»Falls Er irgendwelche Einwände vorzubringen hat, so soll Er Seine Stimme jetzt erheben!« Das Echo von Niccis aufgebrachten Worten war kaum verklungen, da wurde es bis auf das leise Plätschern des Wassers im Brunnen still im Raum. Sie tat, als sähe sie sich im Raum um, so als verberge sich der Schöpfer womöglich hinter einem Pfeiler, bereit, jeden Moment vorzuspringen und seinen Willen kundzutun. »Nicht?« Sie verschränkte erneut die Hände und setzte abermals ihr trotziges Lächeln auf. »Nun, da er offenbar keinerlei Einwände hat, können wir es wohl bei Nicci belassen, denke ich.«
»Ich werde nicht zulassen ...«
»Es reicht, Ann«, fiel ihr Nathan mit seiner tiefen, gebieterischen Stimme ins Wort. »Es stehen wichtige Dinge an, und das gehört sicher nicht dazu. Wir sind nicht den weiten Weg hierher gekommen, damit eine tote Prälatin einer bekehrten Schwester der Finsternis Vorhaltungen macht.«
Nicci war einigermaßen überrascht, ausgerechnet aus dem Munde des Propheten die Stimme der Vernunft zu hören, und musste gestehen, dass sie dem eitlen Gerede womöglich viel zu viel Bedeutung beigemessen hatte. Resigniert verzog Ann den Mund und schob umständlich eine verirrte Haarsträhne in den lockeren Knoten an ihrem Hinterkopf zurück. »Vermutlich habt Ihr Recht. Ich fürchte, meine Liebe, angesichts des Ärgers allenthalben bin ich ein wenig verstimmt, daher möchte ich Euch bitten, meine übereilte Folgerung zu verzeihen. Wärt Ihr dazu bereit?«
Nicci neigte kurz den Kopf. »Mit Freuden, Prälatin.«
Ein Lächeln ging über Anns Lippen, ein aufrichtigeres als zuvor, wie Nicci fand. »Ich bin für Euch jetzt einfach Ann. Prälatin ist jetzt Verna. Ich bin nämlich verstorben, wie Ihr Euch erinnern werdet.«
Nicci schmunzelte. »Das seid Ihr in der Tat, Ann. Mit Verna habt Ihr eine kluge Entscheidung getroffen. Schwester Cecilia war immer schon der Meinung, dass es völlig aussichtslos ist, sie je zum Hüter bekehren zu wollen.«
»Eines Tages, wenn wir Zeit im Überfluss haben, würde ich gerne mehr über Schwester Cecilia und Richards Ausbilderinnen erfahren.« Die Vorstellung entlockte ihr ein Seufzen. »Ich war nie absolut sicher, ob Ihr und die fünf anderen tatsächlich alle Schwestern der Finsternis wart.«
»Es wäre mir ein Vergnügen, Euch alles zu erzählen, was ich über sie weiß – über die noch Lebenden, jedenfalls. Liliana und Merissa sind tot.«
Als eine kurze Unterbrechung im Gespräch entstand, nutzte Richard diese sofort, um sich bei Tom nach dem Wohlergehen seiner Schwester zu erkundigen. Nicci spürte, er hatte dem Gerede lange genug zugehört und wollte signalisieren, dass er zu wichtigeren Dingen übergehen wollte. »Es geht ihr gut, Lord Rahl«, antwortete der kräftige, blonde junge Mann nahe der Tür. »Gut. Was ist eigentlich los, Nathan?«, erkundigte sich Richard bedrückt und kam sogleich zur Sache. »Welcher Ärger führt dich her?«
»Nun ... unter anderem Ärger mit den Prophezeiungen.«
Richard entspannte sich merklich. »Oh. Nun, das ist etwas, bei dem ich dir nicht helfen kann.«
»Da wäre ich nicht so sicher«, erwiderte Nathan bedeutungsvoll. Zedd trat von dem rotgoldenen Teppich herunter und kam weiter in den Raum herein. »Lass mich raten. Du bist wegen der leeren Seiten in den Büchern der Prophezeiungen hier.«
Nicci musste sich Zedds Bemerkung zweimal durch den Kopf gehen lassen, ehe sie sicher war, sich nicht verhört zu haben.
Nathan bejahte. »Du bist soeben mit beiden Beinen mitten in den Morast getreten.«
»Was soll das heißen, du bist wegen der leeren Stellen in den Büchern der Prophezeiungen hier?« Richards Argwohn war schlagartig geweckt. »Und welche leeren Stellen überhaupt?«
»Weite Teile der Prophezeiungen – das heißt, soweit sie in entsprechenden Büchern festgehalten wurden – sind in verschiedenen von uns untersuchten Schriften einfach von den Seiten verschwunden.« Eine unheilvolle Vorahnung ließ ihn die Stirn runzeln. »Wir haben uns mit Verna beraten, die uns bestätigte, dass das gleiche unerklärliche Phänomen auch die Bücher der Prophezeiungen im Palast des Volkes in D’Hara befallen hat. Und darin liegt der Kernpunkt unserer Befürchtung. Wir sind hergekommen, um zu überprüfen, ob die Werke der Prophezeiungen hier, in der Burg der Zauberer, noch unversehrt sind.«
»Ich fürchte, das sind sie nicht«, sagte Zedd. »Offenbar wurden die hiesigen Bücher auf ganz ähnliche Weise verfälscht.«
Nathan wischte sich mit der Hand über das müde Gesicht. »Wir hatten gehofft, die hiesigen Texte wären noch nicht von diesem seltsamen Phänomen befallen, das diese Zerstörungen der Prophezeiungen verursacht hat.«
»Willst du damit etwa andeuten, es fehlen ganze Passagen in den Prophezeiungen?«, hakte Richard nach. »So ist es«, bestätigte Nathan.
»Weisen die fehlenden Prophezeiungen möglicherweise gewisse Gemeinsamkeiten auf?« Richards Frage zielte auf eine Überlegung ab, die, wie Nicci wusste, letztendlich unweigerlich eine Verbindung zu seiner eigenen Suche herstellen würde. Unter anderen Umständen hätte es sie betrübt, ja geradezu verärgert, dass er an nichts anderes als seine Besessenheit von dieser angeblich verschollenen Frau denken konnte, aber diesmal stellte sie zu ihrer Erleichterung fest, dass Richard wieder ganz der Alte zu sein schien. »Ja, eine solche Gemeinsamkeit besteht tatsächlich. Es handelt sich ausnahmslos um Prophezeiungen, die sich mit Ereignissen ungefähr zum Zeitpunkt deiner Geburt befassen.«
Wie vom Donner gerührt starrte Richard ihn an. »Wovon genau handeln diese verschwundenen Prophezeiungen? Was ich sagen will, ist, beziehen sie sich auf spezielle Ereignisse, oder sind sie eher allgemein gehalten und betreffen nur etwa den gleichen Zeitraum?«
Nachdenklich strich sich Nathan übers Kinn. »Das ist ja gerade das Seltsame. Eigentlich sind wir der festen Überzeugung, dass wir uns an viele der verschwundenen Prophezeiungen erinnern müssten, aber an den betreffenden Stellen unseres Erinnerungsvermögens herrscht plötzlich eine ebenso vollständige Leere wie auf den Buchseiten. Wir können uns an kein einziges Wort erinnern, ja, wir wissen nicht einmal mehr, wovon sie gehandelt haben, und da sie aus den Büchern ebenfalls verschwunden sind, kann ich dir nicht einmal sagen, ob sie ereignis- oder zeitbezogen waren – oder womöglich einen ganz anderen Bezug hatten. Wir können nur konstatieren, dass sie verschwunden sind. Das ist mehr oder weniger alles.«
Richards Blick wanderte zu Nicci, so als wollte er fragen, ob sie den Zusammenhang erkannt hatte. Sie fand, dass er das eigentlich deutlich sehen müsse. Trotz seines nach wie vor beiläufigen Tons war ihr sofort klar, wie zielgerichtet die hinter seinen Worten liegende Absicht war.
»Ziemlich merkwürdig, dass etwas, das man zeit seines Lebens sicher wusste, einfach aus dem Gedächtnis verschwinden kann, findest du nicht auch?«
»Das finde ich allerdings«, bestätigte Nathan. »Irgendwelche Vorschläge zu diesem Punkt, Zedd?«
Zedd, der Richard schweigend und aufmerksam beobachtet hatte, meinte nickend: »Nun, ich könnte euch den Grund dafür nennen, falls euch das weiterhilft.« Als er ein unschuldiges Lächeln aufsetzte, bemerkte Nicci, dass Rikka, die etwas weiter hinten in den Schatten jenseits der roten Pfeiler stand, ebenfalls schmunzelte. Nathan, anfangs noch verblüfft, wurde plötzlich ganz aufgeregt vor Neugier. Sachte zupfte Richard an der Schulter von Zedds Gewand. »Du kennst den Grund?«
»Bist du wirklich sicher?« Nathan kam näher und schob Richard aus dem Weg. Ann war sofort an seiner Seite. »Und was ist nun die Ursache? Was geschieht mit den Prophezeiungen? Nun rede doch schon.«
»Ich fürchte, die Ursache ist ein so genannter Prophezeiungswurm.«
Nathan und Ann, die Mienen ein Ausdruck völliger Verständnislosigkeit, blinzelten verwirrt. »Ein was?«, fragte Nathan, der plötzlich misstrauisch geworden war. »Die Ursache für das Verschwinden der Texte ist ein Prophezeiungswurm. Ist die Gabelung einer Prophezeiung einmal von dieser Geißel befallen, bahnt sich diese unbemerkt einen Weg durch den gesamten Zweig und verschlingt ihn dabei. Da sie die Prophezeiung als solche vernichtet, hat dies zur Folge, dass mit der Zeit sämtliche ihrer Manifestationen – also der niedergeschriebene Text der Prophezeiung oder jedwede Erinnerung an sie, ebenfalls ausgelöscht werden. Ein ziemlich bösartiges kleines Kerlchen.« Zedd musterte ihre angespannten Gesichter mit einem höflichen Lächeln. »Wenn ihr wollt, kann ich euch die entsprechenden Textpassagen zeigen.«