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Einen Moment lang starrte Richard zu seinem Großvater hoch, dann machte er sich erneut ans Graben. Binnen kurzem hatten er und Cara eine glatte Oberfläche freigelegt. Es war zu dunkel, um deutlich etwas sehen zu können, trotzdem wusste Nicci sofort, was es war.

Es war die Wahrheit, im Begriff, enthüllt zu werden, es war das Ende von Richards Wahnvorstellungen. »Das begreife ich nicht«, murmelte Richard, verwirrt von der Größe des Gegenstandes, den sie im Begriff waren freizulegen.

»Legt die Oberseite vollends frei«, kommandierte Zedd mit kaum verhohlenem Verdruss. Sofort gingen die beiden daran, das feuchte Erdreich rasch und doch behutsam von dem Gegenstand zu entfernen, der sich alsbald nur zu deutlich als Sarg entpuppte. Als sie ihn vollständig freigelegt hatten, befahl Zedd ihnen, aus dem Loch herauszusteigen, das sie gegraben hatten. Der alte Zauberer hielt seine Hände über das offene Grab und drehte die Handflächen nach oben. Unter den Blicken der anderen begann sich der schwere Sarg zu heben. Erde fiel bröckelnd von ihm ab, als der längliche Kasten aus dem schwarzen Nichts emporzusteigen begann. Zedd trat von dem klaffenden Loch im geweihten Boden zurück und setzte den Sarg mithilfe seiner Gabe behutsam neben dem geöffneten Grab ins Gras. Seine Außenseite war mit kunstvollen Schnitzereien sich öffnender, versilberter Farnwedel verziert, es war eine Arbeit von ehrfurchtsvoller, trauriger Schönheit. Die Vorstellung, was er enthalten mochte, ließ Richards Blick starr werden.

»Öffne ihn«, befahl Zedd.

Unschlüssig sah Richard einen Augenblick lang zu ihm hoch.

»Öffne ihn«, wiederholte Zedd.

Schließlich ließ sich Richard neben dem mit Silber beschlagenen Sarg auf die Knie hinunter und stemmte mit der Schaufelspitze vorsichtig den Deckel auf. Cara ging die beiden Laternen holen, von denen sie eine Zedd reichte, während sie die andere über Richards Schulter hielt, damit er etwas erkennen konnte. Als der Deckel sich endlich löste, hob Richard die schwere Abdeckung gerade weit genug an, um den oberen Teil ein Stück zur Seite schieben zu können.

Der Schein von Caras Laterne fiel auf einen verwesten, mittlerweile fast vollständig skelettierten Körper. Dank der handwerklichen Sorgfalt bei der Fertigung des Sarges war der Leichnam auf seiner langen Reise zum endgültigen Zerfall bislang weitgehend trocken geblieben. Von dem langen Aufenthalt unter der Erde und dem unaufhaltsamen Verfallsprozess waren die Knochen fleckig, ein Schopf langen Haars, größtenteils noch immer mit dem Schädel verbunden, fiel über die Schultern. Gewebe war nur noch wenig übrig, das meiste davon war Bindegewebe, vor allem dort, wo es die Knochen der Finger zusammenhielt, die selbst so lange nach dem Dahinscheiden noch einen längst zerfallenen Blumenstrauß umklammerten. Der Leichnam der Mutter Konfessor war in ein feines, schlichtes weißes Seidenkleid gehüllt, das am Halsausschnitt, durch den man jetzt die blanken Rippen sah, rechteckig ausgeschnitten war. Das Blumenbukett in ihren Händen war mit einem perlenbesetzten Spitzentuch umhüllt, an dem ein breites, goldenes Band befestigt war. Auf diesem Band war in mit silbernem Faden gestickten Buchstaben zu lesen:

»Unserer geliebten Mutter Konfessor, Kahlan Amnell. Sie wird stets in unseren Herzen wohnen.«

Damit konnte kaum noch Zweifel am wahren Schicksal der Mutter Konfessor bestehen, ebenso daran, dass das, was nach Richards unerschütterlicher Überzeugung seine Erinnerung war, von der Wirklichkeit widerlegt und mithin nichts weiter war als eine süße, jetzt zu Staub zerfallende Selbsttäuschung. Richard, kaum fähig zu atmen, konnte nichts weiter tun, als auf die menschlichen Überreste in dem offenen Sarg zu starren, auf das weiße Kleid und das goldene Band um die schwarzen Reste dessen, was einst ein wunderschöner Blumenstrauß gewesen war.

Nicci war hundeelend zumute.

»Bist du jetzt zufrieden?«, fragte Zedd im wohl bedachten Tonfall nur mühsam unterdrückten Zorns. »Ich begreife das nicht«, sagte Richard mit kaum hörbarer Stimme, unfähig, die Augen von dem schaurigen Anblick zu lösen.

»Ach nein? Ich denke, es ist ziemlich offensichtlich«, gab Zedd zurück. »Aber ich weiß, dass sie hier nicht begraben liegt. Ich habe dafür einfach keine Erklärung. Ich kann den Widerspruch zu dem, was ich sicher weiß, nicht begreifen.«

Zedd faltete die Hände. »Weil es keinen Widerspruch gibt, den man begreifen müsste. Widersprüche gibt es nicht.«

»Ja, und doch weiß ich ...«

»Das neunte Gesetz der Magie: Es kann in der Wirklichkeit keinen Widerspruch geben, weder in Teilbereichen noch im Ganzen. An einen Widerspruch glauben bedeutet den Verzicht auf den Glauben an die Existenz der realen Welt, die einen umgibt, und an das Wesen der in ihr enthaltenen Dinge zugunsten eines beliebigen, die eigene Fantasie erregenden Affekts – zugunsten der Vorstellung, dass etwas wirklich ist, nur weil man es wünscht. Die Dinge sind, was sie sind, sie sind sie selbst. Widersprüche kann es nicht geben.«

»Aber Zedd, ich muss doch glauben ...«

»Ah, du glaubst. Mit anderen Worten, die Realität dieses Sarges und des vor langer Zeit beerdigten Leichnams der Mutter Konfessor hat dir etwas vor Augen geführt, das du nicht erwartet hast und das du nicht zu akzeptieren bereit bist, weshalb du dich in den undurchsichtigen Nebel des Glaubens flüchten möchtest. Ist es das, was du mir sagen wolltest?«

»Na ja, in diesem Fall...«

»Glaube ist ein Mittel der Selbsttäuschung, ein Taschenspielertrick, vollführt mit Worten und Gefühlen, die sich auf jede nur erdenkliche irrationale Vorstellung gründen. Einfacher ausgedrückt, er versucht, einer Lüge Leben einzuhauchen, indem er die Wirklichkeit mit der Schönheit des Wunschdenkens zu überstrahlen sucht. Glaube ist die Zuflucht der Narren, Unwissenden und ihren Selbsttäuschungen Erlegenen, nicht der denkenden, vernunftbegabten Menschen. In der Wirklichkeit kann es keine Widersprüche geben, denn um an sie zu glauben, müsste man sein wertvollstes Gut aufgeben, die Vernunft. Der Preis dieses Handels ist das eigene Leben, es ist ein Tausch, bei dem der eigene Einsatz in jedem Fall verloren geht.«

Richard fuhr sich mit den Fingern durch die nassen Haare. »Aber irgendetwas stimmt hier nicht, Zedd. Ich weiß nicht, was, aber ich bin absolut sicher, dass es sich so verhält. Du musst mir helfen.«

»Das habe ich soeben getan. Ich habe dir Gelegenheit gegeben, uns den von dir selbst angeführten Beweis zu zeigen. Er liegt dort, in diesem Sarg. Zugegeben, es ist nicht das von dir erhoffte erfreuliche Ergebnis, andererseits kann man sich seiner faktischen Gegebenheit unmöglich entziehen. Dies ist, was du gesucht hast, dies ist Kahlan Amnell, die Mutter Konfessor, genau, wie es die Inschrift auf ihrem Grabstein besagt.«

Eine Augenbraue hochgezogen, neigte er sich ein wenig zu seinem Enkelsohn hin. »Es sei denn, du kannst beweisen, dass hier eine Art Betrug vorliegt, dass jemand diesen Sarg aus einem bestimmten Grund hier vergraben hat, als Teil eines ausgeklügelten Schwindels, dessen einziges Ziel es ist, den Anschein zu erwecken, du habest dich getäuscht und alle anderen hätten Recht. Aber wenn du mich fragst, wäre das ein ziemlich fadenscheiniges Argument. Ich fürchte, die eindeutigen Beweise, hier vor unseren Augen, sprechen eine klare Sprache: Dies ist die Wirklichkeit – der Beweis, den du gesucht hast –, und es liegt nicht der geringste Widerspruch vor.«

Richard starrte auf den vor ihm liegenden, vor langer Zeit verstorbenen Körper. »Irgendetwas stimmt hier nicht. Das kann einfach nicht sein, ausgeschlossen.«

Zedds Kiefermuskeln spannten sich. »Richard, ich habe mich nachsichtig gezeigt und dir in dieser schaurigen Geschichte Entgegenkommen bewiesen, obwohl ich es von Rechts wegen hätte bleiben lassen sollen, aber jetzt verrate mir endlich, warum du das Schwert nicht bei dir hast. Wo ist das Schwert der Wahrheit?«

Leise prasselte der Regen auf das Blätterdach, derweil sein Großvater auf eine Antwort wartete. »Ich habe es Shota im Tausch für gewisse Informationen überlassen, die ich dringend brauchte.«