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Mit einem schauderhaften Schrecken überkam ihn die plötzliche Erkenntnis, dass er das Vertrauen verraten hatte, das sein Großvater mit dem Überreichen des Schwertes in ihn gesetzt hatte. Aber welchen Wert hatte das Schwert für ihn, wenn es zu behalten bedeutete, dass Kahlan ihr Leben verlieren würde?

Für ihn war das Leben eines Menschen der höchste Wert, den es gab.

43

Richard war so tief in Gedanken, dass er von dem beschwerlichen Anstieg über die Flanke der steilen Felsenklippe und aus Agaden hinaus kaum etwas mitbekam. Im goldenen Licht des Abends wurden die Schatten der Bäume auf den grünen Feldern im Tal unter ihnen immer länger, doch die stille Schönheit dieses Ortes, jetzt, da die Sonne hinter den umliegenden Bergen versank, verfehlte auf ihn ihre Wirkung. Ehe die Dunkelheit endgültig um sich griff, wollte er Tal und Sumpfgebiet weit hinter sich gelassen haben, und dieser Aufgabe, dieser Mission, immer weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen, in Bewegung zu bleiben und voranzukommen, versuchte er sein ganzes Bestreben zu widmen.

Als sie endlich den Oberrand der Felsenklippe und das ausgedehnte Sumpfgebiet erreicht hatten, das den Zugang zu Shotas Heim sicherte, hatte sich das frühe Dämmerlicht bereits über den tiefen Einschnitt in dem hoch aufragenden Gebirge gelegt, das diesen Ort wie ein Ring umschloss. Weil die steilen Felswände das Sonnenlicht bereits früh fern hielten, war der weite Himmel noch tiefblau, doch seine Helligkeit vermochte das dichte Laubdach des Waldes nicht wirkungsvoll zu durchdringen, sodass das endlose grüne Sumpfgebiet bereits am späten Nachmittag im ständigen Dämmer der hereinbrechenden Nacht zu versinken schien. Die tiefen Schatten unterschieden sich von denen in Shotas Tal, denn hier verbargen sie durchaus handfeste, ansonsten aber eher gewöhnliche Gefahren. In den Schatten rings um Shota dagegen verbargen sich Gefahren, die nicht so leicht einzuschätzen waren, die einem aber, vermutete Richard, auf sehr viel unangenehmere Weise zu schaffen machen konnten.

Die Geräusche des feuchten Sumpfes ringsum, das Zirpen und Pfeifen, Heulen und Johlen, das Schnalzen und die fernen Schreie, all das drang kaum bis in Richards Bewusstsein vor, der tief in seiner ganz eigenen Welt versunken war, einer Welt, in der Verzweiflung und zielgerichtete Entschlossenheit in einem titanischen Wettstreit miteinander rangen.

Gewiss, Shota hatte ihm eine Menge über die Blutbestie sagen können, die Jagd auf ihn machte, andererseits hatte ihm auch Nicci schon erklärt, dass er von einer auf Jagangs Geheiß erschaffenen Bestie verfolgt wurde. Die eher dürftigen Einzelheiten, die er über diese Bestie erfahren hatte, hatten den Besuch bei Shota sicher nicht gelohnt, erst die herzlich kargen Worte, mit denen Shota ganz am Ende herausgerückt war, waren für ihn wirklich von Bedeutung. Ihretwegen hatte er die Reise an diesen Ort unternommen, ihretwegen hatte er einen Preis bezahlt, dessen Bedeutung ihm erst jetzt so richtig bewusst wurde. Immer wieder war er versucht, sich mit einem Griff zum Heft seines Schwertes zu beruhigen, doch die vertraute und treue Waffe war nicht mehr da. Sosehr er sich bemühte, nicht daran zu denken, der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Einerseits war er erleichtert, weil es ihm, dessen war er sich ganz sicher, gelungen war, einen entscheidenden Hinweis zu bekommen, gleichzeitig aber verspürte er das erdrückende Gefühl einer persönlichen Niederlage. Er achtete kaum darauf, wohin er lief, gerade nur so weit, dass er nicht auf eine gelbschwarz gestreifte Schlange trat, die er zusammengerollt in der Mulde einer Wurzel liegen sah, und sich die pelzigen, an den Unterseiten der Blätter haftenden Spinnen nicht geräuschlos an ihrem seidenen Faden herab- und auf ihn fallen ließen. Fauchte ihn aus einem Gestrüpp heraus etwas an, machte er einen weiten Bogen darum. Richard bahnte sich zielstrebig einen Weg durch das dichte Gestrüpp, bog Ranken und Zweige zur Seite und stieg behutsam über Wurzelknoten hinweg, die sich, wenn man sich ihnen näherte, bisweilen schlangenähnlich ringelten. Gleich bei seinem ersten Besuch hatte Samuel ihm demonstriert, wie sich diese Wurzeln einem um die Knöchel schlängeln konnten, wenn man ihnen zu nahe kam. Der Versuch, den Begriff »Feuerkette« zu entschlüsseln und herauszufinden, was sich dahinter verbarg, nahm ihn so sehr in Anspruch, dass er um ein Haar in eine schwarze, im trüben Licht kaum zu erkennende Wasserfläche hineingetreten wäre; Cara konnte ihn gerade noch rechtzeitig mit der Hand am Arm zurückreißen. Nachdem er sich kurz umgesehen hatte, entdeckte er den Baumstamm, auf dem sie sie zuvor überquert hatten, und nahm stattdessen diese Route. Er zermarterte sich das Hirn bei dem Versuch herauszufinden, ob er den Begriff Feuerkette irgendwann schon einmal gehört hatte, aber mittlerweile schwand seine Hoffnung ebenso rasch dahin wie das nur noch spärlich vorhandene Tageslicht. Immerhin schien der Begriff merkwürdig genug, dass er sich mit einiger Sicherheit daran erinnert hätte, wenn er ihm schon einmal begegnet wäre. Er wünschte, Shota hätte wenigstens seine Herkunft oder Bedeutung gewusst; aber er glaubte ihr, wenn sie sagte, ihr flögen diese Dinge ohne jede Erklärung oder Einsicht einfach zu.

Allerdings fürchtete er, nur zu genau zu wissen, was Shota mit der Bemerkung »Was du suchst, ist lange begraben« gemeint hatte. Die Warnung verursachte ihm ein schmerzhaftes Stechen in der Brust, denn er fürchtete, es könnte bedeuten, dass Kahlan längst tot und begraben war. Keinesfalls durfte er zulassen, dass er ihren Tod bereits als Tatsache ansah, und er versuchte stattdessen, sich ihre wunderschönen grünen Augen, ihr unverwechselbares Lächeln und ihr ganz besonderes Wesen als etwas sehr Reales und Lebendiges vorzustellen.

Aber Shotas Worte holten ihn immer wieder ein. Wenn er Kahlan wieder finden wollte, musste er unbedingt herausfinden, welche Bedeutung sich dahinter verbarg.

Ihre letzte Bemerkung, er solle sich »vor der vierköpfigen Viper in Acht nehmen«, war ihm zunächst vollkommen sinnlos erschienen, aber je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde das Gefühl, dass er sie eigentlich verstehen sollte – so als müsste sich ihm der dahinter verborgene Sinn erschließen, müsste er auf die Bedeutung kommen können, wenn er nur gewissenhaft genug darüber nachdachte. Der eigentliche Sinn schien jedenfalls offenkundig: Besagte vierköpfige Viper – was immer sich dahinter verbarg – war irgendwie für Kahlans Verschwinden verantwortlich.

Zu guter Letzt fragte er sich, ob sich sein Verdacht womöglich nur auf den ominösen Wortlaut gründete; schließlich wollte er sich nicht dazu verleiten lassen, aufgrund einer unmotivierten Eingebung in die falsche Richtung zu denken. Das kostete nur wertvolle Zeit, und davon, befürchtete er, hatte er ohnehin schon zu viel vergeudet.

»Wohin gehen wir überhaupt?« Caras Frage riss ihn aus seinen verschlungenen Gedanken. Ihm wurde bewusst, dass es das Erste war, was sie seit ihrem Aufbruch bei Shota gesagt hatte. »Die Pferde holen.«

»Ihr wollt versuchen, den Pass noch heute Nacht zu überqueren?«

Er nickte. »Ja, wenn möglich. Sobald das Unwetter weitergezogen ist, müsste der Mond genügend Licht spenden.«

Der verhärtete Zug um Caras Kinnpartie war ein deutliches Zeichen für das Unbehagen, das die Vorstellung bei ihr auslöste, einen solchen Marsch bei Nacht zu absolvieren, doch statt sich zu beklagen, fragte sie nach etwas anderem.

»Und was geschieht, wenn wir die Pferde geholt haben?«

»Dann versuchen wir Antworten auf das zu finden, was ich bislang herausgefunden habe.«

Zwischen den knorrigen Bäumen ringsum, den hängenden Ranken und über den Flächen stehenden Wassers war ganz allmählich Nebel aufgezogen, so als wollte er sich vorsichtig heranschleichen, um ihre Unterhaltung zu belauschen. Da kein Wind ging, der die herabhängenden Ranken der Moose hätte in Bewegung versetzen können, hingen sie schlaff von den knorrigen Ästen herab. Schatten bewegten sich in den dunklen Stellen unter den Schlingpflanzen und Sträuchern, und irgendwo in der Ferne plätscherte unsichtbares Getier in den schwarzen Flächen stehenden Wassers.