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»Das will ich wohl meinen«, erwiderte Nathan.

»Wenn die Sache so wichtig ist, Zedd«, warf Richard ein, »wieso hast du dann bislang nichts davon erwähnt?«

Zedd versetzte ihm einen vertraulichen Klaps auf die Schulter und machte Anstalten aufzubrechen. »Nun, mein Junge, als du herkamst, warst du wohl kaum in der Stimmung, dir etwas anderes anzuhören als das, was unmittelbar mit dem Grund für dein Kommen zu tun hatte. Schon vergessen? Du hast mit ziemlichem Nachdruck darauf bestanden, du seist in Schwierigkeiten und müsstest unbedingt mit mir darüber sprechen. Und seitdem warst du nicht gerade offen für Gespräche. Du warst doch ziemlich ... durcheinander.«

»Ja, mag sein.« Richard bekam seinen Großvater am Arm zu fassen und hielt ihn fest, ehe er sich entfernen konnte. »Hör zu, Zedd, ich muss dir etwas erklären, das mit dieser ganzen Geschichte und mit jenem Abend zu tun hat.«

»Und das wäre, mein Junge?«

»Mir ist klar geworden, dass es keinen Widerspruch geben kann.«

»Das hatte ich auch nicht so recht angenommen.«

»Aber an jenem Abend ging es noch um etwas anderes. Das Gesetz, um das es dort unten am Grab im Wesentlichen ging, war nicht dasselbe, welches du gerade zitiert hast. In dem Moment mag es dir vielleicht so vorgekommen sein, aber das Gesetz, gegen das ich verstoßen habe, war ein anderes – nämlich jenes, welches unter anderem besagt, man könne Menschen dazu bringen, eine Lüge zu glauben, weil sie befürchten, sie könnte wahr sein. Genau diesen Fehler habe ich in diesem Moment gemacht. Ich habe nicht etwas geglaubt, das widersprüchlich war, sondern eine Lüge, und zwar weil ich ungeheure Angst hatte, sie könnte wahr sein. Das Gesetz der Nichtexistenz von Widersprüchen wäre eine Möglichkeit gewesen, anhand derer ich meine Vermutungen hätte überprüfen sollen. Dass ich es nicht getan habe, war gewiss ein Fehler. Mir ist klar, wie es in deinen Augen ausgesehen haben muss, schließlich wusstest du ja nicht, was inzwischen alles vorgefallen war. Aber das heißt natürlich nicht, dass ich aus dem verfehlten Bedürfnis heraus, dir eine Freude zu machen, oder weil ich Angst hatte, was du von mir denken könntest, meine Suche nach der Wahrheit hätte einstellen sollen.«

Für einen Augenblick kreuzte sich sein Blick mit Niccis. »Nicci hat mir geholfen, mein fehlerhaftes Verhalten einzusehen.«

Er richtete seinen Blick wieder auf seinen Großvater. »Im Grunde wolltest du mir wahrscheinlich zeigen, dass das von dir angeführte Gesetz noch mehr besagt. Denn es bedeutet auch, dass man keine widersprüchlichen Werte oder Ziele verfolgen kann. So ist es zum Beispiel unsinnig, davon zu sprechen, welch ein wichtiger Wert Ehrlichkeit sei, wenn man im selben Atemzug eine Lüge auftischt. Ebenso sinnlos ist es zu behaupten, man habe Gerechtigkeit im Sinn, wenn man sich gleichzeitig weigert, einen Schuldigen für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen.

Und genau das macht das Herzstück unseres Kampfes aus: Es ist die Tatsache der Nichtexistenz von Widersprüchen, die das Regime der Imperialen Ordnung so mörderisch macht. Diese Leute schreiben sich Selbstlosigkeit als höchstes Ziel auf ihre Fahnen, aber aus ihrer angeblich so selbstlosen Sorge für das Individuum opfern sie ein anderes, und diesen Aderlass übertünchen sie mit der Behauptung, dieses Opfer sei die moralische Pflicht dessen, der geopfert wird. Im Grunde aber ist dies nichts als organisierte Beutemacherei, eine Einstellung, mit der man vielleicht Diebe und Mörder beglücken kann, die sich aber keinen Pfifferling um deren Opfer schert. Das Verfolgen von Zielen, die auf diesem Widerspruch beruhen, führt zwangsläufig zu einer weiten Verbreitung von Elend und Tod. Man gibt vor, sich für das Recht auf Leben einzusetzen, in Wahrheit aber nimmt man dafür den Tod bereitwillig in Kauf.

Das von dir angeführte Gesetz bedeutet, dass ich, anders als die Gefolgsleute Jagangs, nicht einfach behaupten kann, die Wahrheit zu suchen, nur um gleich darauf bereitwillig eine Lüge zu glauben, ohne meine Hypothesen zu überprüfen, und sei es, weil ich Angst davor habe. Insoweit habe ich gegen das von dir zitierte Gesetz verstoßen. Ich hätte den scheinbaren Widerspruch erkennen müssen, dann hätte ich nämlich festgestellt, dass ich die Wahrheit vor mir habe. An diesem Punkt habe ich mir selbst etwas vergeben.«

»Soll das etwa heißen, du glaubst jetzt nicht mehr, dass es tatsächlich Kahlan Amnell war?«, hakte Zedd nach. »Wer sagt denn, dass diese Leiche die Frau sein muss, für die du sie hältst? Nichts dort hat meiner Überzeugung widersprochen, dass sie es nicht ist, das glaubte ich nur, weil ich befürchtete, es könnte sein. Aber so war es nicht.«

Zedd holte tief Luft und ließ sie langsam wieder entweichen. »Du bist im Begriff, dich auf sehr dünnes Eis zu begeben, Richard.«

»Ach, wirklich? Angenommen, ich behauptete, es gebe keine Prophezeiungen, und würde dir zum Beweis, dass dein Glaube an Prophezeiungen falsch sei, die Bücher mit den unbeschriebenen Seiten vorlegen, dann wärst du wohl kaum glücklich über meine logische Erklärung. Die Überzeugung, gewisse Prophezeiungen existierten trotz des Umstandes, dass die angeblichen Bücher der Prophezeiungen unbeschrieben sind, stellt für dich keinen Widerspruch dar, sondern ist lediglich ein verwirrender Tatbestand, über den du zunächst einmal nicht hinreichend informiert bist, um die Fakten zu erklären. Schließlich kann dich niemand zwingen, ohne ausreichende Informationen oder vor Abschluss deiner Ermittlungen zu einer Schlussfolgerung zu gelangen oder eine aus anderen Gründen nicht akzeptable Auffassung zu übernehmen. Was für ein Sucher wäre ich, wenn ich mich so verhielte? Schließlich ist es der Verstand eines Mannes, der ihn zum Sucher macht, und nicht das Schwert. Das Schwert ist nur ein Werkzeug – das hast du mir selbst beigebracht.

In Kahlans Fall sind meiner Meinung nach immer noch zu viele Fragen offen, um mit Bestimmtheit sagen zu können, dass das, was wir in jener verregneten Nacht gesehen haben, die Wahrheit ist. Bis zum endgültigen Beweis werde ich also weiter nach der Wahrheit suchen, denn was hier geschieht, ist in meinen Augen weit gefährlicher, als außer mir irgendjemandem klar zu sein scheint – mal ganz abgesehen davon, dass mir sehr daran gelegen ist, einen geliebten Menschen wieder zu finden, der dringend meine Hilfe braucht.«

Zedd setzte sein großväterliches Lächeln auf. »Dagegen ist nichts einzuwenden, Richard, wahrlich nicht. Trotzdem erwarte ich irgendeinen Beweis von dir, dein Wort allein genügt mir nicht.«

Richard nickte seinem Großvater entschlossen zu. »Zunächst einmal wirst du wohl zugeben müssen, wie verdächtig es ist, dass nur Prophezeiungen rund um Kahlans und mein Leben verschwunden sind. Die Erinnerung an sie wurde gelöscht, und nun sind auch noch jene Prophezeiungen verschwunden, die vermutlich einen Hinweis auf sie enthalten haben. In beiden Fällen wurde die Erinnerung eines jeden an zwei durchaus reale Dinge – die Person selbst sowie die sie betreffenden Prophezeiungen – getilgt. Verstehst du, worauf ich hinauswill?«

Nicci war ungeheuer erleichtert, Richard wieder logisch denken zu sehen. Gleichzeitig beschlich sie der Verdacht, dass das, was er da sagte, auf merkwürdige Weise gar nicht so abwegig klang. »Ja, mein Junge, ich sehe durchaus, worauf du hinaus willst, aber siehst du auch, dass deine Hypothese ein gewisses Problem birgt?«