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»Und das wäre?«

»Wir alle erinnern uns an dich, richtig? Und doch sind die dich betreffenden Prophezeiungen verschwunden. Es zeigt sich also, dass das Problem mit den Prophezeiungen in diesem Fall nicht das Geringste mit dem zu tun hat, von dem du dir eine Erklärung oder gar einen Beweis für die Existenz Kahlan Amnells erhoffst.«

»Und wieso nicht?«

Zedd stieg langsam die Stufen hinauf. »Weil es etwas mit der Natur dessen zu tun hat, was ich bei meinen eigenen Nachforschungen zu dem Problem der Bücher der Prophezeiungen herausgefunden habe. Ich bin nämlich auch ziemlich neugierig, musst du wissen.«

»Das weiß ich, Zedd. Aber es könnte doch zusammenhängen«, beharrte Richard, während er neben seinem Großvater herlief.

Als auch Nicci ihm hinterher eilte, waren die Übrigen gezwungen, sich ihnen anzuschließen. »Es mag dir vielleicht so erscheinen, Junge, aber deine Theorie weist gewisse Mängel auf, denn die Fakten decken sich nicht ganz mit deiner Folgerung. Du versuchst dir ein paar Stiefel anzuziehen, die zwar gut aussehen, aber leider etwas klein ausgefallen sind.« Er versetzte ihm einen Klaps auf die Schulter. »Sobald wir in der Bibliothek sind, werde ich dir zeigen, was ich meine.«

»Wer ist eigentlich diese Kahlan?«, fragte Nathan.

»Jemand, der verschwunden ist und den ich noch nicht wieder gefunden habe«, antwortete Richard über seine Schulter. »Aber das werde ich noch.«

Dann blieb er stehen und wandte sich herum zu Ann und Nathan. »Weiß vielleicht von euch jemand, was sich hinter dem Begriff Feuerkette verbirgt?« Die beiden schüttelten den Kopf. »Und was ist mit der vierköpfigen Viper, oder dem Herz der Leere?«

»Ich fürchte, zweimal nein, Richard«, antwortete Ann. »Aber da wir gerade beim Thema sind: Es gibt da noch ein paar andere Dinge, über die wir mit dir sprechen müssen.«

»Sobald wir Zedds sich auf die Prophezeiungen beziehende Textstelle gesehen haben«, entschied Nathan. »Dann kommt«, sagte Zedd, an alle gewandt, raffte mit einer eleganten, schwungvollen Bewegung sein schlichtes Gewand und marschierte los.

52

Richard hatte sich in der edel eingerichteten Bibliothek hinter Zedd gestellt, sodass er seinem Großvater über die knochige Schulter sehen konnte, als dieser einen voluminösen Folianten mit abgewetztem braunem Ledereinband aufschlug. Die silbernen Reflektorlampen auf allen vier Seiten der fünf mächtigen Mahagonipfeiler, die in einer mitten durch den Raum verlaufenden Reihe standen und die Vorderseite einer sich durch den gesamten Saal ziehenden Galerie stützten, tauchten den Saal in ein eher spärliches Licht. Zu beiden Seiten des parallel zur Pfeilerreihe verlaufenden Mittelgangs standen schwere, dunkle Holztische mit blank polierter Oberfläche, um die man in regelmäßigen Abständen hölzerne Stühle platziert hatte. An den beiden langen Seitenwänden standen, im rechten Winkel angeordnet, mehrere Regalreihen voller Bücher, und auch die Galerie beherbergte eng beieinander stehende Regale, die mit weiteren Folianten gefüllt waren. Ein fahlblauer, in schrägem Winkel durch das einzige Fenster ganz am Ende des Saales fallender Lichtstrahl brachte die in der abgestandenen, muffigen Luft schwebenden Staubpartikel zum Leuchten, und es herrschte eine grabesähnliche Stille, die von den frisch entzündeten Lampen um einen öligen Geruch bereichert wurde. Etwas abseits im dunkleren Bereich unterhalb des Fensters am Kopfende des Saales standen mit verschränkten Armen Cara und Rikka und unterhielten sich, die Köpfe zusammengesteckt, mit gesenkter Stimme. Nicci lehnte unmittelbar neben Zedd an der Kante des von einem leuchtenden Rechteck aus Sonnenlicht beschienenen Tisches, während Ann und Nathan, auf der gegenüberliegenden Seite, ungeduldig auf Zedds Erklärung über das Verschwinden der Prophezeiungen warteten. Von hier aus, von der kleinen Insel aus Licht betrachtet, schien der Raum in den düsteren Schatten ringsumher zu versinken.

»Meiner Meinung nach wurde dieses Buch kurz nach Beendigung des Großen Krieges zusammengestellt«, erklärte Zedd soeben, indem er auf dem aufgeschlagenen Deckblatt neben den Titel tippte:

Die Verhältnisse

zeitlicher Abfolge und Voraussagen zur Entwicklungsfähigkeit.

»Die mit der Gabe Gesegneten der damaligen Zeit hatten herausgefunden, dass, aus welchem Grund auch immer, immer weniger Zauberer geboren wurden und diejenigen, die noch geboren wurden, nicht mehr mit beiden Seiten der Gabe auf die Welt kamen, wie es bis dahin nahezu ausnahmslos der Fall gewesen war. Mehr noch, die mit der Gabe Geborenen wurden nur noch mit der additiven Seite geboren. Die subtraktive Magie war im Begriff, gänzlich zu verschwinden.«

Ann blickte ihn leicht indigniert an. »Du hast es weder mit einer Novizin noch mit einem grünen Jungzauberer zu tun, alter Mann. All das wissen wir längst; schließlich widmen wir schon unser ganzes Leben genau diesem Problem. Also komm bitte zur Sache.«

Zedd räusperte sich. »Also schön, wie ihr vielleicht alle wisst, bedeutete dies gleichzeitig, dass auch immer weniger Propheten geboren wurden.«

»Welch überaus verblüffende Erkenntnis«, höhnte Ann. »Darauf wäre ich zum Beispiel nie gekommen.«

Gereizt brachte Nathan sie zum Schweigen. »Sprich weiter, Zedd.«

Zedd schob seine Ärmel zurück, nachdem er kurz einen erbosten Blick in Richtung Ann geworfen hatte. »Da immer weniger für die Prophezeiungen zuständige Zauberer geboren wurden, würde auch die Gesamtheit der mit den Prophezeiungen verbundenen Arbeit, so ihre Erkenntnis, nicht weiter anwachsen. Um sich ein Bild davon machen zu können, welche Folgen dies haben könnte, beschlossen sie – solange sie noch dazu in der Lage waren und es noch genügend Propheten sowie andere Zauberer mit beiden Seiten der Gabe gab –, eine umfassende Bestandsaufnahme des gesamten Themas der Prophezeiungen vorzunehmen. Sie gingen das Problem mit der denkbar größten Sorgfalt an, denn sie hatten erkannt, dass sich mit ihnen der Menschheit die vielleicht allerletzte Gelegenheit bot, die Zukunft der Prophezeiungen selbst zu verstehen und künftigen Generationen einen Einblick in das Verständnis dessen zu ermöglichen, was nach wachsender Überzeugung dieser Zauberer eines Tages ernsthaft verfälscht werden oder sogar verloren gehen würde.«

Zedd schaute kurz auf, um zu sehen, ob Ann weitere geringschätzige Kommentare abzugeben beabsichtigte. Es sah nicht danach aus. Offenbar war dies etwas, das sie noch nicht gewusst hatte. »Und nun«, fuhr er fort, »wenden wir uns ihrer Arbeit zu.«

Richard trat neben Nicci an den Tisch heran und blätterte die Seiten mit dem Finger um, während er Zedds Worten lauschte. Bald fiel ihm auf, dass das Buch, das sich mit den Komplexitäten nicht nur der Magie, sondern auch der Prophezeiungen befasste, in einem für ihn nahezu unverständlichen wissenschaftlichen Kauderwelsch verfasst war. Es hätte ebenso gut in einer fremden Sprache abgefasst sein können. Eine der Überraschungen war, dass das Buch eine Reihe komplizierter mathematischer Formeln enthielt, unterbrochen von grafischen Darstellungen des Mondes und der Sterne, in welchen die jeweiligen Deklinationswinkel verzeichnet waren. Er hatte noch nie ein Buch über Magie gesehen, das derartige Gleichungen, Himmelsbeobachtungen und Messungen enthielt – nicht dass er überhaupt schon viele Bücher über Magie gesehen hätte. Er erinnerte sich aber, dass auch das Buch der Gezählten Schatten, das er als Kind auswendig gelernt hatte, eine Reihe von Winkelberechnungen der Sonne und der Sterne enthalten hatte, die man kennen musste, um die Kästchen der Ordnung öffnen zu können.

Auf den Seitenrand waren weitere Formeln gekritzelt, allerdings in einer anderen Handschrift, so als wäre jemand dahergekommen und hätte die Berechnungen im Buch nachgeprüft, um sich Gewissheit zu verschaffen, oder sie anhand neuester Erkenntnisse noch einmal durchgerechnet. In einem Fall waren mehrere Zahlen einer komplizierten Tabelle durchgestrichen, wobei Pfeile von neuen, auf den Randstreifen gekritzelten Zahlen auf die durchkreuzten Werte in den Tabellen verwiesen. Ab und an bat ihn Zedd, mit dem Weiterblättern innezuhalten, damit er auf eine bestimmte Gleichung hinweisen und die in der Berechnung verwendeten Symbole erklären konnte.