»Er weiß, dass du den Aufstand in Altur’Rang angezettelt hast. Vielleicht hat er seinen Truppen ja Befehl gegeben, Armbrustbolzen mitzuführen, die von den Schwestern – für den Fall, dass sie auf dich stoßen – verzaubert worden waren.«
Richard sah ein, dass sie tatsächlich eine Menge nachgedacht hatte; auf alles wusste sie eine Antwort. Er breitete die Arme aus und reckte dramatisch sein Kinn vor. »Dann legt Hand an mich an, Hexenmeisterin. Packt den Bann und reißt seine schändlichen Tentakel aus meinem Körper. Macht, dass ich wieder klar denken kann. Wenn Ihr wirklich überzeugt seid, dass ein Betörungsbann schuld an alldem ist, dann benutzt Eure Gabe, um ihn zu finden und ihm den Garaus zu machen.«
Doch Nicci wandte nur den Blick ab und starrte durch die zertrümmerte Türöffnung hinaus in das Dämmerlicht auf dem Grund des mächtigen Turmes.
»Dafür brauchte ich den Bolzen, aber der existiert nicht mehr. Tut mir Leid, Richard, ich habe schlicht vergessen, den Bolzen auf einen Bann hin zu untersuchen, bevor ich ihn vernichtete. Ich hatte es ungeheuer eilig, ihn aus deinem Körper zu entfernen, um dir das Leben zu retten. Trotzdem, ich hätte nachsehen sollen.«
Er legte ihr eine tröstende Hand auf die Schulter. »Ihr habt nichts falsch gemacht. Immerhin habt Ihr mir das Leben gerettet.«
»Hab ich das?« Sie wandte sich zu ihm herum. »Oder habe ich dich zu einem Leben in absoluter Hoffnungslosigkeit verdammt?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich denke nicht. Wie Ihr schon sagtet: Ihr würdet niemals zulassen, dass ich etwas glaube, solange Ihr die Beweise für unzureichend haltet – und genau das trifft auf die dort unten verscharrte Leiche zu. Eigentlich hätte sie dort gar nicht liegen dürfen, weshalb ich überzeugt bin, dass irgendetwas vor sich geht. Ich bin nur noch nicht dahinter gekommen, was.«
»Oder aber sie beweist, dass deine Geschichte nichts weiter als Teil einer Erfindung ist, hervorgerufen durch die wahnhafte Besessenheit eines Betörungsbanns.«
»Niemand außer mir erinnert sich, was passiert ist und dass Kahlan dort nicht begraben liegt. In meinen Augen ist das ein handfester Beweis – zumindest dafür, dass ich mir nicht alles einbilde.«
»Oder aber es ist Teil der Selbsttäuschung – was immer deren Ursache sein mag. Richard, so kann es nicht ewig weitergehen, irgendwann muss diese Geschichte zum Abschluss kommen. Du hast dich längst verrannt. Hast du überhaupt schon eine Idee, was du jetzt noch versuchen könntest?«
Er legte seine Hände auf die gemauerte Umrandung des Brunnens der Sliph. »Schaut, Nicci, ich gebe ja zu, dass mir allmählich die Ideen ausgehen, aber noch bin ich nicht bereit, Kahlan aufzugeben. Dafür bedeutet sie mir zu viel.«
»Und wie lange glaubst du noch durch die Gegend irren und sie nicht aufgeben zu können, während die Imperiale Ordnung unaufhaltsam auf unsere Truppen zumarschiert? Mir gefällt es ebenso wenig wie dir, dass Ann sich in unser Leben einmischt, aber sie tut es schließlich nicht aus Boshaftigkeit, sie tut es, weil sie die Freiheit erhalten will – um unschuldige Menschen davor zu bewahren, von brutalen Rohlingen abgeschlachtet zu werden.«
Richard schluckte den Kloß hinunter, der ihm in die Kehle gestiegen war. »Ich muss über einige Dinge nachdenken und meine Gedanken ordnen. In dem Lesesaal dort hinten habe ich einige Bücher entdeckt, die ich mir eine Weile etwas näher ansehen möchte – nur eine Weile –, um die Dinge noch einmal zu durchdenken und vielleicht herauszufinden, was hier eigentlich gespielt wird und warum. Wenn ich dabei zu keinem Ergebnis komme – nun, dann werde ich mir eben überlegen müssen, wie ich weiter vorgehen will.«
»Und wenn du dabei wiederholt zu keinem Ergebnis kommst?«
Auf seine beiden Hände gestützt, starrte Richard in den dunklen Brunnen hinab und konnte nur mit größter Mühe seine Tränen zurückhalten.
»Bitte ...«
Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe zu kämpfen, wenn es einen Feind gäbe, auf den er einprügeln könnte ... aber gegen die Schatten, die sich über seinen Verstand gelegt hatten, wusste er kein Mittel. Sachte legte Nicci ihm eine Hand auf die Schulter. »Schon gut, Richard. Es ist schon gut.«
55
Nicci klopfte an die oben abgerundete Eichentür und wartete; desgleichen die unmittelbar hinter ihr stehende Rikka. »Herein«, war eine gedämpfte Stimme zu vernehmen. Nicci fand, dass sie weniger nach Zedds, sondern vielmehr nach Nathans tiefer, volltönender Stimme klang. Drinnen in dem kleinen runden Zimmer, das Richards Großvater gern benutzte, sah sie den Propheten neben Ann stehen, die in geduldiger Erwartung ihres geladenen Gasts die Hände in die gegenüberliegenden Ärmel ihres einfachen grauen Kleides geschoben hatte. Nathan, in seiner dunkelbraunen Hose und hohen Stiefeln sowie dem weißen Rüschenhemd unter einem weiten Umhang, wirkte eher wie ein Abenteurer denn wie ein Prophet.
Ruhig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, stand Zedd vor einem runden, bleiverglasten Fenster zwischen den mit Glastüren versehenen Bücherschränken und schien gedankenversunken hinaus auf die tief unten am Fuß des Berges liegende Stadt Aydindril zu blicken. Die Aussicht war herrlich, Nicci konnte gut verstehen, warum er diesem gemütlichen Zimmer den Vorzug gab. Als Rikka sich anschickte, die massive Eichentür zu schließen, lenkte Ann, das geübte Lächeln einer Prälatin auf den Lippen, ihre Aufmerksamkeit auf sich. »Rikka, meine Liebe, ich habe von all dem Rauch gestern, als dieses grauenhafte Geschöpf die Bibliothek in Brand setzte, noch immer eine ziemlich trockene Kehle. Würde es Euch etwas ausmachen, mir ein wenig Tee aufzubrühen, vielleicht mit einem Tropfen Honig darin?«
Die Hand noch an der halb geschlossenen Tür, zuckte Rikka mit den Achseln. »Ach wo, gar nicht.«
»Sind vielleicht auch noch von Euren Keksen welche übrig?«, erkundigte sich Nathan mit breitem Lächeln. »Sie waren ausgezeichnet, vor allem, als sie noch warm waren.«
Rikka bedachte alle Anwesenden mit einem kurzen Blick. »Gut, dann also Tee mit Honig und dazu ein paar Kekse.«
»Tausend Dank, meine Liebe«, flötete Ann, ohne dass ihr Lächeln auch nur einen Riss bekam, als Rikka durch die Tür verschwand.
Obwohl Zedd, der noch immer aus dem Fenster starrte, bislang geschwiegen hatte, wandte sich Nicci, Ann und Nathan ignorierend, an ihn. »Rikka sagte, Ihr wolltet mich sprechen.«
»So ist es«, antwortete Ann an seiner Stelle. »Wo steckt Richard überhaupt?«
»Unten in dem Raum, von dem ich Euch erzählt habe, dem Raum zwischen den Schilden, wo er in Sicherheit ist. Er liest, sucht nach Informationen und tut eben, was ein Sucher tut, nehme ich an.« Nicci verschränkte übertrieben vorsichtig ihre Finger. »Demnach wolltet Ihr also mit mir über Richard sprechen.«
Nathan entfuhr ein kurzes Lachen, das sich, nach einem tadelnden Blick Anns, in ein klärendes Räuspern verwandelte. Zedd starrte, den anderen den Rücken zugewandt, noch immer schweigend aus dem Fenster. »Ihr wart doch stets ein kluger Kopf«, begann Ann.
»Nun, für diese kleine Vermutung waren wohl kaum große denkerische Fähigkeiten vonnöten«, gab Nicci zurück, nicht gewillt, Ann diese plumpe Schmeichelei durchgehen zu lassen. »Wenn Ihr die Freundlichkeit hättet, Euch das Lob aufzusparen, bis ich es mir durch mein Tun verdient habe.«
Beide, Nathan wie auch Ann, lächelten. In Nathans Fall wirkte es sogar echt. Zeit ihres Lebens hatten Nicci plumpe Schmeicheleien wie eine Pest verfolgt. »Nicci, du bist so ein kluges Kind, du musst dich mehr einbringen.« – »Nicci, du bist so wunderschön, das hübscheste Wesen, das ich je zu Gesicht bekommen habe, ich muss dich einfach in die Arme nehmen.« – »Nicci, meine Liebe, Ihr müsst mir einfach eine Kostprobe Eurer köstlichen Reize gewähren, denn sonst sterbe ich als armer Mann.« Derart leere Schmeicheleien klangen in ihren Ohren wie das Geräusch des Brecheisens in der Hand eines Diebes, der sie mit Gewalt ihres Hab und Guts zu berauben versuchte.