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»Also, was kann ich für Euch tun?«, fragte sie in bewusst geschäftsmäßigem Ton. Ann, die Hände immer noch in den gegenüberliegenden Ärmeln, zuckte mit den Achseln. »Wir müssen mit Euch über Richards bedauerlichen Zustand sprechen. Die Erkenntnis, dass er an einer Wahnvorstellung leidet, war ein ziemlicher Schock für uns.«

»Ich kann nicht behaupten, dass ich dem widersprechen möchte«, erwiderte Nicci. »Habt Ihr irgendwelche Vorschläge?«

Nicci ließ ihre Finger über die polierte Oberfläche des prachtvollen Schreibtischs gleiten. »Vorschläge? Was genau meint Ihr damit?«

»Spielt nicht die Bescheidene«, antwortete Ann, deren nachsichtiger Unterton sekundenschnell verflog. »Ihr wisst sehr gut, was ich damit meine.«

Zu guter Letzt wandte sich Zedd um, offenbar gefiel ihm Anns Vorgehensweise nicht. »Wir machen uns seinetwegen große Sorgen, Nicci. Und zwar, das ist ganz richtig, wegen der Prophezeiung und weil sie besagt, dass er unsere Truppen anführen muss, und was sonst noch alles darin steht, aber ...« Er hob eine Hand und ließ sie verzweifelt wieder fallen. »Aber vor allem gilt unsere Sorge Richard selbst. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm, ganz und gar nicht. Ich kenne ihn seit dem Tag, an dem er geboren wurde, ich habe viele Jahre mit ihm verbracht, allein und in Gesellschaft anderer. Ich war auf den Jungen so stolz, dass mir die Worte fehlen, es Euch zu beschreiben. Es war schon immer seine Art, bisweilen etwas verwirrende Dinge zu tun, Dinge, die mich oft enttäuscht und verwundert haben, aber noch nie habe ich ihn sich so benehmen sehen, noch nie erlebt, dass er derart verrückte Geschichten glaubt. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie sehr es mir zu schaffen macht, ihn so zu sehen.«

Nicci nahm ein Kratzen an der Stirn zum Vorwand, dem schmerzerfüllten Blick seiner haselnussbraunen Augen auszuweichen. Sein schlohweißes Haar wirkte noch wirrer als gewöhnlich, er selbst noch hagerer als sonst, ja geradezu ausgezehrt. Er wirkte wie ein Mann, der seit Wochen kaum ein Auge zugemacht hatte. »Ich denke, ich kann nachvollziehen, wie Ihr Euch fühlt«, versicherte sie ihm, ehe sie nachdenklich tief durchatmete und langsam den Kopf zu schütteln begann. »Ich weiß nicht, Zedd, seit ich ihn an jenem Morgen fand, mühsam nach Atem ringend und fast schon in der Gewalt des Hüters, habe ich versucht, dahinter zu kommen.«

»Ihr sagtet, er hätte eine Menge Blut verloren«, warf Nathan ein. »Und dass er tagelang ohne Bewusstsein gewesen sei.«

Nicci nickte. »Gut möglich, dass ihn diese verzweifelte Angst, womöglich aus Atemnot zu sterben, veranlasst hat, sich einen ihn liebenden Menschen zusammenzufantasieren – eine Art Ablenkungsmanöver zur eigenen Beruhigung. Ich habe mich früher ganz ähnlich verhalten, wenn ich mich fürchtete, meist stellte ich mir dann vor, ich sei an einem anderen Ort, einem Ort, an dem ich sicher war. Angesichts des hohen Blutverlusts und der ungewöhnlich langen Schlafphase im Anschluss an die Heilung, als er halbwegs wieder zu Kräften kam, könnte dieser Traum einen immer größeren Raum in seiner Fantasie eingenommen haben.«

»Und sich seines gesamten Denkens bemächtigt haben«, schloss Ann. Nicci sah ihr in die Augen. »Das war auch meine Vermutung.«

»Und jetzt?«, fragte Zedd.

Nicci hob den Blick und starrte hinauf zu den schweren Eichenbalken, während sie nach Worten suchte. »Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ich bin keine Expertin in diesen Dingen, schließlich habe ich mein Leben nicht gerade als Heilerin verbracht. Vermutlich wisst Ihr sehr viel mehr über derartige Leiden als ich.«

Ann machte ein Gesicht, als sei sie erfreut, dieses Zugeständnis aus Niccis Mund zu hören. »Nun, wir neigen in der Tat dazu, dieser Einschätzung zuzustimmen.«

Nicci musterte die drei voller Misstrauen. »Und wo, glaubt Ihr, liegt sein Problem?«

»Nun ja«, begann Zedd, »wir sind noch nicht so weit, eine Reihe von Dingen ausschließen zu können, die ...«

»Habt Ihr schon einmal an einen Betörungsbann gedacht?«, unterbrach Ann ihn und fixierte Nicci mit festem Blick, so wie sie es früher getan hatte, um Novizinnen erzittern zu lassen und sie zu dem Eingeständnis zu bewegen, sie hätten sich um ihre Pflichten gedrückt.

»Es ist mir in den Sinn gekommen«, antwortete sie, da sie keinen Grund sah, es abzustreiten. »Aber um sein Leben zu retten, musste ich den Bolzen mithilfe subtraktiver Magie entfernen. Ich fürchte, zu dem Zeitpunkt bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, so sehr war ich in meiner Panik bemüht, zu verhindern, dass er stirbt. Gut, vielleicht hätte ich daran denken sollen, dass der Bolzen verzaubert sein könnte, aber ich habe es nicht getan. Und jetzt, wo er nicht länger existiert, lässt sich nicht mehr feststellen, ob es sich tatsächlich so verhielt, und selbst wenn: Ohne den Bolzen lässt sich ohnehin nichts mehr machen.«

Zedd wandte sich ab und rieb sich über das glatt rasierte Kinn. »Das dürfte die Dinge zweifellos erschweren.«

»Erschweren?«, ereiferte sich Nicci. »Ein solcher Bann lässt sich nicht einmal dann ohne weiteres aufheben, wenn man den Gegenstand noch hat, der das Opfer mit einer Betörung infiziert hat. Ohne ihn kann die Betörung nur von derselben Hexenmeisterin zurückgenommen werden, die sie ursprünglich bewirkt hat. Für die Heilung einer solchen Infektion ist unbedingt das Medium vonnöten, mit dessen Hilfe sie übertragen wurde. Und das gilt auch nur dann, wenn man sicher weiß, dass es sich um einen Betörungsbann gehandelt hat; es könnte ja auch ganz etwas anderes sein. Aber was immer es auch gewesen sein mag – um es zu heilen, muss man die Ursache kennen.«

»Nicht unbedingt«, warf Ann ein, den Blick erneut auf Nicci gerichtet. »In diesem fortgeschrittenen Stadium steht die Ursache gar nicht mehr zur Debatte.«

Ein Zucken ging über Niccis Stirn. »Steht nicht mehr zur Debatte – was in aller Welt wollt Ihr damit sagen?«

»Wenn sich jemand einen Arm gebrochen hat, richtet man ihn und stützt ihn mit einer Schiene, aber man vergeudet keine Zeit damit, überall herumzufragen, wie der Betreffende sich den Arm gebrochen hat. Man muss handeln, um das Leiden zu kurieren; mit Reden ist nichts gewonnen.«

»Wir sind der Meinung, er braucht unsere Hilfe«, brachte Zedd in versöhnlicherem Tonfall vor. »Uns allen ist klar, dass die Dinge, von denen er ständig spricht, schlechterdings unmöglich sind. Als er anfangs davon sprach, er habe das Schwert der Wahrheit Shota überlassen, dachte ich noch, er hätte einfach nur eine ungeheuerliche Torheit begangen, mittlerweile jedoch ist mir klar geworden, dass er weder vorsätzlich gehandelt hat noch sich die wahre Tragweite seines Tuns so einfach begreifen lässt. Ich habe mit wütenden Vorhaltungen reagiert, wo ich hätte erkennen müssen, wie krank er ist, um mich dann vor diesem Hintergrund mit dem Thema, zu befassen.«

Zedd schien entsetzliche Qualen zu leiden. Seine Sorge um seinen Enkelsohn stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

Unfähig, den schmerzhaften Ausdruck seiner Augen länger zu ertragen, senkte Nicci den Blick zum Boden. »Tut mir Leid, Zedd, aber ich wüsste nichts, was mir sinnvoll erschiene. Unglücklicherweise bin ich nicht der Ansicht, dass der Leichnam, den er ausgegraben hat, irgendetwas schlüssig beweist, denn in diesem Fall hätte sich uns vielleicht die Chance geboten, ihn zu zwingen, das Beweisstück als Tatsache zu akzeptieren. Gleichwohl bin ich überzeugt, dass der von ihm exhumierte Leichnam tatsächlich die Mutter Konfessor war, Kahlan Amnell, ebenjene Frau, mit der er sich in seinem wirren, schmerzgepeinigten Zustand nach seiner Verwundung einbildete, liiert zu sein.

Wahrscheinlich hatte er den Namen auf seiner ersten Reise in die Midlands aufgeschnappt, und anschließend ist er ihm dann im Gedächtnis haften geblieben. Wahrscheinlich war es eine sehr angenehme Vorstellung, meiner Meinung nach ein nur zu verständlicher Tagtraum für einen jungen Mann, der als Waldführer aufgewachsen ist vergleichbar mit dem Wunsch, eines Tages in ein fremdes Land zu gehen und eine Königin zu ehelichen. Aber dann, nach seiner Verwundung, wurde ein Wunschtraum daraus, der sich schließlich zur Besessenheit steigerte.«