Schlagartig war es bis auf das angestrengte Atmen der beiden totenstill. Die Bestie war verschwunden – fürs Erste zumindest.
Richard ließ ihre Hand los, dann sackten sie beide schwer zu Boden und ließen sich vor Erschöpfung keuchend gegen die irisierende Silberwand sinken.
»Das war genau die Art von Schild, die du gesucht hast, hab ich Recht?«, fragte Nicci, die immer noch nach Atem rang, um überhaupt sprechen zu können.
Richard nickte. »Was immer Zedd, Ann oder Nathan an magischen Kräften auf den Plan gerufen haben, hat die Bestie nicht aufhalten können, aber was Ihr getan habt, schien zumindest eine gewisse, wenn auch bescheidene Wirkung zu haben. Das brachte mich auf den Gedanken, es müsste doch eine Möglichkeit geben, der Bestie etwas entgegenzusetzen, wenn schon nicht in ihrer Gesamtheit, dann wenigstens in der Gestalt, in der sie sich diesmal zeigte.
Mir war klar, dass die Zauberer aus der Zeit, als dieser Ort errichtet wurde, eine Möglichkeit besessen haben mussten, alles von hier fern zu halten, was nicht hierher gehörte – schließlich stammte auch die Bestie aus dieser Zeit; sie war etwas, deren Beschreibung Jagang in uralten Schriften entdeckt hatte. Also schloss ich daraus, dass, wer immer die Schilde eingerichtet hat, gezwungen gewesen sein muss, auch diese Eventualitäten zu berücksichtigten.
Weil diese Schilde zur Abwehr ebendieser Gefahren geschaffen worden sind, ist zumindest ein gewisser Anteil subtraktiver Magie vonnöten, um sie zu überwinden. Nun verfügten die Feinde aber ebenfalls über subtraktive Kräfte, deshalb mussten diese Schilde, so meine Überlegung, darüber hinaus in der Lage sein, das Wesen dessen zu durchschauen, der sie überwinden will, um so die drohende Gefahr einschätzen zu können. Es könnte sogar sein, dass sie, während wir durch die Burg gejagt wurden und dabei immer wieder Schilde überwinden mussten, nicht nur über unser Wesen, sondern auch über das der Bestie Informationen angesammelt haben, um diese, als wir schließlich an diesen höherschwelligen Schild gelangten, als Bedrohung einzustufen und zurückzuhalten.«
Nicci strich sich eine verschwitzte Strähne ihres blonden Haars aus dem Gesicht, während sie über seine Ausführungen nachdachte. »Über die mit der Gabe Gesegneten von damals ist eigentlich kaum etwas bekannt, trotzdem ist es nachvollziehbar, dass diese alten Schutzvorrichtungen in der Lage gewesen sein müssen, eine solche, aus jener Zeit stammende Gefahr abzuwehren.« Sie runzelte die Stirn, als wäre ihr ein Gedanke gekommen. »Vielleicht wären diese Schilde sogar eine Möglichkeit, dich zu beschützen, für den Fall, dass sie sich noch einmal blicken lassen sollte.«
»Sicher – vorausgesetzt, ich hätte die Absicht, mich hier wie ein Maulwurf zu vergraben«, erwiderte er trocken. Sie sah sich um. »Irgendeine Ahnung, wo wir uns befinden?«
»Nein.« Erschöpft stieß er einen Seufzer aus. »Aber ich denke, wir täten gut daran, es herauszufinden.«
Mühsam kamen sie wieder auf die Beine und machten sich daran, den Rest der Strecke durch den kurzen Gang hinter sich zu bringen. An seinem Ende gelangten sie in einen Raum aus simplen Steinquadern, die einst verputzt gewesen sein mussten; mittlerweile befand sich der Putz aber längst im Zustand der Auflösung. Der Raum war nicht mehr als fünfzehn Schritte lang und nicht einmal annähernd so breit, und der größte Teil der linken Seitenwand war mit Regalen voller Bücher zugestellt.
Trotz der nicht eben zahlreichen Bücher diente er, anders als viele andere, die er in der Burg der Zauberer gesehen hatte, nicht als Bibliothek. Einerseits war er dafür viel zu klein, zum anderen war er alles andere als elegant, ja nicht einmal ansehnlich, sondern eher ziemlich nüchtern gehalten, sodass man ihn bestenfalls als praktisch bezeichnen konnte. Am anderen Ende, neben der wieder hinausführenden Tür, war neben den Bücherregalen gerade noch Platz für einen Tisch mit einer dicke Kerze darauf, unter den man einen hölzernen Stuhl geschoben hatte. Der Gang drüben auf der anderen Seite i glich im Großen und Ganzen dem, durch den sie hereingekommen waren.
Bei näherem Hinsehen jedoch entdeckte Richard, dass er die gleichen silbrig schimmernden Wände sowie einen weiteren Schild aufwies, ganz ähnlich dem, den sie beim Betreten überwunden hatten, sodass er, anders als viele andere Räume in der Burg, unmöglich zu umgehen und über eine andere, nicht durch solch mächtige Schilde gesicherte Route zu betreten war. Entweder man gelangte durch einen der beiden Schilde hinein oder gar nicht. »Nach der Unmenge von Staub zu urteilen«, sagte Nicci, »ist hier offenbar schon seit Jahrtausenden nicht mehr sauber gemacht worden.«
Sie lag mit ihrer Einschätzung richtig. Abgesehen von dem schmutzigen Grau, das sich über alles gelegt hatte, wies der Raum praktisch keine Farben auf. Die feinen Härchen in seinem Nacken stellten sich auf, als Richard dämmerte, was möglicherweise der Grund dafür war.
»Und zwar, weil ihn seit Jahrtausenden kein Mensch mehr betreten hat.«
»Wirklich?«
Er wies auf den Ausgang, den er gerade untersucht hatte. »Die beiden einzigen hier hineinführenden Wege sind mit Schilden gesichert, für deren Überwindung subtraktive Magie benötigt wird. Nicht einmal Zedd, der Oberste Zauberer höchstselbst, kann diesen Raum jemals betreten haben, da es ihm unmöglich ist, subtraktive Schilde zu passieren.«
Fröstelnd rieb Nicci sich die Hände. »Und erst recht nicht diese hier. Ich habe mich einen Großteil meines Lebens mit Schilden beschäftigt; nach dem Gefühl, das mich bei diesen hier überkam, sind sie von absolut tödlicher Kraft. Ohne deine Hilfe hätte ich sie vermutlich schon beim ersten Mal nur unter beträchtlichen Schwierigkeiten überwinden können.«
Den Kopf leicht zur Seite geneigt, um die Titel besser entziffern zu können, ließ Richard den Blick über die Bücher in den Regalen wandern. Auf manchen Buchrücken war überhaupt kein Titel angegeben, manche waren in Sprachen verfasst, deren er nicht mächtig war. Wieder andere schienen dem Aussehen nach Tagebücher zu sein. Ein schmales Bändchen trug den Titel Gegendrauss, was Gegenmaßnahmen auf Hoch-D’Haran bedeutete.
Gleich daneben zog er ein anderes von ähnlich schmalem Format hervor, das den Titel Theorie der Ordnung trug. Er war noch damit beschäftigt, den Staub herunterzublasen, da dämmerte ihm, dass es vermutlich deswegen seine Aufmerksamkeit erregt hatte, weil der Begriff »Ordnung« im Titel ihn an die Kästchen der Ordnung erinnerte. Er fragte sich, ob da möglicherweise eine Verbindung bestand. »Sieh dir das an, Richard«, rief Nicci vom gegenüberliegenden Durchgang her. Richard warf das Buch auf den Tisch, ging hinüber zum Durchgang und näherte sich dem Schild. »Was ist denn?«
»Ich weiß nicht.« Ihre Stimme hatte einen hallenden Klang, kurz darauf sah er das tiefrote Leuchten erst kurz aufflackern und anschließend wieder verblassen. Sofort wurde ihm klar, dass sie den Schild durchquert haben musste. Seine anfängliche Besorgnis wich gewaltiger Erleichterung, als er sah, dass nichts wirklich Schlimmes passiert war. Nicci war schließlich eine erfahrene Hexenmeisterin, die, so seine Vermutung, nach dem Durchqueren des letzten Schildes genau gewusst haben musste, auf welche Gefahren es zu achten galt, wenn man herausfinden wollte, ob dieser Schild sich ebenfalls passieren ließ. Entschlossen trat er durch die Ebene erhöhten Drucks und kurzfristig sengender Hitze und gelangte dahinter in einen kleinen, mit Glasmosaiken ausgekleideten Raum, ganz ähnlich dem am anderen Ende des winzigen Lesesaals. Offenbar handelte es sich in beiden Fällen um eine Art Vorraum vor den eigentlichen Schilden, die entweder das Nahen einer Person ankündigen sollten oder der Unterstützung der eigentlichen Schilde dienten. Nicci stand unmittelbar dahinter vor einer offenen Eisentür und kehrte ihm den Rücken zu. Er trat neben sie bis an das Geländer der Plattform und blickte in das Innere eines runden Turmes von mindestens einhundert Fuß Durchmesser, an dessen gekrümmter Außenmauer Treppen spiralförmig nach oben führten. Über ihnen erhob sich der Turm bis zu einer Höhe von mehr als zweihundert Fuß. In unregelmäßigen Abständen, dort, wo es eine Türöffnung gab, waren die Treppenstufen von kleinen Plattformen unterbrochen, ganz ähnlich der, auf der sie standen. Balken schräg einfallenden Lichts durchstachen das Dunkel in dem düsteren weiten Rund hoch über ihnen. Es herrschte ein Gestank nach Fäulnis und Verwesung. Am Fuß des Turmes, nicht übermäßig weit von ihrer Plattform entfernt, erblickte er einen Rundgang mit eisernem Handlauf, der sich wie ein Ring an der Innenwand des Turmes entlangzog. Unten, in der Mitte des Turmfundaments, hatte sich durch die weiter oben gelegenen Öffnungen einfallender Regen sowie Sickerwasser aus dem Innern des Berges angesammelt, eine stehende, tintenschwarze Wasserlache, über der sich die Insekten tummelten, während andere über die Oberfläche huschten.