Zedds Augen weiteten sich. »Du hast was getan?«
»Ich müsste es tun«, murmelte Richard, ohne seinen Großvater anzusehen. »Du musstest es tun? Du musstest?«
»Ja«, antwortete Richard kleinlaut.
»Und im Tausch gegen welche Information, wenn ich fragen darf?«
Richard stützte seine Ellbogen auf die Sargkante und vergrub sein Gesicht in den Händen. »Im Tausch gegen etwas, das mir helfen könnte, herauszufinden, was hier tatsächlich geschieht. Ich brauche unbedingt Antworten, ich muss wissen, wie ich Kahlan wieder finden kann.«
Wütend stieß Zedd einen Finger in Richtung des Sarges. »Dort liegt Kahlan Amnell! Exakt an der Stelle, die die Inschrift auf ihrem Grabstein immer schon angegeben hat. Und welche so ungeheuer wertvolle Information hat dir Shota gegeben, nachdem sie dir das Schwert abgeluchst hatte?«
Richard unternahm nicht einmal den Versuch, den Eindruck zu entkräften, er sei um das Schwert betrogen worden.
»Feuerkette. Das war der Begriff, den sie mir nannte, allerdings wusste sie nicht, was er bedeutet. Sie erklärte mir nur, ich müsse die Stätte der Gebeine im Herzen der Leere finden.«
»Das Herz der Leere«, wiederholte Zedd spöttisch, ehe er in den tiefschwarzen Himmel hinaufblickte und einmal tief durchatmete. »Ich nehme an, Shota konnte dir nicht sagen, was sich hinter diesem Herz der Leere verbirgt?«
Ohne aufzusehen, schüttelte Richard den Kopf. »Dann sagte sie noch, ich solle mich vor der vierköpfigen Viper hüten.«
Zedd stieß abermals verärgert den Atem aus. »Was du nicht sagst. Ich wette, auch in diesem Fall habt ihr beide keinen blassen Schimmer, was es bedeutet.«
Wieder schüttelte Richard den Kopf, ohne zu seinem Großvater aufzusehen. »War es das? Ist das der großartige Schatz wertvoller Informationen, die man dir im Tausch gegen das Schwert der Wahrheit überlassen hat?«
Richard zögerte. »Da war noch etwas.« Er sprach so leise, dass man ihn im sanften Wispern des Regens kaum verstehen konnte. »Shota sagte noch, was ich suche ... sei schon lange begraben.«
Zedds schwelender Zorn drohte zu explodieren. Er stieß seinen Finger vor und wies auf das Grab. »Was du suchst, liegt dort: Kahlan Amnell, die Mutter Konfessor und vor langer Zeit begraben.«
5*4
Richard ließ den Kopf hängen und schwieg.
»Und dafür hast du das Schwert der Wahrheit hergegeben? Eine Waffe von unschätzbarem Wert! Eine Waffe, die nicht nur die Bösen zu Fall zu bringen vermag, sondern auch die Guten, eine Waffe, die dir von Zauberern aus grauer Vorzeit vererbt wurde und die nur einigen wenigen Auserwählten anvertraut werden darf. Eine Waffe, die ich dir anvertraut habe – und du überlässt sie einfach einer Hexe. Hast du überhaupt eine Vorstellung, was ich durchmachen musste, um das Schwert wiederzubeschaffen, nachdem sie es das letzte Mal in ihre Gewalt gebracht hatte?«
Richard schüttelte den Kopf, den Blick starr auf den Boden neben dem Sarg gerichtet, und schien sich nicht zu trauen, etwas zu sagen.
Nicci wusste, er hatte eine Reihe von Dingen zu seiner Verteidigung vorzubringen, Dinge, die mit den hinter seinen Handlungen und Überzeugungen stehenden Überlegungen zu tun hatten, doch er erwähnte nicht eines davon, nicht einmal, als er die Gelegenheit dazu geboten bekam. Stattdessen kniete er schweigend und mit hängendem Kopf neben dem offenen Sarg, in dem das Ende seiner Träume lag, und ließ die Beschimpfungen seines Großvaters über sich ergehen.
»Ich habe dir etwas sehr Wertvolles anvertraut, weil ich dachte, ein so gefährlicher Gegenstand wäre bei dir in guten Händen. Aber du hast mich im Stich gelassen, Richard, mich und alle anderen, um stattdessen einem Hirngespinst nachzujagen. Nun, jetzt liegt es vor uns, in Form von ein paar lange beerdigten Knochen. Ich kann nur hoffen, dass du dies für ein faires Geschäft hältst, denn für mich gilt das ganz sicher nicht.«
Nicht weit entfernt stand Cara, in der Hand die Laterne, die Haare vom trägen, aber steten Regen an den Kopf geklebt. Sie sah aus, als wollte sie Richard in Schutz nehmen, wusste aber nicht, wie sie es anstellen sollte. Desgleichen Nicci, die ebenfalls Angst hatte, den Mund aufzumachen. Offenbar ahnte sie, dass sie damit alles nur noch schlimmer machen würde. Nur das leise Wispern des Regens auf den Blättern füllte die ansonsten vollkommen stille, nebelverhangene Nacht.
Schließlich sagte Richard mit stockender Stimme: »Tut mir Leid, Zedd.«
»Das wird es kaum aus ihren raffgierigen Fingern befreien, und es wird auch nicht all die Menschen retten, die Samuel mit diesem Schwert bedrohen wird. Ich liebe dich wie einen Sohn und werde es immer tun, trotzdem war ich noch nie so enttäuscht von dir. Ich hatte dich niemals für fähig gehalten, so etwas Unüberlegtes und Leichtsinniges zu tun.«
Richard, nicht gewillt, sein Tun zu rechtfertigen, nickte nur. Nicci brach es fast das Herz.
»Ich werde es dir überlassen, die Mutter Konfessor wieder in ihr Grab zu betten, unterdessen werde ich mir einen Weg zu überlegen versuchen, wie wir dieser Hexe das Schwert wieder abnehmen können, die erheblich klüger war als mein Enkelsohn. Du solltest dir klar machen, dass du für die Folgen womöglich zur Rechenschaft gezogen wirst.«
Richard nickte.
»Gut. Freut mich, dass du zumindest das begriffen hast.« Einen Blick in den Augen, so Furcht erregend wie der eines jeden Rahl, wandte er sich herum zu Cara und Nicci. »Ich möchte, dass Ihr beide mich zur Burg zurück begleitet. Dort will ich dann alles über diese Geschichte mit dieser Bestie erfahren, jedes einzelne Wort.«
»Aber ich muss hier bleiben und auf Lord Rahl aufpassen«, wandte Cara ein. »Nein«, beschied er sie knapp. »Ihr werdet mit mir kommen und mir in allen Einzelheiten erklären, was bei der Hexe vorgefallen ist. Ich will Wort für Wort erfahren, was sie dazu zu sagen hatte.«
Cara schien hin- und hergerissen. »Zedd, ich kann unmöglich ...«
»Geht mit ihm, Cara«, befahl Richard ihr in ruhigem Ton, der keinen Widerspruch duldete. »Tut, was er sagt. Bitte.«
Nicci spürte, wie hilflos es Richard machte, sein Tun in Gegenwart seines Großvaters zu rechtfertigen, ganz gleich, wie sicher er gewesen sein mochte, das einzig Richtige zu tun. Sie verstand, weil sie sich in Gegenwart ihrer Mutter stets genauso hilflos gefühlt hatte, wenn diese ihr, wie so oft, vorwarf, etwas falsch gemacht zu haben.
In Wirklichkeit war es für Richard noch viel schwerer als damals für sie, denn er liebte und respektierte seinen Großvater. Trotz seiner zahlreichen Erfolge, trotz seiner Kraft, seines Wissens, seiner Talente und Überlegenheit war es eine unbestreitbare Tatsache, dass er seinen Großvater enttäuscht hatte, was umso schmerzlicher war, als er ihm in liebevollem Respekt zugetan war. »Geht schon«, sagte sie zu Cara und legte ihr behutsam eine Hand ins Kreuz. »Tut erst einmal, was er sagt. Ich denke, Richard wird es gut tun, eine Weile allein zu sein, um nachzudenken und wieder zur Besinnung zu kommen.«
Cara, deren Blick zwischen Nicci und Richard hin – und herwanderte, sah aus, als glaubte sie, er sei in Niccis Händen womöglich besser aufgehoben, und nickte zustimmend.
»Ihr auch«, sagte Zedd an Nicci gewandt. »Ich muss bis ins Detail wissen, welche Rolle Ihr in dieser Geschichte spielt, damit ich mir überlegen kann, wie sich all die Probleme lösen lassen, die nicht nur hierdurch, sondern auch durch das, was Jagang getan hat, entstanden sind.«
»Also gut«, sagte Nicci. »Geht Ihr die Pferde holen, ich werde hier auf Euch warten.«
Er warf kurz einen letzten Blick auf den noch immer neben dem Sarg knienden Richard, dann erklärte er sich mit einem Nicken zu Nicci einverstanden.
Kaum war er mit Cara durch die Wacholderhecke und im Nebel verschwunden, hockte sich Nicci neben Richard nieder und legte ihm eine Hand zwischen seine eingefallenen Schultern. »Alles wird wieder gut werden, Richard.«
»Ich frage mich, ob überhaupt jemals wieder etwas gut werden wird.«
»Im Augenblick mag es dir nicht so scheinen, aber es wird. Zedd wird seine momentane Verärgerung überwinden und letztendlich begreifen, dass du dir größte Mühe gegeben hast, verantwortungsbewusst zu handeln. Ich weiß, dass er dich liebt, er hat sicherlich nicht gewollt, dass seine Worte dich so tief verletzen.«