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»Ma!«, rief Jillian, als sie ihre Mutter beim Festzurren ihres Kessels auf einem bereits mit ihrem gesamten Hab und Gut bepackten Maultier erblickte. »Ma!«

Ihre Mutter zeigte ihr kurz ein Lächeln und streckte ihr beschützend einen Arm entgegen. Obwohl sie eigentlich schon zu alt für diese Dinge war, schmiegte sich Jillian unter den Arm wie ein junges Küken, das sich unter den Fittichen der Mutterhenne verkroch.

»Hol deine Sachen, Jillian.« Ihre Mutter machte eine scheuchende Handbewegung. »Beeil dich.«

Jillian war klug genug, in einem Augenblick wie diesem keine Fragen zu stellen. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und lief zu dem kleinen uralten rechteckigen Haus hinüber, das ihnen, wenn sie den Sommer in der Ebene nahe der Landzunge verbrachten, als Zuhause diente. Mitunter mussten die Männer die Dächer erneuern, wenn ein schweres Unwetter sie heruntergerissen hatte, aber davon abgesehen stimmten die Überreste der stabilen, gedrungenen Gebäude mit ebenjenen von ihren Vorvätern errichteten Gebäuden überein, welche die Stadt Caska einst oben auf der Landzunge erbaut und bevölkert hatten. Ihr Großvater, ausgezehrt und blass, wie sie sich eher ein Gespenst vorstellte, wartete in den Schatten unmittelbar vor der Tür. Er hatte es nicht eilig. Sofort füllte ein Gefühl des Entsetzens ihre Brust, als ihr klar wurde, dass er sie nicht würde begleiten können. Er war alt und gebrechlich und, wie einige der anderen Alten auch, nicht mehr schnell genug, um mit den Übrigen im Falle einer Flucht Schritt halten zu können. Am Ausdruck seiner Augen sah sie, dass er nicht die Absicht hatte, es zu versuchen. Sie ließ sich in die zärtlichen Arme ihres Großvaters sinken und brach, noch während er sie zu trösten versuchte, in Tränen aus.

»Ruhig, ganz ruhig, Kleines«, sagte er und strich ihr mit der Hand über das kurz geschorene Haar. »Dafür ist jetzt keine Zeit.«

Er fasste sie bei den Armen und schob sie sanft von sich, während sie sich größte Mühe gab, ihr Schluchzen zu unterdrücken. Natürlich wusste sie, dass sie alt genug war und nicht mehr so herumheulen sollte, aber sie war einfach machtlos dagegen. Er ließ sich in die Hocke herunter, und sein ledriges Gesicht zog Falten, als er ihr lächelnd eine Träne aus dem Gesicht wischte. Julian wischte auch den Rest ihrer Tränen fort, sie versuchte, tapfer zu sein und sich ihrem Alter entsprechend zu benehmen. »Großvater, Lokey hat mir die Fremden gezeigt, die zu uns kommen.«

Er nickte. »Ich weiß, ich selbst habe ihn geschickt.«

»Oh«, war alles, was ihr dazu einfiel. Ihre Welt geriet aus den Fugen, das Denken bereitete ihr Mühe, aber irgendwo, in einem entlegenen Winkel ihres Verstandes, dämmerte ihr, dass er dergleichen noch nie getan hatte. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass er überhaupt dazu fähig war, aber wie sie ihren Großvater kannte, konnte es sie nicht wirklich überraschen.

»Hör zu, Julian. Diese Männer, die auf dem Weg hierher sind, sind jene Männer, von deren Kommen ich dir immer erzählt habe. Wer kann, wird für eine Weile fortgehen und sich verstecken.«

»Wie lange?«

»So lange wie nötig. Diese Männer, die zu uns geritten kommen, sind nur eine kleine Vorhut jener gewaltigen Horden, die nach ihnen kommen werden.«

Ihre Augen weiteten sich. »Soll das heißen, es gibt noch mehr von diesen Leuten? Aber es sind doch schon so viele. Sie wirbeln mehr Staub auf, als ich je zuvor gesehen habe. Kann es wirklich noch mehr Fremde geben als diese Männer?«

Sein Lächeln war ebenso kurz wie bitter. »Ich vermute, sie stellen nur den Erkundungstrupp dar – die erste Vorhut aus Kundschaftern eines gewaltigen nachfolgenden Heeres. Sie kennen dieses weite, unbewohnte Land nicht, ich vermute, dass sie auf der Suche nach Strecken sind, auf denen es sich durchqueren lässt, und herausfinden wollen, ob sie irgendwo auf Widerstand stoßen. Ich fürchte, den Legenden zufolge wird die Zahl der Männer, für die sie dieses Land erkunden, sogar mein Vorstellungsvermögen übertreffen. Meiner Meinung nach werden die unfassbaren Horden dieser anderen Männer noch eine Weile auf sich warten lassen, aber schon diese Vorhut wird aus gefährlichen, skrupellosen Kriegern bestehen. Wer von unserem Volk dazu imstande ist, muss fliehen und sich vorübergehend verstecken. Du, Julian, wirst nicht mit ihnen gehen können.«

Ihre Kinnlade fiel herab. »Was ... ?«

»Hör mir zu. Die Zeiten, von denen ich dir stets berichtet habe, stehen jetzt unmittelbar bevor.«

»Aber Ma und Pa werden bestimmt nicht erlauben ...«

»Doch, das werden sie, wenn ich ihnen erkläre, dass sie es müssen, so wie auch unser Volk gewisse Dinge tun muss«, fiel er ihr mit strenger Stimme ins Wort. »Hier geht es um gewichtigere Dinge, Dinge, in die unser Volk noch nie hineingezogen worden ist – jedenfalls nicht, seit unsere Vorfahren die Stadt besiedelt haben. Jetzt gehen diese Dinge auch uns an.«

Julian nickte ernst. »Ja, Großvater.« Sie war vor Entsetzen wie gelähmt, und doch fühlte sie gleichzeitig ihr Pflichtgefühl gegenüber dem Ansinnen ihres Großvaters erwachen. Wenn er entschlossen war, sie mit diesen Dingen zu betrauen, dann durfte sie ihn nicht im Stich lassen. »Was soll ich denn tun?«

»Du wirst die Priesterin der Gebeine sein, die Überbringerin der Träume.«

Wieder klappte ihre Kinnlade herunter. »Ich?«

»Ja, du.«

»Aber ich bin noch zu jung; ich bin in diesen Dingen nicht einmal unterwiesen worden.«

»Dafür ist keine Zeit mehr, Kleines.« Beschwörend neigte er sich zu ihr. »Du bist die Einzige, die dafür infrage kommt, Julian. Ich habe dir bereits einen Großteil der Legenden beigebracht. Vielleicht magst du denken, dass du nicht vorbereitet oder noch nicht alt genug bist, und obwohl das alles ein Körnchen Wahrheit enthält, weißt du längst mehr, als dir bewusst ist. Außerdem kommt niemand sonst infrage. Diese Aufgabe obliegt dir allein.«

Julian starrte ihn fassungslos aus aufgerissenen Augen an. Sie fühlte sich völlig unzulänglich, gleichzeitig spürte sie einen Anflug von Erregung und noch verhaltener Anerkennung. Ihr Volk zählte auf sie, und was noch wichtiger war, auch ihr Großvater verließ sich auf sie und schien zudem überzeugt, dass sie es schaffen konnte. »Ja, Großvater.«

»Ich werde dich darauf vorbereiten, unter den Toten zu wandeln, anschließend musst du dich bei ihnen verstecken und abwarten.«

Wieder schien die Angst sie zu packen. Sie war noch nie allein bei den Toten zurückgeblieben. Julian schluckte. »Bist du sicher, dass ich für eine solche Aufgabe bereit bin, Großvater, ganz allein unter den Toten? Um auf einen der ihren zu warten?«

Das durch die Tür hereinfallende Licht verlieh seinem Gesicht einen Hauch von Bedrohlichkeit. »Ich habe dich nach besten Kräften vorbereitet. Gewiss, ich hatte gehofft, es bliebe noch etwas Zeit, um dir manches noch beizubringen, aber wenigstens konnte ich dir ein bisschen von dem beibringen, was du wissen musst.«

Draußen, im hellen Sonnenlicht, hasteten die Menschen umher und gingen ihren Vorbereitungen nach – stets sorgsam darauf bedacht, nur ja keinen Blick in die Schatten zu werfen, auf Großvater, jetzt, nachdem er sie von den Übrigen abgesondert hatte, um ihr zu erklären, was sie erwartete. »Ich will dir die Wahrheit sagen«, fuhr er fort, »auch mich trifft dies unvorbereitet. Tausende von Jahren wurden in unserem Volk die Legenden an die nächste Generation weitergegeben, doch nie war die Rede davon, wann es so weit sein würde. Selbst ich habe nie recht glauben wollen, dass es noch zu meinen Lebzeiten geschehen könnte. Ich weiß noch genau, wie mein Großvater mir von den Dingen erzählte, die ich dir jetzt anvertraut habe. Damals habe ich nicht so recht daran geglaubt, es könnte jemals so weit kommen, außer vielleicht in einer fernen Zukunft, die auf mein Leben keinerlei Einfluss mehr hat. Aber jetzt ist diese Zeit gekommen, und wir müssen alles in unseren Kräften Stehende tun, um uns unserer Vorfahren würdig zu erweisen. Wir – du vor allem müssen vorbereitet sein, wie es uns in den Legenden beigebracht wurde.«