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Zedd wandte sich wieder zu seinem Enkelsohn herum und hob die offenen Hände. Er wirkte nicht bloß verwirrt, sondern hatte offenbar das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. »Tut mir Leid, Richard, aber den Begriff ›Feuerkette‹ habe ich noch nie gehört.«

Jetzt, da sein Zorn schlagartig verflog, sah Richard aus, als könnte er jeden Moment zusammenbrechen. Die Enttäuschung stand ihm überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Seine Schultern sackten herab, und er stieß einen Seufzer aus. Aufmerksam und doch kaum merklich schob sich Cara einen Schritt näher zu ihm hin, bereit, ihn im Falle eines Zusammenbruchs sofort aufzufangen — eine Möglichkeit, die Nicci durchaus gegeben schien. »Richard«, sagte Zedd mit plötzlicher Schärfe in der Stimme, »wo ist dein Schwert?«

Richard explodierte. »Das ist doch nur ein Stück Stahl!«

»Bloß ein Stück ...«

Richards Gesicht wurde tiefrot. »Richtig, bloß ein blödes Stück Metall! Meinst du nicht, es gibt wichtigere Dinge, um die man sich sorgen müsste?«

Zedd neigte den Kopf leicht zur Seite. »Wichtigere Dinge? Was redest du da?«

»Ich will mein altes Leben wiederhaben!«

Zedd starrte ihn an, sagte aber nichts, was fast einer Aufforderung an seinen Enkelsohn gleichkam, sich etwas näher zu erklären.

Mit bedächtigen Schritten entfernte sich Richard vom Brunnen und hielt auf eine breite dreistufige Treppe zu, die zwischen zwei der roten Marmorsäulen nach oben führte. Dahinter schloss sich ein langer, rotgoldener, von schlichten schwarzen geometrischen Mustern umsäumter Teppich an, der sich zwischen den Säulen unterhalb der Galerie in der Dunkelheit verlor.

Er fuhr sich mit den Fingern beider Hände durch das Haar. »Aber was würde das ändern? Mir glaubt ohnehin kein Mensch. Niemand wird mir helfen, sie wieder zu finden.«

Auf einmal empfand Nicci tiefes Mitleid mit ihm. In diesem Moment taten ihr all die Schroffheiten Leid, die sie ihm bei ihrem Versuch, ihm beizubringen, dass er sich Kahlan nur einbildete, an den Kopf geworfen hatte. Gewiss, er brauchte dringend Hilfe, um von seinen Wahnvorstellungen loszukommen, aber in diesem Augenblick hätte sie ihm nur zu gern erlaubt, daran festzuhalten, und sei es nur, damit ein Funke von Lebendigkeit in seine Augen zurückkehrte.

Cara, die Arme schlaff an den Seiten, schien nicht minder betrübt, ihn sich so quälen zu sehen. Vermutlich, überlegte Nicci, wäre auch die Mord-Sith nur zu bereit, ihm seinen wunderschönen Traum von der Frau, die er liebte, zu lassen. Nur wäre eine Lüge kaum geeignet, seinen ganz realen Schmerz zu lindern. »Richard, ich weiß nicht, was du da redest, aber was hat das alles mit dem Schwert der Wahrheit zu tun?« Die Schärfe war in Zedds Stimme zurückgekehrt.

Richard schloss einen Moment die Augen, um sich für die Tortur zu wappnen, laut auszusprechen, was er schon unzählige Male wiederholt hatte, ohne dass ihm jemand geglaubt hätte. »Ich muss unbedingt Kahlan wieder finden.«

Nicci konnte sehen, wie seine innere Anspannung wuchs, als er sich auf die üblichen, einen aus der Fassung bringenden Fragen gefasst machte, von wem er denn da eigentlich spreche und wie er überhaupt auf eine solche Idee komme. Deutlich konnte sie sehen, dass er es kaum würde ertragen können, sich ein weiteres Mal anhören zu müssen, er bilde sich das alles nur ein und er sei wohl nicht recht bei Verstand – umso mehr, als es von seinem Großvater kam.

Fragend neigte Zedd seinen Kopf ein Stück zur Seite. »Kahlan?«

»Ganz recht, Kahlan«, wiederholte Richard seufzend, ohne aufzusehen. »Aber du weißt bestimmt nicht einmal, von wem ich überhaupt spreche.«

Normalerweise hätte Richard in diesem Moment zu einer schlagfertigen Erklärung ausgeholt, doch jetzt wirkte er viel zu niedergeschlagen, um den Wunsch zu verspüren, sich wieder einmal zu erklären, nur um ein weiteres Mal nichts als Fassungslosigkeit und ungläubige Fragen zu ernten. »Kahlan.« Die Stirn in Falten gelegt, fragte Zedd behutsam nach. »Kahlan Amnell? Ist das die Kahlan, von der du sprichst?«

Nicci erstarrte.

Richard sah auf, die Augen weit aufgerissen. »Was hast du da gesagt?«, stieß er leise hervor. »Kahlan Amnell? Ist das die Kahlan, die du meinst?«

Niccis Herz setzte einen Schlag aus. Caras Kinnlade berührte fast den Boden. Im Nu hatte Richard die Vorderseite von Zedds Gewand mit beiden Händen gepackt und hob den alten Mann vom Boden hoch. Seine schweißbedeckten Muskeln schimmerten im Schein der Lampen. »Du hast sie soeben bei ihrem vollen Namen genannt, Kahlan Amnell. Aber den habe ich dir gar nicht genannt, du hast ihn von dir aus erwähnt.«

Zedds Verwirrung schien mit jedem Augenblick zuzunehmen. »Ja, sicher, weil es die einzige Kahlan ist, die ich kenne, Kahlan Amnell.«

»Du kennst Kahlan also – du weißt, von wem ich spreche?«

»Die Mutter Konfessor?«

»Ja, die Mutter Konfessor!«

»Aber natürlich. Vermutlich dürfte sie den meisten Menschen bekannt sein. Richard, was ist nur in dich gefahren? Lass mich runter.«

Mit zitternden Händen setzte Richard seinen Großvater wieder auf dem Boden ab. »Was meinst du damit, jeder kennt sie?«

Zedd zupfte abwechselnd an seinen Ärmeln und zog sie wieder über seine spindeldürren Arme, ehe er sein in Unordnung geratenes Gewand an den Hüften richtete, ohne seine Augen auch nur einen Moment von seinem Enkelsohn zu lassen. Richards Benehmen schien ihn zutiefst bestürzt zu haben. »Was ist bloß mit dir los, Richard? Wieso sollte sie ihnen nicht bekannt sein? Sie ist die Mutter Konfessor, das weiß doch jedes Kind.«

Richard schluckte. »Wo ist sie?«

Zedd warf erst Cara, dann Nicci einen kurzen, verwirrten Blick zu, ehe er wieder Richard ansah. »Na, unten, beim Palast der Konfessoren.«

Richard stieß einen Freudenschrei aus und schloss seinen Großvater in die Arme.

47

»Sie ist tatsächlich dort? Kahlan ist im Palast der Konfessoren?«

Ein besorgter Zug huschte über Zedds von Falten zerfurchtes Gesicht, während er zögernd nickte. Mit dem Handrücken wischte sich Richard die Tränen ab, die ihm übers Gesicht liefen. »Sie ist hier«, stieß er an Cara gewandt hervor. Er fasste sie bei den Schultern und rüttelte sie einmal fest. »Sie ist hier, in Aydindril. Habt Ihr gehört? Ich habe mir nichts eingebildet. Zedd erinnert sich an sie, er kennt die Wahrheit.«

Cara sah aus, als müsse sie sich größte Mühe geben, ihrer Verblüffung Herr zu werden, ohne gleichzeitig den falschen Eindruck entstehen zu lassen, sie sei über die verblüffende Neuigkeit womöglich nicht ganz glücklich. »Lord Rahl... ich ... ich freue mich wirklich sehr für Euch – wirklich –, aber ich versteh nicht ganz, wie ...«

Richard schien das unschlüssige Zögern der Mord-Sith gar nicht zu bemerken, er wandte sich wieder zu dem Zauberer herum und fragte mit vor Aufregung überbordender Stimme: »Aber was tut sie da unten?«

Zedd, sichtlich zutiefst besorgt, sah abermals kurz zu Cara und Nicci, ehe er Richard voller Mitgefühl eine Hand auf die Schulter legte.

»Sie liegt dort begraben, Richard.«

Die Welt schien plötzlich stillzustehen.

In einem Augenblick plötzlicher Erkenntnis dämmerte Nicci die Wahrheit, plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, auf einmal ergab auch Zedds Verhalten einen Sinn. Die Frau, die Zedd meinte, war keineswegs Kahlan, die Mutter Konfessor aus Richards Fantasien, die Frau, die ihn in seiner Einbildung liebte und die ihn geheiratet hatte.

Sie war die echte Mutter Konfessor.

Richards Blick wurde starr, bis Zedd schließlich mit einem sanften Druck auf seinen Arm fragte: »Richard, ist alles in Ordnung mit dir? Was ist denn los?«

Richard blinzelte benommen, er schien unter Schock zu stehen. »Was soll das heißen, sie wurde beim Palast der Konfessoren begraben?«, fragte er mit bebender Stimme. »Wann ist das passiert?«