»Wie lange werde ich warten müssen?«
»Das kann ich dir unmöglich sagen. Du musst dich bei den Seelen versteckt halten. Für diesen Fall haben wir beide, du und ich, Lebensmittel gehortet, ganz so, wie Lokey und wie es die Legendenerzähler seit vielen Jahrhunderten gehalten haben. Du wirst genug zu essen haben, um nicht hungern zu müssen, außerdem kannst du fisehen und auf die Jagd nach Wild gehen, wenn es sicher ist, die Stätte zu verlassen.«
»Ja schon, Großvater, aber könntest du dich nicht mit mir verstecken?«
»Ich werde dich dort hinaufbringen, dir helfen, dich vorzubereiten, und dir mein ganzes Wissen anvertrauen. Aber dann muss ich hierher zurückkehren und helfen, diese Fremden glauben zu machen, dass wir ihnen einen offenen und freundlichen Empfang bereiten, damit der Rest unseres Volkes fliehen kann – und du dich verstecken kannst. Ich wäre ohnehin nicht so flink wie du und außerdem nicht klein genug, um mich durch die schmalen Spalten zu zwängen, damit diese Männer mir nicht folgen können. Ich werde hierher zurückkehren und meines Amtes walten müssen.«
»Und wenn diese Fremden dir etwas antun?«
Der alte Mann holte tief Luft und stieß sie mit matter Entschlossenheit wieder aus. »Das wäre sehr gut möglich. Die Männer, die sich auf dem Weg hierher befinden, sind zu solchen Grobheiten durchaus fähig – eben deswegen ist es ja so wichtig. Gerade wegen ihrer Grausamkeit müssen wir Stärke zeigen und dürfen ihnen keinesfalls nachgeben. Selbst wenn ich sterben sollte« – warnend hob er einen Finger –, »und sei gewiss, dass ich es nach Kräften zu vermeiden versuchen werde, werde ich euch anderen den Vorsprung verschaffen, den ihr braucht.«
Julian biss sich auf die Unterlippe. »Hast du denn keine Angst zu sterben?«
Er nickte, ein Lächeln auf den Lippen. »Große sogar. Aber ich habe ein erfülltes Leben gehabt und würde mich schon aus Liebe zu dir entscheiden, dir die Chance zu geben, in meine Fußstapfen zu treten.«
»Großvater«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme, »ich möchte, dass du mein Leben lang bei mir bleibst.«
Er ergriff ihre Hand. »Das möchte ich auch, Kleines. Wie gern würde ich dich zu einer erwachsenen Frau heranwachsen sehen, die selbst Kinder hat. Aber ich möchte nicht, dass du dir meinetwegen zu große Sorgen machst, ich bin gar nicht so hilflos und überdies kein Narr. Ich werde bei den anderen im Schatten sitzen, sodass ich für diese Männer keine Gefahr darstelle. Anschließend werden wir den Fremden gestehen, dass die Jüngeren aus unserem Volk aus Angst geflohen sind, wir aber dazu nicht mehr fähig waren. Vermutlich werden sie Wichtigeres zu tun haben, als ihre Kräfte darauf zu verschwenden, ein paar alten Männern etwas anzutun. Uns wird schon nichts geschehen. Ich möchte, dass du dich ganz auf deine Aufgabe konzentrierst und dich nicht um mich sorgst.«
Julian wurde ein wenig leichter ums Herz. »Ja, Großvater.«
»Außerdem«, setzte er hinzu, »wird Lokey bei dir sein, der meine Seele in sich trägt. Es wird also fast so sein, als wachte ich persönlich über dich.« Als daraufhin ein Lächeln um ihre Lippen spielte, sagte er: »Und jetzt komm. Wir müssen los und einige Vorkehrungen treffen.«
Kurz darauf, nachdem der alte Mann ihnen erklärt hatte, er werde Julian jetzt mitnehmen, damit sie bei den Seelen ihrer Vorfahren ausharren und über die Sicherheit ihres Volkes wachen könne, erhielten ihre Eltern kurz Gelegenheit, sich von ihr zu verabschieden. Ob die beiden begriffen, wie wichtig es war, sie gehen zu lassen, oder ob sie den alten Mann zu sehr fürchteten, um ihm die Erlaubnis zu verweigern, sie nahmen sie kurz in den Arm und wünschten ihr Kraft bis zum Wiedersehen.
Ohne ein weiteres Wort führte der alte Mann sie unter ihren Blicken fort. Er führte sie über die uralten Straßen, vorbei an den verlassenen Außenposten und rätselhaften Gebäuden und schließlich den gewaltigen Anstieg des Geländes hinauf. Während des Aufstiegs senkte sich die Sonne allmählich hinter den goldenen Staubschweif, der ebenso langsam wie unaufhaltsam näher kam. Ehe die Sonne ganz untergegangen wäre, das wusste sie, würde der größte Teil ihres Volkes abgezogen sein.
Mit dem Untergang der Sonne begannen dunkle Schatten die Hohlwege zu bevölkern; immer wieder verführten die verschlungenen, im glatten Fels eingelagerten Gesteinsschichten sie dazu, weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen, um zu sehen, was sich wohl hinter der nächsten Biegung verbarg, immer wieder fanden sich im Geröll am Boden des Hohlwegs die Knochen kleiner Tiere, meist waren es die Überreste von Coyoten oder Wölfen. Sie hatte schwer gegen die Vorstellung anzukämpfen, ständig ihre eigenen verblichenen Knochen dort im Geröll verstreut liegen zu sehen.
Im immer dunkler werdenden Blau des Abendhimmels zog Lokey über ihnen träge seine Kreise und beobachtete sie und Großvater auf ihrem Weg hinauf zur Landzunge. Als sie die steinernen Türme erreichten, glitt der Vogel lautlos, fast spielerisch zwischen den Spitzen der Felsensäulen dahin. Er war ihnen schon so oft bis in die alte Stadt hinauf gefolgt, dass er sich vermutlich gar nichts dabei dachte. Julian dagegen erschien diesmal alles neu, und das, obwohl ihr Großvater sie schon viele Male durch diesen Irrgarten aus Schluchten, trockenen Wasserläufen und tiefen Canons hier heraufgeführt hatte.
Diesmal machte sie den Weg als Priesterin der Gebeine, als Überbringerin der Träume. An einer Stelle, wo ein stiller Bach einem verschlungenen Pfad durch das Geröll am Grund eines sehr tiefen Canons folgte, führte Großvater sie zu einem kleinen, im kühlen Schatten liegenden Fels und hieß sie sich hinsetzen. Ringsum erhoben sich die glatten, gewellten Seitenwände des Canons nahezu lotrecht in die Höhe, sodass es im Falle eines plötzlichen Regengusses keine Möglichkeit gab hinauszuklettern. Es war ein überaus gefährlicher Ort – und das beileibe nicht nur wegen der Gefahr unerwarteter Überschwemmungen. Das Gelände war von einem Gewirr von Wasserläufen und Schluchten durchzogen, die sich mancherorts einen komplizierten Weg um die gewaltigen Felssäulen gebahnt hatten, sodass man ohne weiteres im Kreis gehen konnte, ohne jemals wieder herauszufinden. Doch Julian kannte den Weg durch dieses Labyrinth – wie auch durch andere. Während sie still und abwartend dasaß, zog ihr Großvater einen Beutel auf, den er stets an seinem Gürtel trug, nahm zwischen den anderen Dingen, die er darin aufbewahrte, ein zusammengefaltetes Stück Wachstuch hervor und faltete es in seiner Handfläche auseinander. Dann tunkte er den Zeigefinger in die ölige schwarze Substanz, die sich darin befand, und bog ihr Kinn leicht nach oben. »Halt still jetzt, solange ich dein Gesicht bemale.«
Julian war noch nie angemalt worden. Sie kannte die Zeremonie aus den Erzählungen ihres Großvaters, aber bisher hatte sie nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass sie selbst eines Tages die Priesterin der Gebeine sein könnte, dass sie es sein könnte, die bemalt wurde. Während er damit beschäftigt war, saß sie so still wie irgend möglich da. Sie hatte das Gefühl, dass alles viel zu schnell passierte – ehe sie überhaupt Gelegenheit hatte, so recht darüber nachzudenken. Noch am Morgen dieses Tages hatte sie keine andere Sorge gehabt, als eine Echse für Lokey zu fangen, und nun kam es ihr so vor, als lastete das Gewicht der Welt auf ihren Schultern. »So«, sagte ihr Großvater. »Komm her und schau dich an.«
Julian ließ sich neben einem Tümpel mit stehendem Wasser auf die Knie herunter, beugte sich vor und erschrak. Was sie dort sah, war Furcht erregend. Quer über das ihr entgegenstarrende Gesicht lief ein schwarzes gemaltes Band, ganz ähnlich einer Augenbinde, nur dass sie hindurchsehen konnte. Mitten aus dieser rauchschwarzen Maske starrten ihr die eigenen kupferfarbenen Augen entgegen. »So werden dich die bösen Geister nicht sehen können«, erklärte er ihr im Aufstehen. »Du kannst dich unter unseren Vorfahren aufhalten, ohne Angst haben zu müssen.«