Richard hatte sich schon mit jeder Menge von durch Prophezeiungen hervorgerufenen Problemen herumschlagen müssen, trotzdem hatten die düsteren Mienen rings um den Tisch etwas Ansteckendes. Fast war es, als wäre soeben ein Heiler aus einem Hinterzimmer getreten, um zu verkünden, ein altersschwacher Angehöriger liege im Sterben.
Er dachte an all die mit der Gabe gesegneten, hingebungsvoll ihrer Berufung nachgehenden Propheten, die ihr Leben lang gearbeitet hatten, um ihren Beitrag zu diesem gewaltigen Werk zu leisten, das nun vor sich hin welkte und abstarb. Dann musste er an die Statue denken, die er unter größten Mühen erschaffen hatte, und wie er sich gefühlt hatte, nachdem sie zerstört worden war.
Vielleicht, überlegte er, war es auch der Gedanke an den Tod, in welcher Gestalt auch immer, der ihn so betrübte, weil er ihn an seine eigene – und Kahlans – Vergänglichkeit erinnerte. Und dann kam ihm der Gedanke, dass dies vielleicht das Beste war, was überhaupt passieren konnte. Denn wenn die Menschen nicht länger in dem Glauben gefangen waren, ihr Los sei vom Schicksal vorherbestimmt, würden sie vielleicht zu der Erkenntnis gelangen, dass sie selbst denken und für sich selbst entscheiden mussten, was in ihrem besten Interesse lag. Wenn die Menschen endlich begriffen, was tatsächlich auf dem Spiel stand, würden sie schließlich vielleicht sogar den Wert selbst getroffener Entscheidungen erkennen, statt gedankenlos der Dinge zu harren, die da kamen.
»Nach Anns und meinen Erkenntnissen«, sprach Nathan in die stille, abgestandene Luft der Bibliothek hinein, »handelt es sich bei dem Zweig der Prophezeiungen, der im Verschwinden begriffen ist, um exakt jenen, der sich auf die Zeit ungefähr seit Richards Geburt bezieht. Was natürlich insofern am ehesten nachvollziehbar ist, als sich das aktive, lebendige Gewebe der Prophezeiungen von den derzeit lebenden Seelen ernährt, an denen sich auch dieser Prophezeiungswurm gütlich tun dürfte. Wie ich jedoch in Erfahrung bringen konnte, ist das alles nicht einfach verschwunden – jedenfalls noch nicht.«
Zedd nickte. »Es stirbt ab, aber von der Wurzel an aufwärts, weshalb gewisse Teile immer noch lebendig sind. Ich habe Einschlüsse gefunden, die noch lebendig und bei bester Gesundheit sind.«
»So ist es – insbesondere jene Partien, die von der Gegenwart bis in die unmittelbare Zukunft reichen. Es scheint so zu sein, wie du es angedeutet hast, die Geißel hat den Kern dieser vor zwei, drei Dekaden begonnenen Zweige befallen, sich aber bislang noch nicht weit bis in die zukünftigen Ereignisse vorgearbeitet. Was bedeutet, dass Teile dieses prophetischen Zweiges – jenes Zweiges, der dich betrifft – noch lebendig sind«, fuhr der Prophet fort, wobei er sich, auf seine Hände gestützt, zu Richard hinüberbeugte, »aber sobald sie absterben, werden wir auch diese Prophezeiungen verlieren – zusammen mit der Erinnerung an ihre ungeheure Bedeutung.«
Richard sah von Nathans grimmiger Miene zu Anns nicht minder ernstem Gesicht und wusste, dass sie endlich beim Kern ihres Anliegens angekommen waren.
»Aus diesem Grund haben wir uns auf die Suche nach dir begeben, Richard Rahl«, nahm Ann den Faden im Tonfall gesetzten Ernstes auf, »ehe es zu spät ist. Wir sind hier wegen einer Prophezeiung, die derzeit noch lebendig ist und die uns vor der größten Krise seit dem Großen Krieg warnte.«
Richard, ohnehin nicht gerade begeistert, dass ihm die Prophezeiungen schon wieder Schwierigkeiten zu bereiten schienen, runzelte die Stirn. »Und die wäre?«
Nathan zog aus einer seiner Taschen ein kleines Buch, schlug es auf und fixierte, es mit beiden Händen haltend, Richard mit festem Blick, um sich zu vergewissern, dass dieser sich wenigstens bemühte, aufmerksam zuzuhören.
Als er sich endlich der Aufmerksamkeit aller gewiss sein konnte, fing er an zu lesen. »›Im Jahr der Zikaden, wenn der Vorkämpfer für Selbstaufopferung und Leid unter dem Banner der Menschheit und des Lichts‹« – hier blickte er kurz unter seinen buschigen Augenbrauen hervor – »damit dürfte wohl Kaiser Jagang gemeint sein endlich seinen Schwärm teilt, soll dies als Zeichen dafür dienen, dass die Prophezeiung zum Leben erweckt worden ist und uns die letzte und entscheidende Schlacht bevorsteht. Seid gewarnt, denn alle wahren Gabelungen und ihre Ableitungen sind in dieser seherischen Wurzel miteinander verknüpft. Ein einziger Hauptstrang nur zweigt von dieser Verknüpfung der allerersten Ursprünge ab. Wenn der fuer grissa ost drauka in dieser letzten Schlacht nicht die Führung übernimmt, dann wird die Welt, bereits jetzt am Abgrund ewiger Finsternis, unter ebendiesen fürchterlichen Schatten fallen.’«
»Bei den Gütigen Seelen«, entfuhr es Zedd kaum hörbar.
»Fuer grissa ost drauka ist eine der Kardinalverbindungen zu einer Prophezeiung, auf die sich eine Hauptgabelung gründet. Durch Verknüpfung mit dieser Prophezeiung entsteht eine verkoppelte Gabelung.«
Nathan zog eine Augenbraue hoch. »Genau.«
Richard hatte Zedds Bemerkung nicht ganz verstanden, der ungefähre Sinn jedoch war ihm keineswegs entgangen. Auch brauchte ihm niemand zu erklären, wer besagter fuer grissa ost drauka, der Bringer des Todes, war.
»Jagang hat seine Streitkräfte geteilt«, erklärte Ann mit ruhigem Nachdruck, während sie Richard mit festem Blick fixierte. »In der Hoffnung, den Kampf endgültig zu beenden, hat er seine Armee bis in die Nähe Aydindrils geführt, aber die d’Haranischen Truppen und die Einwohner der Stadt haben den Winter genutzt: Sie sind über die Pässe nach D’Hara geflohen und haben sich so aus Jagangs Umklammerung befreit.«
»Ich weiß«, sagte Richard. »Die Flucht über die winterlichen Pässe geschah auf Anordnung Kahlans. Sie selbst hat mir davon berichtet.«
Cara sah überrascht auf, offenbar wollte sie seiner Darstellung widersprechen, doch dann beschloss sie, nach einem Seitenblick auf J Nicci, davon Abstand zu nehmen ... zumindest fürs Erste. »Jedenfalls hat sich Jagang«, fuhr Ann, hörbar verärgert über die Unterbrechung, fort, »außerstande, seine gewaltige zahlenmäßige Übermacht wirkungsvoll einzusetzen, um bei diesen stark gesicherten, sehr engen Pässen durchzubrechen, endlich dazu durchgerungen, seine Truppen aufzuteilen. Er ließ eine Armee zur Beobachtung der Pässe zurück, führte den Hauptteil seiner Truppen nach Süden und marschierte den weiten Weg zurück durch die Midlands, um die Barriere des Gebirges zu umgehen und anschließend Richtung D’Hara abzuschwenken.
Unsere eigenen Truppen marschieren derzeit quer durch D’Hara nach Süden, um sich ihnen entgegenzuwerfen. Deshalb konnten wir von Verna eine Nachricht über den Zustand der Bücher der Prophezeiung im Palast des Volkes in D’Hara empfangen. Sie war noch vor unserer Armee nach Süden geritten, um sie mit eigenen Augen zu inspizieren.«
»Dies ist das Jahr, in dem die Zikaden wiederkehren«, stellte Nicci spürbar beunruhigt fest. »Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen.«
»Stimmt«, bekräftigte Nathan, immer noch auf beide Hände gestützt, und beugte sich über den Tisch. »Und das bedeutet, dass die zeitliche Zuordnung jetzt feststeht. Die Prophezeiungen haben sich zu einem Gesamtbild geordnet und sind an ihren Platz gefallen. Die Ereignisse sind eindeutig markiert.« Er blickte den übrigen Anwesenden im Raum nacheinander in die Augen. »Wir stehen vor dem Ende.«
Zedd stieß einen leisen Pfiff aus.
»Aber was noch wichtiger ist«, setzte Ann in strengem Ton hinzu, »es bedeutet, es ist höchste Zeit, dass Lord Rahl zu den d’Haranischen Truppen stößt und in der entscheidenden Schlacht deren Führung übernimmt. Im Falle deiner Abwesenheit dort ist die Prophezeiung übrigens eindeutig, Richard: Alles wird verloren sein. Wir sind gekommen, um dich zu deinen Truppen zu eskortieren und auf diese Weise zu gewährleisten, dass du es auch tatsächlich schaffst. Unter keinen Umständen dürfen wir einen weiteren Aufschub riskieren; wir müssen augenblicklich aufbrechen.«