»Aber sie ist dort nicht begraben worden, ganz sicher nicht! Die Zeile, ›Sie liegt nicht hier‹, steht dort aus einem ganz bestimmten Grund.«
»Und wer wurde dann in ihrem Grab beigesetzt?«, fragte Zedd. Für einen Augenblick verstummte Richard. »Niemand«, antwortete er schließlich und richtete den Blick in die Ferne, um nachzudenken. »Madame Sanderholt – die Köchin im Palast – hatte sich wie alle anderen von deinem Todeszauber täuschen lassen. Als ich schließlich hier eintraf, erzählte sie mir, du hattest bei Kahlans Enthauptung auf der Plattform des Schafotts gestanden. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch in tiefer Trauer deswegen und in einem schrecklich verwirrten Zustand – aber dann wurde mir klar, dass du so etwas niemals tun würdest, dass es sich nur um einen deiner Tricks handeln konnte. Weißt du noch, wie du mir selbst erzählt hast, ein einfacher Trick sei mitunter die beste Magie?« Zedd nickte. »In dem Punkt gebe ich dir Recht.« »Weiter berichtete mir Madame Sanderholt, Kahlans Leichnam sei anschließend unter der persönlichen Aufsicht des Obersten Zauberers auf einem Scheiterhaufen verbrannt und ihre Asche später unter besagtem riesigem Steinmonument beigesetzt worden. Sie hat mich sogar bis zu dem einsam gelegenen Friedhof außerhalb des Palasts geführt, wo die Konfessorinnen begraben liegen, und mir die Grabstätte gezeigt. Ich war entsetzt, denn im ersten Moment dachte ich, sie läge tatsächlich dort und sei tot, bis ich dahinter kam, was die in den Stein eingemeißelte Inschrift zu bedeuten hatte – die Botschaft, die ihr beide für mich dort zurückgelassen hattet.«
Er fasste seinen Großvater abermals bei den Schultern. »Begreifst du nicht? Es war ein Ablenkungsmanöver, um unsere Feinde von ihrer Fährte abzubringen. In Wahrheit war sie weder tot, noch ist sie dort jemals beigesetzt worden. Außer vielleicht ein paar Ascheresten liegt dort überhaupt nichts begraben.«
»Mit anderen Worten, du warst dort?«, fragte Zedd. »Unten, an der Stelle, wo der Grabstein steht?« »Ja. Und kurz darauf kam Denna ...«
»Denna war zu dem Zeitpunkt bereits tot.« Zum ersten Mal mischte sich Cara ein. »Ihr selbst hattet sie getötet, um aus dem Palast des Volkes fliehen zu können. Sie hätte gar nicht dort sein können ... es sei denn, natürlich, sie ist Euch als Geist erschienen.«
»Stimmt, genau so war es«, erklärte Richard, indem er sich zu Cara herumwandte. »Ist sie. Sie erschien mir als Geist und brachte mich an einen Ort zwischen den Welten, damit ich dort mit Kahlan zusammen sein konnte.«
Caras Blick suchte kurz den Zauberer. Unfähig, ihre Skepsis länger zu verbergen, vermied sie es, Richard anzusehen, und beschäftigte sich stattdessen damit, sich im Nacken zu kratzen. Nicci hätte am liebsten laut geschrien. Die Verwicklungen seiner Geschichte wurden von Minute zu Minute aberwitziger. Sie fühlte sich an die Worte der Prälatin erinnert, die ihr damals, noch als Novizin, beigebracht hatte, dass die Saat der Lüge, einmal ausgesät, mit der Zeit immer verschlungenere Gewächse hervorbrachte, die einem irgendwann über den Kopf wuchsen.
Von hinten kam Zedd und fasste Richard bei den Schultern.
»Komm jetzt, Junge. Ich denke, du brauchst dringend etwas Ruhe. Später dann können wir ...«
»Nein!« Empört wand er sich aus seinem Griff. »Das sind keine Hirngespinste! Ich habe mir das nicht ausgedacht!«
Zedd versuchte es erneut. »Du bist müde, Richard. Du siehst aus, als wärst du wer weiß wie lange nicht aus dem Sattel gekommen ...«
Mit ruhigem Trotz fiel Richard ihm ins Wort. »Ich kann es beweisen.«
Alles verstummte.
»Ich weiß, ihr glaubt mir nicht, keiner von euch – aber ich kann es beweisen.«
»Wie meinst du das?«, fragte Zedd.
»Kommt mit. Begleitet mich hinunter ins Tal zu diesem Grabstein.«
»Aber Richard, ich sagte doch bereits, es ist durchaus möglich, dass der Grabstein die Inschrift trägt, an die du dich erinnerst, nur ist das eben noch lange kein Beweis. Es ist absolut nicht ungebräuchlich, eine solche sentimentale Regung auf einem Grabstein zu verewigen.«
»Wird der Leichnam der toten Mutter Konfessor traditionell auf einem Scheiterhaufen verbrannt, oder war das nur Teil deines Ablenkungsmanövers, damit du bei ihrer angeblichen Beerdigung nicht ihren Leichnam vorweisen musstest?«
Mittlerweile war Zedd die Empörung immer deutlicher anzumerken. »Jedenfalls ist es zu meiner Zeit nicht vorgekommen, dass die Leichname der Konfessorinnen entweiht wurden; die Mutter Konfessor wurde in ihrem weißen Kleid in einen mit Silber beschlagenen Sarg gelegt, und anschließend erhielten die Menschen Gelegenheit, sie ein letztes Mal zu sehen und sich vor der Beisetzung von ihr zu verabschieden.«
Richard betrachtete erst seinen Großvater, dann Cara und zuletzt Nicci mit einem durchdringenden Blick. »Also gut. Wenn ich das Grab öffnen muss, um euch zu beweisen, dass unter dem Grabstein nichts begraben liegt, dann werde ich es eben tun. Die Angelegenheit muss aus der Welt geschafft werden, damit wir uns endlich um die Lösung der eigentlichen Probleme kümmern können. Aber um das tun zu können, müsst ihr mir glauben.«
Zedd breitete die Hände aus. »Das ist wirklich nicht nötig, Richard.«
»Doch, ist es, unbedingt! Ich will mein altes Leben wiederhaben!«
Dem mochte niemand widersprechen.
»Zedd, habe ich dich jemals in böswilliger Absicht angelogen?«
»Nein, mein Junge, hast du nie.«
»Und das tue ich auch jetzt nicht.«
»Niemand bezichtigt dich der Lüge, Richard. Du leidest an den unseligen Nachwirkungen eines durch eine Verletzung verursachten Fieberwahns. Jeder von uns hier weiß, dass du das alles nicht absichtlich tust.«
Er wandte sich herum zu seinem Großvater. »Begreifst du nicht, Zedd? Denk doch einmal nach. Mit der Welt ist etwas nicht in Ordnung, ganz und gar nicht in Ordnung. Aus irgendeinem Grund, der sich mir bislang verschließt, bin ich der Einzige, der sich dessen bewusst ist, der Einzige, der sich an Kahlan erinnert. Irgendetwas muss die Ursache dafür sein, irgendetwas Teuflisches. Womöglich steckt Jagang dahinter.«
»Jagang hat bereits dieses Wesen erschaffen lassen, das hinter dir her ist«, wandte Nicci ein. »Dafür hat er all seine Kräfte mobilisiert. Er hat es gar nicht nötig, außerdem noch etwas anderes zu unternehmen. Was hätte das auch für einen Sinn, wo diese Bestie sich bereits an dich heranzumachen versucht?«
»Das weiß ich nicht. Ich weiß schließlich nicht auf alles eine Antwort, aber über einige Dinge bin ich mir sehr wohl im Klaren.«
»Und wie kann es sein, dass du allein die Wahrheit gepachtet hast, während alle anderen sich irren, und die Erinnerung jeden im Stich gelassen hat, mit Ausnahme deiner Wenigkeit?«, wollte Zedd wissen. »Darauf weiß ich ebenfalls keine Antwort, aber immerhin kann ich meine Behauptungen beweisen, indem ich euch das Grab zeige. Also kommt schon.«
»Ich sagte doch bereits, Richard, die Inschrift auf dem Grabstein ist absolut nicht ungebräuchlich.«
Richards Gesichtsausdruck nahm einen gefährlichen Zug an. »Dann werden wir eben das Grab öffnen, damit ihr euch alle überzeugen könnt, dass es leer ist und ich nicht den Verstand verloren habe.«
Zedd wies mit der Hand auf die noch immer offen stehende Tür. »Aber es wird bald dunkel, außerdem gibt es gleich Regen.«
Richard kam von der Eingangstür zurück. »Ein Pferd ist uns geblieben. Wir können es noch bei Tageslicht bis unten schaffen, und wenn nötig, können wir Laternen benutzen. Wenn es sein muss, grabe ich sogar im Dunkeln. Das ist wichtiger, als sich über ein paar Regentropfen oder fehlendes Licht den Kopf zu zerbrechen. Gehen wir.«
Aufgeregt gestikulierend versuchte Zedd ihn zurückzuhalten. »Richard, das ist...«
»Lasst ihm doch seinen Willen«, warf Nicci ein und zog damit alle Blicke auf sich. »Ich denke, wir haben genug gehört. Ihm liegt so viel daran, also sollten wir ihm die Gelegenheit geben, zu tun, was er glaubt, tun zu müssen. Es ist die einzige Chance, die Angelegenheit ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen.«