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Seine Autorität, Reinheit und Eleganz verströmende Erscheinung stand in krassem Gegensatz zu dem hoch aufragenden Bergmassiv dahinter, an dessen Flanke sich die düsteren, bis weit in den Himmel ragenden Mauern der Burg der Zauberer erhoben. Der Palast der Konfessoren, errichtet vor einem Hintergrund aus dunklen, bedrohlichen Mächten, musste als Sinnbild der Erhabenheit gedacht sein, dachte Nicci bei sich. Eine Bewegung in einer Lücke zwischen den Gebäuden seitlich von ihr erregte ihre Aufmerksamkeit. Als sie sah, dass es sich um eine sich langsam in die stille Luft erhebende Staubwolke handelte, verriss sie augenblicklich die Zügel, schwenkte Sa’din herum und lenkte ihn in eine Seitenstraße hinein, wo sie ihn mit dem sanften Druck ihrer Schenkel zu einem leichten Galopp anspornte. Ohne Zögern schoss er los, die schmale Staubstraße entlang. In den Lücken der Gebäude konnte sie die aufsteigende Staubfahne in der Ferne aufblitzen sehen. Jemand ritt in hohem Tempo eine Straße entlang, die zu dem Berg führte, auf dem die Burg der Zauberer thronte. Dank ihrer magischen Verbindung wusste sie sogleich, wer dafür infrage kam. Und tatsächlich, kaum hatte sie die engen Straßenschluchten der Stadt verlassen, beschleunigte ihr Puls, denn wie sie jetzt sah, hatte sie sich nicht getäuscht, es war tatsächlich Richard. Eine lange Staubfahne hinter sich herziehend, jagten er und Cara eine Straße entlang. Wenn ihre Erinnerung nicht trog, hatten sie Altur’Rang mit sechs Pferden verlassen, jetzt hatten sie nur noch deren drei. Nach ihrer Art zu reiten glaubte sie auch ziemlich sicher den Grund dafür zu kennen. Wenn Richard sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er durch nichts aufzuhalten. Vermutlich hatte er die anderen Tiere zu Tode gehetzt. Kaum war sie aus der Stadt herausgaloppiert, um ihnen den Weg abzuschneiden, da erspähte Richard sie und drosselte sein Tempo. Sa’din trug sie zügig über die kleinen Anhöhen hinweg, vorbei an Koppeln, Stallungen, Werkstätten und verlassenen Marktständen, vorbei an einer Schmiede und den eingezäunten Weiden mit ihren Stallgebäuden für das Vieh, das es hier längst nicht mehr gab. Reihen von Kiefern flogen vorüber, ehe sie unter den weiten Laubkronen der dicht gedrängt stehenden Weißeichen dahinschoss, die stellenweise bis an die Straße reichten. Sie konnte es kaum erwarten, Richard wieder zu sehen, zumal sie die zarte Hoffnung hegte, er könnte vielleicht von seinen Wahnvorstellungen genesen und nun wieder ganz der Alte sein. Bei Richards Anblick ging Nicci vor Freude das Herz auf. Sein Haar war etwas länger, und er schien vom Ritt mit Staub bedeckt, ansonsten aber wirkte er genauso aufrecht und kräftig, so stattlich und gebieterisch, so konzentriert und zielstrebig wie immer, so als könnte ihm nicht das Geringste in der Welt ringsum entgehen. Trotz seiner einfachen, verstaubten Reisekleider war er durch und durch der Lord Rahl. Und doch schien etwas an ihm nicht recht zu stimmen.

»Richard!«, rief Nicci, noch während sie in vollem Galopp auf ihn und Cara zuhielt, obwohl die beiden sie längst gesehen hatten. Als sie sie erreichte, zügelte sie Sa’din, und kaum hatte sie angehalten, holte der Staub, den sie hinter sich aufgewirbelt hatte, auf und wehte an ihr vorüber. Richard und Cara warteten, ihr lauter Zuruf hatte sie offenbar veranlasst abzuwarten, ob sie etwas Wichtiges zu sagen hätte, dabei hatte sie es doch nur aus Freude über das Wiedersehen mit ihm getan.

»Ich bin sehr erleichtert zu sehen, dass Ihr beide wohlauf seid«, begrüßte Nicci sie. Richard entspannte sich merklich und faltete beide Hände über den Knauf seines Sattels. Sein Pferd schüttelte sich, um sich von den Fliegen auf seinem Hinterteil zu befreien. Cara saß aufrecht im Sattel, ihr Pferd, dicht hinter Richards, warf leicht den Kopf, weil sie es mitten im Galopp so hart an die Kandare genommen hatte. »Ich freue mich auch, Euch wieder zu sehen«, erwiderte Richard, und sein herzliches Lächeln verriet, dass er es auch so meinte. Nicci hätte aus Freude über dieses Lächeln vor Lachen übersprudeln können, konnte sich jedoch gerade noch bändigen und lächelte einfach zurück. »Wie ist es in Altur’Rang gelaufen?«, erkundigte er sich. »Ist die Stadt jetzt wieder sicher?«

»Die Angreifer haben eine vernichtende Niederlage hinnehmen müssen.« Nicci fasste die Zügel fester, um den aufgeregten Sa’din zu beruhigen. »Fürs Erste dürfte die Stadt also sicher sein. Victor und Ishaq lassen dir ausrichten, dass sie ihre Freiheit wiederhaben und sich daran so schnell nichts ändern wird.«

Richard nickte in stiller Zufriedenheit. »Es geht Euch also gut? Ich war ziemlich besorgt um Euch.«

»Es geht mir ausgezeichnet«, bestätigte sie. Dann endlich bemerkte Nicci, was mit ihm nicht stimmte – er hatte sein Schwert nicht bei sich.

»Richard, wo ist...«

Sofort warf ihr Cara hinter seinem Rücken einen drohenden Blick zu und fuhr sich gleichzeitig schnell mit dem Finger über die Kehle, um ihr zu bedeuten, die Frage, die sie hatte stellen wollen, augenblicklich abzubrechen.

»Wo sind denn die anderen Pferde?«, verbesserte sich Nicci rasch, indem sie ihrer Frage eine andere Richtung gab, um das betretene Schweigen zu überbrücken, das in der kurzen Pause entstanden war. Richard seufzte, offenkundig hatte er gar nicht mitbekommen, was sie ursprünglich hatte fragen wollen. »Ich fürchte, ich habe ihnen ziemlich hart zugesetzt. Wir mussten uns unterwegs frische Tiere beschaffen, diese hier haben wir aus einem Feldlager der Imperialen Ordnung bei Galea gestohlen. Ihre Truppenquartiere verteilen sich mittlerweile über die gesamten Midlands, sodass wir uns auf unserem Weg immer wieder bei ihren Vorräten und Pferden bedienen konnten.«

Ein durchtriebenes, zufriedenes Lächeln ging über Caras Lippen, sie sagte aber nichts. Nicci fragte sich, wie er das alles ohne sein Schwert bewerkstelligt hatte. Doch dann merkte sie, wie töricht dieser Gedanke war, schließlich war es nicht das Schwert, das Richard zu dem machte, was er war. »Und die Bestie?«, erkundigte sich Nicci.

Richard sah über die Schulter zu Cara hinüber. »Unsere Wege haben sich ein paar Mal gekreuzt.«

Aus irgendeinem Grund meinte Nicci, wenn nicht aus seinen Worten, so doch aus seiner Stimme etwas Beunruhigendes herauszuhören, und hakte nach. »Ein paar Mal. Und welcher Art waren diese Begegnungen? Was ist eigentlich los? Irgendetwas stimmt doch nicht.«

»Wir haben uns durchgeschlagen, das ist alles. Wir werden später darüber reden, wenn wir mehr Zeit haben.«

Dem gereizten Zug um seine Augen entnahm sie, dass er gehörig untertrieb und ihm in diesem Augenblick nicht danach zumute war, das Ganze noch einmal zu durchleben. Er legte die Zügel herum, um die Aufmerksamkeit des Pferdes vom Gras abzulenken. »Jetzt muss ich erst einmal hinauf zur Burg.«

»Und was war mit der Hexe?«, fragte Nicci und lenkte ihr Pferd neben seines. »Was hast du in Erfahrung bringen können? Was hat sie gesagt?«

»Was ich suche, ist seit langer Zeit begraben«, murmelte er mutlos, •^ie zu sich selbst. Erschöpft wischte er sich mit der Hand übers Gesicht, dann endlich löste er sich aus seinen eigenen Gedanken und fixierte sie mit seinem stechenden Blick. »Sagt Euch der Begriff Feuerkette etwas?« Als Nicci nur den Kopf schüttelte, fuhr er fort:

»Herz der Leere?«

»Herz der Leere?« Nicci sann kurz darüber nach. »Nein, was soll das sein?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung, aber genau das muss ich herausfinden. Im Augenblick hoffe ich noch, dass vielleicht Zedd ein wenig Licht in die Angelegenheit bringen kann. Kommt jetzt, machen wir uns auf den Weg.«

46

Die Burgmauern, errichtet aus kunstvoll verfugten Quadern dunklen Granits, ragten wie eine steile Felswand vor ihnen in den Himmel. Während sie sich beim Verlassen der Brücke zwischen Richard und Cara schob, konnte Nicci kaum den Blick von dem verwirrenden Labyrinth aus Brustwehren, Bollwerken, Türmen, Verbindungsgängen und Brücken lösen. Irgendwie wirkte das Gemäuer beinahe lebendig, so als beobachtete es sie auf ihrem Weg hinauf zum gähnenden Steingewölbe des Eingangstors, wo die Straße unter dem Fundament der äußeren Ummauerung in einem Tunnel verschwand.