Ohne Zögern ließ Richard sein Pferd unter dem hochgezogenen massiven Fallgatter hindurchtraben. Hätte sie die Wahl gehabt, sie hätte bei der Annäherung an einen solchen Ort größere Vorsicht walten lassen. Noch nie hatte sie ein Gebäude erlebt, das ein so starkes Gefühl magischer Energie verströmte. Es war, als stünde sie allein auf weiter Flur, während sich ringsumher ein gewaltiges, kräftiges Unwetter zusammenbraute, ein Gefühl, das ihr einen Eindruck von den Schilden vermittelte, die die Burg der Zauberer bewachten. Nahezu unbemerkt hatten sich die dunstigen Schleierwolken am Himmel zu einer geschlossenen Wolkendecke zusammengezogen und den spätnachmittäglichen Himmel in ein kontrastloses Grau verwandelt. Das Dämmerlicht, das die strahlende Sonne abgelöst hatte, ließ das Mauerwerk der Burg noch düsterer und abweisender erscheinen, so als hätte sich die Burg beim Anblick einer nahenden Hexenmeisterin und eines Zauberers, die imstande waren, die an diesem Ort noch immer waltenden Kräfte zu beherrschen, selbst in diese Wolkendecke gehüllt. Nach Verlassen der überwölbten Öffnung in der mächtigen Außenmauer gelangten sie auf eine Straße, die in ihrem weiteren Verlauf durch die tiefe Schlucht im Burginnern führte, an deren Ende sich die Straße tunnelartig durch eine weitere düstere Mauer bohrte: eine zweite Barriere, für den Fall, dass eine solche je erforderlich sein sollte. Ohne Zögern ritt Richard auch in diesen zweiten langen Tunnel hinein, wo das Geräusch der Pferdehufe vom feuchten Mauerwerk des düsteren überwölbten Durchgangs widerhallte. Jenseits des Tunnels tat sich eine weitläufige, mit dichtem, üppigem Gras bewachsene Koppel vor ihnen auf. Rechter Hand führte die Schotterstraße an einer von mehreren Türen unterbrochenen Mauer entlang. Die ersten Türen, unmittelbar hinter dem Fallgatter, dürften vermutlich die Eingänge für die Besucher der Burg gewesen sein. Wahrscheinlich, überlegte Nicci, war dieser Zugang hinter der zweiten Ummauerung einst der ganz normale Burgeingang gewesen. Ein Zaun auf der anderen Straßenseite friedete die Koppel ein. Dahinter, auf der linken Seite, wurde die Koppel von der Burg selbst begrenzt. Ganz am Ende befanden sich die Stallgebäude. Richard saß wortlos ab, öffnete das auf die Koppel führende Gatter und scheuchte sein Pferd, obwohl noch immer gesattelt, dort hinein. Leicht verwundert folgten Cara und Nicci seinem Beispiel, ehe sie ihm über das Gelände zu einem Eingang mit einem Dutzend breiter, mit der Zeit durch Abnutzung glatt gewordener und ausgetretener Granitstufen folgten. Diese führten hinauf zu einem zurückversetzten Portal, dessen schlichte, wenngleich massive, ins Innere der eigentlichen Burg führende Flügeltür sich in diesem Moment knarrend öffnete.
Ein alter Mann, das wellige weiße Haar in heillosem Durcheinander, steckte, einem von Besuchern überraschten Hausbesitzer nicht unähnlich, den Kopf heraus und schnappte nach Luft. Er war anscheinend noch etwas außer Atem, denn als er merkte, dass Besucher kamen, hatte er quer durch die ganze Burg eilen müssen. Zweifellos war er von den magischen Netzen gewarnt worden, die jeden ankündigten, sobald er die zur Burg hinaufführende Straße betrat. In früheren Zeiten hatte es gewiss näher bei der Tür postiertes Personal gegeben, das sich aller Neuankömmlinge annahm, jetzt dagegen gab es wohl nur den alten Mann. Nach seinem japsenden Atem musste er sich ganz am anderen Ende der Burg befunden haben, als die Warnsignale ihn aufgeschreckt hatten. Trotz des erstaunten Ausdrucks auf seinem hageren, faltigen Gesicht erkannte Nicci einige charakteristische Züge sofort wieder und wusste, dies konnte niemand anderer sein als Richards Großvater Zedd. Trotz seiner Körpergröße war er schlank wie ein junger Mann. Seine haselnussbraunen Augen waren vor Verwunderung und beinahe kindlicher, an Arglosigkeit grenzender Erregung weit aufgerissen, und sein schlichtes, schmuckloses Gewand wies ihn als großen Zauberer aus. Trotz seines Alters hatte er sich hervorragend gehalten, sodass er in gewisser Hinsicht einen recht ansehnlichen Ausblick darauf bot, wie Richard dereinst aussehen könnte.
Der alte Mann warf die Arme in die Luft. »Richard!« Ein freudiges Lächeln ließ sein Gesicht erstrahlen. »Verdammt, mein Junge, bist du’s wirklich?«
Zedd trat aus dem Portal und schickte sich an, im trüben Licht die ausgetretenen Stufen hinunterzueilen. Richard lief seinem Großvater entgegen, hob ihn mit einer stürmischen Umarmung von der Treppe und presste dem ohnehin schon atemlosen Mann den letzten Rest des Atems aus den Lungen. Beide lachten, ein herzerfrischendes Geräusch, das keinen Zweifel mehr an ihrer Verwandtschaft ließ. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, dich zu sehen, Zedd!«
»Und ich erst junge«, erwiderte Zedd mit einer Stimme, unter die sich erste Freudentränen mischten. »Es ist so lange her, viel zu lange.«
Mit seiner zweigdürren Hand langte er an ihm vorbei und fasste Cara bei der Schulter. »Wie geht es Euch, meine Liebe? Ihr scheint mir sehr erschöpft zu sein. Geht es Euch gut?«
»Ich bin eine Mord-Sith«, erwiderte sie leicht empört. »Natürlich geht es mir gut. Wie kommt Ihr darauf, ich sehe nicht so aus, als ginge es mir ausgezeichnet?«
Mit einem amüsierten Lachen meinte Zedd: »Ach, einfach so, vermutlich. Ihr seht beide aus, als könntet ihr ein wenig Ruhe und eine oder zwei kräftige Mahlzeiten gebrauchen, das ist alles. Ansonsten aber seht Ihr prächtig aus, und ich bin verdammt froh, Euch wieder zu sehen.«
Das entlockte Cara ein Lächeln. »Ich habe Euch vermisst, Zedd.«
Er drohte ihr scherzhaft mit dem Finger. »Das sieht aber einer Mord-Sith gar nicht ähnlich, einen alten Mann zu vermissen. Rikka wird nicht schlecht staunen, wenn sie davon erfährt.«
»Rikka?«, fragte Cara überrascht. »Rikka ist hier?«
Mit einer fahrigen Handbewegung wies Zedd in die Richtung der halb geöffneten Tür. »Sie ist irgendwo da drinnen ... auf Rundgang, könnte ich mir denken. Es gibt zwei Dinge, die sie offenbar ganz in Anspruch nehmen ... ihre Rundgänge und ihr steter Drang, mir unaufhörlich auf den Nerv zu gehen. Lasst Euch gesagt sein, bei der Frau werde ich meinen Seelenfrieden nicht finden. Schlimmer, sie ist klüger, als gut für sie ist. Aber wenigstens ist sie eine leidlich begabte Köchin.«
Cara machte ein erstauntes Gesicht. »Rikka kann kochen?«
Zedd zuckte zusammen und sog die Luft zwischen den Zähnen hindurch. »Erzählt ihr bloß nicht, ich hätte das behauptet, sonst liegt sie mir damit nur ohne Ende in den Ohren. Diese Frau ...«
»Zedd«, fiel Richard ihm ins Wort. »Ich stecke in großen Schwierigkeiten und brauche dringend Hilfe.«
»Ist alles in Ordnung mit dir? Du bist doch nicht etwa krank, oder? Irgendwie scheinst du mir nicht ganz der Alte zu sein, mein Junge.« Er presste ihm die Hand auf die Stirn. »Fiebrige Erkrankungen im Sommer, wenn es ohnehin heiß ist, sind die schlimmsten, mein Junge. Eine ganz üble Kombination.«
»Ja – nein – ich meine, darum geht es nicht. Ich muss dich dringend sprechen.«
»Dann sprich. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, viel zu lange. Wie lange ist das jetzt her? Zwei Jahre im letzten Frühling, wenn ich mich nicht irre.« Zedd trat ein Stück zurück, fasste ihn bei den Armen und musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Wo ist eigentlich dein Schwert, Richard?«
»Hör zu, darüber werden wir uns später unterhalten«, erwiderte Richard gereizt, befreite sich aus Zedds Griff und tat die Frage mit einer wegwerfenden Handbewegung ab.
»Eben sagtest du, du möchtest reden, also rede und erzähl mir endlich, wo dein Schwert geblieben ist.« Zedd richtete sein strahlendes Lächeln auf Nicci. »Und wer diese überaus reizende Hexenmeisterin ist, die du mitgebracht hast.«
Fassungslos betrachtete Richard Zedds strahlend lächelndes Gesicht, ehe er zu Nicci hinübersah. »Oh, entschuldige, Zedd, das ist Nicci. Nicci, das ist...«