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So alt, dass Julian Mühe hatte, es sich vorzustellen. Als sie ihren Großvater in jüngeren Jahren gefragt hatte, ob dieser Ort älter sei als er, hatte er nur gelacht und erwidert, er wolle ja gerne zugeben, dass er alt sei, aber so alt nun auch wieder nicht, außerdem sei der Erdboden gar nicht imstande, die Errungenschaften der Menschen in der Spanne eines einzigen Menschenlebens so schnell unter sich zu begraben. Ein so langwieriger Vorgang, hatte er hinzugefügt, erfordere nicht nur sehr viel Zeit, sondern auch ein beträchtliches Maß an Vernachlässigung. Zeit war inzwischen reichlich vergangen, und da von der Bevölkerung kaum noch jemand übrig war, hatte die Vernachlässigung immer weiter um sich greifen können.

Er hatte ihr erzählt, dass diese menschenleere alte Stadt einst von ihren Vorfahren bewohnt gewesen war. Julian liebte seine Geschichten über dieses rätselhafte Volk, das einst an diesem Ort gelebt und diese unglaubliche Stadt oben auf der Landzunge jenseits der steinernen Säulen errichtet hatte. Ihr Großvater war ein Geschichtenerzähler; und weil sie stets ganz versessen darauf war, seinen Erzählungen der alten Geschichten zu lauschen, hatte er ihr versprochen – unter der Voraussetzung, dass sie bereit war, sich die nötige Mühe zu geben –, sie zu jener Erzählerin zu machen, die eines Tages seinen Platz einnehmen würde. So begeistert sie war, zur Erzählerin ausgebildet zu werden und all die Dinge zu beherrschen, die es dafür zu lernen galt, jemand zu werden, der wegen seines Wissens über die alten Zeiten und ihr Erbe in hohem Ansehen stand die sich zwangsläufig daraus ergebende Folgerung, dass ihr Aufstieg innerhalb ihres Volkes gleichzeitig das Ableben ihres Großvaters bedeutete, behagte ihr gar nicht.

Lokey ließ sich neben ihr nieder, faltete seine schwarz glänzenden Flügel zusammen und riss sie damit aus ihren Gedanken über gewichtige Themen, alte Völker und die von ihnen erbauten Städte, über Kriege und Heldentaten. Neugierig kam der Rabe näher.

Julian legte die erst kurz zuvor verendete Echse neben sich, fasste sie an der Schwanzspitze und wedelte sie lockend hin und her.

Lokey neigte den Kopf zur Seite, doch statt die Opfergabe anzunehmen, blinzelte er nur mit seinen schwarzen Augen. Schließlich kam er, den rechten Fuß voran, in seinem vorsichtigen Seitwärtsgang näher, den er stets dann an den Tag legte, wenn er sich einem Stück Aas näherte. Aber statt unter heftigem Flügelschlagen ein paar Mal aus bewährter Vorsicht wieder zurückzuhüpfen, wie er es immer tat, wenn er etwas fand, das sich hoffentlich als Mahlzeit entpuppen würde, ihm womöglich aber auch gefährlich werden konnte, kam er sofort beherzt auf sie zu und schnappte mit seinem massigen Schnabel nach ihrem Wildlederärmel. »He, was soll das, Lokey?«

Beharrlich ließ Lokey nicht von seinem Zerren ab. Normalerweise zupfte der neugierige Vogel am Perlenbesatz ihres Ärmels oder an den angesetzten Lederfransen, jetzt dagegen zupfte er am Ärmel selbst. »Was ist?«, fragte sie. »Was willst du?«

Er ließ von ihrem Ärmel ab, neigte den Kopf zur Seite und musterte sie aus einem glänzenden Auge. Raben waren intelligente Tiere, auch wenn sie nie ganz sicher war, wie weit ihre Intelligenz reichte. Bisweilen kam ihr der Gedanke, dass Lokey intelligenter war als so mancher ihr bekannte Mensch. Angriffslustig stellten sich seine Federn an Hals und Ohren auf, und plötzlich stieß er ein durchdringendes Krächzen aus, das sehr nach wütender Enttäuschung klang – Enttäuschung darüber, dass er des Sprechens nicht mächtig war und ihr somit auch nichts mitteilen konnte.

Kraaah. Wieder plusterte er sein Gefieder auf und krächzte. Kraaah. Julian strich ihm erst über den Kopf, dann über seinen Rücken, indem sie ihn sanft und doch fest unter seinem aufgestellten Gefieder kraulte – was er nur zu gerne mit sich geschehen ließ –, ehe sie sein aufgeplustertes Gefieder wieder glatt strich. Statt des zufriedenen Schnalzens und trägen Blinzeins, mit denen er diese Liebkosung normalerweise quittierte, entfernte er sich mit einem Hüpfer aus ihrer Reichweite und stieß drei durchdringende Krächzlaute aus, die ihr schmerzhaft in den Ohren klangen. Sie hielt sich die Hände auf die Ohren. »Was ist heute bloß in dich gefahren?«

Flügelschlagend hüpfte Lokey auf und ab, krächzte erneut, bis er schließlich unter lautem Krähen mit den Flügeln wedelnd quer über die alte Pflasterstraße rannte, ehe er, drüben angekommen, sich flatternd kurz in die Luft erhob und wieder landete, nur um gleich darauf erneut abzuheben. Kraaah.

Jillian stand auf. »Möchtest du, dass ich mit dir komme?«

Er stieß ein lautes Krächzen aus, so als wollte er bestätigen, dass sie endlich richtig geraten hatte. Jillian musste lachen. Sie war sich sicher, dass der verrückte Vogel jedes ihrer Worte verstand und manchmal sogar ihre Gedanken lesen konnte. Deshalb liebte sie es, ihn um sich zu haben. Manchmal, wenn sie mit ihm sprach, blieb er nicht weit entfernt ganz ruhig stehen und hörte zu.

Ihr Großvater hatte sie gewarnt, den Raben nicht bei sich im Zimmer schlafen zu lassen, da er sonst ihre Träume erfahren würde. Da sie meist angenehme Träume hatte, hatte sie gar nichts dagegen, wenn Lokey über sie im Bilde war. Vermutlich kannte ihr kleiner Freund sie ohnehin längst, was auch der Grund dafür sein mochte, dass sie oftmals aufwachte und ihn zufrieden schlummernd auf dem nahen Fensterbrett sitzen sah. Sie war aber stets sehr darauf bedacht, ihm keine Albträume zu schicken. »Hast du vielleicht eine leckere tote Antilope gefunden? Oder ein Kaninchen? Hast du vielleicht deswegen keinen Hunger?« Sie drohte ihm mit dem Finger und setzte tadelnd hinzu: »Oder hast du etwa das Versteck eines anderen Raben geplündert?«

Sie hatte sich schon oft über die Gefräßigkeit Lokeys lustig gemacht, der immerzu hungrig zu sein schien. Er war immer bereit, das Essen mit ihr zu teilen, wenn sie ihn ließ, und wenn nicht, nahm er sich einfach, wonach es ihn gelüstete. Doch selbst wenn er zu satt war, um die Echse zu verschlingen, war sie überrascht, dass er sie nicht fortschleppte und für später in sein Versteck brachte, wie Raben es mit allem taten, was sie nicht auf der Stelle hinunterschlingen konnten – und das war nicht eben wenig. Ihr war unbegreiflich, wieso der Vogel kein Fett ansetzte.

Jillian erhob sich und klopfte sich dort, wo sie darauf gesessen hatte, den Staub vom Kleid und von ihren knotigen Knien. Lokey war bereits in der Luft und zog, sie zur Eile drängend, krächzend seine Kreise. »Schon gut, ist ja schon gut«, klagte sie und breitete die Arme aus, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, während sie mit hastigen Schritten über die mächtige Mauer entlang einer mit Trümmern übersäten Einfriedung balancierte.

Auf der Kuppe des kleinen Hügels blieb sie stehen, eine Hand auf der um ihre Hüfte geschlungenen Stoffschärpe, die andere schützend über ihren Augen, spähte in den strahlenden Himmel und beobachtete ihren Freund, der mit den Flügeln schwankend und immer wieder kurz abtauchend um ihre Aufmerksamkeit warb. Lokey war ein schamloser Angeber: Wenn er keine gewagten Flugmanöver vollführen konnte, um seine Artgenossen zu beeindrucken, dann vollführte er sie gern auch für sie. »Ich weiß schon«, rief sie in den Himmel, »du bist ein kluger Vogel, Lokey«