägt es also keineswegs zu Recht, sondern weil es irgendwann gestohlen wurde. Es seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben ist gemessen an dem, was er wissen möchte, wohl eine eher geringe Strafe.«
Als Cara ihren Strafer hob, hatte sie einen so gefährlichen Blick in den Augen, dass Richard sie sachte beim Handgelenk fasste und ihren Arm nach unten drückte, ehe sie etwas beginnen konnte, das allzu schnell einen hässlichen Ausgang hätte nehmen können. Er hatte keine Ahnung, wie eine solche Konfrontation ausgehen mochte, wollte aber weder riskieren, Shotas Enthüllungen zu verlieren ... noch Cara. »Ich tue, was ich tun muss«, erklärte er Cara mit ruhiger Stimme. »Macht die Sache nicht noch komplizierter, als sie schon ist.«
Er hatte sie bereits in allen erdenklichen Stimmungen erlebt, er hatte sie glücklich gesehen, traurig, entmutigt, entschieden, entschlossen und wütend, aber bis zu diesem Augenblick hatte er nie das Gefühl gehabt, dass ihr Zorn so bewusst und unmittelbar gegen ihn gerichtet war.
Und dann schoss ihm plötzlich ein Bild von ihr durch den Kopf, als sie, vor langer Zeit, schon einmal von unbarmherzigem Zorn erfüllt gewesen war, aber er konnte es sich in diesem Moment nicht leisten, sich von solchen Erinnerungen ablenken zu lassen, deshalb verbannte er sie aus seinem Verstand. Hier ging es um Kahlan, um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit.
Richard streifte den Waffengurt über den Kopf und raffte ihn mit der Scheide in einer Hand zusammen. Samuel, der sich in der sicheren Nähe der Rockschöße seiner Herrin hielt, verfolgte wortlos das Geschehen, die gierigen Augen auf den mit Draht umwickelten Griff geheftet.
Richard nahm die glänzende, aus Gold und Silber gearbeitete Scheide mit beiden Händen und reichte sie, zusammen mit dem Waffengurt aus geprägtem Leder, Shota. Im ersten Moment machte sie Anstalten, es entgegenzunehmen, aber dann ging ein triumphierendes Lächeln über ihre Lippen. »Das Schwert gehört Samuel, meinem treuen Gefährten. Übergib es ihm.«
Wie versteinert stand Richard da. Er konnte Samuel unmöglich das Schwert der Wahrheit überlassen, vermutlich hatte er zu verdrängen versucht, was die Übergabe an Shota wirklich bedeutete. »Aber es war doch dieses Schwert, das ihn so zugerichtet hat. Zedd meinte, die Magie des Schwertes hätte ihm das angetan und ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist.«
»Und sobald er sein rechtmäßiges Eigentum zurückerhalten hat, wird er wieder der sein, der er einst war, bevor dein Großvater ihm das Schwert gestohlen hat.«
Richard kannte Samuels Charakter; er ahnte, dass ihm alles zuzutrauen war, Mord eingeschlossen. Einem Kerl seines Schlags konnte er unmöglich einen so gefährlichen Gegenstand wie das Schwert der Wahrheit aushändigen!
Zu viele Burschen wie Samuel hatten das Schwert bereits getragen, hatten sich darum geprügelt, es einander gestohlen, es an den Meistbietenden verhökert, der daraufhin ein Sucher geworden war, dessen Dienste gegen Bezahlung für jeden verabscheuungswürdigen Zweck zu haben waren, sofern er nur den Kaufpreis wieder einbrachte. Heimlich war es im Schutz der Dunkelheit von Hand zu Hand gewandert, für niedrige und gewalttätige Zwecke missbraucht worden. Als Zedd das Schwert schließlich wiederbeschafft hatte und es Richard übergab, war der Sucher längst zum Ziel von Spott und Verachtung geworden, ein Mann, der nur noch als Übeltäter galt, und obendrein als gefährlich.
Wenn er Samuel das Schwert aushändigte, würde dies alles wieder passieren, alles würde von vorn anfangen. Tat er es hingegen nicht, dann hatte er keine Chance, die sehr viel größere Gefahr zu bannen, die der Welt drohte, keine Chance, Kahlan jemals wieder zu sehen. Obschon Kahlan ihm persönlich am meisten bedeutete, war er überzeugt, dass ihr Verschwinden eine weitaus rätselhaftere und unheilvollere Gefahr ankündigte, eine Gefahr von so diabolischem Ausmaß, dass er gar nicht darüber nachzudenken wagte. Als Sucher war er der Wahrheit verpflichtet und nicht dem Schwert, das ihren Namen trug! Zoll für Zoll, ohne die Augen von dem Schwert zu lassen, schob sich Samuel mit ausgestreckten Armen immer näher heran, die Handflächen wartend nach oben gedreht.
»Meins, gib her«, knurrte er ungeduldig, ein hasserfülltes Funkeln in den Augen. Richard hob den Kopf und betrachtete Shota. Diese verschränkte die Arme, als wollte sie andeuten, dass dies seine letzte Chance war, seine letzte Chance, jemals die Wahrheit zu erfahren. Hätte er einen anderen Weg gewusst, zu einer Lösung zu gelangen, ganz gleich, wie vage die Erfolgsaussichten auch sein mochten, er hätte das Schwert in diesem Moment wieder an sich genommen und es riskiert. Aber er durfte diese Chance nicht vertun, durfte die Hinweise, die Shota für ihn hatte, nicht aufs Spiel setzen. Mit zitternden Händen streckte Richard ihm das Schwert entgegen. Samuel, nicht gewillt, noch eine Sekunde länger zu warten, machte rasch einen Schritt nach vorn, riss es ihm aus den Händen und presste das Objekt seiner Begierde an seine Brust. Kaum hielt er es in Händen, ging ein merkwürdiger Ausdruck über sein Gesicht. Den Unterkiefer schlaff, die Augen staunend aufgerissen, blickte er kurz hoch in Richards Augen. Richard konnte sich nicht vorstellen, was Samuel infolge seiner Wiederinbesitznahme des Schwertes der Wahrheit in diesem Augenblick sah. Vielleicht, überlegte er, hatte ihn plötzlich eine ehrfürchtige Scheu ergriffen, als er merkte, dass es tatsächlich in seinen Besitz zurückgekehrt war.