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»Nicci!«, stieß Zedd hervor und sprang zwei Stufen weit zurück nach oben, als hätte er eine giftige Viper erblickt. »Die Schwester der Finsternis, die dich in die Alte Welt verschleppt hat? Doch nicht etwa diese Nicci? Was in aller Welt hast du mit dieser widerwärtigen Person zu schaffen? Wie kannst du es nur wagen, eine solche Frau hierher zu bringen ...«

»Zedd«, schnitt Richard ihm eindringlich das Wort ab. »Nicci ist eine gute Freundin.«

»Sieh an, eine Freundin! Hast du den Verstand verloren, Richard? Wie in aller Welt kannst du erwarten ...«

»Zedd, sie steht jetzt auf unserer Seite.« Er gestikulierte aufgebracht. »Genau wie Cara oder Rikka. Die Dinge ändern sich. Früher hätte jede von ihnen ...« Er ließ den Satz unbeendet, als er sah, dass sein Großvater ihn anstarrte. »Du weißt schon, was ich meine. Mittlerweile würde ich Cara mein Leben anvertrauen, sie hat sich meines Vertrauens mehr als einmal als würdig erwiesen. Und Nicci traue ich nicht minder. Beiden würde ich mein Leben anvertrauen.«

Schließlich fasste Zedd ihn bei den Schultern und rüttelte ihn voller Zuneigung. »Ja, schätze, ich weiß, was du meinst. Seit ich dir das Schwert der Wahrheit überreicht habe, hast du vieles zum Besseren verändert. Ich hätte mir zum Beispiel nie im Leben träumen lassen, eines schönen Tages frohgemut von einer Mord-Sith zubereitete Mahlzeiten zu verspeisen, und noch dazu recht schmackhafte, wie ich hinzufügen möchte.« Er fing sich wieder und zeigte mit dem Finger auf Cara. »Wenn sie von Euch erfährt, dass ich das gesagt habe, ziehe ich Euch bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren. Die Frau ist so schon kaum zu bändigen.«

Cara lächelte nur.

Schließlich richtete Zedd seinen Blick wieder auf Nicci; das Raubtierhafte der Rahls fehlte ihm ein wenig, aber auf seine Art war er nicht minder entwaffnend und schien die gleichermaßen ausgeprägte Fähigkeit zu besitzen, einen zu verwirren.

»Willkommen, Hexenmeisterin. Wenn Richard sagt, Ihr seid eine Freundin, dann wird es wohl stimmen. Tut mir Leid, dass ich so gereizt reagiert habe.«

Mit einem Lächeln erwiderte Nicci: »Das ist nur zu verständlich. Ich konnte mich damals genauso wenig ausstehen, schließlich stand ich unter dem Einfluss finsterer Selbsttäuschungen und wurde nicht ohne Grund Herrin des Todes genannt.« Sie blickte in Richards graue Augen. »Euer Enkelsohn hier hat mich dazu gebracht, die Schönheiten des Lebens zu erkennen.«

Ein stolzes Lächeln ging über Zedds Gesicht. »Ja, das ist es, genau darum geht es, die Schönheit des Lebens.«

Richard ergriff die Gelegenheit beim Schopf. »Und eben darum geht es auch mir. Hör zu, Zedd, ich brauche unbedingt...«

»Ja, ja«, machte Zedd und tat Richards Ungeduld mit einer Handbewegung ab. »Immer brauchst du irgendwas, du bist nicht einmal lange genug zurück, um durch die Tür zu treten, und schon willst du irgendetwas wissen. Wenn ich mich recht entsinne, war das erste Wort, das du sprechen konntest, ›warum‹. Komm jetzt, nun komm schon mit nach drinnen. Ich will endlich wissen, warum du das Schwert der Wahrheit nicht bei dir hast. Ich weiß, du würdest niemals zulassen, dass ihm etwas zustößt, aber trotzdem, ich will die ganze Geschichte hören. Und komm mir ja nicht auf die Idee, irgendetwas auszulassen. Nun komm schon.«

Richards Großvater schickte sich an, die Stufen zum Eingang hinaufzusteigen, und bedeutete ihnen allen mit einer Handbewegung, ihm zu folgen.

»Zedd! Ich brauche unbedingt...«

»Ja, sicher, Junge. Du brauchst etwas; ich hab dich schon beim ersten Mal verstanden. Ich denke, es sieht aus, als könnte es Regen geben. Hat keinen Sinn, noch anzufangen, wenn man jeden Moment durchnässt werden kann. Komm mit nach drinnen, dann höre ich mir an, was du zu sagen hast.« Zedds Stimme bekam einen halligen Klang, als er im Dunkeln verschwand. »Du siehst aus, als könntest du eine ordentliche Mahlzeit vertragen. Ist sonst noch jemand hungrig? So ein Wiedersehen macht Appetit.«

Wasserplätschern hallte durch das Innere des düsteren Vorraums. Zedd machte eine beiläufige Handbewegung zur Seite hin, und schon erstrahlte eine Lampe, bei deren Entzünden Nicci das kurze nochmalige Aufflackern jenes Energiefunkens bemerkte, der sie als Schlüssellampe auswies. Gleichzeitig zu beiden Seiten des Eingangs beginnend, folgte eine Reihe leiser, gedämpfter Explosionen, als der magische Funke von der Schlüssellampe auf die Lampenpaare übersprang und hunderte von Lampen rings um den riesigen Raum jeweils paarweise aufleuchteten, sodass der Eindruck entstand, ein Feuerring schließe sich in Sekundenschnelle rings um die gesamte Eingangshalle. Wäre die eine spezielle Lampe mit einer Flamme statt mit Magie entzündet worden, es hätte genauso funktioniert, das wusste Nicci. Die Helligkeit im Raum nahm immer mehr zu, und Sekunden später war der Vorraum nahezu taghell erleuchtet.

In der Mitte des gefliesten Fußbodens stand ein kleeblattförmiger Brunnen, über dessen oberster Schale eine Fontäne in die Höhe schoss, um von dort kaskadenartig über mehrere Stufen immer breiter werdender, muschelartiger Schalen herabzustürzen, ehe sie sich aus der untersten in perfekt aufeinander abgestimmten Bögen in das darunter liegende Becken ergoss, das von einer niedrigen Mauer aus buntem Marmor umgeben war, breit genug, um als Sitzbank zu dienen.

Ganz im Widerspruch zu dem ersten Eindruck, den die Burg der Zauberer vermittelte, bildete dieser Saal den von eleganter Pracht und Herzlichkeit geprägten Eingang eines Gebäudes, das nur von außen kalt und abweisend wirkte, und erinnerte an das Leben, das dieses Gemäuer einst beherbergt hatte. Die Leere, die jetzt dort herrschte, stimmte Nicci ziemlich traurig, nicht anders als im Fall der verlassenen Stadt tief unten im Tal. »Willkommen in der Burg der Zauberer. Vielleicht sollten wir alle erst einmal...«

»Zedd!« Richard fiel seinem Großvater mit unüberhörbarem Unmut ins Wort. »Ich muss dich dringend sprechen. Jetzt gleich, es ist wichtig.«

Geliebter Großvater hin oder her, Nicci konnte sehen, dass Richard mit seiner Geduld am Ende war. Die Knöchel seiner zu Fäusten geballten Hände traten deutlich sichtbar unter seiner sonnengebräunten Haut hervor, ebenso die Sehnen auf dem Handrücken. Nach seinem Aussehen zu urteilen, hatte er in den letzten Tagen weder ausreichend Schlaf noch genug zu essen bekommen. Vermutlich hatte sie ihn noch nie so erschöpft und am Ende seiner geistigen Fähigkeiten erlebt. Selbst Cara schien die Grenze dessen, was sie zu ertragen vermochte, weit überschritten zu haben, auch wenn sie sich alle Mühe gab, es sich nicht anmerken zu lassen; Mord-Sith waren schließlich darin ausgebildet, körperliches Unbehagen auszuhalten. Sosehr er sich über das Wiedersehen mit seinem Großvater freute, war Richard doch von seinen Bestrebungen, diese Frau aus seiner Fantasie wieder zu finden, sehr stark in Anspruch genommen. Die irrwitzige Hatz, in die sich sein Leben seit dem beinahe tödlichen Treffer durch den Armbrustbolzen verwandelt hatte, schien in diesem Moment ihren Höhepunkt erreicht zu haben.

Zedd, ganz naive Unschuld, musterte ihn überrascht. »Aber ja, gewiss, Richard, selbstverständlich.« Die Arme ausgebreitet, setzte er mit milder Stimme hinzu. »Du weißt doch, dass ich jederzeit für dich zu sprechen bin. Was immer du auf dem Herzen hast, du weißt, ich ...«

»Was verbirgt sich hinter dem Begriff ›Feuerkette‹?«

Zedd verharrte regungslos auf der Stelle. »Feuerkette«, wiederholte er mit ausdrucksloser Stimme. »Richtig, Feuerkette.«

Zedd wandte sich herum zum Brunnen und dachte mit ernster Miene sorgfältig über die Frage nach. Das Warten wurde fast zur körperlichen Qual; das Sprudeln und Plätschern des Brunnens hallte durch den ansonsten völlig stillen Raum.

»Feuerkette«, wiederholte Zedd gedehnt bei sich, während er sich mit seinem zweigdürren Finger über das glatt rasierte Kinn strich, den Blick auf die munter über die in mehreren Stufen angeordneten Schalen herabstürzenden Wasserkaskaden gerichtet. Nicci warf einen verstohlenen Seitenblick auf Cara, doch die Mord-Sith zeigte keinerlei Regung. Ihr ausgezehrtes Gesicht wirkte ebenso müde und ausgezehrt wie Richards, trotzdem bewahrte sie, ganz Cara, ihre aufrechte gerade Haltung, ohne sich von ihrer Erschöpfung übermannen zu lassen. »Ganz recht, Feuerkette«, presste Richard ungeduldig zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Weißt du, was es bedeutet?«