Am Wendepunkt der Schlacht, im grellen, zuckenden Schein der lodernden Flammen in den ringsumher brennenden Gebäuden, als der gegnerische Zauberer auf einem weiten Platz die flache Ummauerung eines öffentlichen Brunnens erklommen hatte, um seine Männer nach vorn zu peitschen, tauchte Nicci plötzlich einem Racheengel gleich mitten in ihren Reihen auf und sprang mit einem Satz auf die Ummauerung. Das kam so völlig unerwartet, dass sie die Blicke aller auf sich zog. Und dann, in jenem winzigen Bruchteil eines Augenblicks, als die Augen aller in lähmender Verblüffung auf sie gerichtet waren, spaltete sie den Brustkorb ihres völlig überraschten Zauberers mit einem einzigen Hieb und riss ihm mit bloßen Händen das noch schlagende Herz heraus, ehe sie die blutige Trophäe mit einem Schrei wilden Zorns vor seinen Soldaten in die Höhe reckte und ihnen das gleiche Schicksal verhieß. Im selben Augenblick preschten Victor Cascella und seine Männer mitten unter die Eindringlinge – auch er von einer unbändigen Wut gepackt, nicht nur, weil diese marodierenden Verbrecher die Bewohner seiner Heimatstadt ausplündern und ermorden wollten, sondern vor allem, weil sie ihn seiner hart erkämpften Freiheit berauben würden. Und dieses Zusammenspiel der Ereignisse war es schließlich, das den Mut der Angreifer endgültig brach. Die Elitetruppen der Imperialen Ordnung machten kehrt und versuchten, aus der Stadt, aus der Umklammerung durch ihre aufgebrachten Bewohner, zu entkommen. Nicci dagegen dachte gar nicht daran, den Einwohnern zu gestatten, sich mit einem Sieg zufrieden zu geben, und bestand stattdessen darauf, die Feinde zu verfolgen und bis zum letzten Mann niederzumachen.
Sie allein wusste, wie wichtig es war, keinen einzigen Soldaten entkommen zu lassen, der von ihrer völligen Niederlage berichten : konnte. Kaiser Jagang erwartete zweifellos die Meldung, dass seine Heimatstadt wieder unter seine Herrschaft gebracht, die Aufständischen zu Tode gefoltert und die Stadtbewohner in die Knie gezwungen worden seien, und zwar mit einem derart brutalen Gemetzel, dass es allen anderen für alle Zeiten als Warnung dienen würde.
Aber sie wusste auch, dass Jagang die Nachricht der Niederlage trotz des erwarteten Erfolgs ohne weiteres verkraften würde. Es wäre nicht das erste Mal, dass er eine Schlacht verlor, und es würde ihn nicht abschrecken. Niederlagen dienten ihm als Maßstab für die Stärke seiner Gegner. Beim nächsten Mal würde er einfach mehr Truppen entsenden, genug, um die Mission erfolgreich und so rabiat wie möglich abzuschließen, nicht nur, um sich den Sieg zu sichern, sondern auch, um zu gewährleisten, dass jeder Widerstand gegen seine Autorität mit vermehrter Härte geahndet würde.
Nicci kannte ihn gut – das Leben seiner Soldaten oder der Menschen überhaupt scherte ihn nicht im Mindesten. Wer im Kampf für die Imperiale Ordnung fiel, dem winkte als Belohnung der Ruhm im Leben nach dem Tod; in diesem Leben aber konnte er nur eine Opferrolle erwarten.
Etwas völlig anderes dagegen wäre es, wenn ihn von der Schlacht um Altur’Rang nie eine Meldung erreichen würde.
Mangelnde Kenntnis, das wusste sie, vermochte ihn weit mehr zu reizen als jeder Gegner. Das Unbekannte war ihm zutiefst verhasst; die Entsendung eines Heeres von Elitetruppen – mitsamt drei raren und hoch geschätzten Zauberern –, ohne je wieder auch nur ein einziges Wort von ihnen zu hören, würde ihn ohne Ende quälen. Wieder und wieder würde er dieses Rätsel in Gedanken wälzen, bis ihm die Ungewissheit über die Schlacht um Altur’Rang, über deren Ausgang nichts zu erfahren war, letztendlich mehr zu schaffen machen würde als eine Niederlage. Und da die Soldaten seiner Armee zu Aberglauben neigten, würde man einen solchen Vorfall dort womöglich gar als unheilvolles Omen betrachten.
Nicci folgte den verschlungenen Windungen der schmalen gepflasterten Straße, bis sie um eine Ecke bog. Sie hob den Kopf, und plötzlich bot sich ihr zwischen den die beiden Straßenseiten säumenden Häusern ein atemberaubender Anblick. Auf einem fernen Hügel stand, beschienen von der Sonne, inmitten einer wunderschönen Parkanlage aus sattem Smaragdgrün ein prachtvoller Palast aus weißem Stein. Es war das eleganteste Gebäude, das sie je gesehen hatte, ein Bauwerk, das Stolz und Kraft verströmte und eine höchst angenehme, entschieden weibliche Eleganz ausstrahlte. Augenblicklich war ihr klar, dass dies nur der Palast der Konfessoren sein konnte.