»Du kannst von hier aus mit Sicherheit sagen, dass es Ann und Nathan sind?«, fragte sie. »Ja.«
Nicci war nicht sonderlich begeistert, die Prälatin wieder zu sehen. Als Schwester des Lichts, die den größten Teil ihres Lebens im Palast der Propheten verbracht hatte, war ihr Bedarf an den Schwestern und deren Führerin mehr als gedeckt. Wie für alle Schwestern, war die Prälatin für sie in vieler Hinsicht eine Mutterfigur, eine Person, die stets zur Stelle war, um ihnen, wann immer sie sich als Enttäuschung erwiesen hatten, die Leviten zu lesen und sie daran zu erinnern, dass sie ihre Anstrengungen zugunsten der Bedürftigen verdoppeln müssten. In jungen Jahren war es ihre Mutter gewesen, die stets bereit gewesen war, jedweden Eigennutz ihrerseits mit größtmöglicher Strenge zu unterdrücken, sollte dieser jemals sein hässliches Haupt erheben. In ihrem späteren Leben dann hatte die Prälatin diese Rolle übernommen, wenn auch mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Aber ob mit einem Lächeln oder mit Strenge, der Zweck war stets der gleiche: Unterwerfung, auch wenn sie einen freundlicheren Namen trug.
Ganz anders dagegen verhielt es sich mit Nathan Rahl; eigentlich kannte sie den Propheten kaum. Es gab Schwestern, vor allem junge Novizinnen, die schon bei der bloßen Nennung seines Namens das große Zittern überkam. Nach allgemeinem Bekunden war er nicht nur gefährlich, sondern möglicherweise sogar geistesgestört, was, wenn es denn stimmte, ein beunruhigendes Licht auf Richards gegenwärtige Situation warf. Den Gerüchten zufolge, die unter den Stadtbewohnern kursierten, galt es als geradezu sicher, dass er böse war, da er ihnen Dinge über ihre Zukunft vorherzusagen vermochte. Besondere Talente waren stets dazu angetan, den Zorn der Massen zu wecken, insbesondere, wenn es sich um Talente handelte, die sich nicht ohne weiteres für ihre Bedürfnisse einspannen ließen.
Im Grunde jedoch scherte es Nicci wenig, was die Leute über Nathan redeten. Sie hatte ihre eigenen Erfahrungen mit wahrhaft gefährlichen Menschen gemacht, Jagang war nur der Jüngste unter ihnen, der es auf ihrer Liste boshafter Menschen je bis ganz nach oben gebracht hatte.
»Wir sollten ihnen entgegengehen«, bemerkte Nicci an Richard und Cara gewandt. Richard blickte noch immer hinaus in die Landschaft. »Geht nur, wenn Ihr wollt.«
Seinem Tonfall nach hätte er kaum weniger Interesse für einen Besucher zeigen können, oder dafür, wer dieser Besucher war. Offensichtlich war er mit seinen Gedanken ganz woanders und wollte nur, dass sie wieder ging. Nicci strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Meinst du nicht, du solltest dich wenigstens erkundigen, was sie wollen? Schließlich hatten sie ganz sicher einen weiten Weg bis hierher. Sie wollen bestimmt nicht einfach nur auf eine Tasse Milch und ein Stück Kuchen vorbeischauen.«
Richards einzige Reaktion auf ihren Versuch, komisch zu sein, war ein einseitiges Schulterzucken. »Darum soll Zedd sich kümmern.«
Wie sehr vermisste sie den klaren Blick in seinen Augen! Sie war mit ihrer Geduld am Ende, die Situation wurde unerträglich. Mit einem Seitenblick auf die Mord-Sith sagte sie ruhig, gleichwohl in un-missverständlich gebieterischem Ton: »Cara, warum vertretet Ihr Euch nicht ein wenig die Beine? Bitte.«
Cara, überrascht über Niccis ungewöhnliche, aber klare Anweisung, besah sich kurz den vor der Maueröffnung stehenden Richard, dann nickte sie ihr verschwörerisch zu. Nicci sah ihr hinterher, wie sie den Wehrgang verließ, ehe sie erneut das Wort an Richard richtete, diesmal allerdings geradeaus und ohne Umschweife. »Das muss endlich ein Ende haben, Richard.«
Der hüllte sich in Schweigen, den Blick über die weite, sich unten ausbreitende Landschaft gerichtet. Sie legte eine Hand auf die steinerne Zinne, sodass er sie unmöglich übersehen konnte, und schlug einen beherzteren Ton an: »Oder hast du es etwa aufgegeben, für deine Überzeugungen zu kämpfen?«
»Das Kämpfen überlasse ich anderen.« Es war nicht Verzweiflung, die aus seiner Stimme sprach, sie klang, als hätte er sich endgültig aufgegeben.
»Das habe ich nicht gemeint.« Nicci fasste seinen Arm und drehte ihn sanft, aber bestimmt zu sich herum, drehte ihn fort von dem Abgrund und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. »Hast du etwa nicht die Absicht, dich zu wehren?«
Er erwiderte ihren Blick, antwortete aber nicht.
»Und an allem ist Zedds Behauptung schuld, er sei von dir enttäuscht.«
»Ich denke eher, das Grab, das ich geöffnet habe, könnte ein wenig damit zu tun haben.«
»Du magst das vielleicht denken, aber ich nicht. Warum sollte es ? Du bist auch früher schon am Boden zerstört gewesen und hast schwere Rückschläge hinnehmen müssen. Ich habe dich gefangen genommen und in die Alte Welt verschleppt, und was hast du getan? Du hast dich gewehrt und bist, ganz wie es deine Art ist, für deine Überzeugungen eingetreten – innerhalb der Grenzen dessen, was ich dir zugestanden habe. Indem du der warst, der du bist, hast du deine Liebe für das Leben bewiesen, und das hat mein Leben von Grund auf verändert. Du hast mir wahre Lebensfreude gezeigt und alles , was sie bedeutet. Diesmal bist du, dem Tod knapp entronnen, wieder aufgewacht, nur um festzustellen, dass weder ich noch Cara oder sonst jemand dir deine Erinnerung an Kahlan abnimmt, aber nicht einmal das konnte dich aufhalten. Was immer wir auch vorgebracht haben, du bist nach wie vor für deine Überzeugungen eingetreten.«
»Was in diesem Sarg lag, ist etwas ganz anderes und hat, würde ich sagen, etwas mehr Gewicht als ein harmloser Streit, weil jemand einem nicht glaubt.«
»Ist es das? Ich denke nicht. Es war ein Skelett. Na und?«
»Na und?« Verdruss schlich sich in seine Züge. »Habt Ihr den Verstand verloren? Was soll das heißen ›na und‹?«
»Es liegt mir wahrlich fern, für deine Sicht der Dinge einzutreten, obwohl ich nicht an sie glaube, aber ich möchte dich auch nicht von einer Wahrheit überzeugen, für die es meiner Meinung nach keine Beweise gibt. Ich will dich mit echten Fakten überzeugen, nicht mit solch fadenscheinigen Belegen.«
»Was wollt Ihr damit sagen?«
»Nun, hast du etwa, zum Beweis, dass es sich tatsächlich um sie handelt, Kahlans Gesicht gesehen? Nein, das wäre auch schlecht möglich gewesen, da kein Gesicht mehr vorhanden war, sondern nur ein Schädel – ohne Gesicht, Augen oder sonstige Merkmale. Das Skelett trug das Kleid der Mutter Konfessor. Und wenn schon? Ich war im Palast der Konfessoren; dort gibt es unzählige Kleider wie dieses. Oder reicht dir etwa ein auf ein goldenes Band gestickter Name als Beweis? Als hinreichender Beweis, um deine Suche zu beenden, deine Überzeugungen aufzugeben? Nach all den Gesprächen mit Cara und mir, nach all den Auseinandersetzungen und dem guten Zureden hast du auf einmal das Gefühl, dass dieser fadenscheinige Beleg deine Selbsttäuschung beweist? Ein Skelett in einem Sarg mit einem auf ein Band gestickten Namen in den Händen genügt dir, um dich plötzlich davon zu überzeugen, dass du diese Frau nur zusammenfantasiert hast, so wie wir es dir von Anfang an beizubringen versucht haben, obwohl du nichts davon wissen wolltest? Findest du nicht, dass dieses Namensband ein wenig zu gelegen kommt?«
Richard musterte sie stirnrunzelnd. »Worauf wollt Ihr hinaus?«
»Ich glaube, das ist es gar nicht, was wirklich mit dir los ist. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass du dich in deinen Erinnerungen täuschst, trotzdem glaube ich nicht, dass der Richard, den ich kenne, sich von den zweifelhaften Beweisstücken in diesem Grab überzeugen lassen würde. Und es geht auch nicht darum, dass Zedd deinen Erinnerungen nicht mehr Glauben schenkt als Cara oder ich.«
»Aber worum geht es dann?«
»Darum, dass du dich von irgendeinem Leichnam in einem Sarg hast überzeugen lassen, er sei diese Frau, und zwar nur, weil du, nachdem dein Großvater dir gesagt hatte, er sei von dir enttäuscht und du hättest ihn im Stich gelassen, Angst hattest, es könnte die Wahrheit sein.«