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Nicci musste sich zwingen aufzuhören. Es tat ihr in der Seele weh, in Gegenwart anderer so über Richard zu sprechen, selbst wenn diese anderen ihn, wie sie, sehr mochten und ihm helfen wollten. Sogar Ann, der Nicci nicht selten niedere Beweggründe unterstellte, war Richard in Wahrheit sehr zugetan. Auch wenn er ihrer Meinung nach gebraucht wurde, um die Prophezeiungen zu erfüllen, so hegte sie für ihn als Individuum durchaus herzliche Gefühle.

Nicci wüsste, dass sie mit ihrer Bemerkung über Richard richtig gehandelt hatte, und doch fühlte sie sich wie eine Verräterin. In Gedanken sah sie sein Gesicht vor sich, wie er sie, insgeheim gekränkt wegen ihrer nüchternen Skepsis, ansah.

»Wir sind der Meinung, dass Richard, was immer seinen Irrglauben hervorgerufen haben mag, unbedingt wieder zur Vernunft gebracht werden muss«, erklärte Ann.

Nicci verzichtete auf eine Erwiderung. Obwohl sie im Grunde der gleichen Meinung war, gab es ihres Wissens nichts, was man tun konnte, außer ihn mit der Zeit von selbst wieder zur Besinnung kommen zu lassen. Nathan trat einen Schritt vor und lächelte Nicci von oben herab an, was ihn in dem kleinen Zimmer noch imposanter wirken ließ. Letztlich aber waren es seine tiefblauen Augen, die sie fesselten. Er breitete in einer unverhohlen bittenden Geste die Hände aus.

»Manchmal muss man einem Menschen wehtun, um ihm zu helfen, später aber wird der Betreffende einsehen, dass es die einzige Möglichkeit war, und wenn er schließlich wieder genesen ist, wird er sogar froh sein, dass man getan hat, was getan werden musste.«

»Wie beim Richten eines gebrochenen Arms«, setzte Ann hinzu, die Nathans Worte mit einem Nicken kommentiert hatte. »Kein Mensch ist versessen darauf, die dabei entstehenden Schmerzen über sich ergehen zu lassen, aber manchmal sind diese Dinge unerlässlich, wenn man wieder gesund werden und in sein altes Leben zurückkehren will.«

Verwundert legte Nicci die Stirn in Falten. »Demnach wollt Ihr ihn also heilen?«

»So ist es«, bestätigte ihr Zedd. Dann ging ein Lächeln über seine Lippen. »Ich habe eine Richard betreffende Prophezeiung gefunden, in der es heißt: ›Zuerst werden sie ihn anzweifeln, ehe sie die rechten Ränke zu seiner Gesundung finden.‹ Ich hätte nie gedacht, dass sie so rasch oder auf diese Weise in Erfüllung gehen würde, aber ich denke, wir alle stimmen darin überein, dass wir Richard lieben und ihn gesund und als sein altes Selbst bei uns sehen wollen.«

In Nicci keimte der Verdacht, dass mehr dahintersteckte, als sie alle behaupteten. Sie begann sich zu fragen, wieso sie Rikka fortgeschickt hatten, um Tee zu holen – oder präziser, warum sie Richards Leibwächterin nicht in der Nähe haben wollten.

»Wie gesagt, ich bin nicht gerade eine Heilerin.«

»Trotzdem habt Ihr hervorragende Arbeit geleistet, nachdem dieser Bolzen ihn getroffen hatte«, widersprach Zedd. »Nicht einmal ich wäre imstande gewesen, ein solches Kunststück zu vollbringen, außer Euch wäre keiner hier im Raum dazu fähig gewesen. Ihr meint vielleicht, keine große Heilerin zu sein, trotzdem wart Ihr imstande, etwas zu tun, das keiner von uns hätte schaffen können.«

»Nun ja, letztendlich war ich nur deswegen erfolgreich, weil ich subtraktive Magie angewandt habe.«

Keiner sagte etwas, alle starrten sie nur schweigend an.

»Augenblick mal«, sagte Nicci, während sie ihren Blick vom einen zum anderen schweifen ließ, »soll das etwa heißen, Ihr wollt, dass ich Richard noch einmal mit subtraktiver Magie behandle?«

»Exakt so lautet unser Vorschlag«, bestätigte Zedd.

Mit einem flüchtigen Wink wies Ann auf Zedd und Nathan. »Wenn es einer von uns könnte, würden wir es tun, aber wir können es nicht. Dafür brauchen wir Euch.«

Nicci verschränkte die Arme. »Wofür genau? Mir ist nicht ganz klar, was Ihr von mir erwartet.«

Ann legte ihr die Hand auf den Arm. »Hört uns erst einmal an, Nicci. Wir kennen die Ursache von Richards Krankheit nicht, und es ist uns vollkommen unmöglich, etwas zu kurieren, solange wir nicht wissen, worum es sich überhaupt handelt. Selbst wenn wir sicher wüssten, dass der Bolzen mit einem Betörungsbann behandelt worden ist – ohne den Urheber dieses magischen Netzes und ohne den Bolzen selbst könnte keiner von uns dreien den Bann aufheben. Und doch können wir nicht einmal sicher sein, ob es ein solcher oder womöglich ein ganz anderer Bann war oder ob es sich vielleicht nur um eine durch die Verletzung ausgelöste Wahnvorstellung handelt. Wir kennen die Ursache nicht und werden sie vielleicht nie erfahren. Worauf es jetzt ankommt«, fuhr sie ernsthaft fort, »ist, dass diese Besessenheit beseitigt wird – unabhängig von ihrer Ursache. Es spielt keine Rolle, ob sie durch einen Bann, einen Traum oder durch eine plötzlich ausbrechende Geisteskrankheit ausgelöst wurde. Die Erinnerung an diese Frau, Kahlan, ist eine falsche Erinnerung, die sein Denken verbiegt und deshalb aus seinem Verstand entfernt werden muss.«

Das, was sie da hörte, machte Nicci ganz benommen. Sie sah von der früheren Prälatin zu Zedd. »Schlagt Ihr etwa allen Ernstes vor, ich soll den Verstand Eures Enkelsohns mit subtraktiver Magie behandeln? Ich soll einen Teil seines Bewusstseins entfernen, einen Teil dessen, was seine Persönlichkeit ausmacht?«

»Nein, nicht einen Teil seiner Persönlichkeit – natürlich nicht. So etwas würde ich niemals verlangen.« Zedd benetzte seine Lippen. Plötzlich schwangen Hilflosigkeit und Verzweiflung in seiner Stimme mit. »Ich will nichts weiter, als dass Ihr ihn heilt. Ich will Richard zurück, den Richard, so wie ich ihn kenne, so wie wir alle ihn kennen – den wahren Richard, nicht den mit diesen seltsamen Vorstellungen, die sich seines Verstandes bemächtigen und ihn zu zerstören drohen.«

Nicci schüttelte den Kopf. »Das kann ich dem Mann nicht antun, den ich ...« Sie schloss rasch den Mund, ehe sie den Satz beenden konnte.

»Ich will den Richard zurück, den ich liebe«, sagte Zedd, und es klang wie eine flehentliche Bitte. »Den Richard, den wir alle lieben.« Nicci wich einen Schritt zurück, kopfschüttelnd, unfähig zu überlegen, was sie diesem Ausmaß an Verzweiflung entgegensetzen sollte. Es musste doch einen anderen Weg geben, Richard wieder zur Vernunft zu bringen.

»Zeig es ihr«, forderte Nathan Ann auf mit einer Stimme, die plötzlich ganz nach dem stattlichen Propheten, nach dem Rahl klang, der er war.

Mit einem Nicken gab Ann sich geschlagen und zog einen Gegenstand aus ihrer Tasche, den sie Nicci reichte. »Lest selbst.«

Als Ann ihr besagten Gegenstand in die Hand drückte, sah sie, dass es ein Reisebuch war. Sie hob den Kopf und sah erst Nathan und Ann an und schließlich Zedd.

»Nun macht schon«, forderte der Prophet sie auf. »Lest die Nachricht, die Ann von Verna erhalten hat.«

Nicci schlug das unschätzbar wertvolle Erzeugnis uralter Magie auf und senkte den Blick auf die Schrift. Ann, begann der in deutlich lesbarer Handschrift verfasste Text, mit Bangen muss ich berichten, dass es um unsere Streitkräfte nicht zum Besten steht. Wo bleibt nur Richard? Habt Ihr ihn schon gefunden? Verzeiht, dass ich Euch erneut bedränge, denn ich weiß, dass Ihr alle gebührende Eile walten lasst, doch die Probleme innerhalb der Armee werden mit jedem Tag dramatischer. Schon gibt es die ersten Deserteure – nicht viele, wohlgemerkt –, doch wir stehen jetzt in D’Hara, und die Gerüchte nehmen zu, dass Lord Rahl nicht ihre Führung in der Schlacht übernehmen wird, die jeder unserer Soldaten für glatten Selbstmord hält –und Richards anhaltende Abwesenheit bestätigt sie nur in ihren Befürchtungen. Mit jedem Tag verstärkt sich das Gefühl, sie seien von ihrem Lord Rahl im Stich gelassen worden. Unter den Soldaten glaubt niemand mehr daran, dass sie gegen den Feind eine Chance haben, solange Richard nicht bei der Truppe ist, um ihre Führung zu übernehmen.