Mehrere Stellen innerhalb dieser Textpassage stellten Richard vor ein Rätsel. Zum einen war da der Hinweis auf die Zikaden, die ihm ein wenig niedrig stehend erschienen, um einer Erwähnung in den Prophezeiungen überhaupt würdig zu sein – hier jedoch erhielten sie eine zentrale Funktion in der angeblich bedeutendsten Prophezeiung der letzten dreitausend Jahre. Eine gewisse Berechtigung ergab sich vermutlich daraus, dass sie bei der genauen Bestimmung des Zeitpunkts halfen. Nach Aussage der anderen war es nie Ziel der Prophezeiungen, Zeitpunkte eindeutig festzulegen, was diesen Punkt zu einer der größten Probleme im Umgang mit Prophezeiungen machte.
Auch störte ihn, dass diese Prophezeiung, die in vielen Punkten so sehr von jener abwich, die er im Palast der Propheten gelesen hatte, ihn ebenfalls mit dem hoch-d’Haranischen Begriff fuer grissa ost drauka bezeichnete.
Vermutlich sollte ein solcher Querverweis, Zedd hatte es angedeutet, ihre Wichtigkeit betonen. Allerdings war die Verbindung zu der Prophezeiung mit dem Hinweis auf den fuer grissa ost drauka, die Richard im Palast der Propheten gesehen hatte, eindeutig mit noch etwas ganz anderem verknüpft: den Kästchen der Ordnung.
In jener alten Prophezeiung, die Richard als Bringer des Todes bezeichnete, bedeutete das Wort Tod, je nachdem, wie es verwendet wurde, drei sehr unterschiedliche Dinge: einmal den Bringer der Unterwelt, der Welt der Toten; dann den Bringer der Seelen, der Seelen der Toten, und schließlich den Bringer des Todes, also den, der tötet. Jede dieser Bedeutungen unterschied sich von den anderen, gleichwohl waren alle drei gemeint. Die zweite Bedeutung bezog sich auf seine ganz persönliche Handhabung des Schwertes der Wahrheit, die dritte meinte einfach nur, dass er gezwungen war, Menschen zu töten. Die erste hingegen war ein eindeutiger Verweis auf die Kästchen der Ordnung.
Im Zusammenhang mit der vorliegenden Prophezeiung war die dritte Möglichkeit vermutlich die nahe liegende: Er musste die Führung der Armee übernehmen und den Feind töten, demnach war es nur folgerichtig, ihn als fuer grissa ost drauka zu bezeichnen. Und doch erschien ihm wiederum alles etwas zu passend.
All diese passenden Erklärungen und Zufälle waren dazu angetan, Richards Misstrauen zu wecken. Und da auch Kahlans Verschwinden dabei eine Rolle spielte, spürte er, dass hinter all diesen Dingen noch weit mehr stecken musste.
Er blätterte zu der Seite vor der Textpassage zurück, und schließlich, zur Kontrolle, auch noch zu der Seite davor. Beide waren leer.
»Ich habe ein Problem hiermit«, sagte er und sah auf, um in die ihn aufmerksam beobachtenden Augen zu blicken.
»Und das wäre?« Ann, die Arme verschränkt, bediente sich desselben Tonfalls, den sie auch benutzt hätte, wenn sie einen unerfahrenen, nicht ausgebildeten und unwissenden Novizen vor sich gehabt hätte, der eben erst in den Palast der Propheten gebracht worden war, um im Gebrauch seiner Gabe unterwiesen zu werden. »Nun ja, es steht weder davor noch dahinter etwas«, gab er zurück. »Die Seiten sind sämtlich unbeschrieben.«
Nathan vergrub sein Gesicht in den Händen, Ann dagegen warf die Arme in einer Geste verständnisloser Empörung in die Luft. »Natürlich nicht! Der Text ist verschwunden, wie eine ganze Reihe anderer Passagen auch. Genau darüber sprachen wir doch gerade. Deswegen ist es ja so wichtig!«
»Aber ohne Kenntnis des Kontexts könnt Ihr doch überhaupt nicht entscheiden, ob diese Passage wirklich wichtig ist, oder? Um eine Information verstehen zu können, muss man doch den Zusammenhang kennen.«
Trotz des aufgeregten Gebarens von Ann und Nathan schmunzelte Zedd bei sich. Da hatte sich jemand soeben an eine vor langer Zeit erteilte Lektion erinnert.
Nathan sah auf. »Was hat das mit dieser Prophezeiung zu tun?«
»Nun, soweit wir wissen, könnte unmittelbar davor ein den Inhalt relativierender Text gestanden haben, oder gleich dahinter eine Passage, die ihn in der Folge als unbedeutend einstuft. Aber woher sollen wir das wissen, wenn der betreffende Text fehlt? Diese Prophezeiung könnte durch was auch immer aufgehoben worden sein.«
Zedd schmunzelte. »Der Junge hat in diesem Punkt nicht ganz Unrecht.«
»Er ist kein Junge«, knurrte Ann. »Er ist ein Mann, und er ist der Lord Rahl, das Oberhaupt des d’Haranischen Reiches, dessen Truppen er selbst zusammengezogen hat, um gegen die Imperiale Ordnung zu kämpfen, und es wird Zeit, dass er endlich die Führung dieser Truppen übernimmt. Schließlich hängt unser aller Leben davon ab.«
Richard ließ die Seiten rückwärts am Daumen vorbeilaufen und entdeckte plötzlich ein Stück Text, das er beim ersten Mal offenbar übersehen hatte. Er blätterte zu der Stelle zurück und rief: »Hier ist noch etwas, das nicht verschwunden ist.«
»Was?«, fragte Nathan ungläubig und drehte sich herum, um einen Blick darauf zu werfen. »Die Stelle war zuvor leer, dessen bin ich mir sicher.«
»Genau hier.« Richard tippte mit dem Finger auf die Worte. »Hier steht: ›Hier kommen wir.‹ Was könnte damit gemeint sein? Und wieso sind die Worte nicht verschwunden?«
»›Hier kommen wir‹?« Nathan verzog verwirrt das Gesicht. »Das habe ich noch nie zuvor gesehen.«
Richard blätterte einige Seiten weiter zurück. »Seht doch, hier steht es gleich noch einmal. Derselbe Wortlaut. ›Hier kommen wir.‹«
»Einmal hätte ich es vielleicht übersehen können«, meinte Nathan, »aber ein zweites Mal, nein, völlig ausgeschlossen. Du musst dich irren.«
»Aber nicht doch. Schau her.« Richard drehte das Buch herum, um es dem Propheten zu zeigen, und ging es Seite für Seite bis zum Anfang durch, bis er auf etwas Geschriebenes stieß. »Hier taucht es schon wieder auf. Eine ganze Seite mit demselben, sich stets wiederholenden Text.« Nathans Unterkiefer klaffte in sprachloser Verwunderung. Nicci riskierte einen Blick über Richards Schulter, und auch Zedd kam um den Tisch herum und stellte sich neben ihn, um die Schrift in dem Buch in Augenschein zu nehmen. Selbst die beiden Mord-Sith kamen herbei, um einen Blick darauf zu werfen.
Richard blätterte eine Seite weiter zu einer Stelle, die eben noch leer gewesen war. Und tatsächlich, derselbe Text wiederholte sich wieder und wieder, über die gesamte Seite. Hier kommen wir.
»Ich habe dir beim Zurückblättern zugesehen.« Niccis seidenweiche Stimme enthielt einen unüberhörbar beunruhigten Unterton. »Ich weiß genau, dass diese Seite einen Moment zuvor noch unbeschrieben war.«
Eine Gänsehaut kroch Richards Arme hoch, die Härchen in seinem Nacken stellten sich auf. Er hob den Blick und sah etwas Dunkles sich aus den tiefen Schatten unterhalb des durch das hohe Fenster an der Stirnseite des Saales fallenden Lichtbalkens schälen.
Zu spät erinnerte er sich an die Warnung Shotas, nicht in den Prophezeiungen zu lesen, da ihn die Bestie in diesem Fall aufzuspüren vermochte.
Er griff nach seinem Schwert.
Aber es war nicht da.
53
Mit einem Klagelaut wie von den verdammten Seelen tausender Sünder schälte sich urplötzlich ein Wirrwarr aus Winkeln, Wirbeln und dunklen Streifen aus der Dunkelheit, so als wären die dunklen Schatten zum Leben erwacht. Die Lesetische am hinteren Ende des Saales wurden rücksichtslos umgekippt, als das Knäuel aus dunklen Schatten sich mit explosionsartiger Wucht durch sie hindurchwühlte. Holzsplitter jeder Größe wirbelten durch die Luft.
Ein Tisch nach dem anderen ging zu Bruch, als die aus den Schatten geborene Bestie tobend mitten durch den Saal auf Richard zuhielt. Das Kreischen brechenden und splitternden Holzes erfüllte die staubige Luft der Bibliothek.
Sofort warfen sich Cara und Rikka vor ihren Herrn, jede mit ihrem Strafer in der Hand; Richard wusste nur zu gut, was passieren würde, falls sie mit der Bestie zusammenstießen. Die Vorstellung, Cara könnte ein weiteres Mal auf diese Weise verletzt werden, weckte seinen Zorn, und noch ehe sie sich der dunklen, sich einen Weg durch die schweren Lesetische brechenden Masse entgegenwerfen konnten, hatte er sie bereits bei ihren langen blonden Zöpfen gepackt und schleuderte sie mit einem wütenden Aufschrei wieder zurück. »Kommt ihr ja nicht in die Quere!«, brüllte er die beiden Mord-Sith an. Ann und Nathan streckten dem Wesen ihre Arme entgegen und entfesselten eine Magie, die ein Flimmern im Saal erzeugte, als betrachtete man ihn durch die Hitzewellen über einem lodernden Feuer. In dem Bemühen, den Angriff zurückzuschlagen, hatten sie die Luft verdichtet. Doch ihre gemeinschaftlichen Anstrengungen blieben ohne Wirkung auf das sich wälzende und windende Schattenknäuel, das auf seinem Weg quer durch den Lesesaal selbst massives Holz durchbrach, sodass sie gezwungen waren zurückzuweichen, um die Gefahr auf Distanz zu halten.