Ehe Zedd etwas erwidern konnte, erschien eine Mord-Sith zwischen zwei der roten Marmorsäulen auf der gegenüberliegenden Seite des Saales. Wie Cara, so hatte auch sie ihr Haar nach hinten gerafft und zu einem einzelnen Zopf geflochten. Obwohl nicht ganz so groß wie diese und auch nicht so gertenschlank, ließ ihr Auftreten – so als fürchtete sie nichts und lebte nur, um dies auch zu beweisen – sie nicht minder Furcht einflößend erscheinen.
»Was ist hier los? Ich hörte ...« Ihr Blick erstarrte in plötzlichem Erstaunen. »Cara? Bist du es wirklich?«
Cara nickte lächelnd. »Es tut gut, endlich wieder dein Gesicht zu sehen.«
Sie verneigte sich tief vor Cara, tiefer als diese vor ihr, dann fiel ihr Blick auf Richard, und sie trat weiter in den Saal hinein.
Ihre Augen weiteten sich. »Lord Rahl, ich habe Euch nicht gesehen seit...«
Richard nickte. »Seit damals, im Palast des Volkes in D’Hara. Als ich kam, um das Tor zur Unterwelt zu schließen, gehörtet Ihr zu den Mord-Sith, die mir halfen, in den Garten des Lebens zu gelangen. Ihr hattet mir Eure Hand auf die linke Schulter gelegt, als Ihr mich alle gemeinsam sicher durch den Palast führtet. Eine Eurer Mord-Sith-Schwestern hat noch in derselben Nacht ihr Leben gelassen, damit ich meine Mission erfüllen konnte.«
Ein erstauntes Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Das wisst Ihr noch? Wir trugen damals alle unsere roten Lederanzüge. Ich kann gar nicht glauben, dass Ihr ein so ausgezeichnetes Gedächtnis habt, dass Ihr Euch noch an mich erinnert, geschweige denn, dass ich diejenige war, die zu Eurer Linken ging.« Sie machte eine Verbeugung. »Mit Eurem Gedenken an eine von uns, die im Kampf gefallen ist, erweist Ihr uns allen eine Ehre.«
»Ja, das stimmt, ich verfüge über ein ausgezeichnetes Gedächtnis«, erwiderte Richard mit einem finsteren Seitenblick auf Nicci und schließlich auf Zedd. »Das war unmittelbar vor meiner Rückkehr nach Aydindril und zu dem Grabmal, das Kahlans Namen trägt.« Er wandte sich wieder an Rikka. »Könntet Ihr die Burg bewachen, Rikka? Wir müssen für eine Weile hinunter in die Stadt.«
»Selbstverständlich, Lord Rahl«, antwortete Rikka mit einem abermaligen Neigen des Kopfes. Sie schien fast übermütig vor Freude, wieder in seiner Nähe sein zu können und dass er sich noch an sie erinnerte. Richard ließ seinen Raubtierblick ein letztes Mal über die übrigen Anwesenden schweifen, ehe er mit einem nochmaligen »Gehen wir« durch die Tür verschwand. Als Nicci an Zedd vorüberging, bekam dieser sie am Ärmel zu fassen. »Er wurde verwundet, nicht?« Als sie mit der Antwort zögerte, fuhr er fort. »Ihr habt gesagt, er leidet wegen seiner Verwundung an Wahnvorstellungen.«
Nicci nickte. »Er wurde von einem Armbrustbolzen getroffen und wäre fast gestorben.«
Cara streckte den Kopf vor. »Aber Nicci hat ihn wieder geheilt«, setzte sie mit leiser Stimme hinzu. »Sie hat Lord Rahl das Leben gerettet.«
Zedd machte ein staunendes Gesicht. »Eine wahre Freundin.«
»Es stimmt, ich habe ihn geheilt«, bestätigte Nicci, »aber es war schwieriger als alles, woran ich mich je zuvor versucht habe. Mag sein, dass ich ihm dadurch das Leben gerettet habe, nur mache ich mir jetzt Sorgen, dass ich womöglich nicht ganze Arbeit geleistet habe.«
»Was wollt Ihr damit sagen?«
»Ich fürchte, ich könnte etwas getan haben, das diese Wahnvorstellungen überhaupt erst ausgelöst hat.«
»Das ist nicht wahr«, warf Cara ein.
»Eben das frage ich mich«, erwiderte Nicci. »Ich frage mich, ob ich vielleicht hätte mehr tun oder anders an die Sache herangehen können.«
Sie schluckte, vorbei an dem immer mehr anschwellenden Kloß in ihrer Kehle. Sie befürchtete, dass sie tatsächlich schuld an Richards Problem war, dass sie womöglich nicht schnell genug gehandelt oder ihr ein furchtbarer Fehler unterlaufen war. Die Entscheidung jenes grauenhaften Morgens, Richard erst an einen sicheren Ort zu schaffen, ehe sie mit ihrer Heilung begann, nagte noch immer an ihr. Sie hatte befürchtet, ein Angriff könnte ihren Heilbemühungen ein abruptes und verhängnisvolles Ende bereiten; aber wenn sie andererseits gleich an Ort und Stelle, noch auf dem Schlachtfeld, damit begonnen hätte, würde er jetzt vielleicht keinen Gespenstern nachjagen. Schließlich war dieser Angriff nie erfolgt, demnach war ihre Entscheidung, ihn unter allen Umständen erst zu dem abgelegenen Bauernhaus zu transportieren, falsch gewesen. »Was genau hat ihm eigentlich gefehlt?«, riss Zedd sie aus ihren Gedanken. »An welcher Stelle hat ihn der Pfeil getroffen?«
»In der linken Brustseite – und genau genommen war es ein mit Widerhaken versehener Armbrustbolzen. Der Kopf mit den Widerhaken war in seiner Brust stecken geblieben, ohne diese ganz bis zum Rücken zu durchdringen. Er hatte ihn noch leicht ablenken können, weshalb er sein Herz verfehlt hat, aber Lunge und Brust füllten sich bereits rasch mit Blut.«
Erstaunt zog Zedd eine Augenbraue hoch. »Und Ihr konntet den Bolzen entfernen und ihn heilen.«
»Aber ja«, bestätigte Cara mit leidenschaftlichem Nachdruck. »Sie hat Lord Rahl das Leben gerettet.«
»Ich weiß nicht...« Nicci hatte Mühe, es in die richtigen Worte zu fassen. »Ich war auf dem Weg hierher von ihm getrennt. Jetzt, da ich ihn wieder sehe, sehe, wie starrsinnig er an seinen Wahnvorstellungen festhält und sich völlig der Wahrheit verschließt, bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich ihm damit einen Gefallen getan habe. Wie will er denn weiterleben, wenn er die Welt, die ihn umgibt, nicht so zu sehen vermag, wie sie tatsächlich ist? Körperlich mag er wieder genesen sein, aber wenn ihm der Verstand weiter seinen Dienst versagt, wird er grausam eines langsamen Todes sterben.«
In einer väterlichen Geste tätschelte ihr Zedd die Schulter. Nicci sah die Lebendigkeit in seinen Augen, es war dasselbe Feuer, das auch Richard besaß – oder doch besessen hatte. »Dann werden wir ihm eben helfen müssen, die Wahrheit zu erkennen.«
»Und wenn es ihm das Herz bricht?«
Ein Lächeln ging über Zedds Lippen.
»Dann werden wir es eben heilen müssen, oder was meint Ihr?«
Nicci, den Tränen nahe, war außerstande, etwas anderes als ein leises Flüstern hervorzubringen. »Und wie sollen wir das anstellen?«
Mit einem abermaligen Lächeln drückte Zedd fest ihre Schulter. »Das wird sich zeigen. Zunächst einmal müssen wir ihn dazu bringen, die Wahrheit einzusehen, anschließend können wir uns dann Gedanken darüber machen, wie wir die Wunde heilen wollen, die sie in seinem Herzen hinterlassen wird.«
Außer einem Nicken brachte Nicci nichts zustande. Die Aussicht, mit ansehen zu müssen, wie Richard ein Leid zugefügt wurde, machte ihr Angst.
»Und was hat es mit dieser Bestie auf sich, von der Ihr gesprochen habt? Die Jagang erschaffen hat?«
»Sie ist eine Waffe, geschaffen unter tatkräftiger Mithilfe der Schwestern der Finsternis«, antwortete Nicci. »Irgendetwas aus der Zeit des Großen Krieges.«
Die Neuigkeit entlockte Zedd einen kaum hörbaren Fluch. Cara sah aus, als hätte sie etwas über die Bestie anzumerken, aber dann überlegte sie es sich anders und ging zur Tür. »Kommt. Ich will nicht, dass Lord Rahl einen zu großen Vorsprung bekommt.«
Murrend pflichtete Zedd ihr bei. »Sieht aus, als würden wir nass werden.«
»Ich trage einen derartigen Pferdegeruch mit mir herum«, entgegnete die Mord-Sith, »dass mir ein paar Regentropfen bestimmt gut tun werden.«
48
Sie hatten die Koppel noch nicht ganz hinter sich gelassen, da setzte bereits der Nieselregen ein. Richard war bereits außer Sicht, und es war unmöglich, festzustellen, wie viel Vorsprung er vor ihnen hatte. Cara drängte zur Eile, doch Zedd erklärte ihr, da sie ohnehin wüssten, wohin er wolle, mache es wenig Sinn, zu riskieren, dass sich eines der müden Pferde ein Bein brach.
»Außerdem«, erklärte er ihr, »könntet Ihr ihn sowieso nicht einholen.«
»Nun ja, da könntet Ihr Recht haben«, sagte Cara und spornte ihr Pferd zu einem leichten Galopp an. »Aber ich möchte ihn auch nicht länger als unbedingt nötig allein lassen, schließlich bin ich sein Schutz.«