Richard konnte nicht einmal das Ende des hohen Durchgangs erkennen, der sich irgendwo in der Ferne verlor und dies war nur einer von zahlreichen solcher Korridore, was ihm ein deutliches Gefühl von der enormen Größe der Burg gab.
Als er an eine von links kommende Einmündung gelangte, bog Richard ab und rannte ein kurzes Stück hinein, bis sie auf eine eiserne Treppe stießen. Um Luft zu holen, blickte er sich kurz um und sah das Schattenknäuel um die Ecke biegen. Er stieß Nicci vor sich her, und schon hasteten sie zusammen die Stufen hinab. Unten angekommen, fanden sie sich in einem kleinen quadratischen Raum wieder, der wenig mehr war als eine Kreuzung mehrerer gemauerter, in drei Richtungen davon abgehender Gänge. Mit der Kugel leuchtete er hinein und warf einen kurzen Blick in jeden der drei Gänge. In zweien war nichts zu erkennen, im dritten jedoch, dem rechten, meinte er einen schwachen Lichtschimmer zu sehen. Schon bei seinen früheren Besuchen in den unteren Gefilden der Burg der Zauberer war er auf merkwürdige Orte gestoßen, und genau so einen Ort brauchte er jetzt. Die beiden hasteten in den Gang hinein. Wie vermutet, war er nicht sehr lang, gerade lange genug, um sie unter dem gewaltigen Spalt hindurch – und ein kleines Stück weiterzuführen, bis er in eine Art Eingangsbereich mündete, dessen Wände mit kleinen, penibel zu kunstvollen Mustern arrangierten Glassplittern bedeckt waren. Das Licht der beiden Glaskugeln brach sich funkelnd in den winzigen Scherben, sodass der Raum von unzähligen bunten, funkelnden und glitzernden Spiegelungen erfüllt war. Es gab nur eine einzige weitere Öffnung – drüben, an der gegenüberliegenden Wand.
Abrupt blieb Richard stehen. In diesem von einem seltsamen Glitzern erfüllten Raum überlief ihn eine Gänsehaut, etwa so, als streifte ihn ein Spinnennetz. Nicci wandte den Kopf ab und fuhr sich durchs Gesicht, als wollte sie etwas fortwischen. Diese Empfindung, wusste er, war Teil einer umfassenderen Warnung, diesen Ort zu meiden.
Die Öffnung drüben auf der anderen Seite war zu beiden Seiten von niedrigen, aus poliertem, mit Goldpartikeln durchsetztem Gestein bestehenden Pfeilern flankiert, die ein Gesims stützten. Der Gang jenseits dieser Pfeiler war nicht viel höher als Richard, schien mehr oder weniger quadratisch zu sein und aus simplen Steinquadern zu bestehen, die sich in der Ferne verloren. Für einen so schlichten Gang, hier unten im Innersten der Burg, erschien ihm das Portal recht kunstvoll und beeindruckend.
Richard konnte nur hoffen, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. Als sie den Vorraum durchquerten und sich der Türöffnung näherten, begann der Bereich unmittelbar vor den Pfeilern, schwach rötlich zu schimmern, und plötzlich war die Luft von einem Besorgnis erregenden Summen erfüllt.
Nicci, der plötzlich das Haar vom Kopf abstand, so als würde sie jeden Augenblick von einem Blitz getroffen, fasste seinen Arm und zog ihn zurück. »Es ist ein Schild.«
»Ich weiß.« Er benutzte ihren Griff um seinen Arm, um sie hinter sich herzuziehen. »Das kannst du nicht machen, Richard. Dies ist kein gewöhnlicher Schild – er besteht nicht nur aus additiver Magie, sondern er ist mit subtraktiver Magie durchwirkt. Solche Schilde sind tödlich, und ganz besonders dieser.«
»Ich weiß. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Orte wie diesen passiere.«
Er hoffte, dass der Schild tatsächlich exakt denen glich, die er schon einmal überwunden hatte. Genau auf diese Art von Schild war er angewiesen, jene Art, mit denen die verbotensten Bereiche gesichert waren. Falls es sich dagegen um einen minderen Schild handelte oder einen, der womöglich stärker war und noch größeren Einschränkungen unterlag als die ihm bereits bekannten, würden sie in Teufels Küche geraten. Der einzige Ausweg aus dem Raum, in dem sie sich befanden, führte entweder wieder zurück durch den Gang, durch den die Bestie sie verfolgte, oder geradeaus durch den Schild. »Gehen wir, beeilt Euch.«
Niccis Brust hob und senkte sich schwer, als sie mit sichtlicher Mühe nach Atem rang. »Wir können nicht dort hindurch, Richard. Dieser Schild wird uns glatt das Fleisch von den Knochen reißen.«
»Und ich sage Euch, es wäre nicht das erste Mal, dass ich es tue. Ihr beherrscht subtraktive Magie, also könnt Ihr es ebenfalls.« Er begann, Richtung Tür zu laufen. »Im Übrigen sind wir so gut wie tot, wenn wir es nicht tun. Es ist unsere einzige Chance.«
Mit einem Murren, zum Zeichen, dass sie sich geschlagen gab, folgte sie ihm durch die unzähligen glitzernden Reflexionen des Glasmosaiks, das die Wände des Vorraums bedeckte. »Ich hoffe nur, du irrst dich nicht.«
Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest, für den Fall, dass man mit der subtraktiven Seite der Magie geboren sein musste, denn Nicci besaß sie nicht von Geburt an, sondern hatte sich ihren Gebrauch selbst beigebracht. Seine Kenntnisse über Magie waren eher beschränkt, aber soweit er wusste, war es etwas völlig anderes, ob man mit ihr geboren war oder sich einfach nur ihrer zu bedienen wusste. Doch da er bereits anderen nicht mit der Gabe Geborenen beim Passieren der Schilde geholfen hatte, würden ihre Fähigkeiten im Verein mit seinem festen Griff vermutlich reichen, sie hindurchzubringen –vorausgesetzt natürlich, er schaffte es selbst. Die Luft rings um sie her verwandelte sich in einen dunkelroten Nebel, als er, ohne innezuhalten, geradewegs durch die Tür stürzte und Nicci dabei mitriss.
Der unvermittelte Druck, der wie eine Lawine über sie hereinbrach, schien sie beinahe zu erdrücken. Nicci entfuhr ein Keuchen.
Richard musste sich mit aller Kraft gegen den Druck stemmen, um überhaupt voranzukommen. Der rasiermesserfeine Rand der von den polierten Steinpfeilern gesäumten Fläche streifte seine Haut mit sengender Hitze. Diese war so immens, dass er einen Moment lang glaubte, einen gewaltigen, verhängnisvollen Fehler gemacht zu haben.
Doch kaum zuckte er unter dem unerwarteten Brennen zusammen, da trug ihn sein Schwung bereits durch die Tür, und kurz darauf stellte er zu seiner milden Überraschung fest, dass er nicht nur am Leben, wohlauf und absolut unversehrt war, sondern der dahinter liegende Gang mitnichten das war, was er von der anderen Seite aus zu sein schien. Noch beim ersten Blick durch die Öffnung hatte es so ausgesehen, als bestünde der Gang aus primitiven Steinquadern, jetzt aber, nachdem sie die steinernen Pfeiler hinter sich gelassen hatten, war das Gestein poliert und schien eine silbrig schimmernde, sich leicht kräuselnde Oberfläche zu besitzen, die ihm fast eine gewisse Räumlichkeit verlieh.
Ein Blick über die Schulter ergab, dass das Schattenknäuel gleichfalls auf das Eingangsportal zuraste. Niccis Hand noch immer fest im Griff, zog er sich mit ihr tiefer in den schillernden Durchgang zurück. Er war zu erschöpft, um weiterzurennen.
»An dieser Stelle entscheidet sich, ob wir überleben oder sterben«, stieß er, mit letzter Kraft nach Atem ringend, hervor.
54
Das Schattenwesen prallte mit einem so gewaltigen hallenden Krachen gegen das Portal, dass Richard dachte, der Gang, in dem sie sich befanden, würde in Stücke gesprengt. Was ursprünglich eine einigermaßen zusammenhängende, dunkle Gestalt zu sein schien, zerschellte wie ein Stück Glas auf Granit und zersprang in tausende dunkle Splitter. Durch Mark und Bein gehende Klagelaute zutiefst empfundener Angst hallten mit entsetzlicher, herzzerreißender Unwiderruflichkeit durch den Gang, als ein blendender, tiefroter Lichtblitz aufloderte und die schwarzen Schattenfetzen von dem durch einen Schild gesicherten Portal in den mit den schimmernden, funkelnden Spiegelungen des Glasmosaiks erfüllten Raum zurückgeschleudert wurden – als die Bestandteile des Schattenwesens ein letztes Mal hell erglühend in alle Richtungen auseinander stoben, ehe sie tatsächlich erloschen.