Выбрать главу

Richard stand am äußersten Rand des Festungswalls, je einen Arm auf die Mauerzacken zu beiden Seiten gestützt, und starrte durch die Zinnen nach draußen. Es war, als stünde man am Rand der Welt. Getrieben von den Wolken, die sie verursachten, schoben sich graue Schattenflächen gemächlich über die tief unten liegenden Hügel und Felder.

Jedes Zeitgefühl schien ihm abhanden gekommen; jetzt, da Kahlan tot und begraben war, war nichts mehr wirklich von Bedeutung; er hatte Mühe, sich vorzustellen, warum es das jemals gewesen sein sollte. Er meinte nicht einmal mehr, sicher zu wissen, dass sie je wirklich existiert hatte. Wie auch immer, es war vorbei.

Unweit von ihm stand Cara, die sich stets in seiner Nähe aufhielt. Es hatte etwas Tröstliches, zu wissen, dass er sich in jeder Hinsicht auf sie verlassen konnte, andererseits war es mitunter auch ermüdend, sie stets um sich zu haben, nie auch nur einen Augenblick für sich allein zu haben. Er fragte sich, ob sie wohl glaubte, nahe genug zu stehen, um ihn zu packen, falls er sprang – und wusste, dass dem nicht so war.

Trübsinnig betrachtete er die winzigen, sich dicht aneinander schmiegenden Dächer der Stadt Aydindril tief unter ihm. Auf eine Weise fühlte er sich mit der Stadt verwandt, die genauso verödet war wie er. Aus beiden war jegliches Leben gewichen.

Seit dem Offnen des Grabes – noch immer brachte er es nicht über sich, nicht einmal in Gedanken, geschweige denn laut, es Kahlans Grab zu nennen – hatte er das Gefühl, dass es nichts mehr gab, wofür es sich zu leben lohnte. Wäre es möglich, allein durch Willenskraft zu sterben, er wäre längst tot, doch jetzt, da er ihn herbeisehnte, zeigte sich der Tod auf einmal von seiner scheuen Seite. Die Tage schleppten sich endlos dahin. Der Anblick der Grabstätte hatte ihm einen solchen Schock versetzt, dass sein Verstand auf der Stelle zu stocken schien; es war, als wäre ihm jegliche Denkfähigkeit abhanden gekommen. Was er einst für wahr gehalten hatte, galt nicht mehr; nichts, was er wusste, ergab noch einen Sinn. Seine Welt war auf den Kopf gestellt worden. Wie sollte er noch funktionieren, wenn er nicht mehr auseinander zu halten vermochte, was wirklich war und was nicht?

Er wusste nicht mehr weiter. Zum allerersten Mal in seinem Leben hatte ihn eine Situation so sehr verwirrt, dass er sich geschlagen gab. Früher hatte er sich stets im sicheren Gefühl geglaubt, ihm stünden eine Reihe von Möglichkeiten offen – damit war es nun vorbei. Er hatte alles versucht, was ihm eingefallen war, nichts hatte den gewünschten Erfolg gezeitigt. Er war am Ende der Fahnenstange angelangt, danach kam nichts mehr. Und die ganze Zeit sah er in Gedanken ihren Körper im Sarg liegen. Er sah, hörte und fühlte – nur denken konnte er nicht; er war außerstande, die Dinge auf sinnvolle Weise zu einem Ganzen zu fügen. Sein Zustand glich einer wandelnden, lebenden Imitation des Todes – einer schlechten, wie er fand. Welchen Sinn hatte das Leben, wenn man sich so fühlte? Er sehnte sich danach, die dunkle, ewige Umarmung des Nichts würde endlich nach ihm greifen. Er war so weit jenseits aller Schmerzen, aller Traurigkeit und allen Kummers, dass da nichts mehr war außer einer leeren, blinden und diffusen Qual, die ihn nie, nicht eine Sekunde, lange genug aus ihrem Griff entließ, um auch nur einmal durchzuatmen. In seiner Verzweiflung wünschte er sich, der Wahrheit entfliehen, ihr das Recht absprechen zu können, real zu sein, aber es gelang ihm nicht, und daran drohte er zu ersticken. Wie er so dastand und über den jähen, tausende Fuß tiefen Abgrund stierte, zerzauste ihm der den Hang heraufwehende Wind das Haar.

Welchen Nutzen hatte er noch für andere? Er hatte Zedd im Stich gelassen; er hatte Shota das Schwert der Wahrheit ohne jeden Gegenwert überlassen, und Nicci war der Meinung, er habe den Verstand verloren und sei seinen Wahnvorstellungen erlegen. Nicht einmal Cara glaubte ihm noch, jedenfalls nicht wirklich. Nur er selbst glaubte sich noch, und mit der Öffnung ihres Grabes hatte er sich eigenhändig widerlegt. Vermutlich war er tatsächlich verrückt, vermutlich hatte Nicci Recht, und alle anderen auch. Es konnte nur so sein, dass er sich das alles einbildete. Ihre Augen, ihre Blicke, mit denen sie ihn anstarrten, verrieten deutlich, dass er offensichtlich den Verstand verloren hatte.

Richard ließ seinen Blick den jähen, aus den dunklen Steinen der mächtigen Außenmauer der Burg gebildeten Abhang hinabwandern, der unter ihm tausende von Fuß bis zu den Felsen und dem Wald abfiel. Der böige Wind, der an der Außenwand emporwehte, zerrte an ihm. Es war ein Schwindel erregender Anblick, ein Schwindel erregender Abgrund.

Welchen Nutzen hatte er noch für andere, vor allem für sich selbst? Heimlich warf er einen Seitenblick auf Cara. Sie stand nah, aber nicht annähernd nah genug. Wieder blickte er in den schier bodenlosen, von der hohen Außenmauer an der Burgflanke in die Tiefe führenden Abgrund hinab, auf die felsige, mit Bäumen übersäte Landschaft, die sich unten ausbreitete. Bis dort unten war es ein langer, ein sehr langer Weg.

Er erinnerte sich, gehört zu haben, dass man kurz vor dem Tod sein ganzes Leben noch einmal an sich vorüberziehen sah.

Wenn dies tatsächlich zutraf, würde auch er jeden der kostbaren Augenblicke, die ihm mit Kahlan vergönnt gewesen waren, noch einmal durchleben.

Oder die ihm, wie er glaubte, vergönnt gewesen waren.

Es war ein sehr weiter Weg bis dort unten.

Und eine lange Zeit, all diese wunderbaren, romantischen, zärtlichen Momente noch einmal zu durchleben, jeden der kostbaren Momente aufleben zu lassen, die er mit ihr zusammen hatte verbringen dürfen.

50

Nicci öffnete eine eisenbeschlagene Eichentür ins gleißend helle Tageslicht. Unmittelbar über ihr, an einem strahlenden tiefblauen Himmel, der an jedem anderen Tag ihre Stimmung gehoben hätte, zogen bauschige weiße Wolken vorbei, und eine frische Brise wehte ihr das Haar ins Gesicht. Sie strich es zurück und blickte die schmale Brücke entlang zum fernen Wehrgang. Am Ende der Brücke, drüben an der gegenüberliegenden Mauer der Brustwehr, in einer Lücke zwischen den Zinnen, stand Richard und blickte den Berghang hinab. Cara stand ganz in der Nähe und drehte sich herum, als sie die Tür hörte. Mit hastigen Schritten überquerte Nicci die Brücke, die die tief unten liegenden Burghöfe überspannte. Unten, in einem Rosengarten am Fuß eines Turms, dort, wo sich mehrere Mauern trafen, konnte sie mehrere Steinbänke erkennen. Als sie endlich neben Richard stand, sah er zu ihr herüber und schenkte ihr ein kurzes, schmallippiges Lächeln. Ihr wurde ganz warm ums Herz bei diesem Anblick, auch wenn sie wusste, dass es kaum mehr als eine höfliche Geste war.

»Rikka war gerade bei mir, um mir mitzuteilen, dass sich jemand der Burg nähert. Ich hielt es für angebracht, dich holen zu kommen.«

Cara, nur drei Schritt entfernt, rückte ein wenig näher. »Weiß Rikka, um wen es sich handelt?«

Nikki schüttelte den Kopf. »Ich fürchte nein, und ich bin nicht eben wenig besorgt.«

Ohne sich zu rühren oder den Blick von der fernen Landschaft zu lösen, sagte Richard: »Es sind Ann und Nathan.«

Einen überraschten Ausdruck im Gesicht, warf Nicci einen Blick über den Mauerrand, als er mit dem Finger auf sie zeigte, tief unten auf der Straße, die sich in endlosen Serpentinen den Berg zur Burg der Zauberer heraufwand.

»Aber es sind drei Reiter«, bemerkte sie.

Richard nickte. »Sieht ganz so aus, als könnte Tom bei ihnen sein.«

Nicci lehnte sich weiter an ihm vorüber und spähte die Stirnfläche der Steinmauer hinab. Der Abgrund war beängstigend. Plötzlich überkam sie eine dunkle Ahnung, dass ihr die Stelle, wo er stand, ganz und gar nicht gefiel.