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Julian erhob sich ebenfalls, sie fühlte sich in der Tat sehr seltsam, wie verwandelt. Das Gesicht, in das sie eben geschaut hatte, war das Gesicht einer Priesterin. In den Erzählungen ihres Großvaters hatte sie davon gehört, im wirklichen Leben aber hatte sie ein solches Gesicht noch nie gesehen, geschweige denn erwartet, es könnte je ihr eigenes sein.

Sie beugte sich vor und warf einen verstohlenen Blick in den stehenden Tümpel. »Macht mich das wirklich unsichtbar?«

»Es wird dich beschützen«, bestätigte er mit einem Nicken.

Sie fragte sich, ob Lokey sie wohl wieder erkennen oder ob er sich eher vor ihr fürchten würde. Ihr jedenfalls machte das Gesicht Angst, das ihr aus dem stillen Tümpel entgegenstarrte. »Komm«, sagte ihr Großvater, »wir müssen dich jetzt nach oben bringen, und dann muss ich zurück, damit die Fremden mich bei denen aus unserem Volk antreffen, die hier bleiben werden.«

Als sie zu guter Letzt aus den steinernen Türmen und Felsschluchten emporkletterten, befanden sie sich endlich oben ganz in der Nähe der Stadt, unmittelbar vor dem mächtigen Hauptwall, aber bereits innerhalb der ersten äußeren Ringe aus kleineren Mauern. Sie waren in der Nähe des Friedhofs herausgekommen. Der alte Mann machte eine Handbewegung. »Geh du voran, Julian. Dieser Ort untersteht jetzt dir.«

Mit einem Nicken machte sie sich auf den Weg in die im goldenen spätnachmittäglichen Licht erglühende Stadt. Es war wie immer ein wundervoller Anblick, aber an diesem Tag hatte er für sie auch etwas Bedrückendes. Es war, als sehe sie alles mit neuen Augen, und auf einmal erschien ihr die Verbindung zu ihren Vorfahren sehr real.

Die prachtvollen Gebäude schienen noch immer von Menschen bewohnt, es war, als könnte sie jeden Moment einige davon durch die leeren Fensteröffnungen ihrem täglichen Leben nachgehen sehen. Manche Bauten, mit ihren hohen, den vorspringenden Teil eines Schieferdaches stützenden Säulen, waren von gewaltigen Ausmaßen, andere besaßen in jedem Stockwerk mit Rundbögen überwölbte Fensterreihen. Ihr Großvater hatte sie bereits in einige von ihnen mitgenommen; der Anblick dieser Gebäude, in denen mehrere Geschosse voller Zimmer übereinander lagen, sodass man, um in die oberen Zimmer zu gelangen, tatsächlich eine im Innern des Gebäudes angebrachte Treppe emporsteigen musste, hatte sie zutiefst erstaunt. Die Leistungen dieser Baumeister aus alter Zeit hatten fast etwas Magisches, und wenn sie im goldenen Licht erglühten, boten sie von weitem einen wahrhaft majestätischen Anblick.

Nun würde sie allein durch die Straßen wandern, begleitet nur von den Seelen derer, die einst hier gelebt hatten. Immerhin, zu wissen, dass ihr Großvater ihr die Maske der Priesterin der Gebeine aufgemalt hatte, gab ihr ein Gefühl von Sicherheit.

Sie würde diejenige sein, die den Fremden die Träume übermitteln würde. Wenn sie ihre Arbeit gut machte, würden es die Fremden so mit der Angst bekommen, dass sie die Flucht ergriffen, und ihr Volk wäre gerettet. Sie versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass die Menschen, die einst hier gelebt hatten, dasselbe versucht hatten und gescheitert waren.

»Was meinst du, werden es zu viele sein?«, fragte sie, plötzlich von den Erzählungen über dieses vorzeitige Debakel aufgeschreckt.

»Zu viele?« Er sah sie verdutzt an, während sie an einer Mauer entlangliefen, die schon vor langer Zeit vollständig von einem lebendigen Geflecht aus Schlingpflanzen umschlossen worden war, das Einzige, was das bröckelnde Mauerwerk mittlerweile noch zusammenhielt.

»Ja, zu viele für die Träume. Ich bin schließlich ganz allein – außerdem hab ich weder Erfahrung, noch bin ich älter oder sonst etwas. Ich bin nur ich.«

Mit seiner großen Hand gab er ihr einen tröstlichen Klaps zwischen ihre Schulterblätter. »Zahlen spielen keine Rolle. Er wird dir die Kraft verleihen, die du brauchst.« Warnend hob er einen Finger. »Und vergiss nicht, Julian, in den Erzählungen heißt es, dass du diesem Mann treu ergeben sein musst. Er wird dein Meister sein.«

Julian nickte, und im selben Moment betraten sie das weitläufige Friedhofsgelände. Hier, in den unteren Bereichen, sah man nur einfache Grabsteine, doch als sie höher hinaufstiegen, vorbei an endlosen Gräberreihen, gelangten sie schließlich zu größeren und kunstvoller verzierten Gedenkstätten für die Toten, nicht selten dekoriert mit prachtvollen Statuen von Personen in stolzen Posen. Andere wiesen alte, von ewiger Liebe kündende Inschriften auf, einige wenige zierte lediglich ein uraltes Symbol, bei dem es sich, wie ihr Großvater erklärte, um eine Huldigung handelte. Manche der größeren Grabmonumente trugen nichts als einen Namen. Tief im Herzen dieser Stätte der Toten, ganz in der Nähe ihrer höchstgelegenen Stelle, wo die der Witterung ausgesetzten Bäume hoch und krumm gewachsen waren, gelangten sie schließlich zu einer prunkvollen, mit einem riesigen, überaus kunstvoll gearbeiteten Steinmonument markierten Grabstätte. Darauf stand eine Urne aus scheckigem grauem Granit voller aus demselben Stein gemeißelter Oliven, Birnen und anderer Früchte, darunter einige Trauben, die zu einer Seite bereits über den Rand hinausquollen. Nach Aussage ihres Großvaters, der sie schon viele Male zu diesem Grabmal mitgenommen und dabei die Erzählungen an sie weitergegeben hatte, sollte diese Urne die Fülle des Lebens versinnbildlichen, wie sie der Mensch dank seines kreativen Schaffens und seiner harten Arbeit hervorgebracht hat.

Er beobachtete sie, wie sie erst zögernd stehen blieb, dann näher an den monumentalen Grabstein eines längst Verstorbenen herantrat, der zu Zeiten, als diese alte Stadt noch voller Leben war, aus einem Stück gemeißelt worden war. Sie fragte sich, wie er wohl gewesen sein mochte, ob er ein freundlicher oder ein grausamer, ein junger oder alter Mann gewesen war.

Lokey landete auf den in Stein gemeißelten Trauben und plusterte sein schwarz glänzendes Gefieder auf, ehe er sich endgültig niederließ. Sie war froh, dass Lokey ihr an diesem so einsamen Ort Gesellschaft leisten würde. Julian streckte die Hand vor und zeichnete mit dem Finger die Buchstaben nach, aus denen sich der in den grauen Granit gemeißelte Namen zusammensetzte. »Was meinst du, Großvater, sind die Erzählungen wahr? Ich meine, wirklich wahr?«

»So hat man es mir beigebracht.«

»Dann wird er tatsächlich zu uns zurückkehren, aus dem Totenreich? Er wird wirklich von den Toten auferstehen?«

Sie sah über ihre Schulter. Ihr Großvater, der dicht hinter ihr stand, berührte das steinerne Monument ehrfürchtig mit der Hand, dann nickte er ernst.

»Ja, das wird er.«

»Dann werde ich ihn erwarten. Die Priesterin der Gebeine wird zugegen sein, um ihn bei seiner Rückkehr ins Leben willkommen zu heißen und ihm zu Diensten zu sein.«

Ihr Blick wanderte kurz hinüber zu der Staubfahne am Horizont, ehe sie ihn wieder auf das Grabmal richtete. »Aber bitte beeil dich«, beschwor sie den Toten, ehe sie – unter den wachsamen Blicken ihres Großvaters – mit ihren zierlichen Fingern über die erhabenen Buchstaben des Grabmals strich. »Ohne dich kann ich die Träume nicht weitergeben«, wandte sich Julian mit leiser Stimme an den in Stein gemeißelten Namen. »Bitte beeil dich, Richard Rahl, und kehre zu den Lebenden zurück.«

45

Niccis Pferd Sa’din trabte durch die menschenleere Stadt; das Geklapper seiner Hufe hallte auf dem harten Straßenpflaster durch die verlassenen Häuserschluchten wie ein einsamer, unerwidert verklingender Ruf. Viele der bunten Fensterläden standen offen, andere waren verschlossen, nicht wenige Häuser besaßen im ersten Stock winzige, die leeren Straßen überblickende Austritte, deren gusseiserne Geländer Türen mit fest zugezogenen Vorhängen sicherten. Es ging nicht der geringste Lufthauch, um die Beine der von ihrem Besitzer vor langer Zeit achtlos zurückgelassenen Männerhose in Bewegung zu versetzen, die Nicci auf einer zwischen den ersten Stockwerken zweier sich in der menschenleeren Gasse gegenüberstehender Häuser gespannten Leine hängen sah.

Die Stille war so bedrückend, dass sie fast etwas Bedrohliches hatte. Es war ein unheimliches Gefühl, in einer von ihrer Bevölkerung verlassenen Stadt zu sein, einer bloßen Hülle, die einst von Leben erfüllt, jetzt aber nur noch als äußere Form vorhanden war, die keinem Zweck mehr diente. Nicci fühlte sich ein wenig an den Anblick einer Leiche erinnert, die dem Leben noch nah, aber schon so reglos war, dass an der schrecklichen Wahrheit kein Zweifel mehr bestehen konnte. In diesem Zustand belassen, allein gelassen an der Schwelle zum endgültigen Untergang und ohne frisches Leben, würde sie schon bald der Vergessenheit anheim fallen. Ab und zu konnte Nicci durch die schmalen Häuserlücken flüchtige Blicke auf die in dem felsigen Steilhang hoch oben auf dem gewaltigen Bergmassiv gelegene Burg der Zauberer erhaschen, ein riesiger, düsterer Gebäudekomplex, der einem Geier gleich nur darauf zu lauern schien, über die Überreste der verstummten Stadt herzufallen. Träge an der schieren zerklüfteten Felswand vorüberziehende Wolken verfingen sich an den Spitzen, Türmen und hohen Übergängen, die aus der Burg emporzuwachsen schienen. Das gewaltige Bauwerk bot einen so unheilvollen Anblick, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Sie wusste jedoch, dass es in Wahrheit kein düsterer Ort war, außerdem fühlte sie sich erleichtert, endlich am Ziel zu sein. Eine langwierige und beschwerliche Reise war es gewesen von der Alten Welt bis hinauf nach Aydindril. Immer wieder hatte es Augenblicke gegeben, in denen sie befürchtete, den überall entlang ihrer Strecke anzutreffenden Truppen nicht mehr ausweichen zu können. Dann wieder hatte es Situationen gegeben, in denen sie für kurze Zeit ganz darin aufging, sie umzubringen, aber es waren so ungeheure Massen, dass sie sich keine realistische Hoffnung machen durfte, ihre Zahl merklich zu reduzieren. Es hatte sie wütend gemacht, nur wenig mehr als eine lästige Plage für sie sein zu können; aber ihr eigentliches Ziel war es, zu Richard zu gelangen, daher waren die Truppen der Imperialen Ordnung nichts weiter als ein Hindernis auf ihrem Weg. Dank der magischen Verbindung, die sie gemeinsam mit Richard ersonnen hatte, wusste Nicci, dass sie ihm jetzt endlich nahe war. Sie hatte ihn zwar noch nicht gefunden, wusste aber, es würde bald so weit sein, und das, obwohl es noch kurz vor ihrem Aufbruch ganz so ausgesehen hatte, als würde sie ihn nie wieder sehen. Die Kämpfe um die Vorherrschaft in Altur’Rang waren mit unnachgiebiger Härte geführt worden. Nachdem die angreifenden Truppen gleich zu Beginn kurz nach Einbruch der Dämmerung überraschend in einen blutigen Hinterhalt gelockt worden waren, hatten sie sich, ganz die erfahrenen und kampferprobten Truppen, die sie waren, rasch wieder gefasst und neu formiert und sich im Schein der von ihnen entfachten Brände unter Aufbietung ihrer ungeheuren Schlagkraft bemüht, das Blatt doch noch zu wenden. Dank der Unterstützung eines unerwartet aufgetauchten dritten Zauberers hatte es eine Zeit lang so ausgesehen, als könnten die Truppen der Imperialen Ordnung die unerfahrenen Verteidiger überwältigen; es war ein Augenblick tiefster Hoffnungslosigkeit, als sich abzuzeichnen schien, dass die aufopferungsvollen Bemühungen der Einwohner Altur’Rangs vergebens gewesen sein sollten. Das Gespenst des Scheiterns und des sich anschließenden Blutbads, das, wie jedermann wusste, ein solches Scheitern nach sich ziehen würde, schien auf einmal nicht nur unvermeidlich, sondern fast schon Wirklichkeit. Doch dann – ihren Verwundungen und ihrer Erschöpfung zum Trotz – hatte die Aussicht, Richard niemals wieder zu sehen, Nicci neues Leben eingeflößt und ihr, mehr noch als ihr unbedingter Wille, ihren Freunden in Altur’Rang und all den Unschuldigen und hilflosen Seelen beizustehen, die im Falle einer Niederlage niedergemacht würden, jenes Quäntchen zusätzlicher Willenskraft verliehen, das es ihr ermöglichte, den Kampf mit unbedingter Entschlossenheit fortzusetzen.