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»Erst recht, seit er sein Schwert weggegeben hat«, murmelte Zedd angesäuert. Nachdem sie den Berghang in forschem Tempo hinter sich gelassen und die Stadt erreicht hatten, begann das Tageslicht zu schwinden, und der Nieselregen wurde stärker. Zum Glück war es noch immer so warm, dass sie in dem feuchten Wetter nicht frieren würden.

Da sie Richards vermutliches Ziel kannten, begaben sie sich auf direktem Weg zu den Parkanlagen rings um den Palast der Konfessoren. Kurz darauf fanden sie sein Pferd, angebunden an einen der Ringe, durch die die zwischen den granitenen Zierpfosten gespannten Ketten liefen. Das Fehlen jeglicher Öffnung machte den Zweck der Ketten offenkundig: Sie dienten dazu, einen privaten Bereich des Palastgeländes abzugrenzen. Nachdem sie ihre Pferde neben dem von Richard festgemacht hatten, folgten die beiden Mord-Sith Zedd, als dieser über die Kette hinwegstieg.

Dies war eindeutig kein Ort, an dem Außenstehende willkommen waren. Eine Reihe hoher Ulmen sowie eine Hecke aus immergrünen Wacholdersträuchern schirmten den abgeschieden gelegenen Hof von unbefugten Blicken ab. Durch das dichte Astwerk der eindrucksvollen Bäume konnte Nicci immer wieder Blicke auf die weißen Außenmauern des unweit emporragenden Palasts der Konfessoren erhaschen, der den bewaldeten Friedhof schützend umschloss.

Wegen seiner versteckten Lage hatte Nicci angenommen, der Friedhof sei klein, tatsächlich aber erstreckte sich die Stätte, an der die Konfessorinnen begraben lagen, über ein ziemlich weitläufiges Gelände. Die Bäume waren so platziert, dass sie die offenen Flächen unterteilten und jedem Abschnitt des Friedhofs ein Gefühl von Intimität verliehen. Die Art seiner Anlage, mit einem Pfad sowie einem kurzen, rankenüberwucherten Säulengang, der aus dem Palast kommenden Besuchern den Weg wies, ließ darauf schließen, dass er eigentlich nur durch eine elegante gläserne Doppeltür vom Palast aus betreten werden sollte. In dem gedämpften grauen Licht verströmte dieser unter dem Laubdach der Bäume gelegene Ort der Stille eine weihevolle Atmosphäre. Sie erblickten Richard am oberen Ende eines leichten Anstiegs in jenem Teil des Innenhofes, der, wäre dies ein sonniger Tag gewesen, im Schatten gelegen hätte. Er stand im Nieselregen vor einem Grabmal aus poliertem Stein und zeichnete mit den Fingern die in den Granit gemeißelten Buchstaben nach, Buchstaben, die den Namen KAHLAN bildeten. Offenbar war es ihm gelungen, irgendwo auf dem Palastgelände ein paar Schaufeln und Spitzhacken aufzutreiben, die jetzt griffbereit ganz in der Nähe lagen. Als sie das Gelände mit den Augen absuchte, entdeckte Nicci hinter den Hecken und teilweise verdeckt von einer Ecke des Palasts einige den Verwaltern der Parkanlagen vorbehaltene Lagerschuppen; daraus schloss sie, dass Richard sie wohl dort gefunden hatte.

Als sie sich ihm mit leisen Schritten näherte, ahnte sie bereits, dass er unmittelbar vor einer möglicherweise sehr riskanten Entdeckung stand ... riskant für ihn. Die Hände gefaltet, blieb sie hinter ihm stehen und wartete ab, während er Kahlans in Stein gemeißelten Namen betastete.

Schließlich sprach sie ihn an, mit gesenkter Stimme, denn an einem solchen Ort verspürte sie das Bedürfnis nach einem ehrfurchtsvollen Ton. »Ich hoffe nur, Richard, du bedenkst alles, was ich dir gesagt habe, und falls die Dinge sich nicht so entwickeln sollten, wie du es in diesem Augenblick erwartest, dann sei gewiss, dass wir dich alle nach besten Kräften unterstützen werden.«

Er kehrte dem in Stein gemeißelten Namen den Rücken zu. »Macht Euch meinetwegen bloß keine Sorgen, Nicci, unter dieser Erde hier liegt nichts. Sie ist nicht hier, wie ich Euch gleich beweisen werde, und dann werdet Ihr mir glauben müssen. Ich werde mein altes Leben zurückbekommen, und wenn es so weit ist, werdet ihr alle begreifen, dass etwas ganz und gar aus dem Lot geraten ist. Anschließend werden wir uns an die Arbeit machen und herausfinden müssen, was gespielt wird – und natürlich Kahlan wieder finden.«

Einen Moment lang hielt er ihrem Blick stand, um zu sehen, ob sie es wagen würde, ihm zu widersprechen, dann schnappte sich Richard wortlos eine Schaufel und stieß das Blatt vor dem steinernen Grabmal der verschiedenen Mutter Konfessor mit einem kräftigen Fußstoß in die leicht aufgeworfene, mit Gras bewachsene Erde. Zedd hatte zwei Laternen mitgebracht, die jetzt unweit auf einer steinernen Sitzbank standen und in der feuchten Stille ein schwaches, aber gleichmäßiges Licht verströmten. Wegen des Nieselregens hatte sich ein leichter Bodennebel gebildet, und obwohl der Himmel sich mittlerweile vollständig mit bleigrauen Wolken zugezogen hatte, meinte Nicci an dem schwindenden Licht zu erkennen, dass es kurz nach Sonnenuntergang sein musste. Da dies die dunkelste Neumondnacht war und die dichte Wolkendecke die Sterne verdeckte, stand ihnen eine tiefschwarze Nacht bevor – auch ohne Nieselregen und aufkommende Dunkelheit ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um Tote auszugraben.

Als Richard mit einer gewissen beherrschten, gleichwohl zielgerichteten Wut vor sich hin ackerte, griff sich Cara schließlich eine der anderen Schaufeln. »Je schneller wir es hinter uns bringen, desto besser.«

Sie stieß ihre Schaufel in das feuchte Erdreich und half Richard beim Graben. In grimmiges Schweigen gehüllt, stand Zedd ganz in der Nähe und schaute weiterhin zu. Um das Ganze zu beschleunigen, hätte sogar Nicci mit angefasst; sie bezweifelte jedoch, dass mehr als zwei Personen genügend Platz zum Graben hatten, ohne einander ständig im Weg zu sein. Sie war fast geneigt, der Plackerei beim Öffnen des Grabes mit etwas Magie nachzuhelfen, meinte aber deutlich zu spüren, dass Zedd damit nicht einverstanden wäre. Offenbar legte er Wert darauf, dass Richard dies aus eigener Kraft tat, mit seinen Muskeln, seinem Schweiß. Es sollte sein Werk sein. Während das Tageslicht allmählich immer mehr schwand, arbeiteten sich Richard und Cara immer tiefer in das Erdreich vor; mittlerweile mussten sie zur Spitzhacke greifen, um durch das dichte Wurzelgeflecht zu dringen, das die Grabstelle in allen Richtungen durchzog. Das Vorhandensein von Wurzeln dieser Dicke war für Nicci ein sicherer Hinweis dafür, dass das Grab älter sein musste, als Richard annahm, aber falls er zu demselben Schluss gekommen war, ließ er sich das in seiner Arbeitsweise nicht anmerken. Vermutlich lag er mit seiner Einschätzung sogar richtig, dass dies kein echtes Grab war, das würde immerhin erklären, warum die Wurzeln so mächtig hatten werden können. Wenn Richard Recht hatte, hätte nur ein kleines Loch zwischen ihnen ausgehoben werden müssen, gerade groß genug, um ein rituelles Gefäß mit etwas Asche darin zu verbuddeln, doch daran mochte sie nicht einen Augenblick glauben. Schaufel für Schaufel wurde der Haufen schwarzer Erde neben dem Loch immer höher. Als die vor Regen und Schweiß triefenden Köpfe von Richard und Cara auf gleicher Höhe mit dem Boden waren, stieß Richards Schaufel plötzlich mit einem dumpfen Geräusch gegen einen festen Gegenstand. Die beiden hielten inne. Richard wirkte plötzlich wie gelähmt; seiner Geschichte zufolge dürfte sich in dem Grab überhaupt nichts befinden, außer vielleicht einem kleinen, Asche enthaltenden Behälter, obwohl nicht recht einzusehen war, warum ein solcher Behälter so tief vergraben sein sollte. »Es kann sich nur um eine Urne für die Asche handeln«, meinte er nach einer Weile mit einem Blick auf Zedd. »Das muss es sein. Du hättest die Leichenasche niemals einfach in ein Erdloch gekippt; gewiss hätte man bei dem Begräbnis irgendeine Art von Gefäß für die Asche verwendet, die alle aufgrund deines Täuschungsmanövers für Kahlans halten sollten.«

Zedd sagte nichts.

Cara beobachtete Richard einen Moment lang, dann stieß sie ihre Schaufel erneut ins Erdreich; wieder war das gleiche dumpf hallende Geräusch zu hören. Sie wischte sich mit dem Handrücken eine blonde Strähne aus dem Gesicht und sah hoch zu Nicci.

»Sieht ganz so aus, als hättet ihr etwas gefunden.« Zedds schicksalsschwere Stimme schien durch den tief hängenden Nebel zu tragen, der über dem Boden des privaten Friedhofs aufgezogen war. »Schätze, wir sollten nachsehen, was es ist.«