Unterwegs schien das düstere Knäuel aufs Geratewohl weitere Schatten – kleine Schlagschatten, große dunkle Flächen, tiefschwarze Winkel und dämmrige Dunstschleier- in sich aufgesogen und zusammengeballt zu haben, etwa so, wie man Papierschnitzel zu einer Kugel formt. Die sich immer wieder umgruppierenden Schattenformationen erzeugten einen Strudel aus schwarzen, unablässig umeinander und durcheinander wirbelnden Formen, deren Anblick sofort Schwindelgefühle erzeugte, selbst wenn man sich, wie Richard, nur ab und zu im Laufen nach ihnen umdrehte.
Und doch war das Gebilde so frei von aller Stofflichkeit, dass er, wenn er einen Blick über seine Schulter warf, das Licht der Fenster ganz am anderen Ende des Flures durch das Wesen hindurchschimmern sah. Nichtsdestoweniger schwoll die Bestie auf ihrer wilden Jagd um die Ecke bisweilen an und streifte die Wände, und dann schlitzte sie Wandvertäfelungen, Stuck und Mauerwerk so mühelos auf wie ein Bulle, der durch ein Dornengestrüpp bricht.
Richard hatte nicht die leiseste Vorstellung, wie er sich einer Zusammenballung zusammengeknüllter Schatten erwehren sollte, die mühelos durch massives Mauerwerk zu brechen vermochte. Mittlerweile hatten sich zwei Zauberer und zwei Hexenmeisterinnen daran versucht, Jagangs durch Zauberei geschaffene Bestie aufzuhalten, doch das Ergebnis war praktisch gleich null. Dabei war Nicci weit mehr als nur eine Hexenmeisterin; sie war in der schwarzen Kunst unterwiesen worden, subtraktive Magie gegen unheilvolle Treueschwüre einzutauschen, Schwüre, an die Richard nicht einmal zu denken wagte. Doch selbst das hatte die Bestie nicht aufzuhalten vermocht, auch wenn sie darauf zu reagieren schien. Nicci blieb stehen und wandte sich zu dem dämmrigen Schattenbündel herum, das hinter ihnen durch die eichengetäfelten Flure taumelte. Sie sah aus, als hätte sie die Absicht, Gegenwehr zu leisten. Kaum hatte er sie eingeholt, rammte Richard ihr, ohne abzubremsen, die Schulter in den Leib, holte sie, ihr die Luft aus den Lungen pressend, von den Füßen und warf sie im Laufen wie einen Sack Getreide über seine Schulter. Plötzlich erhellte ein gleißend heller Lichtblitz den gesamten Flur. Nicci war rasch wieder zu Atem gekommen und warf selbst noch als hilfloses Bündel auf Richards Schulter mit magischen Kräften um sich. Der Fußboden bebte, sodass Richard im Laufen fast das Gleichgewicht verloren hätte. Eine tiefe Schwärze, nicht unähnlich einem Blitz, holte sie ein und schoss sekundenschnell an ihnen vorbei, als Nicci dem Wesen hinter ihnen entsetzliche Kräfte entgegenschleuderte. Das gespenstische Wehklagen, das darauf folgte, war ein sicheres Zeichen, dass Niccis Bemühungen nicht ganz wirkungslos geblieben waren. Mit beiden Händen packte sie sein Hemd und wand sich. »Lass mich runter, Richard! Ich kann alleine laufen! Ich behindere dich nur, außerdem droht die Bestie uns einzuholen! Mach schon!«
Sofort drehte er sie in seinem rechten Arm herum, damit sie in die richtige Richtung lief, und legte ihr beim Absetzen einen stützenden Arm um ihre Hüfte, bis er sicher war, dass sie ihr Gleichgewicht gefunden hatte und mit den anderen Schritt halten konnte.
Ziellos hastete die kleine Gruppe durch die Flure, schwenkte aufs Geratewohl mal nach rechts, dann wieder nach links ab, passierte Kreuzungen und bog an anderen ab. Noch immer war das polternde Getöse der Bestie hinter ihnen deutlich zu hören. Manchmal folgte sie ihnen durch die Korridore und Flure, um gleich darauf, wenn sie um eine Ecke bogen, mitten durch die Wand abzukürzen. Mauerwerk, Mörtel oder Holz, dem Wesen schien es einerlei, es durchbrach alles mit der gleichen Mühelosigkeit. Als von den Schwestern der Finsternis erschaffenes und mit der Unterwelt in Verbindung stehendes Wesen schien es über schier unbegrenzte Möglichkeiten zu verfügen.
Im Laufen rief er den beiden Mord-Sith und Tom zu: »Ihr drei lauft geradeaus! Seht zu, dass die Bestie euch verfolgt!«
Ein kurzer Blick nach hinten bestätigte, dass sie verstanden hatten. »Die Bestie wird ihnen nicht folgen«, rief Nicci mit gesenkter Stimme, wobei sie sich, so gut dies in vollem Lauf möglich war, zu ihm herüberbeugte.
»Ich weiß – ich habe eine Idee. Bleibt dicht bei mir – ich werde die Treppe da vorn hinunterlaufen.«
Die drei vorne Laufenden hatten den Treppenschacht kaum passiert, da packte Richard den schwarzen Steinknauf auf dem granitenen Endpfosten und schwang sich herum nach rechts. Nicci tat es ihm nach, und schon flogen sie in vollem Lauf die Stufen hinab. Die Bestie versuchte abzukürzen, rannte den Pfosten um, sodass Granitsplitter von den Wänden prallten und der Knauf den Flur entlanghüpfte. Cara, Rikka und Tom, bereits ein gutes Stück jenseits der Treppe, blieben rutschend auf dem polierten Marmorboden stehen. Jetzt saßen sie oberhalb der Bestie in der Falle. Kurz entschlossen folgten sie ihr die Stufen hinab. 5/8
Das jenseitige Geheul der Bestie unmittelbar im Nacken, sprangen Richard und Nicci die Treppe vier Stufen auf einmal nehmend hinunter; mittlerweile war diese so nah, dass sie fast ihre Nackenhaare zu streifen schien. Am Fuß der Treppe bog Richard nach rechts ab und folgte einem mit Stein ausgekleideten Gang. Die Bestie verfehlte ihn und stieß krachend gegen eine Wand aus poliertem dunkelbraunem Marmor. Die Steinplatte zerbarst mit einem lauten Knall, aber davon ließ sich die Bestie nicht beirren. Richard flog die Stufen der ersten Treppe hinab, auf die er stieß, dann rannte er die zweite und dritte Treppenflucht hinunter bis zum Ende. Der breite Flur, der sich in gerader Linie an das Treppenhaus anschloss, war in gleichmäßigen Abständen mit Teppichen ausgelegt, was es zusätzlich erschwerte, den Halt zu wahren. Unterhalb der glatt verputzten Fläche wiesen die Wände eine mit einem Rundstab abgesetzte Holzvertäfelung auf. Die in regelmäßigen Abständen entlang dem Durchgang jeweils mittig über den Teppichen angebrachten Halterungen enthielten offenbar aus Glas bestehende Kugeln, die nacheinander aufleuchteten, sobald sich Richard ihnen näherte. Nicci neben sich, rannte er, so schnell er konnte, den vorwärts taumelnden Schatten stets dicht auf den Fersen. An einer eisernen Wendeltreppe sprang Richard seitwärts auf das Geländer und rutschte in halsbrecherischem Tempo hinab in die Dunkelheit; einen Arm um seinen Nacken gelegt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, tat Nicci es ihm nach. Indem sie so gemeinsam in die Tiefe schössen, gelang es ihnen, einen wertvollen Vorsprung vor ihrem Verfolger zu gewinnen.
Am Ende des Geländers landeten sie auf einem kalten Fliesenboden, überschlugen sich und rutschten über die glatten grünen Fliesen, bis sie schließlich, alle viere von sich gestreckt, liegen blieben. Richard rappelte sich auf und nahm eine der leuchtenden Kugeln aus ihrer Halterung.
»Kommt schon, beeilt Euch«, rief er, kaum dass Nicci seinem Beispiel gefolgt war. Gemeinsam hasteten sie durch eine schier endlose Abfolge von Gemächern und Fluren, bemüht, einen so unberechenbaren Kurs wie möglich einzuschlagen, um ihren Verfolger abzuschütteln. Hin zu und wieder gelang es ihnen sogar, ein paar Schritte gutzumachen, doch dann holte das Wesen, vor allem in den Fluren, wieder auf.
Immer wieder stießen sie auf mit Schilden gesicherte Räume, die Richard bewusst mied, um zu verhindern, dass Cara, Rikka und Tom in die Nähe der sie verfolgenden Bestie gerieten. Er wollte schließlich nicht, dass sie dasselbe Schicksal ereilte wie Victors Märner.
Sie durchquerten einen Raum, der, wie sich herausstellte, offenbar als Lager für Baumaterialien diente, denn zu beiden Seiten lagen; Stapeln aufgeschichtete Säcke und Steine. Richard erkannte das Material von seiner Zeit in Altur’Rang wieder, als er beim Bau des Palasts von Kaiser Jagang als Zwangsarbeiter hatte schuften müssen. Am fernen Ende verließen sie den Lagerraum wieder und gelangten in einen langen Flur mit Schieferboden. Die glatten, aus Steinquadern gemauerten Seitenwände erhoben sich ohne Unterbrechung bis zu einer in luftiger Höhe angebrachten Decke, die sich mindestens einhundertfünfzig Fuß über ihnen befinden musste, wodurch ein schmaler senkrechter Spalt im Innern der Burg entstand. Richard fühlte sich wie eine Ameise hier unten, auf dem Grund dieses bis in Schwindel erregende Höhen reichenden Durchgangs. Kurz entschlossen rannte er – Nicci hinter ihm – rechter Hand in den gewaltigen Spalt hinein; das dröhnende Trappeln ihrer Stiefel hüllte alles in ein hallendes Echo. Kurz darauf musste er Nicci zuliebe das Tempo ein wenig drosseln; beide waren mit ihren Kraftreserven am Ende, das Wehklagen der tausend toten Seelen dagegen taumelte scheinbar unermüdlich weiter.