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Zedd benetzte sich die Lippen. »Wann genau sie verstorben ist, weiß ich nicht, aber als ich dort war – zur Zeit des Einmarschs der Armee Jagangs nach Aydindril –, ist mir der Grabstein aufgefallen. Damals kannte ich sie noch nicht, ich sah nur ihr Grab, das ist alles. Ein ziemlich eindrucksvoller Grabstein, es dürfte schwierig sein, ihn zu übersehen. Die Konfessoren waren damals gerade ausnahmslos von den von Darken Rahl ausgesandten Quadronen umgebracht worden. Vermutlich muss sie dann wohl auch etwa um diese Zeit gestorben sein. Du kannst die Frau also unmöglich gekannt haben, Richard. Sie muss lange tot und begraben gewesen sein, bevor wir unser Heim in Westland verließen – also noch vor dem Fall der Grenze. Zu der Zeit warst du noch Waldführer in den Wäldern Kernlands.«

Richard presste seine Hand gegen die Stirn. »Nein, nein, du verstehst nicht, du hast das gleiche Problem wie alle anderen. Das ist sie nicht. Du kennst doch Kahlan, meine Kahlan.«

Zedd hob die Hand in einer verständnisvollen Geste, um Richard zu besänftigen. »Richard, das ist völlig ausgeschlossen. Die Konfessorinnen sind damals ausnahmslos von den Quadronen umgebracht worden.«

»Richtig, auf alle übrigen trifft das ja auch zu, sie wurden von diesen Meuchlern umgebracht, nicht aber diese eine, nicht Kahlan.« Er tat den Einwand mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. »Sie war es, Zedd, die dich aufsuchte, um dich zu bitten, mich zum Sucher zu ernennen – aus diesem Grund haben wir damals Westland verlassen. Du kennst Kahlan.«

Verwirrt runzelte Zedd die Stirn. »Was in aller Welt redest du da, Richard? Wir mussten unsere Heimat verlassen, weil Darken Rahl hinter uns her war. Wir mussten fliehen, um unser nacktes Leben zu retten.«

»Ja, zum Teil ist das ja richtig, aber noch davor hatte Kahlan dich aufgesucht. Schließlich war sie es, die uns berichtete, dass Darken Rahl die Kästchen der Ordnung ins Spiel gebracht hatte. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich noch jenseits der Grenze. Wie hätten wir also davon erfahren sollen, hätte Kahlan uns nicht aufgesucht?«

Zedd sah ihn an, als vermutete er bei ihm eine schlimme Krankheit. »Richard, sobald die Kästchen der Ordnung ins Spiel gebracht werden, setzt das Wachstum der Schlingpflanzen ein, so steht es sogar im Buch der Gezählten Schatten. Ausgerechnet du solltest das eigentlich wissen; du befandest dich damals im Oberen Ven, wo du von einer Schlingpflanze verletzt wurdest. Daher wussten wir Bescheid. Kurz darauf kam Darken Rahl nach Westland und griff uns an.«

»Ja, im Großen und Ganzen mag das ja alles stimmen, trotzdem war es Kahlan, die uns von den Vorfällen in den Midlands berichtete – und uns die Bestätigung lieferte.« Richard stöhnte vor Verzweiflung. »Aber das allein ist es nicht. Sie kam nicht nur, um dich zu bitten, einen Sucher zu ernennen. Du kennst sie.«

»Ich fürchte nein, mein Junge.«

»Bei den Gütigen Seelen, Zedd, du hast den ganzen letzten Winter mit ihr zusammen bei der d’Haranischen Armee verbracht, und als Nicci mich in die Alte Welt verschleppte, war sie ebenfalls mit dir und Cara zusammen.« Mit einer nachdrücklichen Geste wies er auf Cara, so als würde das den entscheidenden Beweis für seine Argumentation liefern und dem Albtraum ein Ende machen. »Sie und Cara haben den ganzen Winter über an deiner Seite gekämpft.«

Zedd sah hoch zu Cara, die hinter Richards Rücken achselzuckend die Hände nach oben drehte, so als wollte sie sagen, sie wisse auch nicht mehr darüber als er.

»Da du schon davon angefangen hast, du seist der Sucher, wo ist eigentlich dein ...«

Unvermittelt schnippte Richard mit den Fingern, und seine Miene hellte sich auf. »Es ist gar nicht Kahlans Grabstätte.«

»Natürlich ist sie das. Das Grab ist unverwechselbar. Es springt einem sofort ins Auge, außerdem erinnere ich mich, dass es ihren in Stein gemeißelten Namen trägt.«

»Richtig, es trägt ihren Namen, aber es ist nicht ihr Grab. Jetzt dämmert mir allmählich, wovon du eigentlich sprichst.« Vor Erleichterung lachte er bei sich. »Ich sage dir, es ist nicht ihr Grab.«

Zedd fand das nicht komisch. »Richard, ich habe mit eigenen Augen ihren Namen auf dem Grabstein gesehen. Sie ist es, die Mutter Konfessor, Kahlan Amnell.«

Doch Richard schüttelte beharrlich den Kopf. »Nein, sie ist es nicht. Das Ganze war ein Ablenkungsmanöver ...«

»Ein Ablenkungsmanöver?« Zedd legte den Kopf schräg und runzelte die Stirn. »Was redest du da? Was denn für ein Ablenkungsmanöver?«

»Sie waren hinter ihr her – bei der Eroberung der Stadt Aydindril machte die Imperiale Ordnung Jagd auf Kahlan. Kurz zuvor hatten sie den Stadtrat übernommen und sie zum Tode verurteilt, und deshalb waren sie auf der Suche nach ihr. Um ihr zu helfen, der Verfolgung durch diese Leute zu entgehen, hast du sie mit einem Todeszauber belegt –«

»Was! Ein Todeszauber? Machst du dir überhaupt eine Vorstellung von der Tragweite dessen, was du da behauptest?«

»Natürlich tue ich das. Nichtsdestoweniger ist es wahr. Du musstest ihren Tod vortäuschen, um die Imperiale Ordnung glauben zu machen, ihre Bemühungen wären bereits erfolgreich gewesen und sie müssten sie nicht mehr verfolgen – wodurch du ihr zur Flucht verholfen hast. Erinnerst du dich etwa nicht? Du hast ihren Grabstein selbst angefertigt – oder zumindest anfertigen lassen –, und als ich herkam, um sie zu suchen, hab selbst ich mich von deinem Zauber täuschen lassen. Ich dachte, sie wäre tot, obwohl sie es nicht war.«

Zedds Verwirrung hatte sich gelegt, und an ihre Stelle war ernsthafte Besorgnis getreten. »Ich weiß beim besten Willen nicht, was mit dir nicht stimmt, Richard, aber das ist einfach ...«

»Ihr beide brachtet euch in Sicherheit, aber nicht, ohne mir auf dem Grabstein eine Botschaft zu hinterlassen«, fuhr Richard unbeirrt fort und stieß Zedd einen Finger gegen die Brust. »Damit ich wusste, dass sie in Wahrheit noch am Leben war, damit ich nicht verzweifelte und womöglich aufgab. Fast hätte ich es getan, doch dann bin ich euch auf die Schliche gekommen.«

Zedd konnte kaum noch an sich halten vor Ungeduld und Sorge –ein Gefühl, das Nicci nur zu vertraut war. »Verdammt, Junge, von welcher Botschaft redest du?«

»Die Worte auf dem Grabstein, die Inschrift. Sie waren eine an mich gerichtete Botschaft.«

Zedd stemmte die Fäuste in die Hüften. »Was redest du da? Was denn für eine Botschaft?«

Richard begann auf und ab zu gehen, die Fingerspitzen an die Schläfen gepresst, während er sich offenbar, leise vor sich hin murmelnd, auf den exakten Wortlaut zu besinnen versuchte. Oder, vermutete Nicci, ihn sich ebenso zusammenzufantasieren, wie er sich all seine Antworten zusammenfantasierte, um nicht der Wahrheit ins Gesicht sehen zu müssen. Diesmal war er im Begriff, einen Fehler zu begehen, der ihm endgültig zum Verhängnis werden würde, dessen war sie sich sicher. Die Wirklichkeit war ihm bereits erdrückend nahe gerückt, auch wenn er sich dessen noch nicht bewusst sein mochte. Aber das würde sich bald ändern.

»Nicht dort«, murmelte er nach einer Weile. »Irgendwie ging es darum, dass sie nicht dort liegt. Und außerdem war von meinem Herzen die Rede.«

Unvermittelt hielt Richard inne. »Nein, nicht von meinem Herzen war die Rede, das war es nicht, was dort stand. Der Gedenkstein war ziemlich groß. Jetzt weiß ich wieder, wie die Inschrift lautete: ›Kahlan Amnell. Mutter Konfessor. Sie ruht nicht hier, sondern in den Herzen derer, die sie lieben.‹ Das war eine an mich gerichtete Botschaft, die Hoffnung nicht aufzugeben, weil sie in Wahrheit gar nicht tot war – und auch nicht dort in diesem Grab lag.«

Zedd versuchte es mit sanftem Zureden. »Richard, es ist durchaus gebräuchliche Praxis, auf einen Grabstein zu schreiben, dass jemand nicht tot ist, sondern in den Herzen derer fortlebt, die ihn lieben. Grabsteine, die aus dieser Empfindung heraus bestellt werden und die exakt diese eingemeißelten Worten tragen, liegen vermutlich zuhauf bei den Totengräbern herum.«