Выбрать главу

Während Richard langsam Seite um Seite umblätterte, ließ Nathan sie – einem auf einen Knochen lauernden Hund ähnelnd – nicht aus seinen tiefblauen Augen, hielt dabei in aller Ruhe nach etwas Ausschau, das irgendeinen Sinn für ihn ergab, während sich Zedd in ermüdendem Tonfall endlos über vertauschte und einander überlappende Gabelungen, dreifache, mit verkuppelten Wurzeln verknüpfte, durch Präzession sowie sequenzielle, proportionale und binäre Inversionen kompromittierte Doppelzweige ausließ, hinter denen sich fehlerhafte, dank der Gleichungen offen gelegte Gabelungen verbargen, die sich nur mithilfe subtraktiver linksdrehender Operationen ausfindig machen ließen.

Nathan und Ann starrten ihn mit großen Augen an, einmal entfuhr Nathan sogar ein Seufzer. Ann wurde zunehmend blass. Selbst Nicci schien mit für sie untypischer Aufmerksamkeit zuzuhören. Richard drehte sich der Kopf von diesen völlig abstrusen Begriffen. Das Gefühl, mit unverständlichen Informationen gefüttert zu werden und ständig dagegen ankämpfen zu müssen, dass die dunklen Fluten völliger Wirrnis über seinem Kopf zusammenschlugen, war ihm zutiefst verhasst. Er kam sich dabei dumm vor, ungebildet.

In gewissen Abständen verwies Zedd auf Zahlen und Gleichungen aus dem Buch, während Nathan und Ann sich so benahmen, als wäre er im Begriff zu enthüllen, nicht nur wie, sondern auch noch exakt zu welcher Stunde die Welt zugrunde gehen würde.

Schließlich unterbrach Richard seinen Großvater mitten in einem Satz. »Könntest du dieses ganze abstruse Kauderwelsch vielleicht so zusammenfassen, dass es auch für mich verständlich wird?«

Einen Moment lang starrte er Richard offenen Mundes an, dann schob er das Buch über den Tisch zu Nathan. »Am besten, du liest selbst.«

Nathan nahm das Buch mit einer Behutsamkeit zur Hand, als könnte ihn der Hüter höchstpersönlich daraus anspringen.

Zedd wandte sich wieder an Richard und sagte: »Um es in Worten auszudrücken, die du vielleicht besser verstehst, wenn auch auf die nicht unerhebliche Gefahr übergroßer Vereinfachung hin: Stell dir die Prophezeiungen wie einen Baum mit Wurzeln und Ästen vor. Wie ein Baum, so waren auch die Prophezeiungen in ihrer Gesamtheit einem ständigen Wachstum unterworfen. Was diese Zauberer nun im Grunde behaupteten, ist, dass der Baum der Prophezeiungen sich ganz so verhielt, als besäße er so etwas wie ein Eigenleben. Wohlgemerkt, sie sagten nicht, dass er lebendig sei, lediglich, dass er in einer Reihe von Punkten das Leben nachahmte, dabei aber nicht kopierte – etwa so, wie es bestimmte Parameter gibt, anhand derer man das Alter und den Gesundheitszustand eines Baumes bestimmen und daraus Vorhersagen über seine Zukunft treffen kann. In einer früheren Zeit, als es noch eine Vielzahl von Zauberern und Propheten gab, nahm die Arbeit mit den Prophezeiungen und ihren vielen Ästen verhältnismäßig rasch zu. Aufgrund der zahlreichen Propheten und ihrer Beiträge besaß sie einen soliden, fruchtbaren Boden, in dem sie gedeihen und tiefe Wurzeln schlagen konnte. Da fortwährend immer neue Propheten frische Visionen in das kollektive Werk einbrachten, entstanden laufend neue Verzweigungen innerhalb der Prophezeiungen, und diese neuen Äste wuchsen mit der Zeit, da andere Propheten ebenfalls ihren Beitrag leisteten, zu einem dichten und kräftigen Gebilde heran. Während dieses Gebilde, also der Baum, immer weiter wuchs, untersuchten, beobachteten und legten die Propheten die Ereignisse aus, was sie in die Lage versetzte, den lebendigen Bestand zu hegen und abgestorbenes Holz zu entfernen.

Doch dann begann die Geburtenrate der Propheten rapide zu sinken, und es gab Jahr für Jahr immer weniger von ihnen, die sich diesen Aufgaben widmen konnten – weshalb das Wachstum des Baumes der Prophezeiungen sich zu verlangsamen begann.

Um es in einfachen, auch dir verständlichen Worten auszudrücken: Der Baum der Prophezeiungen hatte eine Art Reifestadium erlangt. Gleich einer steinalten Königseiche im Wald standen diesem ausladenden Baum der Prophezeiungen, das wussten diese Zauberer, noch lange Lebensjahre als ausgereiftes Wesen bevor, gleichwohl waren sie sich bewusst, was die Zukunft dereinst bereithalten würde.

Wie alles andere, so konnten auch die Prophezeiungen nicht ewig währen. Zeit verging; bestimmte, in den Prophezeiungen vorhergesagte Dinge ereigneten sich, waren plötzlich überholt und hatten ihren Sinn verloren. Mit dem Verstreichen der Zeit würden auf diese Weise schließlich alle in dem Werk abgehandelten Vorhersagen überflüssig werden. Anders ausgedrückt: Ohne neue Prophezeiungen würden sämtliche existierenden Prophezeiungen, ganz gleich, ob sie sich als wahre oder falsche Zweige entpuppten, letztendlich ihre Chance im Fluss der Zeit erhalten; und damit wäre ihre Zeit abgelaufen – sie wären verbraucht. Die Kommission, die sich mit diesem Problem befasste, gelangte daher zu der Erkenntnis, dass der Baum der Prophezeiungen ohne jenes Wachstum und Leben, das ihm durch die Propheten sowie den unablässigen Strom der Prophezeiungen zuteil wurde, von dem sich die zahllosen Verzweigungen nährten, irgendwann absterben müsse. Ihre Aufgabe – und der Zweck dieses Buches mit dem Titel Die Verhältnisse zeitlicher Abfolge und Aussagen zur Entwicklungsfähigkeit-bestand in dem Versuch, vorherzusagen, wie und wann es dazu kommen würde.

Die besten Köpfe auf dem Gebiet der Prophezeiungen nahmen sich des Problems an und machten sich ein Bild vom Gesundheitszustand des Baumes der Prophezeiungen. Anhand bekannter Formeln und Vorhersagen, die nicht nur auf beobachtete Muster im Rückgang des Wachstums, sondern auch auf dem Schwinden jener Propheten beruhten, die es aufrechterhielten, legten sie fest, wann dieser spezielle Baum des Wissens unter dem abgestorbenen Holz falscher und abgelaufener Prophezeiungen erdrückt würde, wenn nämlich die entsprechenden Gabelungen erreicht wären und sich die Zeit entlang der noch entwicklungsfähigen Zweige weiterentwickelte. Als es so weit war – als der Baum der Prophezeiungen unter der Last des Alters und des abgestorbenen Holzes, das nicht länger von den Propheten ausgelesen werden konnte, allmählich inaktiv wurde –, sagten sie voraus, dass er für eine bestimmte Art Krankheit oder Verfall anfällig würde, ganz ähnlich einem alten Baum im Wald, der mit der Zeit für Krankheiten anfällig wird. Sie kamen zu dem Schluss, dass diese Minderung seiner Entwicklungsfähigkeit die Prophezeiungen mit der Zeit für eine immer weiter anwachsende Zahl von Problemen anfällig machen würde. Die Schwäche, die ihn ihren Überlegungen zufolge höchstwahrscheinlich zuerst befallen würde, würde sich in Gestalt einer, wie sie es beschrieben, Art Wurm äußern, der, so glaubten sie, zunächst die lebenden Teile des Baumes der Prophezeiungen selbst – also die Zweige, die zum Zeitpunkt dieses wurmartigen Befalls gegenwärtig sind befallen und schließlich vernichten würde. Und daher gaben sie ihm auch diesen Namen – Prophezeiungswurm.«

In der fast mit Händen greifbaren Stille bekam die Luft etwas Drückendes. Unschlüssig zuckte Richard mit den Achseln. »Und welches Mittel gibt es nun dagegen?«

Zedd betrachtete ihn, als hätte er sich soeben erkundigt, wie man ein Unwetter bekämpft. »Mittel? Richard, die Experten, die dieses Buch verfassten, sagten voraus, dass es im Grunde überhaupt kein Mittel dagegen gibt. Sie gelangten schließlich zu der Überzeugung, dass der Baum der Prophezeiungen ohne die von immer neuen Propheten zugeführte Lebenskraft mit der Zeit verfaulen und absterben würde. Die Prophezeiungen, so ihre Erklärung, würden erst dann wieder gesund und kräftig, wenn die Welt wieder neue Propheten hervorbrächte – mit anderen Worten, wenn ein neuer prophetischer Same ausgesät würde und aufginge. Alte Bäume sterben nun einmal ab und machen Platz für neue Sprösslinge. Diese gelehrten Zauberer fanden heraus, dass die Prophezeiungen, wie wir sie kennen, gleichermaßen dem Schicksal von Alterung, Krankheit und letztendlichem Absterben unterliegen.«