Lokey krächzte einmal, machte dann ein paar rasche Flügelschläge. Die Hand zum Schutz gegen die Sonne über den Augen, folgte Jillian ihm mit dem Blick, als er in südlicher Richtung über die sich schier endlos vor ihr erstreckende Weite davonflog. Da und dort, näher am Fuß der Landzunge und der sich dahinter auftürmenden Berge, durchschnitten Streifen grünen Sommergrases die karge Landschaft, während zu beiden Seiten dunstige violette Ausläufer des fernen Gebirges, jeder einen Hauch zarter und heller als sein Vorgänger, sich bis weit in die menschenleere Ebene erstreckten, die sich schier endlos nach Süden zu ziehen schien. Natürlich wusste sie, dass dem nicht so war. Ihr Großvater hatte erzählt, dass sich südlich von hier eine gewaltige Barriere befand, und dahinter ein seit Ewigkeiten verbotenes Land mit Namen die Alte Welt. In weiter Ferne, unten in der Ebene, wo vereinzelte Flecken raren Grüns bis an das Vorgebirge heranreichten, konnte sie die Stelle ausmachen, wo ihr Volk den Sommer über lebte. Hölzerne Zäune füllten die Lücken in den uralten, eingefallenen Mauern, zwischen denen sie ihre Ziegen, Schweine und Hühner hielten. Weiter draußen, auf der Sommerweide, grasten ein paar vereinzelte Rinder, dort gab es auch Wasser sowie ein paar Bäume, deren Laub im gleißenden Licht der Sonne schimmerte. Neben den einfachen Ziegelbauten, die unzählige Jahrhunderte den rauen Winterwinden und der sengenden Sommersonne getrotzt hatten, erstreckten sich einige Gärten.
Und dann, als sie erneut den Blick hob, um nach Lokey Ausschau zu halten, sah Julian über dem Horizont im Westen eine kaum wahrnehmbare Staubwolke aufsteigen. Sie war so weit entfernt, dass sie winzig schien. Die Staubfahne vor dem tiefblauen Himmel schien dort, wo sie den Horizont berührte, vollkommen still in der Luft zu stehen, doch sie wusste, dass dies nur eine durch die Entfernung hervorgerufene Täuschung war. Selbst aus dieser Entfernung war deutlich zu erkennen, dass sie sich über einen breiten Streifen erstreckte. Auch wenn sie nicht sehen konnte, was diese Staubfahne hervorrief, eines war ihr sofort klar: Einen solchen Anblick hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Ihr erster Gedanke war, es müsse sich um eine Windhose oder einen Staubsturm handeln, doch bei genauerem Hinsehen wurde ihr klar, dass sie für eine Windhose viel zu ausgedehnt war und ein Staubsturm nicht so weit in den Himmel steigen würde. Und selbst wenn er bis in den Himmel reichte, so war ein Staubsturm an seinem unteren Ende von etwas begrenzt, das einer gewaltigen, wogenden braunen Wolke glich, die sich dort, wo der böige Wind den Staub aufwirbelte, über den Boden wälzte.
Dies hier war etwas völlig anderes, dies war Staub, der von etwas aufgewirbelt wurde, das näher kam – von Menschen auf Pferden, die in ihre Richtung ritten.
Fremde.
Fremde in einer Zahl, die ihr Vorstellungsvermögen sprengte. Es mussten so ungeheuer viele sein, dass sie sich sofort an ein Ereignis aus den Geschichten ihres Großvaters erinnerte. Julians Knie fingen an zu zittern. Ein Angstgefühl kroch in ihr hoch und setzte sich in ihrer Kehle fest, dort, wo die Schreie geboren wurden.
Das mussten sie sein, die Fremden, von deren Kommen ihr Großvater immerzu gesprochen hatte. Jetzt kamen sie tatsächlich.
Es geschah niemals, dass die Menschen ihrem Großvater misstrauten – jedenfalls nicht offen –, obschon sie auch nicht glaubte, dass die Begebenheiten aus seinen Erzählungen sie übermäßig besorgt stimmten, schließlich erfreuten sie sich eines friedlichen, niemals von fremden Besuchern ihrer Heimat gestörten Daseins.
Sie selbst dagegen hatte ihrem Großvater stets geglaubt, daher hatte sie immer gewusst, dass die Fremden eines Tages kommen würden, doch wie die anderen auch hatte sie angenommen, dieses Ereignis würde irgendwann in ferner Zukunft stattfinden, wenn sie alt wäre vielleicht, oder mit ein wenig Glück erst in einer künftigen Generation.
Nur in ihren eher seltenen Albträumen kamen die Fremden nicht erst in ferner Zukunft, sondern schon in der Gegenwart.
Jetzt, da sie die Staubwolken aufsteigen sah, war ihr jenseits allen Zweifels klar, dass sie es waren und dass sie kamen – jetzt, in diesem Moment.
Sie hatte zeit ihres Lebens noch keinen Fremden zu Gesicht bekommen, niemand außer Julians Volk durchstreifte jemals die unwirtlichen Landstriche dieser schier endlosen und abweisenden Gegend, die unter dem Namen Herz der Leere bekannt war.
Vor Angst zitternd starrte sie auf die Staubfahne am Horizont. Bald schon würde sie eine große Zahl Fremder sehen – die Fremden aus den alten Geschichten.
Aber es war noch zu früh, sie hatte doch noch gar kein Leben gehabt, hatte noch keine Gelegenheit gehabt, zu leben und Kinder zu gebären. Tränen traten ihr in die Augen, sodass plötzlich alles verschwamm. Sie warf einen Blick über die Schulter hinauf zu den Ruinen. War es das, dem sich die Menschen aus den Erzählungen ihres Großvaters gegenübergesehen hatten?
Die Tränen begannen ihr über die staubigen Wangen zu rollen. In diesem Moment wurde ihr klar, ohne auch nur den leisesten Hauch eines Zweifels klar, dass ihr Leben im Begriff war, sich zu verändern, und dass ihre Träume von nun an nicht mehr glücklich sein würden.
Hastig kletterte Julian vom höchsten Punkt des Trümmerhaufens herunter, auf dem sie gestanden hatte, und rannte, vorbei an der Mauer und den verfallenen leeren Rechtecken der einstigen Häuser, den Gruben, über denen sich einst Gebäude erhoben hatten, den Hang hinunter. Als sie durch die Ruinen der Gemäuer rannte, die einst den Vorposten einer alten Stadt gebildet hatten, wirbelten ihre dahinfliegenden Füße selbst eine Staubwolke auf. Sie rannte durch Straßen, die längst nicht mehr durch buntes Treiben führten, an denen schon lange keine intakten Gebäude mehr standen.
Oft hatte sie sich vorzustellen versucht, wie es wohl gewesen sein mochte, als diese Häuser noch bewohnt waren, als die Straßen noch von Menschen bevölkert waren, in den Häusern Mahlzeiten zubereitet wurden, draußen vor den Ziegelbauten Wäsche hing und auf den Plätzen Waren feilgeboten wurden. All das war lange vorbei. Die einstigen Bewohner waren seit langem tot, die ganze Stadt ausgestorben – mit Ausnahme der wenigen aus Julians Volk, die sich bisweilen in den abgelegensten der alten Gemäuer einquartierten. Als sie sich den alten Gebäuden des Vorpostens näherte, die sie bewohnten, wenn sie den Sommer in diesem Gebiet verbrachten, sah Jillian Menschen, einander Kommandos zubrüllend, hektisch durcheinander laufen, sah sie ihre Sachen zusammensuchen und die Tiere zusammentreiben. Offenbar waren sie im Begriff weiterzuziehen, vielleicht zu ihrem Schlupfwinkel in den Bergen oder hinaus in das Ödland. Sie hatte ihr Volk dies nur wenige Male tun sehen, doch stets hatte sich die Gefahr als Irrtum entpuppt. Sie wusste, diesmal war sie Wirklichkeit.
Was sie nicht mit Sicherheit wusste, war, ob ihnen genug Zeit bliebe, vor den näher kommenden Fremden wegzulaufen und sich zu verstecken. Sicher, ihr Volk war widerstandsfähig und gut zu Fuß, die Menschen waren es gewöhnt, durch das verlassene Land zu ziehen. Ihr Großvater sagte immer, niemand sei für das Überleben in dieser Einsamkeit so gut gerüstet wie ihr Volk. Es kannte die Gebirgspässe und Wasserstellen ebenso wie die verborgenen Passagen durch scheinbar unpassierbare Canons. Es konnte sich in dem unwirtlichen Land in kürzester Zeit unsichtbar machen und dort überleben.
Zumindest traf dies auf die meisten zu, einige wenige, wie ihr Großvater, waren nicht mehr gut zu Fuß. Angesichts der neu aufkeimenden Sorge beschleunigten ihre Füße noch und flogen mit gleichmäßigem Tappen über den staubigen Boden. Im Näher kommen sah sie die Männer ihre Reiseausrüstungen auf den Maultieren festzurren, während die Frauen damit beschäftigt waren, Kochutensilien zusammenzusuchen, Wasserbehälter aufzufüllen sowie Kleidungsstücke und Zelte aus ihren Sommerbehausungen und Vorratsräumen ins Freie zu tragen. All dies machte auf Jillian den Eindruck, als wären sie schon seit einer Weile über die anrückenden Fremden unterrichtet, denn die Vorbereitungen für den Aufbruch befanden sich im Allgemeinen schon in weit fortgeschrittenem Stadium.