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Unvermittelt entfernte sich Samuel mit schnellen Schritten und verschwand flugs unter den Bäumen. Das Schwert der Wahrheit führte wieder ein Schattendasein.

Richard fühlte sich entblößt und benommen. Ziellos starrte er in die Richtung, in der Samuel verschwunden war, und wünschte sich auf einmal, er hätte Shotas Gefährten gleich bei seinem ersten Angriff getötet. Mehrfach hatte er es versucht, doch jedes Mal hatte er sich die Gelegenheit durch die Lappen gehen lassen. Er bedachte Shota mit einem galligen Blick. »Wenn er irgendjemandem auch nur ein Härchen damit krümmt, werdet Ihr es mit mir zu tun bekommen.«

»Nicht ich habe ihm das Schwert ausgehändigt, sondern du – und zwar aus eigenem, freiem Entschluss. Ich habe dir weder den Arm verdreht, noch habe ich dich mit meinen magischen Kräften zu zwingen versucht. Versuche nicht, die Verantwortung für deine Entscheidungen und dein Tun auf andere abzuwälzen.«

»Ich bin für seine Handlungen nicht verantwortlich. Sobald er irgendjemandem etwas antut, werde ich dafür sorgen, dass er diesmal für seine Verbrechen büßt.«

Shota ließ den Blick zu den Bäumen hinüberschweifen, die da und dort das weite Grasland sprenkelten. »Hier gibt es niemanden, dem er etwas antun könnte. Er hat sein Schwert zurück und ist glücklich.«

Das bezweifelte Richard ernsthaft; aber er behielt seine Verärgerung für sich und richtete sein Augenmerk stattdessen auf das anstehende Problem. Er hatte genug von ihren ewigen Ausflüchten und wollte jetzt endlich Nägel mit Köpfen machen.

»Jetzt habt Ihr Eure Bezahlung erhalten.«

Lange starrte sie ihn mit nicht entzifferbarer Miene an, bis sie schließlich mit völlig ruhiger Stimme ein einziges Wort aussprach: »Feuerkette.« Damit wandte sie sich herum und machte Anstalten, sich in Richtung Straße zu entfernen.

Er bekam sie am Arm zu fassen und wirbelte sie herum. »Was?«

»Du wolltest einen Hinweis von mir, der dir bei deiner Suche nach der Wahrheit helfen kann, und den habe ich dir gegeben: Feuerkette.«

Richard starrte sie fassungslos an. »Feuerkette? Was in aller Welt soll das bedeuten?«

Shota zuckte mit den Achseln. »Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es das ist, was du wissen musst, um herauszufinden, was in Wahrheit hinter alldem steckt.«

»Was soll das heißen, Ihr habt keine Ahnung? Ihr könnt mir doch nicht einfach irgendein Wort an den Kopf werfen, das ich noch nie gehört habe, und dann einfach gehen. Das ist wohl kaum eine angemessene Gegenleistung für das, was ich Euch gegeben habe.«

»Nichtsdestoweniger entspricht es der Vereinbarung, die du getroffen hast. Ich habe meinen Teil der Abmachung gehalten.«

»Ihr müsst mir erklären, was es bedeutet.«

»Aber ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es den Preis wert ist, den du dafür entrichtet hast.«

Er war fassungslos, dass er sich auf einen Handel eingelassen hatte, bei dem er am Ende mit leeren Händen dastand. Mit seiner Suche nach Kahlan war er keinen Schritt weiter als vor seinem Besuch bei Shota! »Damit ist unser Handel abgeschlossen. Leb wohl, Richard. Geh jetzt, bitte. Es wird bald dunkel, und eins kann ich dir versichern: Wenn es erst dunkel ist, wird es dir hier nicht mehr gefallen.«

Damit trat Shota auf die Straße und hielt auf ihren fernen Palast zu. Während er ihr hinterher schaute, erteilte Richard sich selbst eine Rüge, weil er sich so bereitwillig mit dem Scheitern abgefunden hatte, ohne sich überhaupt um ein Gelingen zu bemühen. Immerhin war er jetzt im Besitz eines Hinweises, der irgendwie mit dem Rätsel in Verbindung stand. Er war ein Teil des Puzzles, ein Teil der Lösung und offenbar so wertvoll, dass ihn zuvor nur eine Hexe gekannt hatte. Für ihn war er der Beweis für die Existenz Kahlans und damit Grund genug, sich einzureden, er sei einen Schritt weiter. An diesen Glauben musste er sich klammern. »Shota!«

Sie blieb stehen, wandte sich herum und wartete, was er sagen würde. Sie schien auf einen Wutausbruch gefasst. »Danke«, rief er ihr mit ernster Stimme zu. »Ich weiß nicht, was mir der Hinweis Feuerkette nutzen wird, trotzdem möchte ich mich bei Euch bedanken. Ihr habt mir wenigstens einen Grund gegeben weiterzumachen. Als ich herkam, hatte ich den nicht. Dafür möchte ich Euch danken.«

Sie starrte ihn unverwandt an. Er konnte sich nicht vorstellen, was in diesem Moment in ihr vorging. Schließlich machte sie einen bedächtigen Schritt in seine Richtung, faltete die Hände vor dem Körper und senkte den Blick kurz zum Boden, ehe sie, blicklos zu den Bäumen hinüberstarrend, offenbar über etwas nachdachte. Schließlich sagte sie: »Was du suchst, ist lange begraben.« »Lange begraben?«, fragte er unschlüssig. »Wie schon im Falle des Begriffs Feuerkette, so kann ich dir auch hier nicht sagen, was es bedeutet. Die Dinge fliegen mir einfach zu, ich gebe diese Hinweise nur weiter – als eine Art Mittler, wenn man so will, aber ich bin nicht deren Quelle. Ich kenne die Bedeutung nicht, ich kann dir nur sagen, was du suchst, ist lange begraben.«

»Feuerkette, und etwas suchen, das lange begraben ist«, wiederholte Richard mit einem Nicken. »Verstehe. Ich werde es bestimmt nicht vergessen.«

Ein leichtes Kräuseln ging über ihre Stirn, so als wäre ihr noch etwas eingefallen. »Du musst die Stätte der Knochen im Herzen der Leere finden.«

Er fühlte eine Gänsehaut seine Beine heraufkriechen. Was bedeutete »Herz der Leere« ? Dem Klang nach schien es nichts Gutes zu verheißen, ebenso wenig wie die Suche nach irgendwelchen alten Knochen, also vermied er es erst einmal, über den tieferen und vermutlich unheilvollen Sinn nachzudenken. Shota wandte sich wieder der Straße zu und setzte sich abermals in Richtung ihres Palasts in Bewegung. Sie war noch kein Dutzend Schritte gegangen, da blieb sie erneut stehen und drehte sich um. Der Blick aus ihren alterslosen Augen begegnete seinem.

»Hüte dich vor der vierköpfigen Viper.«

Erwartungsvoll neigte Richard den Kopf zur Seite.

»Es mag dir in diesem Moment vielleicht nicht bewusst sein, aber ich habe dich sehr gerecht behandelt. Ich habe dir die Antworten geliefert, die du unbedingt haben wolltest. Du bist der Sucher – oder zumindest warst du es. Die Bedeutung, die sich hinter diesen Antworten verbirgt, wirst du selbst suchen müssen.«

Damit wandte sie sich ein letztes Mal herum und entfernte sich im goldenen Sonnenlicht auf der endlos scheinenden Straße.

»Gehen wir«, sagte er, an Cara gewandt. »Ich bin nicht erpicht darauf, herauszufinden, warum wir nicht mehr hier sein wollen, wenn es dunkel wird.«

Betrübt argwöhnte Richard, dass sie mit ihrer Bemerkung Recht haben könnte. Samuel würde sich kaum damit zufrieden geben, das Schwert wieder in seinem Besitz zu haben. Wahrscheinlicher war, dass er den rechtmäßigen Besitzer ausschalten wollte, und damit jede Möglichkeit, dass Richard Anspruch darauf erhob oder sonst irgendwie versuchte, es wieder in seinen Besitz zu bringen.

Denn trotz Shotas gegenteiligen Behauptungen war Samuel der eigentliche Dieb. Die Verantwortung für das Schwert der Wahrheit oblag dem Obersten Zauberer, er war es, der die Sucher ernannte und ihnen das Schwert aushändigte. Es gehörte keineswegs dem, der es, auf welche Weise auch immer, in seinen Besitz gebracht hatte, es gehörte dem wahren, von einem Zauberer ernannten Sucher, und das war Richard.