Выбрать главу

Richard, dem wirklich nicht danach zumute war, sich über den langen und schweren Ritt auszulassen, der vor ihnen lag, kam ihr mit einer Frage zuvor: »Seid Ihr schon einmal irgendwo auf den Begriff Feuerkette gestoßen?«

Cara stieß einen Seufzer aus. »Nein.«

»Irgendeine Vermutung, was er bedeuten könnte?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Und was ist mit dieser Knochenstätte im Herzen der Leere? Sagt Euch das vielleicht etwas?«

Cara zögerte einen Moment mit der Antwort. »Ich glaube, dieses ›Herz der Leere‹ kommt mir vage bekannt vor. Mir ist, als könnte ich es womöglich schon einmal gehört haben.«

Er fand, das klang nicht gerade ermutigend.

So ging es dahin. An der Stelle, wo sich der dichte Baumbestand zur dunklen Masse des sich vor ihnen erhebenden Gebirges öffnete, blieb Cara stehen.

»Gut möglich, dass Nicci uns bald einholen wird, sie weiß eine Menge über Magie und alles Mögliche. Vielleicht weiß sie ja, was Feuerkette oder eines der anderen Rätsel bedeutet. Nicci wäre bestimmt überglücklich, wenn sie Euch irgendwie helfen könnte.«

Er hakte einen Daumen hinter seinen Gürtel. »Wollt Ihr mir jetzt endlich verraten, was Ihr mit Nicci ausgeheckt habt?«

Es erschien ihm ziemlich offenkundig, trotzdem wollte er aus ihrem Munde hören, wie weit das Ganze ging. Abwartend beobachtete er ihre Augen.

»Nicci hat nichts damit zu tun, es war allein meine Idee.«

»Was genau war Eure Idee?«

Cara wich seinem direkten Blick aus und starrte stattdessen hinauf zum Pass. Der Himmel war weitgehend wolkenlos, und die ersten Sterne begannen sich zu zeigen. Getrieben von einem lautlosen Wind, eilten hoch droben einige Wolkenfetzen dahin. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Mond aufging. »Als Ihr mich geheilt habt, konnte ich ein wenig von jener schrecklichen Einsamkeit spüren, die Euch quält. Ich dachte, vielleicht habt Ihr Euch diese Frau, diese Kahlan, nur ausgedacht, um diese Leere auszufüllen. Ich möchte nicht, dass Ihr unter dieser entsetzlichen Angst leidet, die ich in Euch gespürt habe. Ein Mensch, der gar nicht existiert, kann diese Leere unmöglich füllen.«

Als sie nicht weitersprach, tat er es.

»Und deswegen wollt Ihr, dass Nicci diese Leere füllt?«

Ihr Blick kehrte zu seinen Augen zurück, und ein Ausdruck der Verzweiflung ging über ihre Züge. »Lord Rahl, ich will Euch doch nur helfen. Ich glaube, Ihr braucht einen Menschen, der mit Euch zusammen ist... der Euer Leben teilt, genau wie Shota jemanden wollte, nämlich Euch. Aber Shota ist nicht die Richtige für Euch. Ich glaube nur, dass Nicci Euch gut tun würde, das ist alles.«

»Ihr dachtet also, Ihr könntet, stellvertretend für mich, mein Herz an jemanden verschenken?«

»Na ja ... so, wie Ihr es sagt, klingt es natürlich verkehrt.«

»Es ist verkehrt.«

»Nein, ist es nicht«, beharrte sie, die Hände zu Fäusten geballt. »Ihr braucht jemanden. Ich weiß, wie verloren Ihr Euch derzeit fühlt, und ich denke, es wird immer schlimmer. Bei den Gütigen Seelen, Ihr habt gerade Euer Schwert hergegeben.

Ihr braucht jemanden, das weiß ich genau. Irgendwie wirkt Ihr, als fehlte Euch etwas. All die vielen Jahre, die ich Euch nun schon kenne, habt Ihr noch nie so auf mich gewirkt. Zeit meines Lebens habe ich mir den Lord Rahl nie mit nur einer Frau oder gar als verheirateten Mann vorgestellt, aber in Euerm Fall glaube ich, dass Ihr einfach jemanden braucht, der Euch seelenverwandt ist.

Und Nicci passt besser zu Euch als jede andere. Sie ist klug – so klug, dass Ihr beide Euch richtig unterhalten könnt, über Magie und solche Dinge. Ich hab gesehen, wie Ihr Euch beide unterhalten habt, wie ihr zusammen gelacht habt. Ihr scheint einfach zusammenzugehören. Ihr seid beide gescheit und mit der Gabe gesegnet. Außerdem ist sie wunderschön. Ich finde, Ihr solltet eine schöne Frau haben, und das ist Nicci.«

»Und welche Rolle hat Nicci bei Eurer kleinen Intrige gespielt?«

»Nicci hat die gleichen Einwände vorgebracht wie Ihr – was in gewisser Weise nur beweist, dass ich mit meiner Einschätzung richtig liege, Ihr beide passt gut zusammen.«

»Ihr hat also auch nicht gefallen, dass ihr Leben verplant wird?«

Cara zuckte mit einer Schulter. »Nein, das wollte ich damit nicht sagen. Sie hatte Euch gegenüber dieselben Vorbehalte – als sie sich dagegen aussprach, geschah dies ganz in Eurem Interesse, nicht in ihrem. Sie hatte einzig Euer Wohl im Sinn. Sie schien genau zu wissen, dass Ihr von einer solchen Idee nicht eben begeistert sein würdet.«

»Na ja, in einem Punkt habt Ihr jedenfalls Recht, sie ist eine wirklich kluge Frau.«

»Ich wollte sie nur dazu bringen, einmal darüber nachzudenken, ich hab ihr schließlich nicht gesagt, sie soll sich Euch an den Hals werfen. Ich dachte, vielleicht könntet Ihr beide Euch ja ergänzen und die Leere ausfüllen, die Ihr beide empfindet, ich dachte, wenn ich sie ermutige, es sich ernsthaft zu überlegen, könnte die Geschichte ihren natürlichen Verlauf nehmen, das ist alles.«

Richard hätte sie würgen können, trotzdem versuchte er, ruhig zu klingen, nicht zuletzt, weil Caras Vorgehensweise zwar verkehrt, aber auf rührende Weise menschlich war und von einer Anteilnahme zeugte, dass er sie gleichzeitig am liebsten umarmt hätte. Wer hätte je gedacht, dass eine Mord-Sith jemals zu so etwas wie Liebe und Freundschaft fähig wäre? Nun, er selbst vermutlich, aber trotzdem ... »Cara, Ihr versucht dasselbe zu tun, was auch Shota wollte – mir die Entscheidung abnehmen, was ich fühlen und wie ich mein Leben gestalten sollte.«

»Nein, das ist nicht dasselbe.«

Richards Miene verdüsterte sich. »Und wieso nicht?«

Cara presste die Lippen aufeinander. Er wartete. Schließlich antwortete sie mit kaum hörbarer Stimme. »Weil sie Euch nicht wirklich liebt. Ich schon. Aber natürlich nicht so«, beeilte sie sich hinzuzufügen. Er war weder in der Stimmung, ihr zu widersprechen, noch sie anzuschreien. Er wusste, dass Cara nur aus edelsten, wenn auch falsch verstandenen Motiven gehandelt hatte. Vor allem aber konnte er kaum glauben, was er sie soeben laut und deutlich hatte eingestehen hören. Ohne all den anderen Schlamassel wäre er überglücklich gewesen.

»Cara, ich bin schon verheiratet, und zwar mit der Frau, die ich liebe.«

Traurig schüttelte sie den Kopf. »Es tut mir Leid, Lord Rahl, aber diese Kahlan existiert einfach nicht.«

»Wenn sie nicht existiert, wieso konnte Shota mir dann Hinweise geben, die mir helfen werden, die Wahrheit herauszufinden?«

Wieder wandte Cara den Blick ab. »Weil die Wahrheit ist, dass Kahlan nicht existiert. Was sie Euch gesagt hat, wird Euch nur helfen, diese traurige Wahrheit zu entdecken. Habt Ihr je darüber nachgedacht?«

»Nur in meinen schlimmsten Albträumen«, sagte er und marschierte los Richtung Pass.

44

Als sie den Raben krächzen hörte, drehte Julian sich um und blickte in den Himmel. Die ausgebreiteten Schwingen des prachtvollen Vogels schwankten leicht, als er sich von den unsichtbaren Luftströmungen des vollkommen blauen Himmels tragen ließ. Unter ihren Blicken stieß er ein erneutes Krächzen aus, ein raues, heiseres Geräusch, das in der tiefen Stille der Schluchten widerhallte und bis über die ausgedörrte, leicht hügelige, in der nachmittäglichen Sonne sengende Landschaft trug. Julian schnappte sich die kleine tote Echse, die neben ihr auf der bröckelnden Mauer lag, und hastete die staubige Gasse hinauf. Hoch oben zog der Rabe majestätisch seine Kreise und schaute zu, wie sie die Steigung hinaufrannte. Sie ahnte, dass er sie wahrscheinlich schon vor einer Ewigkeit erspäht hatte, lange bevor sie überhaupt wusste, dass er da war.

Die kleine Echse beim Schwanz haltend, stieg Julian auf die Fußballen, reckte ihren Arm, so weit es irgend ging, in den Himmel und wedelte verlockend mit ihrer Opfergabe. Dann musste sie lachen, denn sie sah, wie der tintenschwarze Vogel, als er die geringelte Echse in ihren Fingern erspähte, mitten in der Luft kurz ins Wanken zu geraten schien. Augenblicklich ließ sich der Vogel über die Seite in einen steilen Sturzflug kippen, um bei seinem lotrechten Sturz in die Tiefe, die Flügel halb angezogen, immer mehr Fahrt aufnehmen zu können. Ein Hüpfer, dann saß Julian auf der verfallenen Steinmauer neben einigen herausgebrochenen Pflastersteinen, die einst Teil einer Straße gewesen waren. Im Laufe von Äonen war die Straße unter Schichten von Erde und Staub weitgehend verschüttet worden, Schichten, herangetragen von Wind und Regen, auf denen nun wilde Gräser und dürre Bäume wucherten. Ihr Großvater hatte ihr erzählt, all dies sei einst Teil eines ganz besonderen Ortes gewesen und sehr alt.