Na und? Willst du deswegen alles abtun, was deine Suche dir bisher eingetragen hat? Weil ein alter Mann, der keinen Schimmer hat, was diese Kahlan dir bedeutet oder was du in den letzten Jahren durchgemacht hast, glaubt, du hättest töricht gehandelt? Willst du etwa hier einziehen und sein Schoßhündchen spielen? Willst du das eigenständige Denken ganz einstellen und dich einfach darauf verlassen, dass er es für dich übernimmt?«
»Natürlich nicht.«
»Zedd war am Grab verärgert. Immerhin hatte er, um das Schwert der Wahrheit in seinen Besitz zu bringen, Dinge durchgemacht, die wir wahrscheinlich gar nicht ermessen können. Was also erwartest du von ihm? Hätte er vielleicht sagen sollen: ›Oh ja, ausgezeichnete Idee, Richard, gib es ihr nur zurück, schon in Ordnung‹? Er hatte eine Menge investiert, um dieses Schwert von ihr zurückzubekommen, und fand, dass du dich auf einen törichten Handel eingelassen hast. Na und? Das ist seine Sicht der Dinge, und vielleicht hat er sogar Recht. Du dagegen dachtest, die Information sei wichtig genug, um einen Gegenstand zu opfern, den er dir anvertraut hatte, um dafür etwas noch Wertvolleres einzuhandeln. Du warst überzeugt, es sei ein gutes Geschäft. Cara berichtete, zunächst habest du geglaubt, Shota könnte dich vielleicht hereingelegt haben, schließlich jedoch seist du zu der Überzeugung gelangt, dass sie dir einen angemessenen Gegenwert gegeben hat. Hat Cara das richtig wiedergegeben?«
Richard nickte.
»Wie hat sich Shota über dein Geschäft geäußert?«
Richards Blick wanderte zu den himmelwärts strebenden Türmen hinter Niccis Rücken, während er sich die Worte ins Gedächtnis rief. »Shota sagte: ›Du wolltest eine Information von mir, die dir bei der Suche nach der Wahrheit helfen kann, und die habe ich dir gegeben: Feuerkette. Ob du dir in diesem Augenblick dessen bewusst bist oder nicht, du hast einen angemessenen Gegenwert bekommen, ich habe dir die Antworten gegeben, die du brauchst. Du bist der Sucher – oder warst es zumindest. Du wirst die Bedeutung suchen müssen, die sich hinter diesen Antworten verbirgt.‹«
»Und – glaubst du ihr?«
Richard senkte den Blick und überlegte einen Moment. »Ja, das tue ich.« Als er ihn wieder hob und ihr in die Augen sah, sprühten sie vor neu erwachter Lebendigkeit. »Ich glaube ihr.«
»Nun, dann solltest du mir und Cara und auch deinem Großvater klar machen, dass wir dir, wenn wir dir schon nicht helfen wollen, wenigstens nicht im Weg stehen und dich tun lassen sollten, was du tun musst.«
Ein Lächeln ging über seine Lippen, wenn auch ein etwas trauriges. »Ihr seid eine ziemlich bemerkenswerte Frau, Nicci, dass Ihr mich überreden wollt weiterzukämpfen, obwohl Ihr nicht einmal an das glaubt, wofür ich kämpfe.« Er beugte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich wünsche wahrhaftig, das könnte ich, Richard ... um deinetwillen.«
»Ich weiß. Ich danke Euch. Ihr seid eine Freundin – und das sage ich, weil nur einer guten Freundin mehr daran gelegen wäre, mir zu helfen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, als daran, was das für sie bedeutet.« Er streckte die Hand vor und wischte ihr mit dem Daumen eine Träne von der Wange. »Ihr habt mehr für mich getan, als Ihr ahnt, Nicci. Und dafür danke ich Euch.«
Nicci verspürte eine Mischung aus überschwänglicher Freude und erdrückender Enttäuschung darüber, dass sie praktisch wieder dort waren, wo sie angefangen hatten.
Trotzdem hätte sie ihm am liebsten die Arme um den Hals geschlungen – stattdessen aber ergriff sie seine auf ihrer Wange liegende Hand mit beiden Händen.
»Und jetzt«, sagte er, »denke ich, sollten wir besser Ann und Nathan begrüßen. Und danach muss ich unbedingt herausfinden, welche Rolle der Begriff Feuerkette in dieser Geschichte spielt. Werdet Ihr mir dabei helfen?«
Nicci, ein Lächeln auf den Lippen, nickte, zu gerührt, um auch nur ein Wort hervorzubringen, ehe sie ihm schließlich, unfähig, sich länger zurückzuhalten, die Arme um den Hals schlang und ihn ganz fest an sich drückte.
51
Anns Gesichtsausdruck war unbezahlbar, als sie durch die große Tür trat und Nicci zwischen zwei roten Stützpfeilern hindurch in den Vorraum kommen sah. Nicci hätte lauthals gelacht, wäre ihre Unterredung mit Richard nicht emotional so auszehrend gewesen.
Nicci wusste, dass der Prophet sehr alt war, trotzdem wirkte er alles andere als gebrechlich. Hoch gewachsen und breitschultrig, reichte ihm sein auffälliges weißes Haar bis auf die Schultern. Er sah aus, als könnte er mit bloßen Händen Eisen biegen und müsste dafür nicht einmal von seiner Gabe Gebrauch machen. Aber mehr als alles andere war es der raubtierhafte Blick seiner tiefblauen Augen, der ihm diese gleichzeitig einschüchternde und anziehende Wirkung verlieh. Es waren die typischen Augen eines Rahl. Ann starrte sie mit großen Augen an. »Schwester Nicci...« Die Prälatin sagte nicht etwa »Wie gut, Euch wieder zu sehen«, noch machte sie sonst eine herzliche Bemerkung; einen Augenblick lang schien es ihr die Sprache verschlagen zu haben. Nicci fand es ein wenig erstaunlich, dass ihr diese kleine, gedrungene Person neben dem sie weit überragenden Propheten lange Zeit so groß erschienen war. Immer wieder hatte es im Palast der Propheten lange Phasen gegeben, in denen Novizinnen und Schwestern die Prälatin überhaupt nicht zu Gesicht bekamen. Dieses Sich-unsichtbar-Machen, vermutete Nicci, hatte zweifellos noch zu ihrer legendären Größe beigetragen. »Freut mich, Euch wohlauf zu sehen, Prälatin, insbesondere nach Eurem unglücklichen Ableben und der anschließenden Beerdigung.« Sie warf einen Seitenblick auf Richard, während sie den Gedanken zu Ende führte. »Wie ich höre, hielten alle Euch für tot. Erstaunlich, wie überzeugend eine solche Beerdigung wirken kann, und doch seid Ihr hier, lebendig und bei bester Gesundheit, wie es scheint.«
Das amüsierte Zucken in Richards Gesicht zeigte ihr, dass er ihre Anspielung verstanden hatte. Zedd, der etwas abseits stand, am Rand der drei in den Mittelteil des Brunnenraumes führenden Stufen, musterte Nicci mit gerunzelter Stirn und einem seltsam fragenden Blick. Ihm war ihr Hintersinn ebenfalls nicht entgangen.
»Nun, das ließ sich leider nicht vermeiden, meine Liebe« – Anns Miene verdüsterte sich –, »nachdem die Schwestern der Finsternis unsere Schwestern des Lichts unterwandert hatten.« Ein kurzer Blick hinüber zu Richard, Cara und Zedd, und die Anspannung wich aus ihrem Gesicht. »Aber Eure Gesellschaft scheint mir ein untrügliches Zeichen dafür, dass Ihr in den Schoß der Gemeinde zurückgekehrt seid, Schwester Nicci. Ich vermag gar nicht zu sagen, wie sehr mich das persönlich freut. Ich kann mir nur vorstellen, dass bei der Rettung Eurer Seele der Schöpfer höchstpersönlich seine Hand im Spiel gehabt haben muss.«
Nicci verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Der Schöpfer hatte genau genommen nichts damit zu tun. Er muss anderweitig beschäftigt gewesen sein, als man mich zwang, mein Leben in Diensten derer zu verbringen, die gewillt waren, meine Fertigkeiten bis zum Letzten auszunutzen. Vermutlich wollte er nicht damit behelligt werden, dass fromme Männer mich missbrauchten, indem sie mir einredeten, es sei meine Pflicht, ihnen wie eine Sklavin zu dienen, mich zu erniedrigen und all jene umzubringen, die sich dem Willen des Schöpfers widersetzten. Ich nehme an, ihm ist wohl die Ironie der Situation entgangen, als mich seine Wegbereiter all die unzähligen Male vergewaltigt haben. Aber damit hat es jetzt ein Ende. Richard hat mir den Wert meines Lebens aufgezeigt; und ich bin auch nicht mehr ›Schwester Nicci‹ – weder des Lichts noch der Finsternis. Von nun an bin ich einfach nur noch Nicci, wenn es Euch genehm ist... und übrigens auch, wenn nicht.«
Anns Mienenspiel wechselte zwischen ungläubigem Staunen und Empörung, während ihr Gesicht rot anlief. »Einmal Schwester, immer Schwester. Ihr habt etwas ganz Wunderbares vollbracht und dem Hüter abgeschworen, mithin seid Ihr nun wieder eine Schwester des Lichts. Ihr könnt nicht einfach aus eigenen Stücken beschließen, Euren Pflichten gegenüber den Stellvertretern des Schöpfers zu entsagen ...«