Выбрать главу

Ihre ernste Miene machte Richard stutzig. »Was wollt Ihr damit andeuten?«

»Hast du gesehen, wer den Bolzen abgeschossen hat, der dich traf? Wer die Armbrust in Händen hielt?«

Den Blick in die Ferne gerichtet, holte Richard tief Luft, ehe er sorgfältig noch einmal die vagen Bruchstücke seiner Erinnerung an jenen Morgen durchging, an dem der Kampf stattgefunden hatte. Er war erst kurz zuvor aufgewacht – nachdem das Heulen eines Wolfs ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Es war, als hätten sich schattenhafte Baumstämme durch die Dunkelheit bewegt. Dann plötzlich hatte es ringsum nur so von Soldaten gewimmelt, und er hatte sich der von allen Seiten auf ihn einstürmenden Krieger erwehren müssen. Er erinnerte sich noch deutlich an das Gefühl, das Schwert der Wahrheit in Händen zu halten, das Gefühl des drahtumwickelten Hefts in seiner Hand, an seine Kraft, die ihn durchströmte. Er erinnerte sich, Männer weiter hinten zwischen den Bäumen Pfeile auf ihn abschießen gesehen zu haben. Die meisten hatten sich mit Bogen bewaffnet, aber es waren auch einige Armbrustschützen darunter gewesen – was für eine solche Patrouille der Imperialen Ordnung durchaus nicht ungewöhnlich war. »Nein ... ich kann nicht behaupten, mich zu erinnern, den Schützen des Bolzens gesehen zu haben, der mich getroffen hat. Wieso? Was ist Euch denn nun eingefallen?«

Eine Zeit lang, fast eine Ewigkeit, so schien es, musterte Nicci abschätzend seine Augen. Es war einer dieser Momente, in denen er sich durch ihre alterslosen Augen an andere erinnert fühlte, die magische Kräfte besaßen, an die ehemalige Prälatin Ann, an Verna, ihre Nachfolgerin, an Adie, Shota und an ... Kahlan. »Die Widerhaken, mit denen dieser Bolzen versehen war, machten es unmöglich, ihn einfach wieder herauszuziehen, um dir das Leben zu retten. Ich hatte es ungeheuer eilig, deshalb kam ich gar nicht auf die Idee, den Pfeil zu untersuchen, ehe ich ihn mithilfe subtraktiver Magie vernichtete.«

Ihre Besorgnis schien in eine Richtung zu zielen, die Richard überhaupt nicht behagte. »Untersuchen – auf was denn?«

»Auf einen Bann. Einen teuflisch simplen Bann von ungeheuer zerstörerischer Kraft.«

Mittlerweile war Richard sogar sicher, dass ihm ihr Gedanke nicht gefiel, dabei hatte sie ihn noch nicht einmal ausgesprochen.

»Was denn für ein Bann?«

»Ein Betörungsbann.«

»Betörung?« Richard runzelte verwirrt die Stirn. »Wie funktioniert denn so etwas?«

»Nun, stell es dir etwa so vor wie einen Liebestrank.«

Er sah sie überrascht an. »Ein Liebestrank?«

»Ja, so ungefähr.« Sie überlegte, wie sie es am besten erklären konnte. »Ein Betörungsbann bewirkt, dass vor deinem inneren Auge das Bild einer Frau entsteht. Gegenstand eines solchen Banns wäre normalerweise eine tatsächlich existierende Person, aber je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass es ebenso gut bei einer imaginären Frau funktionieren würde. Wie auch immer, ein solcher Bann würde bewirken, dass du dich in sie verliebst, aber damit wäre dieser überaus wirkungsvolle Zauber nur unzureichend beschrieben. Vielmehr würde diese Frau für einen solchen Menschen zu einer Obsession, einer Obsession, die praktisch alles andere ausschließt.

Unter Hexenmeisterinnen gilt der Betörungsbann als eine Art dunkles Geheimnis, das üblicherweise von der Mutter an die Tochter weitergegeben wird. Normalerweise wird er dazu benutzt, einen bestimmten Menschen auf das Objekt des Banns zu fixieren, gewöhnlich eine reale Person – in den meisten Fällen die Hexenmeisterin selbst. Wie ich schon sagte, handelt es sich um eine Art Liebeszauber. Nun gab es immer wieder mit der Gabe gesegnete Frauen, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, diesen Bann bei Männern anzuwenden. Der Bann ist so wirkungsvoll, dass es für eine Schwester im Palast der Propheten als überaus ernste Angelegenheit galt, seines Gebrauchs auch nur verdächtigt zu werden. Wer gar bei seiner Anwendung ertappt wurde, hatte sich eines schwerwiegenden Vergehens schuldig gemacht, das moralisch gesehen einer Vergewaltigung gleichkam. Dementsprechend hart war die Bestrafung. Im günstigsten Fall wurde die betreffende Hexenmeisterin aus dem Palast verbannt, es konnte aber auch sein, dass sie gehenkt wurde. Nicht wenige sind dieses Verbrechens überführt worden.

Wenn ich mich recht erinnere, wurde die Letzte vor über fünfzig Jahren im Palast verurteilt, eine Novizin namens Valdora. Das Tribunal befand zu gleichen Teilen auf Verbannung und Hängen, bis die Prälatin schließlich das Patt aufhob und die junge Novizin aus dem Palast verbannen ließ. Ich würde davon ausgehen, dass die Schwestern in Jagangs Gewalt wissen, wie man einen Betörungsbann ausspricht; auch dürfte es ihnen nicht schwer gefallen sein, diesen Bolzen, oder womöglich eine ganze Reihe von ihnen, an jenem Morgen mit einem solchen Bann zu versehen. Wenn der Bolzen dich nicht tötete, würde er dich eben verzaubern.«

»Dies ist kein Zauber«, beharrte Richard, dessen Gesichtsausdruck sich zusehends verfinsterte. Nicci überging nicht nur seinen Tonfall, sondern ignorierte auch seinen Einwand. »Aber es würde eine Menge Dinge erklären. Dem Opfer selbst erscheint der Betörungsbann vollkommen real, er verbiegt ihm, soweit es das Objekt seiner Besessenheit betrifft, sozusagen den Verstand, sein ganzes Denken.«

Richard fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, bemüht, nicht wütend auf Nicci zu werden. »Aber was für einen Sinn sollte ein solches Vorgehen haben? Jagangs Absicht ist es, mich umzubringen. Ihr selbst seid zu mir gekommen und habt mir erklärt, dass er eigens für diesen Zweck eine Bestie hat erschaffen lassen. Dieser Bann, von dem Ihr redet, ergibt einfach keinen Sinn.«

»Oh, das tut er durchaus. Er würde sehr viel mehr bewirken als nur deinen Tod. Begreifst du nicht, Richard? Er würde deine Glaubwürdigkeit zerstören. Er würde dich leben lassen und es dir selbst überlassen, dein Anliegen zunichte zu machen.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Nun, indem er dich dazu bringt, aufgrund deiner Besessenheit für das Objekt des Banns alles andere zu vernachlässigen, würde er die Menschen glauben machen, dass mit dir etwas nicht in Ordnung ist – dass du verrückt geworden bist. Die Menschen würden an dir zu zweifeln beginnen, und damit an deinem Anliegen. Dieser Bann würde dich zu einem trostlosen Dasein verdammen, denn er würde alles vernichten, was dir etwas bedeutet. Er würde dich mit einer wahnhaften Besessenheit infizieren, die du für absolut real hältst, aber nie wirklich befriedigen könntest. Nicht ohne Grund galt die Anwendung eines Betörungsbanns einst als schwerwiegendes Vergehen. Während du in diesem Fall also alles daransetzt, das Objekt deiner künstlich erzeugten Erinnerung zu finden, siehst du, wie dein Anliegen allmählich zu verfallen beginnt, denn die ehedem so von dir beeindruckten Menschen, die an dich geglaubt haben, werden zu denken beginnen, dass du, ein Verrückter, auch nur Verrücktheiten von dir gegeben haben kannst.«

Vermutlich, überlegte Richard, wäre das Opfer eines solchen magischen Netzes gar nicht imstande, zu erkennen, ob jemand einen solchen Bann über es ausgesprochen hatte. Und eines war gewiss unbestreitbar: Unter nahezu allen in seiner Umgebung machte sich mittlerweile die Überzeugung breit, dass er den Verstand verloren hatte. »Aber die Wahrheit ist unabhängig von der Person, die sie ausspricht. Die Wahrheit bleibt immer die Wahrheit, auch wenn jemand sie ausspricht, den man nicht respektiert.«

»Mag sein, Richard, nur handeln die meisten Menschen nicht aus dieser klaren Erkenntnis heraus.« Er seufzte. »Vermutlich nicht.«

»Und was die Bestie betrifft, so dürfte Jagang kaum darauf zählen, den gewünschten Erfolg nur auf eine Art zu erzielen, zumal er niemals abgeneigt ist, weit mehr zu tun als unbedingt nötig, um seine Gegner zu vernichten. Vielleicht war er ja der Ansicht, dass zwei Geißeln der Gefahr namens Richard Rahl weit schneller ein Ende machen würden als eine allein.«

So wenig er ihre Einschätzung im Hinblick auf Jagang bezweifelte, er weigerte sich einfach, daran zu glauben. »Jagang kannte nicht einmal meinen Aufenthaltsort. Diese Truppen sind einfach zufällig auf mich gestoßen, als sie die Wälder auf der Suche nach möglichen Gefahren für ihren Nachschubkonvoi durchkämmten.«