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Zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs über die Prophezeiungen hatte Richard das Gefühl, weiche Knie zu bekommen.

»Aber das kann ich nicht«, sagte er. »Ich muss Kahlan finden.« In seinen Ohren klang es wie eine in den Wind gesprochene Bitte.

Ann holte tief Luft, als müsste sie sich gewaltig zusammenreißen, um die entsprechende Geduld aufzubringen oder die richtigen Worte zu finden.

»Du musst was?« Ihre Missbilligung sprudelte an die Oberfläche wie der Abschaum in einem großen Kessel. In diesem Moment war sie wieder ganz die Prälatin, eine kleine, gedrungene Frau, die es irgendwie schaffte, alle anderen scheinbar zu überragen.

»Ich muss Kahlan finden«, wiederholte Richard.

»Ich weiß wirklich nicht, wovon du redest. Für diesen Unfug haben wir einfach keine Zeit.« Mit einem einzigen Schlag hatte Ann all seine Wünsche, seine Interessen und Bedürfnisse, ganz zu schweigen von dem, was er für seine berechtigten und vernünftigen Gründe hielt, als unbedeutend abgetan. »Wir sind hier, um dafür zu sorgen, dass du dich unverzüglich zur d’Haranischen Armee begibst. Du wirst dort von allen erwartet; diese Menschen sind auf dich angewiesen. Der Augenblick ist gekommen, da du unsere Streitkräfte in der letzten Schlacht anführen musst, die uns jeden Augenblick bevorstehen kann.«

»Ich kann nicht«, verkündete Richard mit ruhiger, aber fester Stimme. »Aber die Prophezeiungen verlangen es!«, schrie Ann.

In diesem Moment wurde Richard klar, dass Ann sich verändert hatte. In Kleinigkeiten hatte sich jeder seit Kahlans Verschwinden verändert, aber bei Ann war die Veränderung augenfälliger. Beim letzten Mal, als sie mit genau demselben Ansinnen gekommen war und verlangt hatte, Richard solle sie begleiten, um die Führerschaft im Krieg zu übernehmen, hatte Kahlan Anns Reisebuch in die Flammen geworfen und der ehemaligen Prälatin erklärt, dass die treibende Kraft hinter den Ereignissen nicht die Prophezeiungen seien, sondern vielmehr Ann in ihrem Bestreben, die Menschen zu zwingen, sich an die Prophezeiungen zu halten, damit diese sich bewahrheiteten und sie als deren Vollstreckerin auftreten könne. Kahlan hatte ihr daraufhin nachgewiesen, dass sie, wenn sie sich in ihrer Rolle als Prälatin zur Handlangerin der Prophezeiungen machte, möglicherweise diejenige gewesen sein könnte, welche die Welt an den Rand einer völligen Katastrophe geführt hatte. Kahlans Ausführungen hatten sie schließlich veranlasst, in sich zu gehen, bis sie schließlich wieder zur Vernunft kam und mehr Verständnis dafür aufbrachte, warum Richard derjenige war, der entscheiden musste, was richtig war und was nicht.

Nachdem die Erinnerung an Kahlan nicht mehr existierte, war auch alles andere ausgelöscht, was je mit Kahlan zu tun gehabt hatte. Wie alle anderen auch war Ann in jene Gemütsverfassung zurückgefallen, die sie vor Kahlans Wirken gezeigt hatte. Manchmal tat es Richard in der Seele weh, wenn er sich in Erinnerung zu rufen versuchte, was Kahlan mit jedem Einzelnen von ihnen angestellt hatte –und an das sich jetzt niemand mehr erinnerte –, um es wenigstens im Umgang mit ihnen berücksichtigen zu können. Shota zum Beispiel hatte wegen ihrer erloschenen Erinnerung an Kahlan nicht mehr gewusst, dass sie versprochen hatte, ihn umzubringen, sollte er jemals wieder nach Agaden zurückkehren. Bei ihr war diese Methode hilfreich gewesen; bei anderen, wie Ann, zeichnete sich mehr und mehr ab, dass es die Dinge eher komplizierter machte. »Kahlan hat Euer Reisebuch ins Feuer geworfen«, erinnerte er sie. »Sie war Eure ständigen Versuche, mein Leben zu kontrollieren, ebenso leid wie ich.«

Ann runzelte die Stirn. »Ich selbst habe es versehentlich ins Feuer fallen lassen.«

Richard seufzte. »Verstehe.« Er mochte ihr nicht widersprechen, wusste er doch, dass es nichts nützen würde. Niemand in diesem Raum glaubte ihm. Cara würde alles tun, was er von ihr verlangte, aber selbst sie glaubte ihm nicht. Auch Nicci glaubte ihm nicht, trotzdem hatte sie ihn ermuntert, das zu tun, was er glaubte, tun zu müssen. Sie war es auch, die ihn seit Kahlans Verschwinden am meisten von allen unterstützt hatte. »Richard.« Nathan bemühte sich, einen milderen, wohlwollenderen Ton anzuschlagen. »Hier geht es nicht um eine simple Kleinigkeit. Du bist für die Prophezeiungen geboren; die Welt seht am Rande eines dunklen Zeitalters, und du hältst den Schlüssel in Händen, mit dem man ein Abgleiten in diese lange, schreckliche Nacht verhindern kann. Du bist es, der nach Aussage der Prophezeiungen unsere Sache retten kann – jene Sache, an die du selbst glaubst. Du musst deine Pflicht tun und darfst uns jetzt nicht im Stich lassen.«

Richard war es müde; er war es herzlich leid, immer nur von den Ereignissen getrieben zu werden. Er wusste einfach nicht mehr weiter. Wieso verstand er nicht, was geschah, warum hatte er stets das Gefühl, einen Schritt hinter dem Rest der Welt herzuhinken – und zwei Schritte hinter dem, was Kahlan zugestoßen war? Es machte ihn wütend, dass jeder ihm sagte, was er zu tun hatte, ohne auch nur das geringste Interesse dafür aufzubringen, was für ihn selbst maßgeblich von Bedeutung war. Nicht einmal über sein eigenes Los wollten sie ihn selbst bestimmen lassen, weil sie dachten, die Prophezeiungen hätten es längst an seiner statt entschieden. Aber dem war nicht so.

Er musste unbedingt herausfinden, was Kahlan tatsächlich zugestoßen war, er musste Kahlan finden. Punktum. Er hatte es satt, seine Zeit mit Dingen zu verschwenden, die er nach Ansicht der Prophezeiungen – und einer ganzen Reihe von Leuten – tun sollte. Wer ihn nicht unterstützte, hielt ihn in Wahrheit von etwas ab, das zumindest für ihn von lebenswichtiger Bedeutung war.

»Es ist keineswegs meine Pflicht, den Erwartungen aller zu entsprechen«, sagte er an Ann gewandt, während er das kleine Buch zur Hand nahm, das Nathan mitgebracht hatte.

Überrascht starrten ihn Ann und Nathan an.

Plötzlich spürte er Niccis beruhigende Hand auf seinem Rücken. Auch wenn sie nicht von seiner Erinnerung an Kahlan überzeugt war, so hatte sie ihm immerhin zu der Einsicht verholfen, dass er seinen Prinzipien treu bleiben musste. Sie würde niemals zulassen, dass er wegen einer Nachlässigkeit scheiterte. Und sie war ihm eine geschätzte Freundin gewesen, als er am meisten eine gebraucht hatte. Der einzige andere ihm bekannte Mensch, der ihm auf diese Weise zur Seite stehen würde, der es wagen würde, ihm so die Stirn zu bieten, war Kahlan.

Er ließ all die leeren Seiten des Buches, das Nathan mitgebracht hatte, am Daumen vorüberschnellen, voller Neugier, ob dort vielleicht noch mehr stand, etwas, aus dem sich vielleicht ein etwas anderes Bild ergab, oder ob sie ihm einfach erzählten, was er ihrer Meinung nach glauben sollte. Zudem hätte er gern noch etwas irgendetwas – gefunden, das ihm begreifen half, was eigentlich vor sich ging. Denn irgendetwas ging vor sich, so viel war eindeutig klar. Zedds Erklärung über den Prophezeiungswurm schien unanfechtbar, und doch ließ ihm irgendetwas daran keine Ruhe, denn sie erklärte das Fehlen der Texte in den Büchern der Prophezeiungen auf eine Weise, die in erster Linie dem Wunschdenken dieser Leute entgegenkam. Es war ein wenig zu passend, und schlimmer noch, es hatte zu viel von etwas Zufälligem – und Zufälle weckten stets seinen Argwohn.

Und auch Niccis Einwand war nicht von der Hand zu weisen. Es schien in der Tat ein wenig zu passend, dass der beim Palast der Konfessoren beerdigte Leichnam ein Bändchen mit einer Stickerei von Kahlans Namen trug ... etwa um alle Zweifel auszuräumen, falls jemand die Leiche exhumierte? Nach einer Unmenge leerer Seiten stieß Richard endlich auf den Text. Er lautete genau so, wie Nathan ihn vorgelesen hatte.

Im Jahr der Zikaden, wenn der Vorkämpfer für Selbstaufopferung und Leid unter dem Banner der Menschheit wie des Lichts endlich seinen Schwärm teilt, soll dies als Zeichen dafür dienen, dass die Prophezeiungen zum Lehen erweckt worden sind und uns die letzte und entscheidende Schlacht bevorsteht. Seid gewarnt, denn alle echten Gabelungen und ihre Ableitungen sind in dieser seherischen Wurzel miteinander verknüpft. Nur ein einziger wahrer Hauptstrang zweigt von dieser Verknüpfung des allerersten Ursprungs ab. Wenn der fuer grissa ost drauka in dieser letzten Schlacht nicht die Führung übernimmt, wird die Welt, bereits jetzt am Rande eines finsteren Abgrunds, unter diesen schrecklichen Schatten fallen.