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Richard machte Anstalten, sich abzuwenden, doch Nicci bekam sein Hemd zu fassen, zog ihn wieder herum und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen.

»Das ist meiner Meinung nach der Grund«, stieß sie wild entschlossen hervor. »Du schmollst, weil dein Großvater dir gesagt hat, du hättest dich geirrt, weil er gesagt hat, du hättest ihn enttäuscht.«

»Vielleicht habe ich das ja.«

»Na und?«

Die Verwirrung ließ Richard das Gesicht verzerren. »Schon wieder dieses ›Na und‹!«

»Nun, das soll ganz einfach heißen, was ist schon dabei, wenn er von dir enttäuscht ist? Was ist schon dabei, wenn du in seinen Augen eine große Dummheit begangen hast? Du bist dein eigener Herr. Du hast lediglich getan, was du nach reiflicher Überlegung meintest, tun zu müssen.«

»Aber ich habe ...«

»Was denn, ihn enttäuscht? Dir mit deinen Entscheidungen seinen Zorn zugezogen? Er hatte eine ach so hohe Meinung von dir, und nun hast du ihn enttäuscht, weil du seiner Ansicht nach nicht seinen Erwartungen entsprochen hast?«

Richard, nicht bereit, es offen zuzugeben, musste schlucken.

Nicci bog sein Kinn nach oben und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. »Du bist nicht verpflichtet, den Erwartungen anderer zu entsprechen, Richard.«

Er schien sprachlos und sah sie aus halb zugekniffenen Augen an. »Es ist dein Leben, Richard«, beharrte sie. »Du selbst hast mir das beigebracht. Du hast getan, was du glaubtest, tun zu müssen. Hast du Shotas Angebot etwa abgelehnt, weil Cara nicht einer Meinung mit dir war? Nein. Hättest du es abgelehnt, wenn du gewusst hättest, dass ich es für einen Fehler halte, ihr dein Schwert zu überlassen? Oder hättest du sie abgewiesen, wenn wir beide erklärt hätten, es wäre töricht, ihr Angebot zu akzeptieren? Nein, ich glaube kaum.

Und warum nicht? Weil du getan hast, was du glaubtest, tun zu müssen, und sosehr du auch gehofft haben magst, wir wären mit dir einer Meinung, letztendlich hat das keine Rolle gespielt, denn aufgrund deiner Überzeugung musstest du so handeln. Du hast dich nicht vor der Entscheidung gedrückt, sondern hast gehandelt – aus Gründen, die nur du allein kennen kannst, und das war vollkommen richtig. Ist es nicht so?«

»Nun ... ja.«

»Was also sollte es für einen Unterschied machen, wenn dein Großvater denkt, du hättest einen Fehler begangen? War er etwa dabei? Ist er auf demselben Kenntnisstand wie du? Sicher, es wäre schön, wenn er dein Vorgehen für richtig hielte, wenn er dich unterstützte und ein paar nette Worte für dich fände, aber so ist es nun mal nicht. Ist dein Entschluss deshalb etwa falsch? Ist er das?«

»Nein.«

»Dann darfst du auch dein Denken nicht davon beherrschen lassen. Die Menschen, die uns lieben, setzen manchmal größte Erwartungen in uns, und manchmal werden diese Erwartungen zum Ideal erhoben. Du hast angesichts deiner Überzeugungen und deines Kenntnisstandes getan, was du tun musstest, um die Antworten zu erhalten, die du zur Lösung deines Problems brauchtest. Du bist nicht dazu verpflichtet, den Erwartungen anderer gerecht zu werden, wohl aber ist es deine Pflicht, deinen eigenen Erwartungen gerecht zu werden.«

Ein Hauch der alten Klarheit, des alten Feuers, war in seine wachen grauen Augen zurückgekehrt. »Soll das etwa heißen, dass Ihr mir glaubt, Nicci?«

Betrübt schüttelte sie den Kopf. »Nein, Richard. Ich denke noch immer, dass dein Glaube an die Existenz Kahlans auf deine Verletzung zurückzuführen ist. Ich denke, sie ist ein Geschöpf deiner Fantasie.«

»Und das Grab?«

»Willst du die Wahrheit hören?« Als er nickte, holte sie tief Luft. »Ich denke, dass dort tatsächlich die echte Mutter Konfessor liegt, Kahlan Amnell.«

»Verstehe.«

Wieder fasste Nicci sein Kinn und zwang ihn, ihr ins Gesicht zu sehen. »Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich Recht habe. Ich gründe meine Überzeugung auf andere Dinge – Dinge, die ich sicher weiß. Aber sosehr ich davon überzeugt sein mag, dass sie es ist, glaube ich nicht, dass irgendetwas, das ich in diesem Sarg gesehen habe, tatsächlich als Beweis dafür herhalten kann. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich mich irre. Deiner Meinung nach habe ich die ganze Zeit über in diesem Punkt falsch gelegen. Willst du etwa tun, was jemand sagt, der sich deiner Ansicht nach irrt? Warum solltest du?«

»Aber es ist so schwer, wenn niemand einem glaubt.«

»Sicher, das ist es, aber was soll’s? Das setzt diese Leute doch noch lange nicht ins Recht und dich ins Unrecht.«

»Aber wenn alle sagen, man hat Unrecht, kommen einem irgendwann Zweifel.«

»Stimmt, das Leben kann bisweilen ziemlich schwierig sein. Aber in der Vergangenheit haben dich Zweifel stets nur noch energischer nach der Wahrheit suchen lassen, um dich von der Richtigkeit deines Tuns zu überzeugen, denn das Wissen um die Wahrheit kann einem die Kraft zum Weiterkämpfen geben. Diesmal jedoch war alles zu viel für dich – der Schock über den Anblick des Leichnams im Grab der Mutter Konfessor, nachdem du nicht einmal mit der Möglichkeit gerechnet hattest, dort einen vorzufinden, und dann auch noch die unerwartet harte Schelte deines Großvaters im Moment deines größten Schocks. Ich kann dich durchaus verstehen, es war dein letzter Strohhalm gewesen, danach hattest du alldem nichts mehr entgegenzusetzen. Jeder stößt irgendwann an die Grenzen dessen, was er ertragen kann, und gibt auf – selbst du, Richard Rahl. Du bist sterblich, und du hast Grenzen wie jeder andere auch. Aber damit musst du fertig werden und weitermachen. Du hattest Zeit, um vorübergehend aufzugeben, aber jetzt musst du dein Leben wieder in den Griff bekommen.«

Sie konnte förmlich sehen, wie er nachdachte, abwog. Es war ein erhebender Anblick, Richards Verstand wieder arbeiten zu sehen, auch wenn sie seine Unschlüssigkeit sehr wohl bemerkte. Sie wollte unbedingt vermeiden, dass er sich jetzt wieder zurückfallen ließ, nachdem er es so weit geschafft hatte. »Es muss doch schon früher vorgekommen sein, dass jemand dir nicht geglaubt hat, in anderen Situationen«, sagte sie. »Hat es nie Momente gegeben, da diese Kahlan dir nicht glaubte? Wenn sie tatsächlich existiert, muss sie dir doch irgendwann widersprochen, an dir gezweifelt, mit dir gestritten haben. Und wenn es dazu kam, hast du doch gewiss getan, was du meintest, tun zu müssen, auch wenn sie der Ansicht war, du habest dich geirrt oder seist sogar ein wenig verrückt. Gütiger Himmel, Richard, es ist wahrlich nicht das erste Mal, dass ich dich für verrückt halte.«

In seinen Mundwinkeln zuckte kurz ein Lächeln, dann fing er an, darüber nachzudenken, und zu guter Letzt ging ein breites Grinsen über sein Gesicht.

»Ja, solche Augenblicke, in denen sie mir nicht glaubte, hat es mit Kahlan bestimmt gegeben.«

»Und trotzdem hast du getan, was du meintest, tun zu müssen, hab ich Recht?«

Immer noch lächelnd, nickte Richard.

»Also lass diesen Zwischenfall mit deinem Großvater nicht dein ganzes Leben ruinieren.«

Er hob den Arm, ließ ihn aber kraftlos wieder fallen. »Nur ist es eben so, dass ...«

»... Zedds Bemerkungen dich zum Aufgeben gebracht haben, ohne dass du von dem, was du von Shota bekommen hast, auch nur Gebrauch gemacht hättest.«

Er hob abrupt den Kopf, plötzlich war seine ganze Aufmerksamkeit auf sie gerichtet. »Was wollt Ihr damit sagen?«

»Shota hat dir im Tausch gegen das Schwert der Wahrheit Informationen gegeben, die dir helfen sollten, die Wahrheit herauszufinden. Und eine dieser Informationen lautete: ›Was du suchst, ist lange begrabene Aber das war nicht alles; Cara hat mich und Zedd genauestens über Shotas Worte unterrichtet. Das offenbar wichtigste Detail, das sie dir verraten hat – weil es das erste war und sie glaubte, dich damit abspeisen zu können –, war der Begriff Feuerkette. Richtig?« Richard, ganz Ohr, nickte.

»Anschließend erklärte sie dir, du müsstest die Stätte der Knochen im Herzen der Leere finden, des Weiteren riet sie dir, dich vor der vierköpfigen Viper in Acht zu nehmen.

Was also ist diese Feuerkette? Was hat es mit dem Herzen der Leere auf sich, und was bedeutet diese vierköpfige Schlange? Du hast für diese Information einen hohen Preis bezahlt, Richard, aber was hast du damit angefangen? Du bist hierher gekommen und hast Zedd gefragt, ob er es wisse, worauf er verneinte und dir anschließend zu verstehen gab, wie enttäuscht er von dir sei.